laut.de-Kritik

Mein Benz, meine Breitling, mein Bankkonto.

Review von

Die Woche in der Azzlack-Schule beginnt mit einer Doppelstunde im Fach Koksstrecken. Durchaus brauchbares Wissen könnte Nachwuchs-Hustlern da vermittelt werden. Auch Geldwäsche, Crackkochen, Dealen und Grasanbau stehen auf dem Stundenplan, nicht zu vergessen die Äußerlichkeiten: Freitag, fünfte Stunde - Frisör.

Cover-Artwork und Booklet amüsieren mich schon nachhaltiger als Haftbefehls komplettes erstes Album zusammen genommen. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung, ich könne irgendwie, irgendwo, irgendwann seinen allerorten beschworenen "speziellen Humor" entdecken, auf den der Azzlack-Stereotyp angeblich das Monopol hält.

Mangelhafte Grammatik und beschränkten Wortschatz darf man ihm diesmal jedenfalls nicht ankreiden. Dem schiebt Haftbefehl von Beginn an einen Riegel vor. "Das ist kein Deutsch, das hier ist Kanackisch." Ach, so.

"Deutschland hat ein Problem, denn mein Shit macht süchtig wie Cocaine." Dem Selbstvertrauen des Offenbachers hat der Rummel um sein Debüt jedenfalls nicht geschadet. Mit dem Rückenwind des Hypes inszeniert er sich nun noch penetranter als zuvor schon als des Landes neuer Straßenrap-Messias, der ungestraft die Mädels der anderen in den Mund und die Welt in den Arsch ficken darf. "Haftbefehl macht Euros klar. Superstar in Eu-ro-pa."

Was seine verbrauchten, weil endlos wiedergekäuten Ganoven-Phrasen, seine Dealer-Plattitüden und seine zusammenhanglosen Phantastereien von dicken Eiern, dicken Schlitten, billigen Schnitten und teuren Hotelzimmern mit der Realität auf Offenbachs Straßen zu tun haben sollen, bleibt indes so verborgen wie die Antwort auf die Frage, wen um Himmels Willen das noch hinterm Ofen hervor locken soll.

"Ihr wollt Gangsterrap? Kein Thema!" Kein Thema - genau daran krankt es. Um zu unterhalten, fehlen Haftbefehl noch immer die Storys. Drogen ticken, Patte machen und dann mit den Scheinen rumwedeln, "Hafti, der Dopemann. Ich schaff' das Coke ran." Um sich davon auf Albumlänge flashen zu lassen, braucht man schon ein ziemlich schlicht gestricktes Gemüt. Dabei hat er doch Phantasie, der Mann: "Ich fahr' durch die Blocks und Offenbach steht stramm." Das muss man sich schließlich erst einmal einbilden.

Flowtechnisch hat Haftbefehl im Vergleich zu "Azzlack Stereotyp" mächtig zugelegt. Stimme und Intonation präsentieren sich nach wie vor gewöhnungsbedürftig, der Vortrag allerdings wirkt um Größenordnungen flüssiger, die Reime nicht mehr wie mit der Baseballkeule zurecht geprügelt.

Die Beats haben es außerdem in sich: Ob nun (wie angesagt) mit oder (wie im Booklet behauptet) ohne Noyd: M3 leistet an den Reglern ganze Arbeit. Wuchtig und synthetisch ziehen die "Crackküchenmukke" oder das verspulte Stimmsample in "Rockafella Mäßig" in ihren Bann. Die ganze Strecke "Von Frankfurt Bis Paris" über landen die Bässe wie präzise Faustschläge in Maul und Magen, "Weiter Und Weiter" - bis die offenbar unvermeidliche R'n'B-Hookline dem Druck den Garaus macht.

Bazzazian lässt es für "Ich Und Meine Sonnenbrille" gehörig bratzen und zimmert zudem den raumgreifenden, wattigen Sound für "Cheech & Chong", in dessen Hookline sich Jan Delay mit seinen nur unwesentlich verfremdeten "Mein Block"-Zitaten erstaunlich stimmig ausnimmt. Auf einen unwitzigen Sido-Part in "Braun, Grün, Lila" oder den Auftritt Farid Bangs, der auch in "Lass Rauchen" wieder vergeblich versucht, wie Kollegah zu klingen, hätte ich dagegen problemlos verzichten können.

Das größte Kunststück vollbringen aber die Bounce Brothas: Deren Beats zu "Gib Dem Azzlack Mehr" und "Party Mit Uns" treiben Haftbefehl und Gäste schier in einen Groove hinein. Mittlerweile hat einen das dargebotene inhaltliche Einerlei auch soweit abgestumpft, dass der Text schmerzlos zu einem Ohr rein, zum anderen wieder herausfließt.

Am Ende bleibt einzig der fast schon Besorgnis erregende Markenfetischismus hängen. Mein Benz, meine Breitling, mein Bankkonto. "Nur um Cash dreht sich meine Welt", außerdem um Versace-Hemden, Hugo Boss-Jeans und Prada-Slipper, als habe man sich versehentlich in "American Psycho" verirrt. Den alles beherrschenden Materialismus nehme ich Haftbefehl sofort ab.

Ich glaube ihm zudem, was ihn nicht sympathischer erscheinen lässt, das komplette Unverständnis und die Verachtung aufs Wort, die er ganz unverhohlen der Hip Hop-Kultur entgegen bringt: "2011 Rapgeschäft: Es geht um Cash." Ausschließlich? Tut es das? "Der Beste ist der, der am meisten verdient." Ist er das? Wirklich?

Bevor ich solchen deutschen Rap höre, hör' ich auch lieber Nicki Minaj, darin gebe ich Haftbefehl nun wieder Recht. Und noch eine seiner Zeilen spricht mir aus tiefster Seele: "Es ist Haft und nicht Wu-tang." Ja. Zum Glück.

Trackliste

  1. 1. Kanackis
  2. 2. An Alle Blixx
  3. 3. Crackküchenmukke
  4. 4. Ich Und Meine Sonnenbrille
  5. 5. Braun, Grün, Lila feat. Sido
  6. 6. Cheech & Chong feat. Jan Delay
  7. 7. Rockafella Mäßig
  8. 8. IHNAMG (Ihr Habt Nicht An Mich Geglaubt)
  9. 9. Skit
  10. 10. Lass Rauchen feat. Farid Bang
  11. 11. Von Frankfurt Bis Paris feat. Rim'K
  12. 12. Hab Alles Da feat. Red Café
  13. 13. Es Geht Weiter Und Weiter feat. Marcella McCrae
  14. 14. Gib Dem Azzlack Mehr feat. Celo & Abdi
  15. 15. Party Mit Uns feat. Capo
  16. 16. Alles Alarmiert
  17. 17. Outro

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83 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Ich kann einfach nicht verstehen, wie ein des Denkens fähiger Mensch solche Musik feiern kann. Aber irgendwas muss diese Aneinanderreihung von Tönen (sorry, Musik nenn ich das nich) ja haben, wenn zum Beispiel ein Alligatoah sie gut findet. Ich hab dieses etwas nur noch nich gefunden.
    Ein Stern, setzen, 6.

  • Vor 2 Jahren

    Ich kann einfach nicht verstehen, wie ein des Denkens fähiger Mensch solche Musik feiern kann. Aber irgendwas muss diese Aneinanderreihung von Tönen (sorry, Musik nenn ich das nich) ja haben, wenn zum Beispiel ein Alligatoah sie gut findet. Ich hab dieses etwas nur noch nich gefunden.
    Ein Stern, setzen, 6.

  • Vor 2 Jahren

    Das erste "Musik" möge man durch einen beliebigen Fäkalausdruck weiblichen Genus ersetzen. Mir fiel erst im Nachhinein auf, dass ich dieses Machwerk doch eben tatsächlich "Musik" nannte.