6. April 2011

"Wir haben uns neu erfunden!"

Interview geführt von

Acht Jahre ist es her, dass die Guano Apes ihre Auflösung bekannt gaben. Zur Festivalsaison 2009 kamen sie ohne Vorwarnung zurück. Jetzt haben sie ihr Comeback-Album rausgebracht."Bel Air" klingt anders als man es von den Apes gewohnt ist: poppig und synthielastig. Im Interview spricht ein gut gelaunter Gitarrist Henning über diesen neuen Sound.

Er telefoniert aus Köln, wo die Band bei Stefan Raab zu Besuch war. Hinter ihm liegt ein dreiwöchiger Promo-Marathon, dementsprechend kommen seine Antworten auch wie aus der Pistole geschossen.

Er wirkt sehr mit sich und den "neuen" Apes im Reinen. Du magst das Album nicht? Das ist schon ok.

Lass uns erst mal über die Reunion reden. Wie kam es denn überhaupt dazu?

Nachdem es für uns alle doch etwas schmerzhaft auseinander gegangen ist, war das für uns eigentlich ein abgeschlossenes Kapitel. So etwas wie eine Ära, die ihre Zeit hatte, die an einen Punkt gekommen war, an dem wir alle Vier gemerkt haben, wir müssen dringend getrennte Wege gehen, bevor wir uns auffressen. Deswegen hat es mich wie aus dem blauen Himmel getroffen, als irgendwann Ende 2008 der Stefan, unser Bassist, ankam und sagte: "Ich bring die Band wieder zusammen. Ich treff mich mit Sandra und mach das." Und ich sagte nur: "Jaja mach ruhig, bringt eh nix." Aber er ist da wie ein wilder Terrier, wenn er was will.

Irgendwann kam er dann wieder und sagte: "Ich hab mit Sandra gesprochen und die hat auch Bock und wir beide könnten uns vorstellen mit euch ein paar Europa-Festivals zu spielen." Dann haben wir uns getroffen und uns erst mal vorsichtig aneinander herangetastet. Es war wesentlich unkomplizierter als es sich jeder von uns gedacht oder befürchtet hatte. Wir haben gemerkt, dass sich eine Menge verändert hat. Jeder von uns ist deutlich relaxter geworden. Wir haben mit 18 Jahren angefangen, haben das 300 Tage im Jahr elf Jahre lang gemacht, und jetzt hatte jeder mal Zeit ein Privatleben zu führen und ganz viele andere Erfahrungen und Impulse zu sammeln.

Das hat sich als sehr heilsam auf uns ausgewirkt. Wir haben uns aber gesagt, bevor wir jetzt große Wellen schlagen, müssen wir erst mal gucken, ob das musikalisch noch funktioniert. Wir haben gemeinsam im Proberaum die alten Sachen gespielt und uns köstlich dabei amüsiert. Zum Teil musste man Songs neu raushören und andere Sachen sind so in Fleisch und Blut übergegangen, dass die Hände da automatisch in die richtige Position springen. Das war toll!

Hattet ihr in der Zwischenzeit gar keinen Kontakt? Abgesehen von iO.

Nö. Wir hatten überhaupt keinen Kontakt. Das war vielleicht auch gut so. Sandra hat sich selbst ausprobiert, ist nach Berlin gegangen. Und wir haben ja auch nicht sofort was mit iO gemacht. Erst mal hat Stefan seine Solo-Sachen gemacht. Es hat seine Zeit gedauert, bis sich der Rauch gelegt hatte. iO ist auch eher aus einer Bierlaune entstanden. Wir wollten einfach mal ohne Druck zusammen spielen. Aber na ja, so toll es auch mit iO war ... Wir haben gemerkt, dass es nicht so einfach ist, jemanden wie Sandra zu ersetzen. Die Original-Besetzung hat einfach eine besondere Magie. Die haben wir für uns wiederentdeckt und sie ausgeweitet mit all unseren Erfahrungen und neuen Impulsen. Wir haben es geschafft, uns im neuen Album neu zu erfinden.

Habt ihr sofort beschlossen ein neues Album aufzunehmen? Oder wolltet ihr euch erst gemeinsam ausprobieren?

Wir hatten ehrlich gesagt überhaupt keine Gedanken an irgendwas Neues. Es hätte ja auch sein können, dass wir uns nach zwei Wochen auf die Schnauze gehauen hätten. Deswegen haben wir gesagt: Wichtig ist, Spaß dabei zu haben und zu gucken, ob das noch irgendwen interessiert. Wir haben also mit unserem Booker gesprochen. Und der kam dann mit zwei großen Stapeln an euphorischen Promotern wieder, die gesagt haben: "Wir fänden das eine tolle Idee. Wir hätten die Band gerne auf unserem Festival." Und wir dachten uns: "Ok! Lass uns das machen." Wir sind dann eigentlich ziemlich unvorbereitet, also ohne Plattenfirma, ohne Fotos, ohne Interviews und mit altem Material auf die Bühne. Und dafür sind wir mit einer der besten Festivalsaisons belohnt worden, die wir je gehabt haben. Das war wirklich überwältigend vom Feedback. Wir waren in Ländern, wo wir früher noch nie waren. Das hat uns gewaltigen Zuspruch gegeben. Am Ende der Saison 2009 haben wir dann auf der letzten Rückfahrt beschlossen, ein neues Album zu machen.

Noch mal kurz zur Trennung von damals. Ihr habt euch ja sehr gezofft. Es ging um Geld und darum, dass Sandra abgehoben sei. Hat sich da jetzt wirklich was geändert?

Ja, es hat sich gewaltig was geändert. Es war damals einfach der Prozess, dass es an der Zeit war, getrennte Wege zu gehen. Es war für uns sehr schmerzhaft. Natürlich spielen da verschiedene andere Faktoren eine Rolle, aber der wichtigste Punkt war einfach, dass wir gemerkt haben: es geht nicht mehr. Wir verlieren die Lust und den Spaß daran. Dann kann man aber auch nicht mehr auf die Bühne gehen und versuchen die Leute zu unterhalten. Ich denke, wenn wir jetzt wieder auf die Bühne gehen, dann werden die Leute feststellen, dass es uns wieder besser geht.

Bei so einer Reunion kommt natürlich immer der Vorwurf, dass ihr schlicht und einfach wieder Geld braucht. Wie geht man auf solche Vorwürfe ein?

Weiß ich nicht. Muss man darauf eingehen? Nur für Geld tut sich niemand den Stress an, den wir uns damals gegeben haben. Auch nicht dafür so etwas zu wiederholen. Dafür waren wir mutig genug, nur mit altem Material auf die Bühne zu gehen. Es hätte ja auch niemanden mehr interessieren können. Und jetzt auch noch ein Album zu machen, was nicht genau so klingt wie früher.

Das war der einzige Ansatz den wir hatten: Wenn wir ein Album machen, dann soll es definitiv keine Wiederholung sein. Ich glaube schon, dass wir einige der alten Fans mit dem neuen Album irritieren werden, hoffe und glaube aber, dass wir genauso viele neue Fans gewinnen können. Ich denke, dass wir da einen mutigen Schritt gegangen sind und glaube nicht, dass man uns da vorwerfen kann, dass wir uns da in irgendeiner Form verkaufen würden.

"Wenn es rocken soll, rockt es auch."


Dann lass uns mal über das neue Album reden.

Sehr gut! Hast du denn einen Favoriten?

Ich hab einen Favoriten: "Trust".

Witzig. Ich sammele die und mittlerweile ist jeder Song auf dem Album genannt worden. Das find ich super, weil das eines der größten Komplimente für uns ist, dass das Album mit den Leuten wächst, weil jeder für sich was rauspicken kann.

Aber ich muss sagen, mir gefällt das Album nicht. Das ist einfach nicht mein Stil. Die ersten Alben hab ich sehr geliebt, aber das neue ... damit kann ich nichts anfangen.

Das ist ok. Ist ja völlig legitim.

Das liegt vor allem an den vielen Synthie- und Elektrosounds, die ihr eingebaut habt. Die spielen ja eine große Rolle auf dem Album. Warum?

Ach, wir waren schon immer eine Band, die offen für alles Mögliche war. Sandra hat dann auch mit Synthies viele Ideen skizziert. Da waren zum Teil so tolle Sachen dabei, dass wir gesagt haben: warum muss man, was gut ist, jetzt ersetzten, nur damit es in irgendeiner Form den Sound von früher hat. Wir haben es also einfach drin gelassen. Dann sind Sachen entstanden, wie bei "Sunday Lover", diese Synthie-Melodien. Das hat sich für uns alle gut angefühlt.

Und es war für uns ein Schritt in die Moderne. Einfach mal um wegzukommen vom Wall of Sound, von den Gitarrenbrettern, die wir in den 90ern hatten. Wenn man im Rückblick mit Leuten spricht, können die nur die alten heftigen Songs wiedergeben. Aber man muss sagen, wir hatten schon immer eine relativ große Bandbreite auf den Alben. Das ist scheinbar von den doch sehr energiegeladenen Sachen überstrahlt worden. Ich glaube, dass wir diese Energie auf dem Album trotzdem drin haben, sie aber mit einer anderen Art und Weise einsetzten, so dass das Songwriting mehr zum Tragen kommt.

Musstet ihr euch dann selbst erst an den neuen Sound gewöhnen?

Ja, das war schon so, dass Sandra Layouts mitbrachte und wir zuerst dachten: Woah, vielleicht ist das doch zuviel. Aber wir haben da unserem Produzenten Jörg Schuhmann viel zu verdanken, den wir auch aus dem Grund ausgewählt haben, weil er gute Alben gemacht hat, wo ein Bandsound mit Elektronik verwoben ist, ohne dass das eine das andere zu sehr dominieren würde. Da hat er bei uns auch einen guten Job gemacht und da eine gute Balance hergestellt.

Auf mich wirkt die Platte zu großen Teilen wie eine Solo-Platte von Sandra. Ihr Gesang steht ja permanent im Vordergrund.

Mhm.

Hast du da jetzt ein anderes Gefühl als ich?

Ich hab in der Tat ein anderes Gefühl. Ich finde eher ... mhm ... ne also das Gefühl hab ich gar nicht. Jeder von uns identifiziert sich selber mit der Platte (kichert ein wenig). Ich versuch grad nachzuvollziehen, warum du das so denkst? Ich vermute mal ... Viele Leute sagen, dass die Platte poppiger geworden ist. Die Melodien sind tragender und entscheidender, weil es nicht mehr so martialisch ist, sondern ein bisschen luftiger und mehr atmet. Und dann hört man Sandra natürlich mehr.

Ja, so könnte man es sagen. Es steht halt nicht mehr das Riff im Vordergrund oder auf gleicher Höhe mit dem Gesang, sondern es steht tatsächlich Sandra im Vordergrund. Und das wird dann auch noch dadurch unterstützt, dass der Gesang gedoppelt wird.

Genau. Aber die Elemente sind früher auch da gewesen. Die Mixtur ist halt einfach ein bisschen anders. Aber ich find es ganz gut, dass es nicht so ertränkt ist in irgendwelchen heavy Riffs, sondern dass es uns auch eher darum ging, einfach mal auf den Song zu gucken und zu schauen, dass das Songwriting einfach gut ist.

"Trust" ist ein richtiger Kracher, der hätte auch auf den alten Alben drauf sein können. Ansonsten ist die Platte ja, du hast es schon gesagt, recht poppig. Hattet ihr keinen Bock mehr auf Gitarren-Bretter?

Naja, fette Gitarren-Bretter sind ja auch drauf, sie sind halt dosierter eingesetzt. Und an den Stellen, an denen es rocken soll, da rockts dann auch richtig. Aber es muss ja auch nicht durchgängig ertränkt werden. Die Melodien, die da drauf sind, die den Pop ausmachen, sollen auch rauskommen. Und da hab ich mich dann eher zurückgenommen. Dann lieber Sachen spielen, die unterstützten sollen, um dann an den Stellen, wo das Strobo-Licht kommen soll, richtig zu rocken.

Ihr seid ja eine der wenigen deutschen Bands, die auch international erfolgreich sind. Muss man ein Album anders produzieren oder aufnehmen, wenn es für den internationalen Markt bestimmt ist?

Das ist eine gute Frage, aber da haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht. Wir haben uns immer schon als europäische Band gesehen. Und von daher haben wir jetzt nicht auf einen bestimmten Markt hingearbeitet. Wenn, dann haben wir eher versucht über den Tellerrand zu gucken, um zu schauen, dass man irgendwas macht, was nicht zu deutsch ist. Deswegen auch die Entscheidung für einen europäischen Produzenten oder das Album zum Teil auch in den USA mischen zu lassen, um noch mal ein anderes Ohr und eine andere Attitüde drüber hören zu lassen.

"Ich habe ein gutes Gefühl!"


Wenn man eure Tour dann anschaut, erkennt man auch eure Internationalität. Die fängt ja erst in Osteuropa an. Habt ihr da eine so große Fanbase? Oder warum startet eure Tour dort?

Einerseits aus zeitlichen und logistischen Gründen, weil die Festivalsaison ja schon ab Mai losgeht und das alles sehr gedrängt gewesen wäre. Und außerdem, weil wir in den letzten zwei Jahren sehr großen Zuspruch dort erhalten haben. Dann kommen die Festivals und dann kommt die ausgiebige Europatour mit Deutschlandterminen.

Wie ist denn dein Gefühl für die nächste Zeit bei euch? Werdet ihrs diesmal packen? Ihr hockt dann ja schon wieder eine lange Zeit auf einander. Wird es getrennte Nightliner geben?

(lacht) Nein, ich glaube wir haben aus der Vergangenheit gelernt und wissen wo die Fehler lagen: Dass wir uns früher vielleicht ein bisschen zu viel vorgenommen oder zugemutet haben. Ich glaube es ist wichtig, sich Ruhepausen zu nehmen. Da passen wir gut aufeinander auf.

Schön. Also du hast ein gutes Gefühl.

Sehr gut!

Gut. Also ich muss zugeben ... Ich verbinde euren alten Sound sehr mit meiner Jugend und eure neue Platte dann zu hören war ... heftig.

Man muss halt auch bedenken, es ist acht Jahre her. Aber wenn ich Fan wäre, würde mich das auch irritieren. Weil man natürlich da ansetzt, wo man aufgehört hat. Den Bogen jetzt zu spannen, zu all dem, was bei uns passiert ist, ist natürlich nicht ganz so einfach. Ich hoffe, dass die Fans mitwachsen werden.

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