laut.de-Kritik

18 große Titel machen ein Meisterwerk.

Review von

Und dann kommt die Stille. Unvermittelt, obwohl vorhersehbar, und fast ein bisschen ohrenbetäubend. 46 Minuten lang hatte Flying Lotus den Taktstock geschwungen und schien die ganze Welt zu dirigieren. Alles passte sich seiner Vorgabe an: Das Laub, das sich im Wind wog, der die Melodie pfiff. Passanten, die zu tanzen schienen, Autos, die wie auf Wolken dahin schwebten – alles nur noch Profane nach dem jähen Erwachen aus der Trance von "Until The Quiet Comes".

In Worte fassen lässt sich Steven Ellisons Viertling kaum. Dazu ist er zu sehr Vision und zu wenig greifbar. Wie ein Traum spielt sich "Until The Quiet Comes" im Unterbewusstsein ab, erzählt eine Geschichte, die nur im Kopf des Hörers funktioniert. Hypnotische Soundskulpturen, die immer wieder abdriften, um mit einem Paukenschlag in Form einer grollenden Basslinie oder verzerrten Synthies ("Sultan's Request") zurückzuprallen. Genreeinteilung? Nicht denkbar! Wahrscheinlich Hip Hop, wahrscheinlich Elektro, auf jeden Fall Jazz.

Seine Brüder im Geiste – Daedelus, Hudson Mohawke, Gaslamp Killer, um nur drei zu nennen – sie alle haben aufgeholt, hinken Flying Lotus aber noch meilenweit hinterher. Niemand sonst schafft es, ein so aufregendes Meisterwerk zu gestalten, das zugleich in so ruhigen Bahnen läuft. Stille Wasser sind tief, "Until The Quiet Comes" ist das beste Beispiel. Die 18 Tracks scheinen überhaupt keinen Grund zu haben, sondern nur unendliche Weite in alle Richtungen, die gefangen nimmt. So sehr, dass sich Gänsehaut breit macht, wenn Nikki Randa in "Hunger" singt: "I'm freezing."

Ja, Gäste kennt diese Reise ins Unterbewusste auch, sie spielen aber keine hervorgehobene Rolle. Selbst Ausnahmekünstler wie Erykah Badu oder Thom Yorke sind bloß Begleiter, die in Flying Lotus' Universum fast wie Statisten erscheinen. Die Sounds sind nicht für Sänger gemacht, die Sänger sind Teil der Sounds, eine Art Instrument. Für persönliche Eitelkeiten ist kein Platz.

Das Radiohead-Genie stellt sich in "Electric Candyman" brav hinter einem rumpelnden, knarzenden Beat an, dem er mit seinem unaufgeregten Gesang eine gewisse Ruhe verleiht. "See Thru To U" ist sehr viel geschäftiger und treibender, bleibt trotz gehörigen Mashups und mit Miss Badus Begleitung aber schwebend leicht.

Das Thundercat-Feature "DMT Song" fasst die Reise in Worte: "I can take you to a world where you can spread your wings and fly away" Ein Basslauf genügt, um abzuheben, hier und da zurückhaltende Klänge, ferne Vocals im Hintergrund, keine Sperenzien. Der flirrenden Synthie im treibenden "The Nightcaller" bricht plötzlich mitten im Stück, wird mehr Hip Hop, um den klassischen Jazz von "Only If You Wanna" vorzubereiten.

Die Steeldrum in "Me Yesterday//Corded" steht im krassen Gegensatz zum grollenden Rest des Stücks, "Tiny Tortures" schlägt in kleinen Abständen wabernd gegen das Trommelfell bis sich die süße Melodie durch den Basslauf gekämpft hat. "Putty Boy Strut" beginnt mit Claps und hochgepitchten Vocalklängen, um sich schließlich im funkigsten Bass zu ergießen.

Diese dauernden Gegensätze und Entwicklungen machen jedes einzelne Stück zu ganz großen Titeln und die gesamte Platte zu einem Meisterwerk. Echte Highlights hat "Until The Quiet Comes" nicht, auf diesem Niveau geht es nur noch um Nuancen. Krasse Kontraste so einhellig erscheinen zu lassen, ist Flying Lotus' eigentliche Glanzleistung. Um so beklemmender wirkt die plötzliche Stille nach dem abschließenden "Dream To Me". Zum Glück ist "All In" nur einen Tastendruck entfernt.

Trackliste

  1. 1. All In
  2. 2. Getting There feat. Niki Randa
  3. 3. Until The Colours Come
  4. 4. Heave(n)
  5. 5. Tiny Tortures
  6. 6. All The Secrets
  7. 7. Sultan's Request
  8. 8. Putty Boy Strut
  9. 9. See Thru To U feat. Erykah Badu
  10. 10. Until The Quiet Comes
  11. 11. DMT Song feat. Thundercat
  12. 12. The Nightcaller
  13. 13. Only If You Wanna
  14. 14. Electric Candyman feat. Thom Yorke
  15. 15. Hunger feat. Niki Randa
  16. 16. Phantasm feat. Laura Darlington
  17. 17. Me Yesterday//Corded
  18. 18. Dream To Me

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7 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    @dein_boeser_Anwalt (« für mich totales neuland...werde ich gern anchecken...die review klingt ja inspirierend »):
    Solltest du, ist ja immerhin einer der Produzenten von Gonjasufi, den du ja auch zu schätzen scheinst. Album ist auf jeden Fall bestellt, bin gespannt wie es nach dem Sound-Overkill von Cosmogramma weitergeht, scheint ja laut Review wieder etwas atmosphärischer zu sein, klingt gut.

  • Vor 2 Jahren

    Sobald das Gehalt da ist, wirds gekauft. :) Und zu Gonjasufi: bin mal gespannt wann der sein nächstes mini-album raushaut.

  • Vor 2 Jahren

    Oh ja, ein ganz tolles, unkonventionelles Album. Auf Brainfeederablen kann man sich eben immer verlassen.