laut.de-Kritik

Immer feste drauf auf die Deutschrap-Kinderkacke.

Review von

"Ich war schon immer da, ihr habt nicht richtig hingeschaut." Das stimmt wohl: Flexis hatte ich, ehe er in Gesellschaft Mach Ones auf dessen "Außen Draußen"-Tour auf meinem Radar auftauchte, gar nicht auf dem Schirm. Ein Riesenfehler.

Man möchte es manchmal ja gar nicht mehr glauben, doch siehe: Rap aus Berlin kann tatsächlich immer noch witzig, gehaltvoll, ganz eigen und zugleich technisch versiert daher kommen - obwohl Scharen austauschbarer Straßen- und Imagerapper so hartnäckig wie verzweifelt eine andere Lebenslüge zu proklamieren suchen.

All jene bekommen ihr ranziges Pfund Fett weg. "Ich kann mir nur entsetzt die Tränensäcke reiben", staunt Flexis über die unheiligen Entwicklungen, die deutscher Hip Hop in den letzten Jahren durchgemacht hat, seziert messerscharf eine sieche Szene und kommt zu dem einzig logischen Schluss: "Deutschrap ist Kinderkacke!"

Ein Schluss, den er allerdings 15 Tracks lang selbst wieder ad absurdum führt. Dafür muss er sich weder in irgendeine Richtung verbiegen noch seine Zielgruppe unter der Bravo-Klientel abholen. "Nein, ein Elfjähriger muss NICHT meine Platte hören." Ein Ansatz, der dem Produkt hörbar gut tut.

Statt mit aufgesetzter blasierter Pseudogangster-Miene den Teenie-Rattenfänger zu markieren, hört Flexis einzig und allein auf sein "Bauchgefühl". "Keine Kompromisse, ich mach' nur, was mir gefällt", verspricht auch der Titeltrack. "Ich brauch' keine Hilfe, ab jetzt helf' ich nur mir selbst."

Mit rasendem Flow und seinem punktgenau über unkonventionelle Beats gespucktem Silbenschnellfeuer hat Flexis wirklich keinen Beistand nötig. Neben Humor, einer gesunden Portion Selbstironie und Berliner Kodderschnauze bringt er zudem das Talent mit, Geschichten, Situationen und Lebensgefühle zu erfassen und frisch verpackt wieder unters Volk zu schleudern.

"Die Leute müssen wissen, dass ich mich gerade am Sack kratze." Eine ganze Generation Internetjunkies, die in diesem festen Glauben existiert, kann schließlich nicht irren. Oder doch? Flexis kennt die bleierne Trägheit, das Hamsterrad der "Routine", in der einem selbst die Fernsehübertragung eines Golfspiels zu anstrengend vorkommt oder das in "Direkt In Die Sonne" beschriebene diffuse Fernweh offenbar genau - sonst könnte er derlei nicht so plastisch in Worte fassen.

Feierei, "Schönsaufen", Drogenkonsum und -entzug, bis der Affe Boogie zum Beat tanzt - all das thematisiert Flexis zwar sicher nicht als erster, aber mit einer unbekümmerten Frische, die einem den Glauben an ein marodes Genre zurück gibt. "Was? Schlechter Einfluss? Scheiß drauf. Bleifuß!" Gefällt nicht? "Du bist selbst schuld, Keule!"

"Ich wollt' auf der Gangsterwelle nicht mitreiten." Das hätte der eine oder andere andere besser auch nicht getan. Flexis rappt über "Love, Peace & Harmony", aber auch über Abgründe, wie sie sich in "Teenage Riot" auftun. Die Instrumentals unterstreichen die jeweils herrschende Stimmung fast überall bestens.

Acoustic Views Beat saugt, zugleich wuchtig und funky, in den Sog der "Routine" hinab, bis man ebenfalls nichts anderes mehr möchte als nur noch ganz in Ruhe auf der Couch verwesen. Der quakende Sound des durch und durch subversiven "Sag Ja!" entstammt derselben Schmiede.

Durch den kultivierten Egozentrismus des Titeltracks trötet - pfeif' auf den Zeitgeist! - ein Saxophon. Bobby Soulo verantwortet zudem die Untermalung von "Direkt In Die Sonne": In ein Bett, das tönt wie ein Chillout-Tune aus den 90ern, lässt er sich spanisch anmutende Gitarren, Trompeten und Gesang fläzen.

Ein bisschen Unterstützung am Mic bekommt Flexis dann aber doch auch noch. Zweimal schaut Kollege Mach One ums Eck und bringt gleich die selbst produzierten Beats mit. Beim Abhaken der "Todes-To-Do-Liste" assistieren die bei Edit Entertainment ausgeliehenen Amewu und Chefket, die inhaltlich wie technisch auf gleich hohem Level wie Flexis operieren.

K.I.Z.s Nico liefert den Beat zu "Leierkastenmann", DJ Craft die Cuts in "Teenage Riot". Alle miteinander firmieren die Kannibalen in Zivil zusammen mit Flexis mit "Haifischgrinsen bis in den Nacken" als "Strahlemann & Söhne". "Ich mal' ein Herz in den Himmel - unser Gangzeichen." KAAS hätte seine helle Freude an dem herrlich bekloppten Eierkuchen-Szenario.

"Manchmal denk' ich: Scheiße, du versinkst noch in der Mittelklasse." Junge, wisse: Es sieht nicht danach aus. "Ich bin mal in mich gegangen, hab' mich gefragt: Was will ich schaffen? Ich will meiner Fam ein richtig dickes Album hinterlassen." Mit "Egotrips" hat Flexis das gesteckte Ziel zwar schon erreicht. Von dieser Sorte Platte nehm' ich aber trotzdem gerne noch eine. Auch zwei oder drei. Das Cover darf dann aber ruhig ein bisschen ... ansprechender ausfallen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Leierkastenmann
  3. 3. Egotrips
  4. 4. Strahlemann & Söhne
  5. 5. Routine
  6. 6. Todes-To-Do-Liste
  7. 7. Schönsaufen
  8. 8. Selbst Schuld
  9. 9. Kinderkacke
  10. 10. Internetjunkie RMX
  11. 11. Bauchgefühl
  12. 12. Love, Peace & Harmony
  13. 13. Sag Ja!
  14. 14. Direkt In Die Sonne
  15. 15. Teenage Riot

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