20. März 2008

Auf der Suche nach der Stille im Kopf

Interview geführt von

Dillon hat die Zukunftsperspektive aus den Augen verloren. Das ist auch gut so. Bleibt mehr Zeit für die Bewusstseinsbildung im Hier und Jetzt, und für Momente der Stille. Jasmintee, anyone?PJ Harvey beherrscht das Pianospiel höchstens rudimentär. Trotzdem hat sie sich anlässlich ihres aktuellen Albums "White Chalk" ans Piano gesetzt, um ihre haunted China-Porzellan-Sänge zu begleiten. Hier findet Dominique Dillon de Byington, gebürtige Brasilianerin und Neuberlinerin, den gemeinsamen Nenner. Zwar hat die Musik der gerade 19-Jährigen wenig gemein mit Harveys Chants aus verblichenen Dynastien. Dafür teilt man sich das ewig junge DIY-Prinzip: einfach mal ran ans Instrument.

Kurz nach dem Abitur hat sich Dillon 2007 aus Langeweile an das elterliche Klavier gesetzt, das damals noch in Köln stand. Und drauflos gespielt, bis sie plötzlich geboren war, die erste Songskizze. Megaphon, Roland PC-180-Keyboard und Software-Sequencer gesellen sich seither zu ihrer sehr eigenen, sehr unmittelbaren Stimme, die Trennlinien zwischen Balladeskem, Raps und Shouts für redundant erachtet.

Dank Internet, dem größten Talent-Förderverein der Welt, gewann Dillon bald die Aufmerksamkeit von Kitty-Yo Records. Nun steht ihr erster physischer Release an: Die EP "Ludwig" kommt Ende April/Anfang Mai. Bis dahin bemüht sich Dillon darum, im Zugwind des Newcomer-Express' nicht mehr Privatheit preiszugeben, als ihr lieb ist.

Beiträge auf Spiegel Online und laut.de, in Blond und Intro: Denkst du, du könntest in Deutschland so etwas wie ein Gegenstück zu Get Well Soon werden, der ja ausgebildeter Musiker ist? Motto: Selbststudium statt Popakademie?

Ich weiß nicht, was sein könnte. Alles und nichts. Ich selbst bin ein großer Fan des DIY, und das spricht ja eigentlich schon gegen die Popakademie. Jedoch denke ich, dass man die Akademie nicht unterschätzen sollte. Es ist einfach auf eine andere Art anspruchsvoll. Im Vergleich zum Selbststudium wirkt es vielleicht unpersönlich, dennoch nicht unbedingt einfacher oder gar schlechter.

Wie fühlt sich die neue Medienaufmerksamkeit an, und wie gehst du damit um?

Das, was ich mitbekomme, verwirrt mich sehr. Unausgesprochene Wörter. Ich wusste aufmerksames Zuhören schon immer sehr zu schätzen.

DJ Koze und Kölner Elektroacts wie MIT als Referenzlieferanten, Feature mit Slut, andere sehen in dir eher die Chansonette am Keyboard. Verstehst du dich vorrangig als Sängerin, als Rapperin, als Freestyle-Act?

Ich verstehe mich als das 19-jährige Mädchen, das ich bin. Wenn ich schreien muss, schreie ich. Wenn ich singen muss, singe ich. Wenn ich weinen muss, weine ich. Sollten wir das nicht alle tun?

Ist dir überhaupt wichtig, auf eine ganz bestimmte Weise wahrgenommen zu werden? Momentan erscheinen ja viele Platten, die sich gar nicht mehr klar einordnen lassen: Yeasayer, Vampire Weekend, MGMT...

Nein. Ich fange selbst gerade erst an, mich wahrzunehmen. Uns selbst sollten wir wahrnehmen. Jeder für sich. Sich selbst. So viel Zeit wird damit verbracht, andere zu analysieren und zu kritisieren. Die Stille fehlt.

In wieweit unterliegt Dillon einem Gesamtkonzept über die Musik hinaus? Ich denke da vor allem an Image-prägende YouTube-Clips, in denen du z.B. durch Ikea-Regale kletterst und unter der Dusche zu sehen bist.

Es ist der Versuch, Stille in meinem Kopf zu finden. Die Stille zwischen meinen Gedanken. Mit Gedichten und Melodien funktioniert es momentan am besten, aber es ist nicht der einzige Weg. Ich habe eine Vorliebe für Farben und Formen. Für Fotografie und Gedichte. Für Menschen. Das alles und so viel mehr formt den letztendlichen Output.

Musik als Gedanken-Kat


Eröffnet dir das Internet in erster Linie neue Möglichkeiten dich adäquat zu präsentieren, oder befürchtest du einen schleichenden Kontrollverlust, je bekannter du wirst? Passend dazu wurden kürzlich gleich mehrere Clips in deinem YouTube-Channel gelöscht.

Das Internet ermöglicht und zerstört zugleich. Ich habe gemerkt, dass ich bestimmte Sachen lieber für mich behalte. Pretty simple. Simply private.

Wie häufig aktualisierst du dein MySpace-Profil? Machst du dort alles selber, hast du jemanden, der das Profil uptodate hält?

Ich kümmere mich selbstverständlich selbst um mein MySpace. Ich mag es dort nicht allzu gern und aktualisiere viel lieber meine eigene Seite so oft wie möglich.

Wie sehr sind derzeit heißdiskutierte Acts wie Hercules & Love Affair in der Freundesliste auch eine Standortbestimmung für deinen eigenen Output?

Antony Hegarty ist mein Held. Seine Stimme. Mir fehlen die Worte.

Wie genau verfolgst du generell das aktuelle Popgeschehen?

Ich würde sagen: nicht besonders genau.

Warum der Titel "Ludwig"?

Es ist Liebe. Ludwig und ich lernten uns in Berlin kennen und seitdem wohnt er bei mir.

Handelt es sich bei Ludwig möglicherweise um ein Haustier?

Ich hatte einen Fisch. Monsieur Poisson. Kitty ate him. Ludwig ist kein Tier. Hah.

Welche Songs werden auf der EP vertreten sein, wer wird remixen?

Auf Ludwig sind "Contact Us", "On Repeat" und "Ausgabe 11" drauf. Die ersten beiden hat Tamer Fahri Özgönenc von MIT gemeinsam mit mir neu arrangiert und aufgenommen. Ich trinke überhaupt gerne Jasmintee mit Tamer. Unnormal tanzbar finde ich die Stücke. "Ausgabe 11" wollte ich genau so behalten, wie es entstanden ist - roh. Diesmal wird es keinen Remix geben.

Deine Musik wirkt insgesamt sehr collagenartig auf mich. Sie wechselt stark zwischen intro- und extravertierten Momenten. Kannst du sagen, ob eine Seite tendenziell näher an deiner Persönlichkeit ist als die andere?

Ist es denn wichtig zu wissen, was näher an meiner Persönlichkeit ist? Kann man es nicht für das nehmen, was es ist? Was ist es überhaupt? Andauernd sind wir auf der Suche nach Namen und logischen, rationalen Erklärungen. Als würde es etwas verändern. Wo ist die Furcht und Schamlosigkeit hin, die wir als Kinder in uns hatten?

Was motiviert dich zum Songschreiben?

So viel und zugleich so wenig. Manchmal sind es einzelne Geräusche. Silben. Manchmal sind es Erinnerungen. Ängste. Erfahrungen. Manchmal ist es Zeit. Eine Sekunde oder zwei.

Kannst du deinen künstlerischen Rahmen grob abstecken? Gibt es Dinge, die gar nicht gehen im Dillon-Kontext?

Ich habe meine Grenzen, aber die behalte ich lieber für mich. Manchmal muss ich mich selbst erinnern. Damit ich sie nicht vergesse. Meinen Rahmen abstecken.

Bist du mit dem Tag "minimalistisch" einverstanden? Oder würdest du da zwischen Studio- und Live-Performance, die ja ziemlich reduziert ist, unterscheiden wollen?

Musikalisch ist es vielleicht minimalistisch. Für mich jedoch sind diese 25 Minuten alles andere als minimalistisch. Manchmal sind es die notwendigsten 25 Minuten. Wenn man richtig hinhört, kann man es schmecken und anfassen. Wenn ich richtig hinhöre, kann ich es jedenfalls.

Die notwendigsten 25 Minuten der Welt


Bist du mit der Resonanz auf die erste größere Tour zufrieden? In Zürich hat das Publikum eher verhalten reagiert.

Ja, bin ich. Manchmal wissen die Menschen nicht genau, was gerade geschieht. Manchmal verstehen sie gar nichts, und das kann ich ihnen nicht übel nehmen. Doch manchmal, manchmal wissen Sie ganz genau und verstehen es besser als ich.

Du sollst nach dem Abitur eine Zeitlang nicht gewusst haben, was du mit deiner Zeit anstellen willst. Wie sehr ist ein Musikerdasein bei dir auch ein Bruch mit einem durchstrukturierten Arbeitsalltag?

Mittlerweile weiß ich wieder, wohin ich will. Ich kenne bloß noch nicht den genauen Weg. Aber im Internet gibt es anscheinend eine richtig gute Wegbeschreibung. Hab ich mal gehört. Der Bruch im durchstrukturierten Arbeitsalltag liegt allein an mir. Man muss bloß wollen.

Was ist für dich, abgesehen von der Größe, der wichtigste Unterschied zwischen Köln und Berlin? Hast du deine Vorliebe für Hauseingänge in Berlin entdeckt? Und gibt es eventuell auch Dinge an Köln, die du vermisst?

Ich mag geschlossene Türen und offene Fenster. Meine Freundin Susana mag offene Türen und geschlossene Fenster. In Berlin schmeckt der Regen besser. Man kann ihn besser mit der Zunge auffangen. Ich vermisse den Blick aus meinem Schlafzimmer in Köln. Und meinen Baum, Zeus.

Du sagst, du möchtest irgendwann einmal in Berlin studieren. Schaust du schon jetzt auf die Zeit "danach"?

Nein nein. Seltsamerweise habe ich die Perspektive verloren. Oder zumindest irgendwo liegen gelassen.

Ist dein momentanes Leben hundertprozentig auf die Musik ausgerichtet? Arbeitest du zur Zeit schon an einem Album?

Nicht hundertprozentig, nein. Das wäre ja auch Atmen und Trinken und Schlafen. Wobei, ich schlafe wirklich wenig. Aber nein. Nicht hundertprozentig. Ich denke an ein Album, natürlich. Aber noch brauche ich Zeit zum Nicht-Schlafen und Luft zum Atmen...

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