18. Dezember 2012

"Ein Album mit 50, ist das noch cool?"

Interview geführt von

Mit "MTV Unplugged II" wagten sich Die Fantastischen Vier als erste Band an eine Fortsetzung ihrer Akustikshow. Im Telefon-Interview erklärt Smudo, wie es dazu kam, wie er zum Chimperator-Label steht und philosophiert über die eigene Zukunft als alternder Rapper.Hallo, hier spricht David von laut.de.

Hallo David, hier ist der atemlose alte Hase Smudo.

Oh, dann warst das also tatsächlich du und kein Hardcore-Fan von euch, der als Lesmoureal den kritischen Kommentar unter unsere Album-Review zur "MTV Unplugged" gepostet hat?

Klar. Ich bin natürlich daran interessiert, wie wir in der Öffentlichkeit so besprochen werden. Und laut.de ist ja ein Portal, das ich eigentlich immer sehr schätze. Also auch nach wie vor, das war ja keine schlechte Kritik. Und dass du bei der Rezension zu meiner Intonation beim Song "Danke" den alten atemlosen Hasen bemühst berüht mich natürlich, da ich zwar ein alter Hase bin, aber nicht atemlos.

Ich wollte dich ja auch nicht persönlich treffen in diesem speziellen Fall ...

Nee, ich hab das auch nicht so verstanden. Die Kritik ist ja absolut nachvollziehbar. Ich habe das als aufklärerische Info verstanden. Der alte Hase ist ja nicht die tatsächliche Kritik. Deine beiden Hauptpunkte waren ja, dass es am Anfang der CD Zugaberufe gibt und das Fehlen der Klassiker. Aber schön, dass wir mal so drüber plauschen können.

Ihr seid meines Wissens die einzigen Künstler, die zum zweiten Mal ein MTV Unplugged geben durften.

R.E.M. haben das auch schon mal gemacht. Nur fanden die das erste wohl nicht so gut und haben das deshalb nicht veröffentlicht.

Dann seid ihr zumindest die einzigen, die ein zweites veröffentlicht haben. Wie kam es denn überhaupt dazu? Wer musste wen anbetteln?

MTV hat uns gefragt. Wir fanden das zuerst auch ein bisschen zweifelhaft. Weil MTV meinte, dass das Ding mit Lindenberg so erfolgreich war und dass sie am liebsten noch mal so ein großes deutsches MTV Unplugged machen wollten. Und da hätten sie als erstes an die Fantas gedacht. Und das fanden wir so naja. MTV ist ja inzwischen bei Sky. Die Zeiten haben sich geändert – würde das denn geil werden?

Gleichzeitig ist ja unser erstes Unplugged über die Jahre zu einem Klassiker gereift. Wir haben das damals sozusagen als Hausaufgabe gemacht. Aber im Nachhinein etwas auf Klassiker anzulegen, das halten wir für eine unmögliche Aufgabe. Deswegen haben wir dann zuerst auch abgelehnt. Aber dann haben uns Plattenfirma und Management mitgeteilt, was sie mittelfristig für Verkaufserwartungen haben.

Die Fantastischen Vier unter Verkaufsdruck?

Es spielt natürlich alles eine Rolle. Wenn wir Musik nicht verkaufen wollten, dann könnten wir sie ja verschenken. Wir sind ja bei einer Plattenfirma und die ist nicht die Caritas. Die Zeiten sind hart. Unplugged an sich ist eine tolle Sache. Wir wollten zwar mit unserem neuen Album mal richtig in den Tritt kommen, was uns durch diese Unplugged-Zäsur natürlich immer noch nicht gelungen ist. Aber auf der anderen Seite ist der Erfolgsdruck nicht von der Hand zu weisen.

Hinzu kommt noch, dass die Zyklen sowieso kürzer sind und wenn wir uns die Zeit für unser neues Album nehmen wollen, ist es auch besser, wenn man zwischendurch mal wieder was draußen hat. Es hat dann aber doch wieder eine Weile gedauert. Du fragst dich: Wie kriegen wir das hin? Gehen wir noch mal in die Höhle? Finden wir was Besseres? Doch was Besseres gab's ja schon damals nicht. Nach der Höhle haben wir ja fast ein Jahr lang gesucht. Dann war da die Frage, wie wir das mit unserem persönlichen Coolness-Katechismus vereinbaren können, der Gedanke an das blaue und das rote Album von den Beatles. Auf dessen Cover die Herren ja in den Innenhof runterschauen.

Der Innenhof vom alten EMI-Gebäude ...

Ja, im Abstand von zehn Jahren. Und dann dachten wir: Lass uns doch genau das Gleiche machen. Nicht das alte Unplugged verschlimmbessern indem wir versuchen alles noch besser oder anders zu machen. Das Bild wird automatisch anders sein, weil wir's natürlich in HD machen und mehr Leute kommen als damals. Wir haben heute mehr Repertoire, es würde also eine Doppel-CD werden. Und dann ziehen wir uns genau so an wie damals und legen es etwas größenwahnsinniger an: Dass es praktisch eine zeitlose, immer weiter fortgesetzte Reihe werden könnte. Die Fanta Vier sind die einzigen, die in der Lage sind, eine ganze Reihe aus dem MTV Unplugged zu machen. Theoretisch könnten wir also in zwölf Jahren wieder, wenn nicht einen von uns der Krebs holt – denn jeden Vierten erwischt's ja anscheinend (lacht). Ein kleiner interner Witz.

Euer Live-Band-Leiter Lillo Scrimalli hat die meisten Unplugged-Stücke umarrrangiert. Wie viel künstlerische Eigenleistung von euch steckt denn da noch drin?

Naja, die Originalstücke natürlich. Kurz vorausgeschickt: Lillo war auch beim ersten Unplugged der Kapellmeister. Nur war er damals genauso neu wie wir in diesem Genre. Damals haben wir viel von einander gelernt und sind an einander gewachsen. Wir hatten da gar nicht so den Mut zur Querinterpretation. Jetzt, 20 Jahre später ...

Ihr seid zwar alte Hasen, aber so alt dann auch wieder nicht ...

(lacht) Ja, ähm, zwölf Jahre später haben wir ja noch ein paar Arrangement-Erfahrungen gemacht. Unser "Heimspiel", das 20-Jahre-Jubiläumskonzert, mit diesem 80-köpfigen Orchester oder kürzlich für iTunes ein Konzert namens "1 Machine, 2 Pianos, 3 Mics", wo in 50 Minuten sechs bis sieben Stücke nur mit zwei Pianos gespielt werden. Bei diesem Klavier-Ding sind wir dann völlig weggebrochen, als uns die Salsa-Version von "Populär" eingefallen ist. Die fanden wir so bekifft-witzig, dass wir sie dann als Orchester-Variante nochmals aufs "Unplugged II" gepackt haben. "Ernten was wir säen" ist zum Beispiel eher klassisch unplugged mit Streichern, so à la Metallica. In der Umsetzung ist sehr viel von uns drin. Manchmal war es so, dass Lillo einfach etwas mit MIDI-Instrumenten und Sequenzern hochgeladen hat und wir unseren Senf dazu abgegeben haben.

"Cro hat diesen D'Angelo-R'n'B-Timbaland-Rap-Melodiös-Sound schön nachgemacht"


Also eine durch und durch demokratische Entscheidung bei allen Unplugged-Songs.

Genau, jeder hatte mal einen Schuss. Dem Lillo sind Sachen eingefallen, von denen wir sofort wussten: das machen wir. Die Flamenco-Gitarre auf "Was wollen wir noch mehr" war meine Idee. Durch Youtube bin ich auf Paco de Lucia gestoßen. Meine Frau hat mir das gezeigt. Und ich kannte Paco, den Elvis Presley der Flamenco-Gitarre, bis dato nicht. Da gab's so eine 70er-Jahre Live-Aufnahme, da raucht ihm das Brusthaar aus dem Hemd und er hat lange Koteletten.

Und dann hat der gleichzeitig mit der Gitarre so krasse Sachen gemacht, fast wie ein tollkühner Stuntman auf der Gitarre, wie ein Zirkus-Act. Das fand ich passend, denn solche auflockernden Sachen brauchst du einfach. Wie die Motorsäge damals bei "Unplugged 1", die wir benutzt haben um das "Tanz der Teufel"-Sample in "Schizophren" nachzustellen. Deswegen ist so ein Stück wie "Pipis Und Popos" drin, weil das Helium natürlich ein Feature ist.

So als Zäsur haben wir dann auch die Flamenco-Gitarre mit reingenommen. Und Lillo kannte dann auch noch jemanden, der bei Paco de Lucia in der Band gespielt hat und jetzt in Düsseldorf lebt: Rafael Cortez. Manchmal haben wir versucht, Sachen so nah wie möglich an der Single umzusetzen, etwa "Geboren" oder "Danke".

In der SZ hast du mal gesagt, dass Pop-Musik dich über weite Strecken langweilt. Mit Cro gibt es jetzt ja einen Künstler, der ganz offen Pop-Melodien mit Hip Hop paart. Er nennt das "Raop". Inwiefern kannst du dich für diese Art Pop begeistern?

Mir gefällt das tatsächlich. Ich habe von Cro schon zu "Easy"-Zeiten gehört, bevor die Platte kam. Ich fand das insofern ganz lustig, weil er diesen D'Angelo-R'n'B-Timbaland-Rap-Melodiös-Sound benutzt und eigentlich den klassichen R'n'B-Rap aus den USA so schön nachgemacht hat mit dieser eckigen deutschen Sprache. Ich bin persönlich kein großer Fan davon, dass man die Aussprache so beugt, dass ein Wort reinpasst. Ist natürlich ne Stilfrage, in dem Fall fand ich's aber sehr gut.

Wie Nosliw: Wenn man da nicht genau hinhört, weiß man nicht, ob es jetzt amerikanisch oder deutsch ist. Erst später habe ich dann von dem Hitalbum mitbekommen. Kommt natürlich auch aus Stuttgart, der Kerle. Aber das ist tatsächlich eine der wenigen neuen Sachen, bei denen ich gedacht habe: Das langweilt mich nicht. Popmusik an sich nämlich schon. Könnte am Älterwerden liegen. Wenn jemand 20 Jahre im Büro arbeitet, findet der sein Büro sicher auch langweilig oder scheiße.

Ich seh' schon, mit dem alten Hasen hab ich dich irgendwie ins Mark getroffen.

Lustig ist, dass du mir das ausgerechnet bei "Danke" vorwirfst, bei dem ich meine Stimme so verstelle. Das ist ja ein noch eher bequemer Titel am Anfang des Sets. "Smudo In Zukunft" hingegen ist ein Titel, der an die Kondition geht. 140 BPM Rap. Aber dieses SZ-Zitat von damals hat immer noch Gültigkeit. Wobei deutsche Rapmusik jetzt seit langem mal wieder Gutes hervorbringt, ganz ohne dicke Eier und Aggro. Im Gegenteil, fernab der Pseudogangster gibt's ja derzeit ein Deutschrap-Revival.

Angefangen hat das ja vielleicht mit Marteria und Casper und jetzt sind eben die Stuttgarter Rapper rund um das Chimperator-Label wieder in Erscheinung getreten. Kannst du dir diese zyklische Wiederkehr von Stuttgart als Rap-Hochburg erklären? Das erste Mal wart ja ihr mittendrin.

Ich denke, manchmal sind das einfach Zufälle. Was aus Stuttgart ohne uns geworden wäre, sei mal völlig dahingestellt. Aber Fakt ist auch, dass Stuttgart zu unserer Anfangszeit immer noch im langen Schatten der amerikanischen Besatzer stand. Sprich: Es gab ein gutes Import-Platten-Gedächtnis und dann auch entsprechende Diskotheken, in denen GIs Rap-Freestyles gemacht haben. Das ist so eine Entwicklung, die beispielsweise die Heidelberger auch mitgenommen haben, da sind ja mit Pirmasens auch riesengroße Bases in der Nähe.

Und dann ist da Berlin, wo eigentlich popmusiktechnisch schon lange nichts mehr ging außer Techno in den 90ern. Als wir mit Four Music da hoch gegangen sind, dachten wir auch, dass Berlin in Zukunft eine Sonderrolle spielt. Aber trotz der Menschenmasse kam da ja nicht viel: Der Startschuss kam mit Aggro Berlin, die ganzen Sachen rund um Die Krauts finde ich super, Marteria ist natürlich die volle Textbombe. Aber warum das so zyklisch ist? Zuerst kommt was, dann kriegt es Aufmerksamkeit, dann macht es jeder und es wird ein bisschen uncool. Selbst originelle Sachen haben es dann schwer, sich durchzusetzen, vielleicht so eine Art natürliche Sättigung.

Würdet ihr denn einen dieser neuen Chimp-Rapper mit auf Tour nehmen? Gibt's da Stuttgart-Connections?

Cro habe ich noch nicht kennen gelernt. Ich kenne auch das Umfeld nicht und bin da gar nicht so am Puls. Rein geschmacklich könnte ich mir Cro sehr gut als Support vorstellen. Ich bin auch tatsächlich Fan von K.I.Z., die ich mir jetzt aber nicht so sehr als Vorgruppe vorstellen könnte, das könnte Irritationen bei unserem Publikum hervorrufen.

Die neue Rap-Generation nutzt ja das Internet auf aggressive Weise, um Popularität zu erlangen. Zum Beispiel werden oft Tracks und ganze Mixtapes kostenlos zum Download angeboten. "Easy" gab's ja auch lange als kostenlosen Download. Das ist natürlich brisant im Bezug auf das, was Element Of Crime-Sänger Sven Regener diesen Sommer im Zündfunk-Interview gesagt hat. Künstler würden sich seiner Meinung nach heutzutage nicht mehr trauen, auf ihren Lohn zu pochen, weil es uncool ist. Teilst du seine Meinung?

Ich fand es schön, dass jemand, den man eher dem Underground zurechnen würde, was gesagt hat, was sonst vielleicht nur Metallica bringen würden. Jetzt mal abgesehen von der umstrittenen Wortwahl. Er sieht das Problem glaube ich auch eher darin, dass es so selbstverständlich und für gut gefunden wird, zu sagen, dass man von einem Künstler, der ja naturgegeben gegen das Establishment und gegen das System ist, natürlich verlangen kann, dass er alles verschenkt. Regener meinte, und das fand ich gut, dass man das nicht so verallgemeinern sollte. Weil Geld an sich ist ja keine schlechte Sache. Wer nämlich Geld verdient, der muss nicht selber seine Brötchen backen gehen und der Bäcker kauft sich dann davon ein Auto und so weiter, das ist ja unser Wirtschaftssystem.

Und dass eine künstlerische Arbeit, so wie es Regener gesagt hat, auch etwas ist, womit man seinen Lebensunterhalt bestreitet, dem kann ich ja nur zustimmen. Die Art und Weise, wie man heute versucht zu Popularität zu kommen, war früher offline genauso. Die ersten Demotapes haben wir auch verschenkt. Früher hat beispielsweise ein Kumpel von uns Aufnahmen für fünf Mark bei sich im Laden verkauft. Und die Leute fanden das geil. Er hat sie nicht verschenkt, aber ich meine, wir haben sie verschenkt und die Leute haben es ihm abgekauft und so haben wir ne Menge Aufmerksamkeit erregt.

Findest du, dass das grundsätzlich nur ein Weg für junge Künstler ist, Content umsonst ins Netz zu stellen?

Wir haben ja mit Sony jemanden, der diesbezüglich da nicht so frei mit umgehen kann. Aber wir hatten Schwierigkeiten, für das "Unplugged" eine richtige Single zu finden. Das Radio ist unfassbar schwierig zu beackern, noch schlimmer als in den 90ern. Wir wussten überhaupt gar nicht, was denn jetzt poppig genug für die ist. Da gab's dann so redaktionelle Entscheider beim Radio oder bei Printmedien die dann dies oder jenes gepickt haben. Dann dachten wir uns: Lasst uns doch einfach drei, vier Songs zugänglich machen und nicht nur eine Single.

Wir waren sogar kurz davor zu sagen, dass wir alles als Promo anbieten. Also dass unsere Plattenfirma ein Tape mit allem drauf verschickt hätte und jeder hätte sich dann aussuchen können, was er davon zeigen will. Wir haben dann drei Sachen auf Youtube gestellt und das Kuriose war, dass uns der Sperr-Bot die am Veröffentlichungstag immer wieder gesperrt hat. Wir kommen zum nächsten Thema, merke ich.

Genau: Denkst du, dass die Position der GEMA richtig ist, wenn sie im Bezug auf Youtube Künstler nicht unter Wert verkaufen will? Seit Jahren kommt es ja zu keiner Einigung zwischen Künstlervertretung und Youtube in Deutschland.

Dass es nicht zu einer Einigung kommt, ist natürlich grundsätzlich erstmal doof. Ich kann aber beide Positionen verstehen. Es ist gut, dass die GEMA als Interessenvertretung der Urheber natürlich versucht, das Maximum für ihre Klienten rauszuholen. Das problematische an der GEMA ist halt, dass sie ein unglaublich riesiger Dinosaurier ist und von den Kastelruther Spatzen bis zu uns jeden Musiker vertritt. Dann kommen auch noch die Interessen von Urheberrechtsvertretern wie Verlagen dazu und die sind schwer alle unter einen Hut zu bringen. Es liegt ja auch im Interesse von Plattenfirmen, Geld mit Musik zu verdienen aber andererseits ist sie auch maßgeblich an der Bewerbung von Platten beteiligt und daran muss in der modernen Online-Gesellschaft noch gearbeitet werden. Die Praxis eilt da der Rechtssprechung ein Stück voraus. Und so ist es ein harter Kampf, bei dem sozusagen alle zu leiden haben.

Ich kann mir vorstellen, dass man irgendwann des Themas überdrüssig ist.

Ja. Es ist natürlich auch so, dass es sich Youtube einfach macht, wenn sie sagen: Aufgrund von Sony oder wegen der GEMA wurde dieses Video gesperrt. Das ist nicht ganz richtig. Sie haben natürlich ihre Sperr-Bots, die aus dem Musicnet gespeist werden, wo auch Shazam beispielsweise seine Daten bezieht. Und dann vergleichen die Bots das, und wenn sie das irgendwie zuordnen können, dann wird das gesperrt. Dann wird eben dieser Blindtext da reingeschrieben, dieser Quatsch, von wegen die und die sind das. Weil wir unsere Sachen für die Bewerbung über Sony und über den Verlag ja extra haben frei schalten lassen. Und trotzdem funkt der amerikanische Bot dazwischen und macht die zu. Das ist echt beschissen. Auch für die deutschen Partner von Youtube, die sich den ganzen Tag das Geschimpfe anhören müssen.

"Was hat man davon, den ganzen Tag nur wohlhabend zu sein?"


Eigentlich dachte man, dass man dieses ganze Gedöns vielleicht überwunden hätte, als vor geraumer Zeit die Streaming-Dienste auf den Markt gedrängt sind. Jetzt haben aber die Kollegen von Bakkushan bei uns im Interview darüber geklagt, wie wenig Geld da wirklich beim Künstler ankommen würde und wie lächerlich diese Abrechnungen doch seien. Was steht da bei den Fantas auf dem Zettel?

Ich habe unsere Spotify-Abrechnung jetzt noch nicht gesehen, aber ich habe auch mal gehört, dass da enorm wenig Geld fließt. Mit Sicherheit ist das eine Baustelle, an der man arbeiten müsste. Die Streamingdienste sind unglaublich billig auf den Markt gedrängt. Das illegale Angebot wird nur dort wahrgenommen, wo das legale zu schlecht ist. Das braucht wohl seine Zeit, bis sich der Markt selbst regelt. Das ist leider nicht so wie beim Benzinpreis. Die Sache mit Youtube und Google läuft ja auch schon ewig. Wir sind jetzt ja erst am Anfang, man kann ja Smartphones noch nicht lange als mobile Radiostation benutzen. Es wird ein steiniger Weg. Ich finde trotzdem, dass so ein Streamingdienst wie Spotify eine absolut geile Sache ist.

Du denkst also, dass sich damit auf Künstlerseite über längere Zeit hinweg auch mal wirklich Geld verdienen lässt?

Ich hoffe es. Darauf habe ich mich persönlich zurückgezogen.

Euer letztes Album ist ja schon zwei Jahre alt. Ich hab gehört, ihr seid wieder im Studio …

Ja, wir versuchen ne neue Platte zu machen. Aber, dass wir im Studio sind, das kann man noch nicht sagen. Wir sind in einer Sondierungsphase und haben uns zu ein paar Schreib- und Ideensessions getroffen und das wird jetzt auch wieder passieren. Wir versuchen, die ersten Ideen zu sammeln.

Also könnt ihr jetzt noch keine Ankündigung für nächsten Sommer machen.

Unsere Plattenfirma wünscht sich natürlich den Oktober nächstes Jahr. Aber wenn du mich persönlich jetzt so fragst würde ich sagen, dass das nicht haltbar ist. Meinem Ansprechpartner von der Plattenfirma habe ich gesagt: Lass uns doch im April darüber sprechen, dann weißt du noch früh genug, ob's Oktober wird.

Ist doch schön, wenn man als Künstler mal den Status erreicht hat, dass man so was offen zur Plattenfirma sagen kann.

Natürlich ist das wirklich partnerschaftlich. Da gibt's viele Gründe, warum das jetzt geht oder nicht, aber der wichtigste ist wohl der, dass es ohne Musik auch kein Material zu veröffentlichen gibt.

In der Zwischenzeit baust du dir ja gerade andere Standbeine auf. Als Synchronsprecher etwa. Aber du bist auch Schauspieler, hast bei Jugendfilmen wie "Das Haus Anubis" oder "Pommes Essen" mitgespielt. Wie lange wollt ihr das als Band noch machen? So lange wie es gut geht oder lieber ein kontrolliertes Ende?

Das ist tatsächlich was, was wir immer wieder bereden. Wir haben vor "Für Dich Immer Noch Fanta Sie" (2010) auch schon diskutiert, ob das unser letztes Album sein wird. Da dachten wir: Wenn wir das Album danach machen, dann gehen wir schon auf die 50 zu. Ist das noch cool oder nicht? Als wir Mitte Zwanzig waren, fanden wir den Gedanken unerträglich, mit 30 ne Platte zu machen. Als wir Mitte 30 waren, fanden wir's unerträglich mit 40 eine aufzunehmen. Jetzt sind wir Mitte 40 und machen immer noch Musik. Die einen sagen "Super, meine Kinder finden’s geil und ich auch", andere sagen "Ihr alten Säcke, was soll das denn?"

Die spannende Frage wäre ja, was passieren würde, wenn wir jetzt beim Versuch, die Platte zu machen, feststellen, dass es überhaupt nicht läuft. Dann kann man dem aber kein kontrolliertes Ende mit einem letzten Album mehr setzen. Wir hatten so eine Phase bei "Für dich immer noch...", wo es echt schwer war und wir uns die Frage stellten, ob wir ein eventuell letztes Album inszenieren wollen, aber nach einer Weile ging's wieder völlig geil und wir sind letztendlich stolz auf das Ergebnis und freuen uns auf weitere Platten von uns.

Also nicht euer Stil, so ein perfektes Ende groß aufzuziehen?

Aus dramaturgischer Sicht wäre das sicher geil, die Inszenierung des eigenen Todes. Aber, wir machen das seit 20 Jahren, also das Fanta-Sein. Was sollen wir denn anderes machen? Ja klar, Schauspielern ist toll und es gibt was zu lernen. Aber trotzdem ist es so: Wir sind die Fantas. Ich bin der Smudo. Das hat ganz viel mit der Identifikation mit mir als Person zu tun. Und das lässt sich nicht so ohne weiteres sachlich-argumentativ diskutieren.

Kennst du LCD Soundsystem?

Ja, kenn ich.

Die haben sich ja auch vor knapp zwei Jahren auf dem Zenit ihrer Karriere einfach so aufgelöst, James Murphy hat das beschlossen. Und dann haben die zum Abschluss noch den Madison Square Garden ausverkauft und das war's.

Und wie fühlt sich James Murphy jetzt, weißt du das?

Ich kann es dir nicht sagen. Man hört aber nichts davon, dass er jemals wieder als LCD Soundsystem Musik machen möchte.

Wie alt ist der eigentlich?

Der dürfte in deinem Alter sein, so um die 40.

Verrückt. Das könnte ich mir nicht vorstellen. Gut, wenn ich weltweite Plattenverkäufe gehabt hätte, dann hätte ich vielleicht so viel Geld auf dem Konto, dass mir der Gedanke nicht so fremd vorkäme. Wenn ich so 30 Millionen schwer wäre. Aber das bin ich ja leider nicht. Und was hat man schon davon, den ganzen Tag nur wohlhabend zu sein? Wenn alle Stricke reißen, was ist denn, wenn wir mit 60 noch mal so wie die Münchener Freiheit für ein nettes Sümmchen nach Sylt auf ein Festival eingeladen werden zum Oldie-Deutschrap-Festival 2025? Würde LCD Soundsystem nein sagen? Keine Ahnung.

Das ist alles auch sehr Science-Ficiton-Mäßig grade. Ich möchte nur jeden Künstler oder von mir aus jeden Menschen in Erinnerung rufen was er vor fünf Jahren gedacht hätte, wo er heute steht und was er jetzt denkt, wo er in fünf Jahren steht. Kein Mensch weiß, was in fünf Jahren ist. Und dann auch noch mit dieser metaphysischen Ebene. Sich zu sagen: Ich bin doch ein Fanta. Was bin ich denn dann, wenn ich keiner mehr bin? Ich war 21, als wir Band hatten. Jetzt bin ich 44. 23 Jahre im selben Job.

Du sitzt ja auch als Smudo bei der SWR-Show "Sag die Wahrheit" in der Jury und nicht als Michael.

Richtig. Das ist ja auch noch eine Marke. Und das in so einer spießigen Sendung.

Hey! Das ist ja wohl nicht spießig. Ich schaue das regelmäßig. Auch wenn ich dafür von den Leuten in meinem Alter ausgelacht werde. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Grund, warum du dir das ansiehst wird der gleiche sein, warum ich da nicht von wegkomme. Diese schöne Regelmäßigkeit ist eine für mich beruhigende Tätigkeit. In meinem sonst so unsortierten Leben. Wie ist das schön, drei Mal im Jahr drei Tage Baden-Baden, morgens schön einkaufen gehen, mittags die Sendung, abends schön mit dem Team Abendessen. Und nach drei Tagen ist auch wieder gut.

Eine beruhigende Konstante sozusagen.

Wenn das in der ARD laufen würde, dann wäre das zu stressig, glaube ich. Aber weil's im Dritten und so halb in der Ecke läuft, find ich das in Ordnung.

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