laut.de-Kritik

Früher war alles besser.

Review von

"Why Hasn't Everything Already Disappeared?", fragt Bradford Cox mit dem achten Deerhunter-Album, und es kommt einem so vor, als würde er in allererster Linie die eigene Band meinen. Als hätte nun, nach dem psychedelischen Dream Pop von "Halcyon Digest", dem spröden "Monomania" und dem depressiv-lieblichen "Fading Frontiers" der unausweichliche Abstieg begonnen. Niemand grüßt immer von oben und die Kreativität ist eine unstete Seele, deren Kuss nur kurz währt und die es nicht lange an einem Ort hält.

Die Frage nach dem Warum und das Wort "fade" durchziehen den Longplayer und dessen Umfeld. So fragt Cox im Pressetext ungewohnt unsicher: "Warum macht man so ein Album, in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspannen nahezu auf Null gesunken und der Kern des Musikmachens sich auf Algorithmen und geplantes Platzieren in Playlisten reduziert hat? Ist es da notwendig? Ist es relevant? Vielleicht nur für ein kleines Publikum."

Eine Gehemmtheit, die sich auch in den Songs spiegelt. Die Dramaturgie erinnert dabei etwas an Bowies Berlin-Trilogie, ebenso wie die Synthesizer des neuen Bandmitglieds Javier Morales an "Low" gemahnen. Die erste Hälfte des von Cate Le Bon, Ben H. Allen III (Cee-Lo Green, Kaiser Chiefs, Animal Collective), Ben Etter und der Band produzierten Longplayers nehmen weitestgehend klassische Songkompositionen ein. Angenehme Lieder zum Mitsummen, mit einem Hang zum Spinnerten und weniger netten Texten. Manchmal zu netter Indie-Rock für zwischendurch.

Le Bon selbst leitet das Album mit einem Cembalo in "Death In Midsummer" ein. An der sanften Präsenz des Songs können weder das verzerrte Schlagzeug, noch die sich im letzten Drittel hinzu gesellende Fuzz Gitarre etwas ändern. Als wolle er etwas gegen diese Lieblichkeit stellen, singt Cox: "Your friends have died, and in their lives, they just fade away / Some worked the hills, some worked in factories / Worked their lives away / And in time you will see your own life fade away." Das Instrumental "Greenpoint Gothic" hält Morales fest in seinen Händen und lässt den Sound von Bowie und Gary Numan der späten Siebziger aufleben.

Doch in der zweiten Hälfte verschwinden zunehmend die Songstrukturen, lösen sich auf. Um bei Bowie zu bleiben: Das gestelzte "Détournement" klingt wie einer dieser wenig bringenden Skits auf dessen "1. Outside" und ist ebenso verzichtbar. Weitaus besser funktioniert "Tarnung", auf dem Le Bon diesmal den Backgroundgesang übernimmt. Eine nächtliche Nummer, schön und mysteriös und mit Morales' Saxofon und den Marimbas ein weiterer klarer Verweis zu ... ja, eben doch wieder "Low". Zu offensichtlich sind die Parallelen zum 2016 verstorbenen Großmeister, als das man sie verschweigen könnte. Aber ist es noch ein Klangexperiment, wenn man so offensichtlich kopiert?

Der Schluspunkt "Nocturne" fällt durch Cox' zerstückelten Gesang auf, der mal mitten im Satz aussetzt, mal wie rückwärts eingesungen klingt. Ein Track, der die Hörer zuerst von sich weg stößt, um sie im weiteren Verlauf wieder zu sich heran zu ziehen. Ein letztendlich versöhnlicher Schluss, der beide Seiten des Albums miteinander vereint. Nach 6:25 Minuten verschwindet "Nocturne" abrupt im Nichts. Das wars.

"Why Hasn't Everything Already Disappeared?" Weil alles im Fluss ist. Weil alte Dinge gehen, während neue ihre Stelle einnehmen. Alben, Bücher, Musikmagazine und die Art und Weise, wie Musik vermarktet wurde verlieren nach und nach ihre Bedeutung, bleiben am Ende vielleicht nur eine verschwommene Erinnerung. An ihre Stelle tritt anderes, neues, spannendes und eben das Unbekannte. Musik und Literatur werden trotzdem noch lange bleiben, da Künstler und Konsumenten nicht ohne sie können. Mit seinem nachjammern der schönen vergangenen Zeiten liefert Bradford Coxs mit seinem achten Longplayer ganz nebenbei das erste "Früher war alles besser"-Album der 2010er Generation.

Trackliste

  1. 1. Death In Midsummer
  2. 2. No One's Sleeping
  3. 3. Greenpoint Gothic
  4. 4. Element
  5. 5. What Happens To People?
  6. 6. Détournement
  7. 7. Futurism
  8. 8. Tarnung
  9. 9. Plains
  10. 10. Nocturne

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