laut.de-Kritik

Endlich Urlaub: Der Herr der Finsternis machts alleine.

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Er greift nach dem Mikrofon, es ist schon in Reichweite, er muss es nur noch zu fassen kriegen. Oder ist es ein verzaubertes Damoklesschwert? Egal, er will es, denn er weiß, er kann es. Es soll endlich ihm allein gehören, wenigstens für 50 Minuten, in denen weit und breit mal kein blonder Hüne dazwischen funkt. "Schaut mal her, wer hätte das gedacht? Dass der Bela so etwas mal macht? Ein Soloalbum! Mit Tschingderassabum!", prostet sich The Incredible Bela B. im angemessen großkotzigen Klassik-Intro "B-Vertüre" denn auch selbst zu. "Endlich Urlaub" war als Titel ja leider schon vergeben, dann eben "Bingo".

Und doch die Ungewissheit: Zwar ist der Songwriting-Anteil des Ärzte-Vampyrologen bei seiner Hauptband so bekannt wie mitunter eindrucksvoll ("Mysteryland", "Ist Das Alles?", "Manchmal Haben Frauen ...", "Richtig Schön Evil"), aber läuft "Spandaus größter lebender Rockstar aller Zeiten" (Promoinfo) auch ohne seinen begabten Sidekick Farin zu Hochform auf? Klare Antwort: Er läuft und läuft und läuft. Dabei stellten sich bei den Arbeiten im Schatten der Ärzte einige Fragen: Wer bitteschön spielt denn Gitarre? Und wer trommelt, wenn der Meister mit großer Geste vom Bühnenrand aus den Las Vegas-Elvis mimt?

Bela sah Handlungsbedarf und handelte: Y Los Helmstedt heißen seine neuen Kollegen, zu denen neben den Gitarristen Odin Awesome Olsenstolz und Wayne Jackson mit Ex-Mad Sin-Kontrabasser Holly Burnette auch ein Berliner Schwergewicht der Szene gehört. Für die Solotour sicherte sich der Rock'n'Roll-Übermensch außerdem die Dienste von Ex-Gluecifer-Drummer Danny Young. Und wo andere Drummer-Koryphäen wie Peter Criss oder Roger Taylor mit ihren Soloalben einst kläglich scheiterten, wuchert der Herr der Finsternis einfach mit den Pfunden, die ihm eh schon in die Gruft gelegt wurden: Humor, augenzwinkernde Selbstironie und eine gute Portion Größenwahn.

Oder wie ist es sonst zu verstehen, dass Bela tatsächlich das Kunststück vollbrachte, die als kauzig verschriiene und gesundheitlich angeschlagene Crooner-Legende Lee Hazlewood als Gaststar zu verpflichten, der sonst nur noch für seine alte Freundin Nancy Sinatra den Bariton anwirft? In der herrlichen Country-Surfadaption "Lee Hazlewood & Das Erste Lied Des Tages" wirft der Oklahoma Man nicht nur für eine ganze Strophe seinen rostigen Stimmenmotor an, sondern lernt auch noch fünf Worte deutsch, nur um sich mit Bela gegen Radio-Einheitsbrei zu verbrüdern.

Angeblich wollte Bela auch Surfrock-König Dick Dale verpflichten, doch ob dessen Fender das schöne Motiv in "Der Vampir Mit Dem Colt" eleganter hingekriegt hätte, darf bezweifelt werden. Weitere Hinhörer: "Traumfrau" im Rockabilly-Stil der "Monsterparty" und das traurige "Letzter Tag", das der Graf in staatstragende, Sinatra'sche "Bang Bang"-Schwermut bettet. Steht ihm überhaupt sehr gut, die Country-Nähe.

Eine Portion Melodramatik im balladesken Duett-Format mit Lula gestattet sich Bela denn auch, wenn er in "Hab Keine Angst" mal wieder sein Faible für dunkle Lyrics in ein blutsaugendes Finish peitscht. Nicht so wirklich mein Fall, dafür umso mehr die Kooperation mit Charlotte Roche im 60s-Beat-Lacher "1.2.3...", bei dem die TV-Moderatorin den Part der Freundin eines nervenden (Ärzte-) Fans übernimmt. Professor Bela und die Schattenseiten des Ruhms. Vielleicht schreibt er ja in Zukunft noch über seine Erfahrungen mit Fans im Schulalter, wegen denen er seit Jahren zwischen 12 und 14 Uhr nicht mehr einkaufen geht.

Außerdem dabei: bissige Abrechnungen mit deutschen Mutmacher-Kampagnen ("Wiehr thind sssuper") und TV-Müll ("Zappingsong"), sowie schwer Melancholisches aus dem Reich der Liebe ("Sie Hat Was Vermisst", "Irgendetwas Bleibt"), zum Teil mit Streicher-Ensemble veredelt. So überrascht "Bingo" trotz des Wissens um die Leistungen des Ärzte-Schlagzeugers mit einer ungemein abwechslungsreichen Songpalette, schönen Refrains, vielen kleinen Alltagswahrheiten und einer bestens austarierten Mischung aus Klamauk und Ernst (was man noch während des zu flach geratenen Quasi-Openers "Gitarre Runter" kaum glauben mag). So frisch klang Farin jedenfalls zuletzt auf seinem Solodebüt. Und irgendwie bekommt man dann doch wieder Lust auf ein neues Ärzte-Album.

Trackliste

  1. 1. B-Vertüre
  2. 2. Gitarre Runter
  3. 3. Tag Mit Schutzumschlag
  4. 4. Irgendetwas Bleibt
  5. 5. Traumfrau
  6. 6. Letzter Tag
  7. 7. Was Ist Nur Los ..?
  8. 8. 1.2.3... (feat. Charlotte Roche)
  9. 9. Sie Hat Was Vermisst
  10. 10. Der Vampir Mit Dem Colt
  11. 11. Versuchs Doch Mal Mit Mir
  12. 12. Lee Hazlewood & Das Erste Lied Des Tages (Bela B. Und Lee Hazlewood)
  13. 13. Hab Keine Angst (feat. Lula)
  14. 14. Zappingsong
  15. 15. Wiehr Thind Sssuper
  16. 16. Baby Läuft Fort
  17. 17. Traumfrau Again

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