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"Ich mag Sounds, die aus anderen musikalischen Kontexten stammen und ihre eigene Energie und Geschichte mitbringen", erklärt Produzent, DJ und Komponist Amon Tobin seine Passion. Rechtliche Probleme begegnen ihm beim Sampling kaum: "Ich verwende entweder obskure Passagen, die kein Schwein interessieren, oder aber die Stellen sind so stark verfremdet, dass sie ohnehin keiner mehr erkennt." Live-Instrumente sucht man in Tobins Kaleidoskop aus Drum'n'Bass, Hip Hop, Electronica, Jazz-Samples, IDM und wüsten Klang-Experimenten dagegen vergebens.
Am 7. Februar 1972 erblickt in Rio de Janeiro ein Knabe mit dem klangvollen Namen Amon Adonai Santos de Araujo Tobin das Licht der Welt. Allerdings soll er lediglich seine Kindheit unter brasilianischer Sonne verbringen: Im Alter von zehn Jahren verpflanzt ihn der Umzug seiner Familie ins verregnete England. Hier entdeckt er seine Liebe zu Hip Hop, Blues und Jazz und beginnt mit etwa 17 Jahren, mit Sound-Equipment herum zu basteln.
Zwei Jahre später packt Amon die Reiselust: Ihn zieht es in südlichere Gefilde. Nach einiger Zeit, in der er sich unter anderem als Straßenmusikant in Portugal durchschlägt, kehrt er nach Brighton zurück. Über seine ersten Projekte breitet Amon Tobin den Mantel des Schweigens. Mitte der 90er Jahre legt er sich dann aber, inspiriert von einem Roman von Stephen King, den Alias Cujo zu und veröffentlicht nach vier EPs sein erstes Album.
"Adventures In Foam" erscheint 1996 beim Londoner Label Ninebar Records, bringt Amon allerdings keinerlei Reichtümer ein. Aufwärts geht es erst, als Funki Porcini und DJ Food einige seiner EPs in die Hände bekommen und einen Kontakt zu Ninja Tune herstellen, wo man Amon Ende des Jahres unter Vertrag nimmt.
Schon 1997 liegt mit "Bricolage" Amon Tobins Debüt unter eigenem Namen vor. Seine Beats kombinieren Drum'n'Bass, Hip Hop, Jungle und Jazz mit Einflüssen aus Bossa Nova, Blues, Samba und Batucada und offenbaren dabei außerordentliches songwriterisches Talent. Der Nachfolger "Permutation" setzt den eingeschlagenen Weg fort, gerät aber wesentlich dunkler. Kritiker konstatieren mit Recht, dies tauge im Gegensatz zu früheren Werken inzwischen gar nicht mehr zur Hintergrundmusik.
Während der Rest der Welt in Millenniums-Hysterie verfällt, schraubt Amon Tobin konsequent weiter an seinen morbiden Clubsounds. Nicht zuletzt die Unterstützung des Satirikers und Radio-DJs Chris Morris verschafft Rückenwind. Sein 2000 erscheinendes Album "Supermodified" bereitet Zeitgenossen wie Massive Attack und Björk ernst zu nehmende Konkurrenz.
Die Bossa Nova- und Jazz-Klänge von einst weichen beinahe völlig düsteren Electronica. Tiefe Bassfrequenzen, die statt gehört nur noch gefühlt werden können, tragen zum psychedelischen Gesamteindruck bei. Mit Quadraceptor geht in "Precursor" ein Beatboxer aus Montreal mit an den Start. "Chocolate Lovely" findet später in einem Auto-Werbespot Verwendung.
2002 entpuppt sich für Amon Tobin als turbulentes Jahr. Ninja Tunes legt in stark erweiterter Fassung sein Debüt-Album "Adventures In Foam" neu auf. Nach 18 Monaten Arbeit (und einem Umzug nach Montreal) erscheint mit "Out From Out Where" das Album, das den typischen Sound Amon Tobins bisher am deutlichsten widerspiegelt. Seine Breakbeats geraten hier noch dunkler, noch komplexer und, falls überhaupt möglich, noch rhythmischer als zuvor.
Tobin zelebriert seine Besessenheit von Samples (einzelne Tracks enthalten bis zu 80 verschiedene Versatzstücke) sowie von Effektgeräten. Besonders Filter haben es ihm angetan: "Wahnsinn, was man damit alles machen kann." Die in "Verbal" eingesetzten Vocals erhalten nahezu den Charakter eines Percussion-Instruments. Die Fachpresse feiert Amon Tobin als die "Drum'n'Bass-Antwort auf Ennio Morricone".
Im Anschluss an "Out From Out Where" verordnet sich Amon Tobin eine Schaffenspause, in der er jedoch keineswegs untätig bleibt: Es folgen ausgedehnte DJ-Touren. "Ich habe mich immer als Produzent, nicht als DJ gesehen", sinniert er in einem Interview mit der BBC. "Aber ich habe mit dem Auflegen angefangen, weil es mir als meine persönliche Alternative zu Auftritten mit einer Live-Band erschien. Der Großteil meiner Musik besteht darin, von Vinyl zu klauen und daran herumzumanipulieren. Es erschien mir sinnvoll, Musik in dieser Weise zu präsentieren anstatt eine Band auf die Beine zu stellen."
Amon Tobin feilt also an seinen DJ-Skills und entwickelt dabei Begeisterung für Final Scratch, ein Interface, das mit Hilfe zweier spezieller Schallplatten und handelsüblicher Decks die Handhabung von Soundfiles in gleicher Weise wie direkt von Vinyl gestattet: "Das schien wie für mich gemacht", schwärmt er gegenüber soundonsound.com. "Eigentlich wurde es ja als Bequemlichkeits-Tool vertrieben: Du musst deine Platten nicht mehr überall hinschleppen, ein Laptop genügt. Aber mir hilft es dabei, viel persönlichere Sets zu gestalten. Ich brauch' keine Dubplates mehr."
Eines seiner DJ-Sets wird 2004 bei einem Auftritt in Melbourne mitgeschnitten und nur minimal nachbearbeitet im Rahmen der Solid Steel-Serie veröffentlicht. Tatsächlich fehlen aus rechtlichen Gründen lediglich einige Tracks, für die keine Freigabe zu bekommen war.
Im gleichen Jahr erreicht Amon Tobin eine Anfrage des Videospiel-Herstellers Ubisoft. Man wünscht sich einen Soundtrack für die dritte Folge aus der Agententhriller-Reihe "Splinter Cell". "Ich war nie besonders besessen, habe aber schon immer Computerspiele gespielt. Mein Vater hatte einen C64", erinnert sich Amon, der zudem eine Herausforderung nebst ganz neuer Zielgruppe wittert. Zudem hegt er ohnehin ein Faible für Soundtracks: "Meine erste Liebe. Die meisten meiner Alben sind eigentlich Soundtracks, ebenso viele der Platten, die ich kaufe. Ich wollte schon lange einen Soundtrack machen, ich hab' dabei nur nicht unbedingt an ein Spiel gedacht." (Aus einem Interview mit Game Spot)
Nachdem ihm größtmögliche künstlerische Freiheit zugesichert wird, stürzt sich Amon Tobin in enger Zusammenarbeit mit den Entwicklern von "Splinter Cell" in die Arbeit. Das Spiel erscheint im März 2005, der zugehörige Soundtrack "Chaos Theory" folgt wenig später als eigenständige Veröffentlichung bei Ninja Tune. Die Eindrücke reichen von "kolossal und spooky" bis hin zu "finster, blutrünstig und brutal".
Zwischendurch leistet Amon Tobin einen Beitrag zur französisch-österreichisch-ungarischen Filmproduktion "Taxidermia" ("Der Ausstopfer") und ist auf Mike Patton "Peeping Tom"-Album in "Don't Even Trip" beteiligt.
Für sein nächstes Album beschreitet Tobin wieder einmal Neuland. Griff er bisher auf Samples aus seiner ungezügelt wachsenden Plattensammlung zurück, sucht er nun nach neuen Quellen. Mit einem Toningenieur und einem Strauß Mikrofone begibt er sich auf die Jagd und fängt die unterschiedlichsten Alltagstöne ein. Die Spanne reicht von Insekten über fressende Katzen zu Motoren- und anderen Maschinengeräuschen. Bearbeitet und gekonnt arrangiert hauchen diese Klangfetzen dem im März 2007 erscheinenden "Foley Room" Leben ein. Die Vorab-Single "Bloodstone" gewährt einen ersten Vorgeschmack. Auf "Foley Room" sind außerdem das Kronos Quartett, Stefan Schneider und Sarah Pagé zu hören.
Eine Kollaboration mit Doubleclick wirft unter dem Titel "Two Fingers" ihre Schatten voraus.
Foley Room (2007), Chaos Theory (2005), Recorded Live (2004), Verbal Remixes & Collaborations (2003), Out From Out Where (2002), Supermodified (2000), Permutation (1998), Bricolage (1997), Adventures In Foam (1996)
Jeder Versuch einer Beschreibung würde diesen Rahmen sprengen.
http://www.amontobin.com
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25.11.09, 22:10 matze73 |
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