19. Mai 2021

"Damals hat man den Wahnsinn in der Musik gespürt"

Interview geführt von

Dave Wyndorf und seine Band Monster Magnet befanden sich gerade auf Europa-Tournee als die Corona-Pandemie einsetzte.

Die Zwangspause nutze die Stonerrock-Institution Monster Magnet für ein schon länger gehegtes Vorhaben: die Aufnahme eines Cover-Albums. Im Gespräch mit Bandkopf Dave Wyndorf tauchen wir ein in die Welt des Psychedelic-Rock und Proto-Metals der späten 60er und frühen 70er Jahre. Denn darum geht es auf "A Better Dystopia".

Hallo Dave, erreiche ich dich gerade auf dem Monster Magnet-Mutterschiff irgendwo in der 4. Dimension, wo du dich fern vom Wahnsinn der Erde aufhältst?

Dave Wyndorf (lacht): Genau da befinde ich mich gerade, du hast es erfasst.

Wie gehst du damit um, deinen Beruf wegen Corona nicht richtig ausüben zu dürfen?

Das ist schon sehr ärgerlich. Am Anfang hat es mir nicht so viel ausgemacht, weil wir zunächst noch ein bisschen in Europa auf Tour waren. Wir hatten so viel Energie, doch dann wurden wir plötzlich ausgebremst. Die Pandemie hält nun schon über ein Jahr lang an. Als wir Anfang 2020 die Tour abbrechen mussten, hatten wir nach der Rückkehr zum Glück mit der Arbeit an dem Cover-Album zu tun. Die ist jetzt beendet, aber die Situation hat sich nicht verändert. Jetzt sitze ich wieder nur herum und habe nichts zu tun. Mann, ich werde langsam verrückt (lacht).

Wie wichtig war es für euch, in der schwierigen Phase "A Better Dystopia" aufnehmen zu können?

Sehr wichtig. Wir hatten eine großartige Zeit zusammen. Ein Album aufzunehmen, ist viel besser als herumzusitzen und die ganze Zeit Nachrichten zu schauen und auf Social Media verfolgen zu müssen, wie sich die Menschen gegenseitig fertig machen. Manche Leute machen sich einfach zu sehr verrückt. Einige Bands spielen jetzt während der Pandemie diese Internetkonzerte. Das ist einfach nur lächerlich und nichts für mich. Das ist nicht live!

Diese Bands konnten damit sicherlich ein bisschen die Zeit überbrücken und aktiv bleiben. So wie ihr mit "A Better Dystopia". Auf dem Album befinden sich 13 Coverversionen. Ihr habt schon immer gerne Songs gecovert. Das fing schon auf eurem Debütalbum "Spine Of God" mit "Sin's A Good Man's Brother" von Grand Funk Railroad an. Weißt du eigentlich, wie viele Coverversionen du mit deiner Band seitdem eingespielt hast?

Puh, das ist eine gute Frage. Es sind viele, ich habe sie aber nie gezählt. Das sollte ich wohl mal machen.

Ich habe irgendwo gelesen, dass es 17 sind.

Wow, ich habe es schon immer als meine Aufgabe angesehen, die Tradition der Hardrocksongs aus den späten 60er frühen 70er Jahren weiterzutragen. Das ist die Musik, die ich seit meiner Kindheit liebe und die Monster Magnet maßgeblich beeinflusst hat.

Hawkwind und Pentagram kennt man. Was war aber der Grund, hauptsächlich obskure Proto-Metalbands und Psychedelic-Rockbands aus dieser Zeit zu covern?

Zunächst gab es einen einfachen Grund, ein Album aufzunehmen: Wir wollten mit etwas beschäftigt sein. Da ich nach der abgebrochenen Tour aber kein eigenes, neues Material zur Verfügung hatte, dachte ich mir: Das ist jetzt der passende Moment, ein Cover-Album aufzunehmen. Es sollte aber ein cooles Album sein, das Bands Respekt zollt, die nicht jeder gleich kennt und die ihren Anteil daran haben, dass es überhaupt Monster Magnet gibt.

"Mr. Destroyer" von Poobah – was für ein großartiger Song!

Wenn man Bands wie Poobah, Table Scraps oder Jerusalem nicht kennt, könnte man beim Hören denken, es handelt sich um ein ganz normales Monster Magnet-Album. Die Songs besitzen alle diesen coolen Monster Magnet-Vibe.

Das hätte aber niemals funktioniert, wenn ich versucht hätte, Black Sabbath oder Led Zeppelin zu covern. Diese Bands stehen für sich selbst. Ich fand es einfach cooler, ganz tief in meiner Plattensammlung zu kramen und Bands auszusuchen, die ich liebe und die andere Leute vielleicht noch nicht kennen. Ich wollte aus Respekt zum Original nicht zu viel verändern. Das musste ich auch gar nicht, weil ich nur Stücke ausgesucht habe, die nicht zu weit von Monster Magnet entfernt sind.

Mein persönlicher Favorit auf der Scheibe ist "Mr. Destroyer" von Poobah.

"Mr. Destroyer" von Poobah – was für ein großartiger Song, ich liebe ihn! Der ist von 1972. Die Band hätte es eigentlich verdient gehabt, auf einer Stufe mit Black Sabbath zu stehen. Sie ist aber wie so viele andere auch einfach in Vergessenheit geraten. Ich habe mit dem Autor des Songs gesprochen. Er lebt noch und ist ein total netter Typ. Er hat sich sehr darüber gefreut, dass wir seinen Song covern.

Kannst du dich noch daran erinnern, welche von den Bands auf dem Album du als erste live gesehen hast?

Hawkwind während der Spaceritual-Tour. Das muss 1973 oder 1974 in New York gewesen sein. Ich war damals 14 Jahre alt. Das war ein total geiles Konzert. Eins der besten, auf denen ich je gewesen bin. Es war auch eines meiner ersten überhaupt. Davor habe ich noch Slade und Alice Cooper auf seiner Killer-Tour gesehen. Das war auch die Zeit, als ich jede Woche in meinen Lieblingsplattenladen gegangen bin. Ich habe die Schallplatten oft nur nach dem Aussehen des Covers gekauft.

Wie konntest du es dir als Schüler leisten, ständig Schallplatten zu kaufen?

Ich hatte einen Job. Ich habe Zeitungen ausgefahren, zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Ich habe mein ganzes Geld für Schallplatten und Konzerte ausgegeben. Außerdem habe ich nach der Schule in einer Autowaschanlage gearbeitet. Das war allerdings illegal, weil ich noch zu jung dafür war. Damals waren Schallplatten viel billiger als heute. Die Platten haben oft nur ein, zwei Dollar gekostet. Zu dieser Zeit wurden in den Plattenläden plötzlich massig Hardrock und Psychedelic-Rock verkauft. Vorher gab es Pop, The Beatles oder die Rolling Stones. Jetzt konntest du solche Bands wie Led Zeppelin, Black Sabbath, Jethro Tull, Ten Years After oder King Crimson kaufen. Es war die Zeit, als ich mich langsam dem Einfluss meiner Eltern entzog und all diese wunderbaren Bands für mich entdeckt habe. Ich war ganz alleine mit dieser Leidenschaft. Ich habe erst mit 16 einen Kumpel aus der Nachbarschaft kennengelernt, der genauso drauf war wie ich. Mit dem konnte ich Platten tauschen.

"Es ist, als ob ein Nachrichtensprecher auf LSD ist"

Wie konsumierst du heutzutage Musik?

Ich gehe nicht mehr so oft in einen Plattenladen wie früher. Durch das Internet hat sich auch vieles verändert. Es gibt kaum noch Überraschungen, wenn du in einen Plattenladen gehst. Du kennst schon alles, weil über alles geschrieben wird. Zu meiner Kindheit gab es drei Rockmagazine, zwei davon kamen aus England. Da gab es keine Promotion oder Besprechungen vor der Veröffentlichung des Albums. Es wurde auch nur über die großen und bekannten Bands berichtet. Wenn man in einen Plattenladen gegangen ist, war dies wie auf einer Schatzsuche.

Wie viele Schallplatten hast du in all den Jahren gesammelt?

Ich habe irgendwann damit aufgehört, Platten zu kaufen. Ich hatte einfach nicht mehr genug Platz bei mir zu Hause und wollte keine verkaufen. Das letzte Mal, als ich meine Platten gezählt habe, war das Anfang der 90er Jahre. Da waren es ein wenig mehr als 10.000 Stück auf Vinyl. Meine CDs habe ich nie gezählt.

Kommen wir zurück zum aktuellen Album. Am Anfang ist ein längerer Monolog zu hören. Um was geht es da?

"The Diamond Mine" ist die Einführung zu einer Radioshow von einem Sprecher namens Dave Diamond aus dem Jahr 1967 oder 1968. Der hatte einmal in der Woche seine Show "The Diamond Mine", in der er Psychedelic Rock-Sachen gespielt hat. Wenn du dir genau anhörst, was er sagt, ergibt das eigentlich gar keinen Sinn. Es hört sich aber irgendwie cool an. Es ist, als ob ein Nachrichtensprecher auf LSD ist. Damals haben sich fast alle Rockmusiker in den psychedelischen Gefilden aufgehalten. Und dieser DJ hat sie alle gespielt.

Warum heißt die Platte eigentlich "A Better Dystopia"?

Durch die Pandemie befinden wir uns gegenwärtig in einer Krise. In den Nachrichten habe ich deswegen häufiger das Wort Dystopie gehört. Diese Reaktion finde ich ein wenig panisch. Es gab schon einmal eine Zeit, in der ich dieses Wort gehört habe. Und zwar als ich noch ein Kind war. Damals waren die USA im Vietnam-Krieg involviert, und der Kalte Krieg bereitete den Menschen große Angst. Die Gefahr eines nuklearen Krieges war gegenwärtig. Es war die Zeit, als Charles Manson sein Unwesen trieb und es ständig Ausschreitungen auf den Straßen gab. Es hat also schon zwei Phasen in meinem Leben gegeben, von denen die Medien erzählt haben, es sei das Ende der Welt gekommen. Ich habe mir dann die Frage gestellt, welche der beiden Zeitabschnitte hatte den cooleren Soundtrack? Wann gab es von der Pop-Kultur die bessere Antwort auf die Zustände? Heute oder damals? Meiner Meinung nach war der kulturelle Output in den späten 60er und frühen 70er Jahre viel höher und bei weitem cooler. In den zurückliegenden drei, vier Jahren hat es in der Popkultur keine einzige gute Band und kein einziges gutes Album gegeben. Die Bands sagen sich immer nur: "Oh mein Gott, ich muss Geld verdienen und ein Online-Konzert geben." Damals hat man die Paranoia und den Wahnsinn der Zeit in der Musik gespürt. Deswegen war das damals sozusagen eine bessere Dystopie. So erklärt sich der Albumtitel "A Better Dystopia".

Zum Abschluss habe ich noch eine ganz persönliche Bitte. Könntest du dich vielleicht dafür einsetzen, dass es von eurem Album "Monolithic Baby" endlich mal eine Vinyl-Neuveröffentlichung gibt? Die LP wird derzeit bei discogs für 1.000 Euro gehandelt.

Das ist natürlich absoluter Wahnsinn. Das Album kam damals auf SPV raus. Das Label ist dann allerdings schon vor längerer Zeit bankrott gegangen. Mittlerweile haben Napalm Records die Rechte an unseren alten SPV-Alben erworben. Ich habe mit den Jungs vor ein paar Monaten gesprochen und sie haben mir gesagt, dass es bald Wiederveröffentlichungen dieser Platten geben wird.

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5 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Monster Magnet sind einfach so eine geile Band! Und live immer wieder eine Macht! Und ja...Monolithic Baby und 4-Way Diablo wären als Re-Release echt ein Hammer. Zumal die ja leider auch auf den diversen Streaming Plattformen nicht vertreten sind...

    • Vor 4 Monaten

      Bin auch ein großer Fan. Gibt eigentlich nicht viel, was die besonders aufregend machen. Aber ihre Attitüde ist einfach unvergleichbar. Und "Dopes To Infinity" ist unhaßbar.

    • Vor 4 Monaten

      Manchmal reicht es ja schon, genau passend, authentisch und gut sein Ding zu machen. Analog zu zb den Deftones, auch wenn unsere Meinungen da divergieren ;) Erzwungene Innovation hingegen kann oft einfach nur lärmig sein.

  • Vor 4 Monaten

    Super Typ, sollte klar sein.
    Finde immer noch schade, dass sie Psychedelic Sounds ab der Powertrip fast komplett rausgeschmissen haben (Last Patrol ausgenommen), auch wenn sie auf jeder Platte immer ein paar überragende Songs hatten.
    Gibt leider viele Leute, die nur Space Lord kennen und die Band deshalb für irgendeine random Bikerrockband halten.

    Dass sie nie die Innovativsten waren, geschenkt und vor allem scheißegal, so lange es nicht GVF Gefilde rutscht, wo man Original und Kopie kaum auseinanderhalten kann und das Songwriting einfach stark ist.

  • Vor 4 Monaten

    Alles, was er sagt: TRUE. Period!

  • Vor 4 Monaten

    Kleine Anekdote: Monolithic baby hatte ich damals auf Vinyl direkt beim Release gekauft. Kurz danach war ich auf einem Konzert im Dortmunder Soundgarden und fand das Konzert so schlimm, das ich die LP ungehört verkauft habe. Ich habe danach jahrelang kein MM mehr gehört. Heute liebe ich die Band (wieder) und habe Monolythic vor nem Jahr auf der Dortmunder Plattenbörse aus einem Fach gefischt - zwar für 50€, aber diesen kleinen Aufpreis war es mir wert. Auf ein Livekonzert von MM würde ich aber trotzdem auch heute tendenziell eher verzichten.

  • Vor 4 Monaten

    Live waren die immer Hit or Miss (abhängig von jeweiligen Phasen und vom Gesundheitszustand und Drogenkonsum vom Herr Wyndorf). Ich habe sehr geile Konzerte gesehen und auch sehr schlimme...