23. August 2017

"Wir müssen unsere Musik nicht politisieren!"

Interview geführt von

Klimawandel, ewig pubertierende US-Präsidenten und Atomkraft all around the planet. Und auch bei Mogwai gibt es das eine oder andere Wehwehchen zu beklagen: Nach 20 Jahren Mitgliedschaft hat Gitarrist John Cummings das Handtuch geschmissen.

Aber kein Grund zur Sorge: Auf ihrem achten Studioalbum "Every Country's Sun" ertönen Mogwai so extrovertiert und kratzig wie schon lange nicht mehr. Warum das so ist, warum Post-Rock keine Politik braucht und warum das Getränkeangebot in den Abbey Road Studios sie bis heute überzeugt, erklärten uns Gitarrist Stuart Braithwaite und Schlagzeuger Martin Bulloch beim kurzen Schlagabtausch in der Hauptstadt der Bundesrepbulik.

"Every Country's Sun". Leben wir nicht alle unter ein und derselben Sonne?

Martin Bulloch: Manche Leute glauben das nicht. Manche Leute glauben, dass jedes Land eine eigene Sonne hat.

Ist das eine Anspielung auf den allseits wiedererstarkenden Nationalismus?

Stuart Braithwaite: Vielleicht auch. Es ist natürlich ein relativ alberner Titel, viele anderen waren wesentlich dunkler. Aber ich denke es ist schon mogwaiesk.

Andererseits war die ganze Sonnen-Thematik auch schon Teil der "Atomic"-Präsentation. Hängt das zusammen?

SB: Nicht wirklich. Für "Atomic" hatten wir nur eine begrenzte Auswahl an Bildern aus dem Film, die wir verwenden durften. Und das erschien uns eben am repräsentativsten.

MB: Tatsächlich wurde diese Grafik auch vielfach verwendet, teilweise auch von anderen Bands, ein ziemlich beliebtes Motiv also.

Wie geht man ein neues Album an, nachdem ein Gründungsmitglied die Band nach 20 Jahren verlassen hat?

SB: Nicht wirklich anders als sonst, um ehrlich zu sein. Ohne jetzt John [Cummings, ehem. Gitarrist] gegenüber respektlos zu sein, aber wir haben einfach weitergemacht wie bisher. Und wenn man es genau nimmt, war er ja nicht einmal ein Gründungsmitglied. Klar, er war ein Teil der Band, aber sein Ausstieg war jetzt wirklich kein großes Thema für uns. Überhaupt nicht.

"Every Country's Sun" ist ein wesentlich extrovertierteres Album, gerade im Vergleich zu den letzten beiden Releases. Der laute, knarzende Sound grenzt sich extrem von Barrys prägnanten Synthesizer-Motiven auf "Rave Tapes" und "Atomic" ab. Wieso der Strategiewechsel?

SB: Puh, das musst du vermutlich Barry fragen. Um ehrlich zu sein glaube ich, es liegt auch einfach an der Songwriting-Balance. Barry hat die meisten Songs auf "Rave Tapes" geschrieben, diesmal kommt auch wieder etwas mehr von mir.

MB: Ich denke die Elektronik macht noch immer große Teile des Albums aus, ist aber häufiger unter den harten Sounds versteckt.

Man hört das ja teilweise auch in Tracks wie "Brain Sweeties", wo sich Elektronik und Gitarren exakt die Waage halten.

MB: Genau. John hat früher auch einiges komponiert und ich denke mit seinem Ausstieg wurden wir uns bewusst, dass wir jetzt selbst mal mehr raushauen müssen. Man braucht ja überhaupt erst mal genug Songs für ein Album.

Also kommt ihr dann mit fertigen Ideen oder Riffs ins Studio, oder sind Teile des Albums auch über Jam-Sessions entstanden?

SB: Nicht wirklich Jams, aber es ist schon so, dass meine Tracks anfangs wirklich eher nur die Ideen sind, derer sich die ganze Band annimmt. Barry bringt eher fertig durchkomponierte Sachen mit, Dominic [Aitchison, Bassist] auch, aber in der Regel nur Gitarren- und Bassspuren. Wir arbeiten alle unterschiedlich und kommen dann einfach nach einer Weile als Band zusammen.

Im Studio oder im Proberaum?

SB: Unterschiedlich, aber durchaus auch im Studio.

Also geht ihr auch schon mal ohne durchkomponierte Pre-Productions in Studio?

MB: Ja, auf jeden Fall. Im September haben wir vieles vorab aufgenommen, aber auch nur um unsere Ideen in etwa zu bündeln. Wir waren wesentlich vorbereiteter als zum Beispiel für "Rave Tapes". Da wurde wirklich vieles im Studio zusammengekloppt. Das muss nicht sein.

"Wir brauchen keine fünf Leute mehr in der Band!"

Ihr habt zum ersten Mal seit 15 Jahren mit eurem Produzenten Dave Fridmann gearbeitet. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

MB: Es tat einfach gut, auch mal wieder außerhalb von Glasgow aufzunehmen. Wir haben so viele Alben im Castle Of Doom aufgenommen, und vermutlich haben wir diesmal einfach eine gute Ausrede gesucht, es nicht zu tun. Darum sind wir zu Dave in die Staaten. Seine Studios liegen mitten in den Wäldern. Upstate New York, ziemlich abgelegen.

Also eine Isolation, die das Album auch musikalisch beeinflusst hat?

SB: Ich denke Isolation ist ein großer Teil davon. Du setzt dich natürlich bewusst unter Druck, es ist ein großer Aufwand, die ganze Band nach Amerika zu fliegen. Auch wenn wir früher schon mit Dave gearbeitet haben, eine andere Umgebung ist auch immer eine ganz andere Art von Druck.

Also ist euer Castle Of Doom-Studio nicht wirklich abgelegen?

MB: Es ist mitten in Glasgow, ergo nein.

Gemastert wurde die Platte in den Abbey Road Studios. Gibt euch der legendäre Spirit dort etwas?

MB: Wir mastern ja schon ewig da, auch immer beim selben Typen.

SB: Guter Kaffee.

MB: Hm?

SB: Warst du jemals da?

MB: Nee, ich war nie dabei, glaube ich.

SB: Die haben verdammt guten Kaffee.

Dennoch ist der Sound diesmal wieder so anders. "Rave Tapes" hatte den vielleicht organischsten und vor allem aufgeräumtesten Post-Rock Sound seit langem, "Every Country's Sun" knarzt und rumort lebendiger denn je. Wie verbindet ihr so etwas live?

MB: Na ja, im Grunde haben wir genau das ja gerade beim Primavera getan. Wir sind mittlerweile ziemlich gut darin, unseren Sound zu kontrollieren. Klar, zu den "Atomic"-Shows wird man den Unterschied jetzt schon merken, da liegt dann natürlich hin und wieder auch mal ein Sample auf meinen Drums, viel Zerrer und Reverbs. Aber ansonsten ist uns das noch immer gut gelungen. Ich bin da auch nicht so penibel, dass jetzt jede Tom immer exakt so wie auf Album XYZ zu klingen hat.

SB: Das wäre ja auch unmöglich. Wobei mir Barry da jetzt vermutlich widersprechen würde.

Ihr habt gerade schon das Primavera Sound Festival erwähnt. Anfang Juni habt ihr dort einen Überraschungsgig hingelegt und das neue Album in Gänze gespielt. Wie kam das zustande? Wolltet ihr einfach sehen, wie viel Leute bei so einer spontanen Aktion reinschauen?

SB: Sie haben uns gefragt. So einfach ist das. Wir mussten uns tatsächlich ein bisschen bequatschen lassen, denn wir waren gar nicht so überzeugt. Eigentlich waren wir auch noch nicht überzeugt, als wir auf die Bühne gingen. Denn klar, du weißt nie, wie viele Leute kommen, du weißt nie, was die Leute eigentlich hören wollen.

MB: Die Leute beim Primavera waren immer cool zu uns. Aber klar, wenn du ein paar Jahre nicht am Start bist, weißt du nie, was die Menge erwartet.

Normalerweise spielt ihr nur selten neue Songs vor ihrem Erscheinen. Fürchtet ihr Taper bei euren Shows?

SB: Ich denke, da kann man heutzutage eh nichts mehr gegen tun. Das Primavera war eine spontane Sache und so lange vor dem Albumrelease, dass wir uns da keine Gedanken gemacht haben.

Also ist es für euch cool, wenn sich eure Hörer YouTube-Videos in schlechter Qualität reinziehen?

SB: Empfehle würde ich es keinem, aber ich kann ihren Enthusiasmus ja durchaus teilen.

Alex Mackay ist euer dauerhaftes neues Live-Mitglied. Gibt es Gedanken, ihn fest in die Band zu integrieren? Oder ist die Verbindung zwischen euch vieren so alt und stark, dass ihr kein neues Ungleichgewicht riskieren wollt?

SB: Ich denke, wir brauchen keine zusätzliche Person in der Band. Alex ist super, aber er macht seine eigene Musik und das ist cool so. Es braucht keine fünf Bandmitglieder in Mogwai.

Also habt ihr einige Gitarren-Overdubs auf der Platte?

SB: Ja, schon, klar.

Das heißt live wird es dann auch ein paar Songs ohne Synthesizer geben, wo Barry ebenfalls Gitarre spielt?

SB: Ja, genau. Wobei nicht komplett ohne, Alex spielt ja auch Keyboard.

"Wegen des Titels eines bestimmten Mogwai-Songs wird die Welt kein besserer Ort."

Ihr seid bekanntlich keine großen Fans der Vokabel "Post-Rock". Dennoch dürfte euch klar sein, dass die Sparte in der letzten Dekade von Unmengen an neuen Bands geflutet wurde. Wie fühlt es sich an, als legendäre Band betrachtet zu werden?

SB: Klar klingt es toll, als legendäre Band angesehen zu werden. Aber um ehrlich zu sein, ich kann dazu nicht viel sagen, ich höre selbst nicht viel neue Musik, erst recht keinen instrumentalen Rock. Es ist zu viel. Aber ja, wenn Leute uns so sehen wollen, ist doch cool.

Lässt es sich mit dem Wissen im Hinterkopf genauso unbeschwert und locker wie bisher musizieren?

SB: Ja, auf jeden Fall.

Derselbe Ansatz wie noch 1997?

SB: Absolut. Wir haben angefangen, bevor diese Musik irgendeinen Namen hatte. Und haben damals genauso unser eigenes Ding gemacht wie heute, ohne zu sehr über die Kategorisierung nachzudenken.

Zu anderen Themen habt ihr teils deutlichere Meinungen. Insbesondere du und Barry seid leidenschaftliche Twitter-User.

SB: (Kichert)

Oft geht es um Politik, speziell um europäische Politik. Wie erhaltet ihr die Grenzen zwischen der Band und euren persönlichen Handlungen und Meinungen aufrecht? Oder habt ihr sogar schon darüber nachgedacht, eure Musik selbst zu politisieren?

SB: Ich wüsste nicht, wie man das als instrumentale Band machen sollte.

Über Songtitel?

SB: Da haben wir ja auch ein bis zwei Beispiele.

"Grand Square Thatcher Death Party"?

SB: Ja, das könnte man durchaus anführen (lacht). Ich glaube, die Welt wird kein besserer Ort, nur wegen des Titels eines bestimmten Mogwai-Songs. Ich schätze, viele unserer Hörer haben absolut gegensätzliche, weniger sozialistische Meinungen als wir, und das ist doch auch okay. Musik ist zum Genießen da. Keine Ahnung. Ich denke aber auch, dass gerade "Atomic" schon eine sehr konkrete Ansage enthielt.

Aber wenn ihr keine Instrumentalband wärt, sondern eine mit Texten und Gesang, würdet ihr das immer noch scharf trennen?

SB: Das ist jetzt schon sehr hypothetisch, haha.

Es geht nur darum, was ihr generell davon haltet, Politik und Musik als Kunstform zu vermischen.

SB: Klar. Wenn man gut darin ist. Wenn es funktioniert. Bikini Kill, Public Enemy. Wir alle lieben Public Enemy!

Danke Stuart, danke Martin!

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 3 Jahren

    ...mogwei who? xD

    Weiß nicht, ob's nur an der Transkription liegt, aber beim Thema "Ausstieg von John" wirkt vor allem Stuart sehr mystisch, an der Grenze zur Verbitterung, gerade auch durch das an späterer Stelle angefügte "Es braucht keine fünf Bandmitglieder in Mogwai". Nur um dann kleinlaut auf's bohren zu reagieren, dass man zumindest auf das Mehr an Gitarrenspuren in einem über die Jahre gewachsenen 2-Gitarren-Bandkonzept auf der neuen Aufnahme dann doch nicht verzichten kann/mag.

    ...auf knarziger/organischer/lebendiger warte ich bei mogwei who? xD jetzt auch schon fast wieder 11 Jahre (ohne die Alben in der Zwischenzeit scheiße zu finden, sollte klar sein). Sollen Stuart und Wegbegleiter ihren Frust ruhig wie gewohnt ohne Worte, dafür mit witzig absurden sowie kryptischen Alben- und Songtiteln und in erster Linie musikalisch verarbeiten.
    Mehr Rock Action als auf ihrem gleichnamigen Album, gerne mehr erdrückende Verzweiflung wie auf Mr. Beast und weniger harmonischer Feinklang wie auf The Hawk is howling, mehr beklemmende (Synth-)Soundscapes wie bei Atomic und weniger eingängige "Barrys toller Furzton-Synth!"-Catchyness als auf Rave Tapes.