laut.de-Kritik

Alles schreit nach Urknall.

Review von

Eigentlich ist es unmöglich, über ein Mogwai-Album in ansprechender Form zu schreiben. Normale Wörter oder Satzkonstruktionen reichen kaum aus, um den musikalischen Schichtungen gerecht zu werden. Außerdem, ihr wisst schon: Über Musik zu schreiben, ist wie ... und so weiter. Doch genau dieses Aufeinanderprallen offenbart eben auch Chancen des Austauschs und der Analyse.

"Atomic", das neue Mogwai-Monster - ein Portal in eine andere Welt, einer wabernden Leerstelle gleich leuchtet die tief orange brennende Sonne vom Cover. Wir tauchen kopfüber ein in diesen fremden, non-verbalen Kosmos, den wir versuchen wollen, greifbar zu machen: Ein Unternehmen, das zum Scheitern verurteilt ist.

Dies offenbart bereits das Intro "Ether", das zunächst zärtlich umschmeichelt. Eingangs zittert ein dezentes Glockenspiel, das alsbald von brüchigen Streichern umzogen wird, die uns viel eher an Sigur Rós als an die klassischen Mogwai erinnern. Der Auftakt klingt seltsam harmonisch, fast schon kitschig, aufdringlich schön. Aber so richtig traut man der vermeintlichen Idylle nicht - alles schreit hier irgendwie nach Urknall.

"Scram" beginnt erneut bei Null, wieder in der Stille. Es gibt keinen künstlichen Übergang, sondern einen kaum merklichen Bruch. Wo zuvor organische Sounds dominierten, kratzt und beißt es jetzt dystopisch, elektronisch. Ein Hauch von Kraftwerk kommt auf, verfliegt aber sogleich wieder, während sich der Song für Mogwai typisch in Loops aufschichtet und eine Soundspur über die nächste schmiert.

Dann wieder: Stille. "Bitternes Centrifuge" beginnt mit wildem Rauschen, ein Soundbrett vor dem Kopf. Der Hörer muss sich in diesen Song hineinkämpfen, erst dann schält sich aus der Destruktion angedeutete, dunkle Harmonie, die in der zweiten Songhälfte wütend dramatisch zu kreisen beginnt, um schlussendlich zu implodieren.

"Atomic" ist kein Konzeptalbum, das die Songs ineinander verzahnt oder eine geradlinige Geschichte erzählt. Im Gegenteil: "Atomic" ist absolut nicht-linear. Die Songs stoßen sich voneinander ab, jeder funktioniert für sich alleine in seiner eigenen Umlaufbahn. Mogwai erzählen zehn voneinander getrennte Stories, die an unterschiedlichen Punkten anknüpfen und nur punktuell dieselben Diskurse streifen bzw. nur in den allgegenwärtigen Stilmitteln der Schichtung und Loops zusammenfinden.

Das Format Album hält die einzelnen Atome irgendwie zusammen und wird dann doch zum abstrakten Klangkörper. So entsteht eine fast kosmische Platte, deren Stimmung so dicht ist, dass man sie schneiden möchte. "Pripyat" wird zum massiven Höhepunkt, ein magnetischer Ausschlag in alle Richtungen. Die Komposition kommt einem Mahlmstrom gleich, der alles in sich aufsaugt. "Pripyat" ist dunkel, groß, bedrohlich, ein echtes Alien, eine künstliche Intelligenz.

Überhaupt erinnern weite Teile von "Atomic" an den den Geist einer tiefschwarzen Science Fiction-Reflektion im 80er Jahre-Blade Runner-Gewand. Das Album erinnert in seiner raumgreifenden Offenheit immer wieder an Filmmusik - und dieser Eindruck täuscht nicht: Die Platte knüpft direkt an den Mogwai-Soundtrack zu Mark Cousins gleichnamigen Archiv-Film an. "Die Prämisse war zunächst, Musik zu machen, die gut zu dem Film passt. Wir haben dann aber angefangen, daraus ein Album zu entwickeln und haben weiter mit den Grundlagen gearbeitet, mehr Musik eingespielt und diese stetig erweitert", erklärte Gitarrist Stuart Braithwait unlängst.

Aufschichtung, schon klar. Das sind die Sphären in denen sich Mogwai bewegen, ohne die entsprechenden Zitate und Verweise wirklich auszuformulieren. Denn "Atomic" erklärt nichts. Es gibt weder ein ultimatives Sinnangebot noch eine irgendwie geartete Auflösung. Alles überlagert sich in Wellen von Musik, die in der Mitte der Platte kaum noch greifbar werden. Erst "Weak Force" führt das Werk konzentriert zurück in irdische Gefilde.

Überhaupt scheint die zweite Hälfte der Platte den kleineren Geschichten gewidmet zu sein, darauf verweisen zumindest Songtitel wie "Little Boy", "Are You A Dancer" und "Fat Man". Und tatsächlich klingt "Little Boy" zunächst wirklich kleiner, fast wie ein normales Stück Rock - ehe dann zum Songende eine herzzereißend, komplett überdrehte Kirchenorgel einsetzt, die umgehend aus der angedeuteten Lethargie reißt.

Und da wird wieder deutlich: Mogwai ist nicht zu trauen. Die Schotten legen nur zu gerne falsche Fährten aus, in denen man sich verfängt und der Band vollends ausgeliefert ist. Aber diese Momente sind es eben auch, die Mogwai in Höchstform zu einer so wichtigen, weil total losgelösten Band machen.

Und trotzdem hat "Atomic" einige wenige Schwachstellen: "Are You A Dancer" ist das harmloseste Stück der Platte und fällt mit seltsamem Folklore-Charme ab. "Fat Man" beendet die Reise und entlässt von Pianospuren begleitet wieder in die normale Welt. Der Abschluss wirkt beinahe wie eine komprimierte Fassung der restlichen Scheibe - unfassbar, melodiös, kreisend, ausbrechend.

Am Ende erweist sich "Atomic" als ein Album, wie man es nur selten zu hören bekommt. Irgendwie analog, irgendwie angestaubt, aber keinesfalls nostalgisch. Klar, da sind elektronische, elektrifizierte Spuren, aber größtenteils entziehen sich Mogwai dem digitalen Diskurs.

Viel eher klingen sie denkbar organisch, beinahe naturalistisch, ohne übertrieben verklärt oder romantisch zu wirken. Dieses Muskelspiel zwischen aufgezeigter Härte, beinahe pompösem Größenwahn und fast zärtlich zerbrechlichen Sequenzen bleibt einzigartig und wird auf "Atomic" nahezu in Perfektion aufgeführt.

Trackliste

  1. 1. Ether
  2. 2. Scram
  3. 3. Bitterness Centrifuge
  4. 4. U-235
  5. 5. Pripyat
  6. 6. Weak Force
  7. 7. Little Boy
  8. 8. Are You A Dancer?
  9. 9. Tzar
  10. 10. Fat Man

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13 Kommentare mit 41 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    Ich finde Mogwai einfach klasse, auch wenn sie mir Live das Gehör zerstört haben. Schon jemand reingehört?

    • Vor 4 Jahren

      Nee, erst noch vollmündig vor paar Wochen selber angekündigt, dann letzte Woche glorreich verpennt, wie scheinbar alle anderen üblichen Verdächtigen auch :D

    • Vor 4 Jahren

      Absolut. Muss nachgeholt werden.

    • Vor 4 Jahren

      Ich als üblicher Verdächtiger, wenn es um Mogwei who geht, habe dem Release von Anfang an nur wenig enthusiastisch entgegen geblickt, da ihre letzten Soundtrack-Ausflüge für mich nie über ein "ganz nett" hinaus kamen.

    • Vor 4 Jahren

      Ich finde die Rezension liest sich interessant, aber sehr überenthusiastisch. Ich werde es mir auf jeden Fall in Ruhe anhören. Habe nicht alle Soundtrack Ausflüge Mogwais allergenaustens verfolgt. Les Revenants hat mir allerdings sehr gut gefallen.

  • Vor 4 Jahren

    Fanboi-Wertung des Redakteurs, aber damit täte sich wohl jeder Mogwai-Liebhaber genauso schwer ;)

    Ja, weiß nicht. Bin da eher reserviert. Mogwai können Soundtrack und Mogwai können Album. "Les Revenants" zündete bei mir aber tatsächlich erst, nachdem ich die Serie gesehen hatte. (Und dann war ich enttäuscht, dass sie die leicht ausgedünnte Serien-Version von "We're no here" nicht auf den Soundtrack packten... Gehört zu meinen Lieblingsstücken).

    Bin gespannt, ob sie das "Unsere Soundtracks funktionieren jetzt auch ohne begleitendes Medium"-Dingens jetzt tatsächlich perfektioniert haben. Auf "Les Revenants" blieben sie ja oft recht vage, haben die angerissenen Ideen zum Ende hin höchstens mal voll instrumentiert ausgespielt, aber den Songs kaum echte Entwicklung oder Veränderung gegönnt.

    Wenn der Gedanke des Weiterspinnens der Soundtrack-Ideen hier also konsequenter geglückt ist, kann ich es vielleicht tatsächlich als "echtes" Mogwai-Album betrachten.

    • Vor 4 Jahren

      schaue gerade die zweite staffel von "les revenants" und bin ungefähr bei der hälfte. lohnt es sich die restlichen folgen noch zu schauen? der plot langweilt mich immer mehr und ich habe das gefühl dass es ein lost-ähnliches serienfinale geben wird oder eins bei dem wichtige fragen mit noch mehr fragen beantwortet werden.

    • Vor 4 Jahren

      Ich hab's zu Ende geschaut (Lost habe ich nie geschaut, aber via Internet so bissl was mitbekommen).

      Das soll jetzt keinesfalls was zur Qualität sagen, aber wenn "Breaking Bad" als Kernthema "Konsequenz" abhandelt, dann tut "Les Revenants" dies mit dem Thema "Akzeptanz".

      Die Serie zwingt einen schon, unheimlich viel zu akzeptieren, um sie bis zum Ende schauen zu können. Wenn es Mitte der zweiten Staffel schon nicht mehr gelingt mit der Akzeptanz, dann steig jetzt lieber aus... Man könnte auch sagen, die Autoren muten einem zum Ende hin immer mehr zu - dafür scheint aber recht eindeutig, dass dieser Plot/diese Plots nach der zweiten Staffel nicht weitergeführt werden.

      Und Fragen bleiben dennoch mehr als genug. Wo wir wieder beim Thema "Akzeptanz" wären. Komische Serie. Bin stellenweise begeistert, stellenweise angepisst.

    • Vor 4 Jahren

      evtl sagen dir die früheren sachen mehr zu? schon mal die singles oder mr beast gecheckt?

    • Vor 4 Jahren

      I'm a full-fledged member of Mogwai Young Team since 1998, bitch!

      Sollte nach über 7 Jahren rumpöbeln auf laut.de klar sein, ne? ;) Alles auf Vinyl, was bisher auf Vinyl zu haben war, Rest in Silberscheiben. Fanbrille: Purpur.

    • Vor 4 Jahren

      Meint ihr die Franzmann-Serie oder das Ami-Remake? (da fand ich die erste Staffel schon vergessenswert)

      Ansonsten denke ich bei Mogwai an das grandiose Spiel "Life is Strange" (Kids Will Be Skeletons) mit einem Indie-Soundtrack, dem selbst ich als Genrefremder etwas abgewinnen kann :)

    • Vor 4 Jahren

      @django das französische original

      @pseudologe ich wollte eigentlich nur wissen, ob das staffelfinale noch sehenswert ist, aber irgendwie bin ich doch noch angefixt. hab auch mal nachgeschaut, es sind noch drei folgen, also werde ich mir den rest mal noch zu gemüte führen

    • Vor 4 Jahren

      Das französische Dingens. Da kam nämlich in Staffel 1 schon richtig Atmosphäre auf. Und die Bilder! Hatte hier und da was von spätem von Trier.

      Bin versehentlich mal eine Folge an das Ami-Remake geraten... Startet statt mit Mogwai-Mucke erst mal mit nem beschwingten College-Rock Sample. Sagt alles über die Quali des Remakes, finde ich.

    • Vor 4 Jahren

      Die Mogwai finde ich - als Genrefremder - auch gut, habs mir wegen besagtem Spiel geholt :D
      Fandest du die fünfte Staffel auch die schwächste @ Django?