laut.de-Kritik

Griffig-rastloser Indierock trifft auf feinste Lyrik.

Review von

"Wie viel hat mit unserer menschlichen Natur und wie viel mit Erziehung zu tun?" Diese Frage stellt sich Paul Smith und sorgt auf dem neuen Maximo Park-Album beinahe für einen philosophischen Überbau. Anthropologie spielt im weitesten Sinne die Hauptrolle, da der Frontmann sein Leben reflektiert, evoziert von seiner vierjährigen Tochter. Etliche Songs sind ihr gewidmet, auf "Feelings I'm Supposed To Feel" samplet er sie sogar. Im Gegensatz zum politischen Vorgänger "Risk To Exist" steht uns also ein äußerst persönliches Machwerk gegenüber. Verändert sich dadurch der Sound oder bleibt alles wie gehabt und wir werden am Ende ebenfalls "Nature Always Wins" konstatieren?

Das hehre Ziel eines Künstlers liegt stets darin, wandelbar zu sein und frisch zu klingen, auch nach etlichen Jahren im Geschäft. Einen erzwungenen Wechsel durchlief die Band vor zwei Jahren, als Keyboarder Lukas Woller nach Australien auswanderte. Als Ersatz holte man sich Produzent und Songwriter Ben Allen (Animal Collective, Deerhunter) ins Haus. Seinen Einfluss hört man auf "Nature Always Wins" an diversen Stellen, wenn verspielte und ungewohnte Elemente auftauchen.

Das leicht übersteuerte "Partly Of My Making" stößt die Tür zum Album kraftvoll auf mit trockenen Riffs und Streichern, während Smith über körperliche Veränderungen und das Älterwerden sinniert. "Versions Of You" knallt im Anschluss einen klassischen Hit der Band aus der Hüfte; der Refrain ist schwungvoll, die Strophen melancholisch. Im vergnügten "Baby Sleep" parliert er über durch Schlafentzug entstandene Alltagsverzerrung. Beide Songs drehen sich um seine Tochter, genauso wie das ruhige und sehnsuchtsvolle "Feelings I'm Supposed To Feel" samt Field Recordings.

Das mitten in "Nature Always Wins" versteckte "Meeting Up" stellt eines der Glanzlichter aufgrund seiner besonderen Aura dar. Lange Orgelklänge, eine mysteriöse Atmosphäre, viel Hall und Smiths betont tiefe und ruhig gehaltene Stimme versprühen einen hypnotischen Charme. Maximo Park ziehen sich hierbei eine 80er Jahre-Wave-Jacke an, die an die früheren Soft Cell erinnert und gepaart mit Zeilen über die Gegenüberstellung des vergangenen und jetzigen Ichs ergibt das eine ungeheure Intensität.

Leider fallen die Briten oft in alte Verhaltensmuster zurück. Griffig-rastloser Indie-Rock, der alte Fans zufrieden stellt und in Alternative-Discos sicherlich die Tanzflächen füllt. Das macht zuweilen Spaß (besonders "All Of Me"), bleibt jedoch die gewohnte Kost und nicht spannend genug. Das hervorragende Songwriting hilft da nur bedingt, auch wenn die Band in "Why Must A Building Burn" die Brücke zum letzten Album schlägt und gesellschaftskritisch über den Brand im Londoner Grenfell Tower sowie den Anschlag im Bataclan singt oder in "The Acid Remark" süffisant über eine flüchtige Romanze erzählt: "On a side street in a German town / My lack of bravery let me down / A French kiss in a German car / English reserve only gets you so far."

"Child Of The Flatlands" ist dann ein Substrat des ganzen Albums, ein famoser Indie-Track mit cineastischem Anstrich, vielen Rhythmuswechseln und weichen Synthies. Smiths wehmütige Lyrics über seine Jugend und die sich zum Nachteil verändernde Welt sorgen für einen versöhnlichen Abschluss, bei dem man sich fragt, warum sie solche Songs nicht öfter machen.

Wir konstatieren: "Nature Always Wins"! Selten war ein Albumtitel so treffend. Auch hier gewinnt die Natur, da sich Paul Smith und Co. musikalisch nur stellenweise aus ihrem sicheren Kokon schälen und Neues wagen. Sie bleiben in ihrer DNA verhaftet. Textlich verwöhnen uns die Briten wieder einmal und zeigen, wie viel prachtvolle und poetische Lyrik in ihnen steckt.

Trackliste

  1. 1. Partly Of My Making
  2. 2. Versions Of You
  3. 3. Baby Sleep
  4. 4. Placeholder
  5. 5. All Of Me
  6. 6. Ardour
  7. 7. Meeting Up
  8. 8. Why Must A Building Burn
  9. 9. I Don't Know What I'm Doing
  10. 10. The Acid Remark
  11. 11. Feelings I'm Supposed To Feel
  12. 12. Child Of The Flatlands

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4 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Wie toll ich "Our Earthly Pleasures" fand und wie egal die Band auf den Alben darauf wurde, fällt mir bei jedem neuen Release auf. Jedesmal schade.

  • Vor 4 Monaten

    Sie sind damals einfach auf der Erfolgswelle von Franz Ferdinand und Co geschwommen. Finde nicht, dass die Alben egal geworden sind; das hohe Level von „A Certain Trigger“ und „Our Earthly Pleasures“ wird jetzt nicht mehr konstant durchgehalten, aber auch auf den letzten Alben waren immer einige Bretter drauf, wie zum Beispiel „Leave This Island“ auf dem vorletzten oder „Respond To The Feeling“ und „What Equals Love“ auf dem letzten. Da haben andere Bands aus der Zeit stärker nachgelassen.

    • Vor 4 Monaten

      Das schlimme ist halt, dass es mir egal ist, ob und dass Du vermutlich recht hast.
      Aber trotzdem innige Liebe zu ACT! Das Ding als Erstling hat die Latte halt sehr hoch gelegt. Kaum zu toppen ohne sich selbst ständig zu wiederholen.
      "Enuff" hat aber niemals wieder jemals so schön gesungen.

    • Vor 4 Monaten

      ACT: Stimmt, Meisterwerk. OEP habe ich mir dann auch zugelegt, finde das erste Album aber nach wie vor besser. Danach war mir die Band auch erstmal egal. „Risk To Exist“ hat mich aber positiv überrascht, und habe sie dann mir auch mal live angeschaut. Das neue Werk: Mal sehen, ich denke, die Wertung hier geht schon in Ordnung.

  • Vor 4 Monaten

    Das erste Album hat mich vom Hocker gehauen, Album 2-3 fand ich auch noch ganz gut, danach hat die Musik in mir leider absolut nichts mehr ausgelöst. Ich werde sicher mal reinhören, aber zumindest die ersten Vorboten fand ich schon wieder sehr langweilig. Auf der ersten Tour war ich damals auch, die haben die Halle damals zum kochen gebracht. Irgendwie war dann aber schnell die Luft raus. Schade.

  • Vor 4 Monaten

    Wie soll man an ACT und OEP anknüpfen? Grass hat die Blechtrommel auch niemals toppen können. NAW ist sicher gut genug, um mir Spaß beim Hören und Texte-Auseinandernehmen zu bereiten. Mehr erwarte ich nicht und mehr ist auch nicht zu kriegen. ****