laut.de-Kritik

Nach der Weltherrschaft fehlt es an Konzepten.

Review von

"Die Grammys sind direkt vor unserer Nase", kommentiert Suga auf "All Night" den aktuellen Stand der Boygroup BTS. An diesem Punkt erübrigt sich die Bemerkung, wie viele Rekorde und Barrieren Seouls derzeit größte K-Pop-Sensation auch in den Staaten gebrochen hat. Doch während ihr letztes Minialbum "Map Of The Soul: Persona" den Spagat zwischen wachsendem internationalen Appeal und eigenem Mythos nicht ganz erwischt hat, zeigt "BTS World (Original Soundtrack)", dass K-Pop für eine wirkliche Koexistenz auf dem westlichen Markt noch einiges an Strecke zurücklegen muss.

Im Rahmen eines Handyspiels mit spürbarem Fanservice-Einschlag veröffentlicht Big Hit Media dieses Pack an Kollaborationen und Themes, die Fragmente des BTS-Mythos bewusst in einen westlicheren Kontext setzen. Während die sieben instrumentalen Charakter-Soundtracks eher vernachlässigt werden können, zeigen die übrigen vier verbleibenden Tracks die immer noch fundamentalen Schwierigkeiten, einen gemeinsamen Nenner im Sound mit westlichen Künstlern zu finden.

Denn während BTS zumindest mit Steve Aoki und Halsey solide Zusammenarbeiten ablieferten, fühlt die Synergie sich auf "BTS World" bestenfalls unabgestimmt an. So geht in der ersten Hälfte von "Dream Glow" die in der "Love Yourself"-Ära eigentlich sonst so geschmackvoll verwendete, gehauchte Delivery von Jungkook gegen eine aufgedrehte Charli XCX ziemlich unter. Die kann ja Plastik-Pop auch unironisch bekanntermaßen ziemlich gut, klingt auf dem sphärischen, träumerischen Dance-Pop-Instrumental für sich betrachtet auch stark, findet dann aber erst gegen Ende mit den druckvolleren Harmonien im höheren Register von Jimin einen wirklich gleichwertigen Gegenspieler.

Bis dahin bleibt nennenswerte Chemie mit Jungkook oder Jin auf der kompetenten, aber unexplosiven Produktion von Stargate gänzlich aus. Schlimmer noch läuft es für RM und Suga auf "All Night", wo die beiden Spitter der Gruppe mit Emo-Trap-Vorzeigekind Juice WRLD zusammengeworfen werden. Der hat zwar mit Benny Blanco- und Brandon Urie-Kollabos schon bewiesen, dass er das Pop-Crossover beherrscht, klingt hier aber so viel heimischer auf RMs Synthie-lastigem Pop-Trap-Instrumental und schüttelt selbst in dem sehr polierten Mix authentische melodiöse Flows aus dem Ärmel. Die BTS-Member erinnern dagegen eher an das eine Mal, als RM (damals noch als Rap Monster) auf einem seiner Mixtape einen Verse auf J Dillas ikonischem "Life"-Instrumental versucht hat. Sie beherrschen die Handwerks-Kniffe fehlerfrei, aber sagen es zu auswendig gelernt auf, als dass der Flavour wirklich aufkommt. Sugas Adlib-Flow bringt zwar eine solide Energie und einen starken Groove zustande, die Phrasen in den Lyrics machen es dann aber doch wieder unnatürlich und künstlich.

Da klingt es ironischerweise am besten, wenn sie sich mit Zara Larson mit einer Sängerin zusammentun, die selbst artifiziell und charakterlos genug ist, dass der synthetische Vibe der Boyband-Mitglieder nicht auch noch betont wird. Produzent Mura Masa flipt das Sample einer koreanischen Flötenart zu einem generischen, aber effektiven Pop-Abklatsch der "Mask Off"-Formel, was schlussendlich den eindrucksvollsten Drop des Tapes zur Folge hat. Generisch, aber effektiv beschreibt auch das unaufdringliche "HeartBeats". Zwar fühlen sich die hoffnungsvollen Allüren der erfüllten Träume im Rahmen dieser holprigen Pandering-Versuche etwas unberechtigt an, für sich betrachtet funktioniert BTS hier als ganze Mannschaft beachtlich besser als in den seltsamen Subunit-Feature-Gefügen. Die Stärken der einzelnen Mitglieder fühlen sich hier heimischer und unterstützter an.

Es ist schade, dass "BTS World (Original Soundtrack)" kein Quantensprung hin zu einer neuen, globalen Popmusik ist. Aber vermutlich ist das Projekt, das an ein äußerst nischiges Fan-Service-Handyspiel geheftet ist, sowieso nie ambitioniert genug gewesen, um eine so große Aufgabe zu tragen. Dabei wäre die Auswahl der Gäste dafür gar nicht so ungeeignet gewesen und die Ideen der Songs auch nicht verkehrt. Aber statt die Extrameile zu einer wirklichen Chemie, zu einem neuen gemeinsamen Nenner zu gehen, lässt dieser Soundtrack den Hörer mit Kollabos zurück, die daran zweifeln lassen, ob die Akteure je im gleichen Raum, geschweige denn auf dem gleichen Kontinent waren.

Trackliste

  1. 1. Heartbeat
  2. 2. Dream Glow (feat. Charli XCX)
  3. 3. A Brand New Day (feat. Zara Larson)
  4. 4. All Night (feat. Juice WRLD)
  5. 5. Captain
  6. 6. Cake Waltz
  7. 7. Shine
  8. 8. Not Alone
  9. 9. Friends
  10. 10. Wish
  11. 11. Flying

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