Porträt

laut.de-Biographie

Yo La Tengo

Laute Rückkopplungen treffen auf geflüsterte Textzeilen, ausufernde Instrumentalstücke auf simple Songs von einer naiven Schönheit. Wie kaum eine andere Band schafft es Yo La Tengo, scheinbare Widersprüche zu vereinen und trotz verschiedenster Einflüsse immer unverkennbar sie selbst zu bleiben.

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Die Geschichte der Gruppe beginnt 1984 im beschaulichen Hoboken in New Jersey, der Geburtsstadt von Frank Sinatra. Neben einer Affinität zu Baseball und Filmen teilen Georgia Hubley und ihr Mann Ira Kaplan vor allem eine tiefe musikalische Verbundenheit. In einer Zeitungsannonce sucht das Paar nach Mitspielern, die ihre musikalischen Vorlieben für die Bands Mission Of Burma, The Soft Boys oder Love teilen.

Die Suche stellt sich allerdings als gar nicht so einfach heraus. Zwar erscheint 1986 mit "Ride The Tiger" ein erstes Album, aber mit der Kontinuität ist das so eine Sache. Eher aus der Not heraus übernimmt Kaplan zusätzlich zum Gesang den Platz als alleiniger Gitarrist, als der bisherige Leadgitarrist Dave Schramm nach dem Debütalbum aus der Band ausscheidet. Und die Namen der jeweiligen Bassisten lohnt es sich für das Paar erst gar nicht zu merken. Nicht weniger als vierzehn Musiker geben sich in den Anfangsjahren Klinke (beziehungsweise Bass) in die Hand.

Kontinuität tritt erst in den frühen Neunzigern ein. James McNew komplettiert das Duo und hält seitdem zusammen mit Georgia Hubley die oft ausschweifenden Improvisationen Ira Kaplans in Schach. Im folgenden Jahr erfolgt der Wechsel zum renommierten Indie-Label Matador Records, bei dem die Band bis heute unter Vertrag steht.

Hier erscheint auch das wegweisende sechste Album der Band. "Painful" ist Stilwechsel und Durchbruch gleichermaßen. Das sieht auch Kaplan so. “Jedem, der behauptet, er möge unsere alten Sachen lieber als 'Painful', sag ich einfach nur, dass er damit falsch liegt." Zusammen mit dem ebenfalls sehr positiv besprochenen "Electr-O-Pura" aus dem Jahr 1995 begründet das Album auch den Ruf von Yo La Tengo als Kritikerlieblinge.

Vor allem mit zwei Bands wird das Trio in dieser Zeit musikalisch häufig verglichen. Mit My Bloody Valentine sehen sich Yo La Tengo besonders, was das schüchternem Auftreten angeht, verbunden. "Wir haben mit Sicherheit eine Verwandschaft darin gefühlt, einfach nur auf unsere Schuhe zu starren und sonst gar nichts zu machen". Die legendären Velvet Underground dürfen Yo La Tengo sogar im Film "I Shot Andy Warhol" spielen. Vom langen Schatten der New Yorker machen sie sich spätestens mit dem bahnbrechenden "I Can Hear The Heart Beating As One" frei.

Beeindruckend leichtfüßig verbinden Yo La Tengo von Krautrock über Dreampop bis hin zu Bossa die verschiedensten Genres zu einem stimmigen Gesamtkonzept. Mit der Gewissheit, alle Schranken beseitigt zu haben, lässt es die Band auf dem folgenden Album "And Then Nothing Turned Itself Inside Out" ruhiger angehen. Gleichzeitig treibt die Band hier aber auch ihren Hang zu ausufernden Improvisationen mit dem achtzehnminütigen "Night Falls On Hoboken" auf die Spitze.

Genauso zur DNA wie lange Instrumentalpassagen und das Spiel mit Rückkopplungen und Störgeräuschen gehören Coverversionen. Auf Spotify führt die Band eine beeindruckend umfangreiche und trotzdem immer noch höchst lückenhafte Liste der Stücke, die sie sich im Laufe ihrer Karriere so angeeignet haben.

Yo La Tengo - There's A Riot Going On
Yo La Tengo There's A Riot Going On
Der musikalische Gegenentwurf zu Hass, Aufruhr und Hetze.
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Zu einem nicht unerheblichen Teil sind diese Cover auch Fan-Service. So findet sich die Band zwischen 1996 und 2003 jährlich beim örtlichen Radiosender WFMU ein, wo sie spontan die Songwünsche von Fans spielen. Dass die Band diese Spontancover später unter dem Namen "Yo La Tengo Is Murdering The Classics" veröffentlicht, zeigt, dass McNew, Kaplan und Hubley sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen.

Auch das eigene musikalische Erbe ist nicht sicher, von der Band veralbert zu werden. Unter dem Alias "Condo Fucks" veröffentlichen die Amerikaner das Coveralbum "Fuckbook". Der Titel des Albums nimmt Bezug auf den Fanliebling "Fakebook" aus dem Jahr 1990, kann aber natürlich auch als wenig charmanter Seitenhieb auf eine bekannte amerikanische Social-Media-Plattform gelesen werden.

Während beide Coversammlungen eher unter die Kategorie "Kurioses" fallen, veröffentlicht die Band weiterhin Studioalben, die von Fans und Kritikern wohlwollend bis begeistert aufgenommen werden. Eine Konstanz, die dem Rezensenten des elften Albums Fade aus dem Jahr 2013 fast schon unheimlich ist. "Was muss eigentlich passieren, damit Yo La Tengo ein schlechtes Album aufnehmen? Eines, bei dem sich all die treu mitgealterten Fans tatsächlich einmal überdrüssig abwenden?"

Mit dem nachfolgenden "Stuff Like That There" wartet die Band mit einer dicken Überraschung auf. Dave Schramm, Leadgitarrist der ganz frühen Tage, ist für das Album und die folgende Tour erstmals seit fünfundzwanzig Jahren wieder mit an Bord. Wie auf "Fakebook" verfolgen Yo La Tengo das Konzept, Cover, Neuinterpretationen alter Songs und neues Material miteinander zu verbinden.

Einmal mehr zeigt "Stuff Like That There" auch die Bandbreite der Einflüsse der Band. Wem außer Yo La Tengo sollte es gelingen Parliament und Hank Williams unter einen Hut zu bringen? Dass der Titel des fünfzehnten Albums, "There's A Riot Going On", den gleichnamigen Funk-Klassiker von Sly and the Family Stone referenziert, bestätigt das Image der Band als sympathische Musiknerds mit quasi-enzyklopädischem Wissen.

Mit jahrzehntelanger Erfahrung haben Yo La Tengo auch einen wunderbaren Pragmatismus aufgebaut. "Wenn wir uns wiederholen, ist das okay, und wenn wir uns nicht wiederholen, ist das auch okay", erklärt Ira Kaplan über das Songschreiben. "Wir versuchen keine Angst davor zu haben, etwas zu tun, was wir schon einmal gemacht haben, und wir versuchen keine Angst zu haben, etwas zu tun, was wir noch nicht gemacht haben".

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Yo La Tengo - Fade: Album-Cover
  • Leserwertung: 4 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2013 Fade

Kritik von Christoph Dorner

Macht die Wütenden gelassen, päppelt die Traurigen auf. (0 Kommentare)

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