Porträt

laut.de-Biographie

Yellow Magic Orchestra

Es hätte eigentlich ein One-Off werden sollen, was drei der emsigsten Synthesizer-Nerds Japans 1978 auf die Beine gestellt haben. "Yellow Magic Orchestra" heißt das selbstbetitelte Debüt des Trios Hosono, Takahashi und Sakamoto. Sie alle haben bereits zuvor Kredibilität vor und hinter den Kulissen der heimischen Musikindustrie gesammelt, der Zusammenschluss ergibt sich aber eher aus einem popkulturellen Bauchgefühl und einem halben Scherz. Schwarze Magie war in der Mitte der Siebziger nämlich ein kurzer Hype in der japanischen Szene. Yellow Magic die nur folgerichtige Verballhornung davon. "Eigentlich ein ziemlich dämlicher Name", attestiert die Band später in einem Interview.

Yellow Magic Orchestra - Solid State Survivor Aktuelles Album
Yellow Magic Orchestra Solid State Survivor
Wie Japans Kraftwerk den Synthie-Pop erfanden.

Mit Hosono am Bass, Takahashi an den Drums und Sakamoto an den Keyboards sollte das Projekt lediglich ein wenig mit neuen amerikanischen Synthesizer-Modellen wie von Roland experimentieren, während man sich über die stereotypischen musikalischen Tropen asiatischer Charaktere und Orte im westlichen Film lustig macht. Die Harfen-Arpeggios, die schrillen Töne und der ungenierte Exotismus werden von YMO so offensichtlich ins Absurde überzeichnet, dass damit eigentlich nur eines passieren kann: Es wird ein Hit. Tatsächlich bis nach Übersee.

"Videogame" erreicht auf der Insel sogar die Top 20, auch abgesehen davon nimmt der Longplayer kommerziell in Europa, Amerika und natürlich Japan rasch Fahrt auf. Zwar versuchen alle drei, solo davon zu profitieren, doch bemerken schnell, dass die Leute etwas anderes wollen: Sie wollen mehr Yellow Magic Orchestra. Also geht es zurück ans Reißbrett, um diesen Sound weiterzuführen, den sie gar nicht substanziell ausbauen wollten. Inspiration dazu gibt es von Disco-Pionier Giorgio Moroder und natürlich ihrem deutschen Konterpart Kraftwerk. Doch dem Robot-Pop der Düsseldorfer setzt das Yellow Magic Orchestra mehr Spielfreude und melodische Energie entgegen. Das Resultat: Ihr zweites Album "Solid State Survivor" will eigentlich nur nachlegen. Und erfindet dann aus Versehen Synthpop.

Die klaren Referenzen zu einem Projekt wie "Die Mensch-Maschine" sind zwar klar, die Art und Weise, wie man mit den transhumanistischen Science-Fiction-Themen umgeht, ist aber eine ganz andere. Weniger Dystopia, mehr exzentrisches Videospiel. Kein Wunder, immerhin wird YMO auch zu einem der prägendsten Einflüsse für so ziemlich jeden Videospiel-Komponisten, der in den kommenden 50 Jahren auf dem Planeten wandelt.

Nachdem sich anschließend von Brian Eno bis Afrika Bambaataa so ziemlich jeder von diesem Tokyo-Trio beeindruckt gibt, verbringen sie den Anfang der Achtziger im Windschatten der Welle, die sie selbst essentiell mitgestaltet haben. "Zoshoku", "BGM", "Naughty Boys" und "Service" erweitern ihren Katalog, nachdem sie 1978 das japanische Grammy-Äquivalent als beliebteste Band des Jahres gewinnen, kommt mit diesen Projekten aber nur noch Backenfutter für die Fans nach. Die Fackel im eigenen Land tragen inzwischen die Artists des Shibuya-Kei wie Denki Groove, das sich bald in den heute bekannten J-Pop entwickeln wird.

Das Orchestra selbst hingegen legt die Arbeit um 1983 fürs Erste nieder. Sie lösen sich auf, auch wenn sie in Interviews darauf beharren, dass es das japanische Wort für "sich auffächern" besser beschreibe. Und ja, auffächern tun sie sich in der Tat: Hotono macht Produktionsarbeit, Soundtracks, kollaboriert mit James Brown und Vampire Weekend und seine Solomusik trägt zum Fundament des Acid House bei.

Takahashi bleibt in verschiedenen Band-Konstellationen ein Workaholic und veröffentlicht bis in die 2000er im Schnitt verlässlich mindestens ein Album im Jahr. Sakamoto erschließt sich die womöglich weitreichendste Karriere von allen: Nach mehreren Produktions-Arbeiten an japanischen Klassikern wie Taeko Ohnukis "Sunshower", Zusammenarbeit mit den Talking Heads und King Crimson, Filmarbeit mit David Bowie, Soundtracks für "The Last Emperor" bis "The Revenant", einen Oscar, ein BAFTA, einen Grammy, zwei Golden Globes und eine Ehrenmedallie des französischen Staats. Solides Karrierefazit, also.

Bis heute leugnet kaum ein japanischer Musiker den unglaublichen Einfluss, den das Yellow Magic Orchestra in den späten Siebzigern auf das Land ausübte. Die Soundtracks von Filmen, Animes und Videospielen, der Shibuya-Kei, J-Pop bis hin zu modernem Techno, EDM und sogar Hip Hop tragen Spuren ihrer beiden ikonischen Alben "Solid State Survivor" und "Yellow Magic Orchestra". Und hört man sich den imposanten, turbulenten Electro-Pop an, kann man selbst nach heutigem Stand nur erahnen, wie weit diese Drei ihrer Zeit global voraus waren.

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Surftipps

  • Homepage

    YMO im Internet.

    http://www.ymo.org/