Porträt

laut.de-Biographie

Yann Tiersen

Der Erfolg des Films "Die fabelhafte Welt der Amélie" katapultiert den Komponisten Yann Tiersen in den Fokus der Öffentlichkeit. Seine verträumte und teilweise nostalgische Instrumental-Musik zum ebenso verträumten Streifen von Regisseur Jean-Pierre Jeunet findet allein in Frankreich mehr als 200.000 Käufer. Plötzlich kennt die Welt diesen Musiker, der zuvor mit drei veröffentlichten Alben und einigen Filmkompositionen eher den Status eines Geheimtipps innehatte.

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Yann Tiersen wird am 23. Juni 1970 in der Bretagne geboren und wächst in Rennes auf. Ab dem Alter von sechs Jahren lernt er Geige und Klavier, bevor er als Teenager gegen die klassische Musikausbildung rebelliert. Statt die ihm zugedachten Instrumente zu üben, greift Tiersen zur Gitarre, um seinen Vorbildern, The Stooges und Joy Division, nachzueifern. Schon zu dieser Zeit komponiert der Franzose Musik für Kurzfilme und Theaterstücke. Später führen ihn seine Studien in klassischer Musik, Komposition und allgemeiner Musiklehre unter anderem nach Nantes und Boulogne.

Dass es fast einer Untertreibung gleichkommt, Tiersen einen Multi-Instrumentalisten zu nennen, beweist er 1995 auf seinem ersten Album "La Valse Des Monstres": Cembalo, Banjo, Gitarre, Glockenspiel, Klavier, Melodica – die Liste der Instrumente, die Tiersen beherrscht, scheint endlos und nährt seinen Ruf als "Ein-Mann-Orchester". 1998 bringt ihm die Single "Monochrome" seines dritten Albums "Phare", eine Zusammenarbeit mit dem französischen Popstar Dominik A., erstmals größere Beachtung ein. Jenseits des Mainstream macht sich Tiersen mit Kooperationen mit The Divine Comedy und Lisa Germano einen Namen.

Der nächste Coup nach dem Erfolg des "Amélie" –Soundtracks gelingt Tiersen 2003 mit der Filmmusik zu Wolfgang Beckers tragikomischem Wendemovie "Good Bye Lenin!" Wieder bezaubert er das Kinopublikum mit seinem getragenen, sanft melancholischen Klavierspiel. Doch Tiersen bleibt auch außerhalb von Filmproduktionen musikalisch aktiv: Nach "L'Absente" entsteht 2005 "Yann Tiersen And Shannon Wright" innerhalb von 20 Tagen. Das Album beinhaltet sehnsüchtige Kompositionen, gepaart mit dem eindringlichen Gesang von Shannon Wright. Weiter gehts im Schnellverfahren: Nicht einmal ein halbes Jahr später erscheint "Les Retrouvaille", das einen Yann Tiersen zeigt, der nach wie vor auf ganz hohem Level Musik zelebriert.

Danach wendet er sich wieder der Filmmusik zu. Für die Doku "Tabarly", die sich um den gleichnamigen französischen Segler und Erfinder dreht, der mehrere Weltrekorde aufstellte und während eines Solotrips über Bord ging und ertrank, steuert er 2008 Songs von emotionaler Wucht bei.

Yann Tiersen - Portrait
Yann Tiersen Portrait
Die dunkle Seite von "Amélies Welt".
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Auf dem nächsten Studioalbum "Dust Lane" (2010) findet er zwischen zwischen verträumtem Hoch und dunklem Tief eine ausgewogene Balance. "Skyline" pendelt 2011 gelungen zwischen Stille und Bombast. Mit "(Infinity)" lässt es der Bretone drei Jahre später melancholischer und wehmütiger angehen.

Mittlerweile lebt er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit auf der westfranzösischen Insel Ouessant, die nur knapp 850 Einwohner zählt. Seiner Wahlheimat, die mit ihrem Meer und den vielen Leuchttürmen und Felsen karg und trostlos anmutet, setzt er mit dem Klavierwerk "EUSA" 2016 ein musikalisches Denkmal. Er funktioniert die ehemalige Diskothek The Eskal zu einem Tonstudio, Konzertsaal und Gemeindezentrum um.

Mit "All" nimmt er 2019 auf ein symbolisches Erlebnis Bezug: Er und seine Frau mussten Mitte der 2010er während einer Radtour in den Redwoods in Kalifornien vor einem Puma flüchten. Besagte Gegend besucht er später noch einmal, um Violinenparts aufzunehmen. Weiter sammelt er in dem Nationalpark und am stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof Field Recordings.

Zurück im Studio, kombiniert er sie mit seinen Klavierarrangements und analoger Elektronik. Außerdem arbeitet er mit Gastsängern und -sängerinnen wie die fabelhafte Anna von Hausswolff und Deniz Prigen zusammen. Heraus kommt ein bildhaftes, monumentales und atemberaubend schönes Werk.

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Yann Tiersen "'Amelie' war ein Missverständnis"
Yann Tiersen über sein neues Schaffen, Sprachprobleme und die große Liebe.

Im Dezember 2019 veröffentlicht der Multiinstrumentalist mit "Portrait" eine 25 Stücke umfassende Werkschau, die weit über die Grenzen herkömmlicher Best-of-Kompilationen hinaus geht. Für die Platte nimmt er sämtliche Stücke mit angepasstem Arrangement neu auf. Gastmusikern wie Sunn O))) Drone-Papst Stephen O'Malley, John Grant, Super Furry Animals-Frontmann Gruff Rhys, die Indie und Dream Pop-Band Blonde Redhead sowie seine Tourband bestehend aus seiner Frau Emilie Tiersen, Ólavur Jákupsson und Jens L Thomsen begleiten ihn dabei. Wichtigstes Verdienst auf "Portrait": Die Revision und Neuinterpretationen einiger Songs des "Amélie"-Soundtracks, deren Verwendung im Film ihre eigentliche Bedeutung deutlich zweckentfremdet.

So groovt sich Yann Tiersen in seinem eigenen musikalischen Universum ein, ohne sich groß um Trends oder Strömungen im Musikbusiness scheren zu müssen. Musiker wie er geben ihren eigenen Takt vor.

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