laut.de-Kritik

Natürliche Verschmelzung von Klavier und Elektronik.

Review von

2019 blickte Yann Tiersen mit der Best-Of-Neueinspielung "Portrait" auf seine vielseitige Karriere zurück. Nun wagt er mit "Kerber" einen weiteren Schritt in Richtung Elektronik. Dem Release des Albums geht die Veröffentlichung eines Notenbuches und ein Live-Event, das man bis zum 09.09. auf LIVENow streamen kann, voraus. Zudem kommt der Komponist und Multiinstrumentalist im Februar für drei Konzerte nach Deutschland.

Sein Klavier nutzte er für die Platte als Quelle, die Elektronik als Umgebung, der sie zugleich entsprang, wie er selbst sagt: "Man denkt vielleicht intuitiv, 'Oh, das ist Pianozeug', aber im Grunde ist es das nicht. Ich habe zu Beginn mit Pianospuren gearbeitet, aber das ist nicht der Kern der Sache, sie sind nicht wichtig. Der Kontext ist das Wichtigste - das Klavier war ein Vorläufer, um etwas zu erschaffen, um das herum die Elektronik arbeiten konnte."

Das Werk nahm er wieder einmal im Studio The Eskal auf, das er auf der Insel Ouessant, auf der er seit Jahren lebt, gebaut hat. Der Albumtitel bezieht sich auf eine Kapelle in einem kleinen Dorf auf der Insel. Darüber hinaus bildet jedes einzelne Stück wie eine Art musikalische Landkarte einen bestimmten Ort seiner Wahlheimat klanglich ab.

Dabei schafft der Bretone, der sich schon 2016 auf "EUSA" vor der Insel verneigt hat, wieder einmal eine sehr anschauliche musikalische Umsetzung seiner Umgebung. In "Kerlann" nimmt man, wenn emotionale Klaviertöne auf zarte Percussioneinschübe treffen, umgeben von zaghafter Elektronik, das Rauschen des Meeres geradezu wahr.

Elektronik dient in den ersten Tracks dazu, eine subtile klangliche Umgebung zu schaffen, in der sich die Melodien, die er mit weiteren Instrumenten zusätzlich verstärkt, in ihrer vollen Schönheit entfalten können. Dabei unterstreicht Tiersen, wie in "Kerdrall" gerne mal seine rauschhaften Qualitäten, lässt aber intime und reflektierte Momente nicht vermissen.

Ab der Mitte kommt es zu einer zunehmenden Verdichtung künstlich erzeugter Klänge, so dass Klaviertöne und Elektronik immer mehr auf natürliche Art miteinander verschmelzen. Bevor man sich versieht, befindet man sich in "Ker Yegu" schon längst in einer entrückten Parallelwelt aus sparsam gesetzten Akkorden, zischenden Percussions, verzerrten weiblichen Spoken Words und ambienten Soundcollagen. In "Ker Al Loch" verbindet der Bretone zunächst kreisende Pianomotive mit sphärischen Klängen Marke Tangerine Dream, wagt sich aber nach und nach in immer experimentellere Gefilde vor, wenn er von noisigen Sounds und einer Snare Gebrauch macht.

Im Titelstück zeigt er sich dann von seiner virtuosen Seite, streut jedoch einen entschleunigten Mittelteil ein, so dass er das Verlassene, das die vertonte Kirche umgibt, musikalisch unterstreicht. Am Ende setzt er das Piano, unterstützt von unterschwelliger Elektronik, auf eine recht malerische Art und Weise ein, so dass es an bewegenden und ergreifenden Momenten nicht mangelt.

Das abschließende "Poull Bojer" lebt schließlich wieder mehr von Percussions und dichter Elektronik, besitzt jedoch eine liebliche Melodie, wie sie für seine Verhältnisse typischer kaum sein könnte. Spielerisch lehnt er sich also nicht zu weit aus dem Fenster und beschränkt sich größtenteils auf vertraute Töne. Durch die Elektronik entwickelt sich seine Musik aber in eine etwas modernere Richtung, so dass die Platte für den Beginn einer neuen Phase in seinem Schaffen stehen könnte. Jedenfalls bleibt Yann Tiersen auch zwanzig Jahre nach seiner wegweisenden Filmmusik für "Die fabelhafte Welt der Amélie" immer noch relevant.

Trackliste

  1. 1. Kerlann
  2. 2. Ar Maner Kozh
  3. 3. Kerdrall
  4. 4. Ker Yegu
  5. 5. Ker Al Loch
  6. 6. Kerber
  7. 7. Poull Bojer

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1 Kommentar

  • Vor einem Monat

    Yann Tiersen ist ein guter Komponist und hält die minimal music Ästhetik der alten Zeit gut am Leben. Allerdings frage ich mich manchmal selbst, ob er es nicht auch ein bisschen satt hat, der Kitschkönig der Klavieruntermalung im Fernsehen zu sein. Die Tantieme sagen bestimmt nein.