laut.de-Kritik

Der Zustand gepflegter Melancholie.

Review von

Eigentlich sieht sich Yann Tiersen keinesfalls als Filmkomponist. Trotzdem fiel es ihm in den vergangenen zehn Jahren schwer, aus dem Schatten seines Soundtracks für "Die fabelhafte Welt der Amélie" herauszutreten. Vielleicht liegt das einfach daran, dass im französischen Multiinstrumentalisten einer steckt, der erzählen und mitreißen möchte. In den kleinen Kosmos seines neuen Werks "(Infinity)" will man sich jedenfalls sofort fallen lassen.

Die zehn Stücke sind durch und durch von Wehmut und melancholischer Schönheit geprägt. Ungefähr so, als würde man einen Tag an der bretonischen Atlantikküste – Tiersens Wahlheimat - stehen, die Brandung im nebligen Grau betrachtend. Den Blick in die unendliche Weite gerichtet. Stets darauf wartend, dass ein Moment des Lichts für Erleuchtung sorgt. Kurz: "(Infinity)" nimmt mit – und das nicht auf akustische Weise allein.

Der "Skyline"-Nachfolger bewegt sich stets zwischen Filmsoundtrack und opulenter Sigur Rós-Reminiszenz. Und das nicht nur, weil Tiersen mit "Steinn" und "Grønjørð" je ein Stück auf Isländisch und eines auf Färöisch platziert. Nein, oft bedient er sich ähnlich nebulöser Bläser- und Streichermuster, bedrohlicher Glockenmelodien und vertrackter Details.

"Deep in the rock, there was a house / In the corner of the house, there was a heart / In the heart, there were some ashes / Next to the ashes, there was some firewood [...]". Wenn die isländische Vokalistin in "Steinn" bis ins Unendliche Sätze verschachtelt, wird klar: Tiersen spielt hier mit Selbstreferenz, stellvertretend für seine Denkweise, seine komplexe Art zu komponieren.

Die meiste Zeit bleibt "(Infinity)" deshalb im Zustand gepflegter Melancholie. Doch Tiersen installiert in den meisten Songs diesen einen Moment des hell strahlenden Pop-Pathos. Besonders hervor tut sich der Abgesang von "A Midsummer Evening", der durch groovende Bassline, groß aufspielende Streicher und Chorgesang sogar etwas nach Landsmann Sebastien Tellier klingt.

Yann Tiersen gelingt das Kunststück, diesen Moment immer passend in Szene zu setzen. Mit der Geduld von Nils Frahm verschleppt er seine Songs, zerlegt sie teilweise in ihre Einzelteile, um dann fokussiert doch wieder den roten Faden aufzugreifen ("Ar Maen Bihan").

Deshalb mag "(Infinity)" für manchen Geschmack zu sehr von atmosphärischer Zurückhaltung geprägt sein – die Spannung kommt der Platte aber nie abhanden. So, wie man das vielleicht auch von einem guten Film erwarten würde.

Trackliste

  1. 1. Infinity
  2. 2. Slippery Stones
  3. 3. Midsummer Evening
  4. 4. Ar Maen Bihan
  5. 5. Lights
  6. 6. Grønjørð
  7. 7. Steinn
  8. 8. In Our Minds
  9. 9. The Crossing
  10. 10. Meteorite

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