8. November 2011

"'Amelie' war ein Missverständnis"

Interview geführt von

Es gibt viel Menschen, die behaupten, die französische Sprache sei die schönste Sprache der Welt. Dort, wo selbst eine Katastrophenmeldung für einen Fremden klingt, als würde man von Liebe, Hoffnung und Begehren sprechen, gibt es nur wenige, die Gegenteiliges behaupten würden. Yann Tiersen ist einer von ihnen.Für den Sänger, Komponisten und Multiinstrumentalisten spielt seine Muttersprache seit seinem letzten Album "Dust Lane" keine Rolle mehr innerhalb seines musikalischen Schaffens. Stattdessen präsentiert er seine lyrischen Ergüsse lieber auf Englisch.

Doch der Gesang spielt im Vergleich zur Musik eher eine sekundäre Rolle bei Yann Tiersen. Der Erschaffer des "Amelie"-Soundtracks kommuniziert lieber anhand sphärischer Klangwelten. Dabei mixt der Franzose nur allzu gern organische Klänge mit zeitgemäßer Elektronik und lässt so Musiklandschaften entstehen, die in Szene-Kreisen gerne als atemberaubend zeitlos beschrieben werden.

Im Berliner Büro seines Labels Mute Records treffen wir auf einen unaufgeräumt und verträumt wirkenden Yann Tiersen, der sich dennoch als äußerst auskunftsfreudig erweist, und sprechen mit ihm über sein neues Album "Skyline", die Tücken der Muttersprache und widerspenstige Blasinstrumente.

Hallo Yann, man sagt, du seist auf deinen Reisen auf der ständigen Suche nach neuen Instrumenten. Bist du hier in Berlin schon fündig geworden?

Yann: Dafür war leider noch keine Zeit. Aber es geht auch weniger um klassische Instrumente, die man sich aus Fachgeschäften besorgt; vielmehr interessieren mich Gegenstände, die man nicht zwingend gleich mit einem Instrument in Verbindung bringt.

Zum Beispiel?

Yann: Nun, da gibt es eine ganze Menge. Stühle, Tische, Bänke; ganz egal. Ich probiere gerne Dinge aus, und wenn sich daraus spannende Klänge erzeugen lassen, finden sich diese mitunter auch in meinen Songs wieder.

Auch auf deinem neuen Album "Skyline" hast du wieder viel experimentiert und so einiges an Instrumenten aufgefahren, wodurch viele Sound-Gegensätze entstehen, die dennoch ein homogenes Ganzes erschaffen. Wie siehst du das?

Yann: Ich liebe es kontrovers zu arbeiten. Wenn ich mit Kontrasten zu tun habe, blühe ich förmlich auf. Das ist mir sehr wichtig und schon seit jeher ein großer Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit. Es geht dabei nicht nur um Offensichtliches wie laut und leise, schnell oder schnell und langsam. Die meisten vermeintlichen Ungleichheiten stecken eher im Detail.

"Skyline" ist im Vergleich zum Vorgänger "Dust Lane" um einiges 'positiver' ausgefallen. Das gesamte Material wirkt irgendwie heller und zugänglicher im Vergleich zur fast schon morbiden Stimmung auf "Dust Lane". Stimmst du mir da zu?

Yann: Ja, absolut. Eigentlich wollte ich beide Alben gleichzeitig veröffentlichen. Ich hatte bereits das Material für beide fertig, aber irgendwie war ich seinerzeit in einer eher düsteren Gemütslage. Also beendete ich erst die Arbeiten an "Dust Lane", das sich mehr mit den Schattenseiten des Lebens beschäftigt. Auf "Skyline" sieht das, wie gesagt ganz anders aus. Mir war auch wichtig diese Entwicklung bereits mit dem Albumtitel zu benennen.

"Die französische Sprache hält dich zu lange auf"


Das Album wurde an drei verschiedenen Orten aufgenommen, die unterschiedlicher kaum sein können: Ouessant, San Francisco und Paris. Warum hast du dich für dieses "Dreieck" entschieden.

Yann: Das hatte eher logistische Gründe, um ehrlich zu sein. Das Gros an Material wurde in meinem Studio in Ouessant (Frankreich) aufgenommen. Dort lebe ich und fühle mich am wohlsten. Es ist ein kleiner Ort auf einer Insel vor der bretonischen Küste mit 700 Einwohnern. Ein Teil des Albums wurde in Paris aufgenommen, da dort meine Kinder leben. Und einen Song haben wir in San Francisco während der Tour aufgenommen, da wir mit Chören arbeiten wollten und wir die gesamte Mannschaft beisammen hatten.

Du hast demnach einen großen Bezug zu deiner Heimat, und dennoch verfasst du deine Songs seit "Dust Lane" in Englisch. Wie kommt's?

Yann: Ich finde seit einigen Jahren einfach keinen musikalischen Bezug mehr zur französischen Sprache. Es geht dabei nicht so sehr um die Klangfarbe, vielmehr kommt die französische Sprache einfach zu schwerfällig auf den Punkt. Erst letztens wurde mir das wieder klar, als ich in Bulgarien zu Gast war. Ich war in Sofia, und auf dem Boden vor meinem Hotel standen irgendwelche Warnhinweise in Englisch, Deutsch, Bulgarisch und Französisch geschrieben. Der französische Text hatte als einziger eine Länge von sechs Zeilen, wohingegen die anderen mit einem Zweizeiler auskamen. Wenn du etwas ausdrücken willst, hält die französische Sprache dich einfach zu lange auf.

Viele Menschen verbinden deinen Namen auch heute noch hauptsächlich mit dem Soundtrack für den Film "Die fabelhafte Welt der Amelie". Empfindest du dein Solo-Schaffen als öffentlich unterbewertet?

Yann: Nein, eigentlich nicht. Natürlich ärgert es mich ein bisschen, dass ich für viele Leute lediglich als Komponist für diesen Film wahrgenommen werde, zumal ich lediglich zwei Stücke explizit für diesen Soundtrack beigesteuert habe, denn der Rest der Songs befand sich bereits auf älteren Werken von mir. Dem Ganzen liegt irgendwie ein kleines öffentliches Missverständnis zu Grunde, weil ich mich persönlich keinesfalls als Film-Komponist sehe. Andererseits hat mir diese Arbeit wiederum viele Türen geöffnet und meinen Namen bekannt gemacht, so dass viele zu meinen Konzerten kamen, die ohne den Film wahrscheinlich nicht gekommen wären. Insofern will ich mich nicht beschweren.

"Mit Trompeten komme ich nicht klar"


Gibt es denn heute noch "Amelie"-Zwischenrufe während deiner Konzerte?

Yann: Zum Glück kommt das nur noch ganz selten vor. Es mag sein, dass der eine oder andere enttäuscht nach Hause geht, wenn er merkt, dass dieses Projekt nur ein Bruchteil meines Schaffens darstellt. Aber in der Regel blicke ich auf weitestgehend zufriedene Gesichter, wenn ich ins Publikum schaue (lacht).

Diese wiederum blicken auf eine komplette Band auf der Bühne, die jedoch nicht in deine Aufnahme-Prozesse involviert ist. Hast du jemals daran gedacht, diesen Umstand zu ändern?

Yann: Es gab vor einigen Jahren eine Phase, wo ich tatsächlich überlegt habe, ob mir eine Band nicht hilfreich während der Aufnahmen zur Seite stehen könnte. Letztlich habe ich diesen Gedanken aber schnell wieder verworfen. Ich habe schon eine sehr eigenwillige Art zu arbeiten und eine klare Vorstellung, wenn es um musikalische Abläufe geht. Daher denke ich, dass ich alleine am effektivsten zum Ziel komme. Auf der Bühne ist das etwas anderes. Ich bin keineswegs jemand, der delegiert oder den Leuten sagt, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Das ist nicht mein Naturell. Live entstehen die Dinge von ganz alleine, und oftmals ergeben sich dadurch völlig neue Interpretationen. Ich habe in diesen Momenten auch keine Probleme damit, Verantwortungen oder Kontrolle abzugeben, ganz im Gegenteil: Ich finde es spannend und sehr bereichernd, wenn sich die Live-Darbietungen von denen auf dem Album unterscheiden.

Lass uns noch mal auf deine eingangs erwähnte Instrumenten-Faszination zurückkommen. Du giltst als Multiinstrumentalist. Gibt es irgendein Instrument, das sich dir bis heute beständig verweigert hat?

Yann: (lacht) Oh, ja. Mit Trompeten und Ähnlichem komme ich nicht wirklich klar. Ich mag den Sound und ich habe auch schon Trompeten auf meinen Songs verwendet, aber irgendwie sind wir noch nicht richtig im Einklang, die Trompete und ich. Ich tue mich generell sehr schwer mit Blasinstrumenten; keine Ahnung warum.

Welches Klanggerät liegt dir andersrum besonders am Herzen?

Yann: Das ist schwer zu sagen. Eigentlich liebe ich alles, was Geräusche erzeugt. Es gibt kein Instrument, welchem ich die Daseinsberechtigung aberkennen würde. Meistens hängt es von der Stimmung ab. Es gibt Tage, da liegt mir der Bass mehr am Herzen als das Klavier, und umgekehrt. Momentan gilt meine volle Aufmerksamkeit vor allem einem ebay-Schnäppchen, das ich seit einigen Wochen mein Eigen nenne. Es ist eine alte Gitarre aus Kalifornien. Sie ist lila, wurde 1965 gebaut und hat einen wundervollen Klang. Ich suchte so eine schon länger und konnte es kaum glauben, als ich sie entdeckte. Sie ist momentan mein ein und alles.

Klingt nach der großen Liebe.

Yann: (Lacht) Ja, so ungefähr.

Wie man dich kennt, wird sich diese Gitarre in absehbarer Zukunft bestimmt auch innerhalb neuer Songs von dir verewigen, oder?

Yann: Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Es wäre eine Schande, wenn man diese Klänge der Öffentlichkeit vorenthalten würde.

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