Porträt

laut.de-Biographie

Xana Romeo

"Mein Sohn hat Dreadlocks, und als er in den Kindergarten kam, nervte mich die Erzieherin dort mit Bitten, aus seinen Haaren einen Pferdeschwanz zu machen. Selbst als wir das gemacht haben, meinte sie, sie könne meinen Sohn mit 'solchen Haaren' nicht unterrichten und forderte mich auf, seine Haare zu schneiden. Ich habe nur eine Viertel- oder halbe Stunde gebraucht, um meine Frustration darüber in einem Song rauszulassen, als ich wieder zu Hause war."

Heraus kommt Xanas Markenzeichen-Lied "Rate Rasta". Xana Romeo sagt, "das Lied handelt von der Diskriminierung, der wir uns als gläubige Familie und als Rasta-Community insgesamt ausgesetzt sehen." Während Xanas kleiner Sohn bereits in der KiTa Aufsehen erregt, tut ihr Vater Max Romeo dies immerhin mit 25, im Jahr 1969, als die BBC seinen Song "Wet Dream" für ihre UKW-Wellen sperrt. Der Song sei sexuell anzüglich. Sexuell fleißig mag Max Romeo gewesen sein, denn er hat mit seiner Frau Sandra Smith viele Kinder. Sie alle machen Musik. Xana kommt als jüngste Tochter am 26. August 1994 in Greenwich Town, Hafenviertel und Nachbarstadtteil des bekannteren Trenchtown in Kingston, Jamaika, zur Welt. Ihr bürgerlicher Name lautet Azana Makeda Smith.

Nicht nur Diskriminierung in der Stadt, auch mehr Platz für ein Home-Studio führt Familie Romeo ins Landesinnere, nach Linstead, einen Ort mit gut 22.000 Einwohnern. Dort richtet sich Max Romeo seine Red Ark-Studios ein, benannt nach den Black Ark-Studios von Lee 'Scratch' Perry. Diese Studios brannten vollständig ab und waren zuvor Heimat für prägende Aufnahmen der Dub-Geschichte, der Musik, für die auch Xanas Herz schlägt. Zu den großen Alben, die einst die Schwarze Arche verließen, zählt auch eines von ihrem Papa, "War Ina Babylon" oder zum Beispiel Lee Perrys Meilenstein Revolution Dub.

"Mein Pa hat mich mit Instrumenten und Studiotechnik vertraut gemacht, als ich sehr klein war; also kann man schon sagen, dass mich das Schicksal hier hergeführt hat. Ich wollte Dancehall machen, als ich jünger war, aber das passte wirklich gar nicht zu meiner Persönlichkeit. Deswegen landete ich dann bei der Musik meines Vaters, Roots Reggae", erklärt sie dem Boomshots-Blog. "Ich habe so viel von meinem Vater gelernt und fühle mich geehrt deswegen. Aber ich strenge mich auch an, meinen eigenen Weg und Musikstil zu finden."

Mittlerweile hat sie die Geschäftsleitung der Charmax Music übernommen, des Romeo-eigenen Indie-Labels. Roots-Musik mit sozialkritischen Texten ist sehr motivierend für sie. "Eines Tages saß ich in einem Café und hörte Leute über meinen Song "Mercy Please" diskutieren. Das rief mir wirklich ins Bewusstsein, dass Leute meine Musik in die Hand bekommen, von ihr gefühlsmäßig erfasst werden, und was ich auslöse. Das ist ein großartiges Gefühl für eine neue Künstlerin."

In "Mercy Please" heißt es, "Sie sperren den Ganja-Farmer ein und lassen den Kinderschänder laufen." ("They lock up the ganja man and dem no lock up the pedophile.") Der Song spielt auf die jamaikanische Gesetzgebung an, die Großbetriebe für den Cannabis-Anbau legalisiert, aber Kleinbauern, die traditionell mit ein bisschen Landwirtschaft gerade so ihre eigene Existenz bestreiten, kriminalisiert. "Das Ziel meiner Musik ist die 'Message'. Ich möchte die Leute dazu bringen, dass sie meine Musik fühlen. Dass sie sich motiviert fühlen, eine Selbstreinigung ihrer Gedankenwelt durchzuführen, dass sie inspiriert sind."

Modedesign, speziell afrikanisches, Fotografie, Malerei und Zeichnen zählen zum bunten Strauß an all den Ausdrucksformen, die Xana inspirieren. Ungern verlässt sie ohne Kamera das Haus. Zufalls-Schnappschüsse zu machen, das ist ihre Art von Kreativität. Auf der Bühne macht sich ihre ganzheitliche Wahrnehmung auch in visuell ansprechenden Shows bemerkbar. Mimik und Gestik wirken für den Konzertkritiker von Reggaestory.de im Mai 2016, als hätte Xana "schon 20 Jahre Showerfahrung". Das könnte hinkommen, hätte demnach schon im Mutterleib angefangen.

Wobei der Fokus erst woanders lag: "Ich schreibe Musik, so lange ich mich zurückerinnern kann, aber mein Traum als Kind war Architektin zu werden. Und ich bin immer noch besessen von Gebäuden und Konstruktion", gesteht Xana dem Rasta-Szenemagazin IrieMag. "Ich bin aber in einer sehr musikalischen Umgebung aufgewachsen. Wie man ein Nine to Five-Leben führt und ganz brav und organisiert als Angestellte Tag für Tag in eine Firma geht und mit dieser Vorstellung jeden Morgen aufwacht, das weiß ich nicht." Den Bürokram, die Lohnabrechnung und das Marketing fürs Familienunternehmen Romeo macht sie dennoch.

"Ich kenne mich nur mit dem Musikbusiness aus. Keiner meiner beiden Eltern hatte Jobs außerhalb der Musik. (...) Mein ganzes Leben spielte sich in einem Aufnahmestudio ab. Ihren Papa beschreibt Xana als jemanden, mit dem man ziemlich easy zusammenarbeiten kann und zu dem sie aufschaut. Es sei ein Vergnügen, einen solchen 'Foundation'-Künstler als Vater zu haben, auch wenn sie natürlich oft darauf angesprochen wird und Leute in ihr eine Art verlängerten Arm von ihm sehen. "Ich kann nie etwas falsch machen, wenn ich seinen Tipps folge", kontert sie.

Ihre Dub-Instrumentals komponiert sie selbst und trägt auch zu den Arrangements bei. Sie hat auch einmal gelernt Geige zu spielen, dies aber noch nie öffentlich getan und bezeichnet sich darin als nicht professionell. Um an ihrer Schüchternheit zu arbeiten, tourt sie 2016/17 mit ihrem Vater und ihren Brüdern, während die Mama am Merchandising-Stand Fanartikel verkauft.

Als "Max Romeo & Family feat. Rominal and Xana Romeo" nach Hamburg und Berlin kommen, ist dies sogar einer großen deutschen Tageszeitschrift eine Konzertkritik wert. Xana macht alles richtig, covert den anwesenden Vater, spielt ihre Songs "Righteous Path" und "Rate Rasta" und fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne. Im August 2017 kommt sie erstmals auf ein deutsches Open Air-Festival, hat eine Gastrolle auf der Bühne bei Max Romeos Slot auf dem Reggae Jam in Bersenbrück - und ist trotz der kleinen Nebenrolle gefühlt einer der eigentlichen Stars des Festivals. Denn ihre vier Minuten Performance sind stark und lenken den Blick auf die fehlende Sichtbarkeit von Frauen im Reggae. Außer ihr steht dort inmitten von über 60 Acts und Soundsystems nur eine Frau auf dem Line-Up, Marla Brown, auch Tochter eines Reggae-Veterans: Dennis Brown.

Ganz im Gefolge der großen Roots-Prediger richten sich Xanas Songs gegen negatives Denken, gegen Peer Group-Druck, aber auch gegen neue Phänomene, gegen die "Amerikanisierung" ihrer Generation in Jamaika. Immer plädiert sie für das Vertrauen in eine 'höhere Macht'. Xana ist sehr religiös.

"Wake Up" heißt ihr erstes Mixtape im Dezember 2016 und appelliert daran, für soziale Themen und Missstände die Augen aufzumachen. Ihre Bewusstsein weckenden Texte unterlegt sie mit dubbigen Sound-Outfits. "Ich habe noch nicht ausbaldowert, wie ich das formulieren soll, aber wenn ich Dub-Instrumentals höre, spüre ich eine enorme Verbundenheit, zu etwas Machtvollem. Ich mag dieses Gefühl."

Das Ganze erscheint digital, einzelne Songs als Vinyl. Mitgearbeitet hat Jallanzo vom Produzentenkollektiv Dub Tonic Kru. Xana beschreibt Jallanzo als eine Mischung aus Kumpel und so etwas wie einem großen Bruder, wobei es mit ihm viel lustiger sei als mit ihren eigenen ehrgeizigen Brüdern Rominal und Azizzi. Die beiden sind ebenfalls Sänger, auf Tour spielen sie Schlagzeug für Papa Max.

Dass die Romeos als Familie zusammenhalten, kommt Xana als bequeme Grundlage für ihre Arbeit zupass. In Jamaika ist es gar nicht so einfach, ein gutes Aufnahmestudio zu bezahlen und mit Profis eine Veröffentlichung zu planen, wodurch viele äußerst talentierte Newcomer auf der Strecke bleiben und erst mit Ende 30 ihr Debütalbum lancieren. Sie dagegen hat ihr Studio einfach daheim.

Mit ihrem ersten Longplayer lässt aber auch sie sich derweil Zeit. "Mercy Please" ist eine EP mit Dub-Versionen von fünf der sechs Songs und somit nur auf den ersten Blick ein Album - die Titel sind eben doppelt vertreten. Im Herbst 2019 darf sie sich fürs legendäre Label Trojan 99 Songs aus deren Archiv aussuchen und als 5-Stunden-Playlist für Apple, Deezer und Spotify kuratieren: "This Is Trojan: Xana Romeo Takeover".

Die Liste beginnt stilecht mit dem Titelsong von "Let The Power Fall", einem politischen Album und der zweiten LP ihres Vaters. Von ihm hat sie sich die langen Dreadlocks übrigens nicht abgeschaut, meint sie. Sie habe ohne Rastazöpfe angefangen Musik zu machen. Erst als sie sich mit Kunst und Mode näher befasste, habe sie erkannt, dass sie selbst mit ihren Haaren ihre Kreativität ausdrücken wolle.

Mit dem großen Umfang ihrer Stimme, ihrer magisch-verträumten Art zu singen und ihrer klaren Aussprache ohne irgendwelches Kiffer-Genuschel dürfte sie, wie schon ihr Vater, tiefe Spuren in der Reggae-Musik hinterlassen - auch wenn sie dabei, wie er, auf romantische Songs verzichten will. Denn "what you see isn't what you get.". Was uns vorgemacht wird, das bekommen wir in Wirklichkeit nie, meint die philosophische Sängerin.

Alben

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