laut.de-Kritik

Die Kinder der Reichen müssen nie weinen.

Review von

Es herrscht Krieg in Babylon, "War Ina Babylon". Die Karibik kommt gerade in der neuen Realität der post-kolonialen Zeit an, Jamaika zählt 14 Jahre nach der Unabhängigkeit zu den blockfreien Staaten, die um 'Babylon', den Kapitalismus, einen Bogen machen.

Babylon, ein Begriff, der dank Reggae Teil der Alltagssprache wird. Max Romeo ist damals einer der bekanntesten Künstler des Genres. Die aufkommenden Gang-Kriege saugen der kleinen Insel die verbliebene Wirtschaftspotenz ab und stürzen das Land trotz seiner exportfähigen Grooves und Hanfpflanzen in einen Strudel voller Probleme. Mehrere Kirchen erkennen das Machtvakuum der in ihren zarten Anfängen herum stolpernden Demokratie und versuchen Mitglieder, an sich zu binden.

Max Romeo greift die Geistlichen auf seiner Platte bitter an. Er nennt keine Namen. Es ist die Zeit, als die Baptistenkirche und die ebenso protestantisch geprägten Siebenter-Tags-Adventisten den neuen Rastafari-Kult für sich nutzen. Heuchlerisch, findet Romeo.

"Der reiche Mann darf nicht im Namen des Herrn stehlen gehen / Der Reverend jedoch fährt ein schickes Auto und kauft alles steuerfrei", beschreibt "Stealing In The Name Of Jah", wie der Prediger sich bereichert, während die meisten Menschen in seiner Kirchengemeinde jeden Groschen umdrehen.

Die Songs auf diesem vierten Album Max Romeos hingegen eint der Pfeffer sowohl in Text als auch Musik. Catchy und auch ganz nebenbei gut hörbar ist sie zwar. Wer aber Zwischentöne sucht, findet sie in der filigranen Instrumentierung und im nuancenreichen Gesang. Häufiges Hören fördert immer wieder Neues zutage – so vielschichtig verwoben sind die Gedanken und die vielen Instrumente.

Die Mitwirkenden sind die ewigen Superstars des Reggae, die Besten der Besten aus der Generation der Pioniere. Obwohl es sich um eine Dub-Produktion handelt, hat die Platte nichts mit der Kargheit von Dub gemein. Statt repetitiv zu wirken, überzeugt jeder Song mit einer extra für ihn ausgewählten Instrumentierung.

Wer Abwechslung wünscht, entdeckt sie auch in den verschiedenen Stimmungen des Albums: von der tiefen Melancholie der Cover-Abbildung bis hin zur Heiterkeit im ironischen und autobiographischen Song "Norman", von sarkastischer Kritik in "Stealing In The Name Of Jah" über Entschlossenheit in "Chase The Devil", bis zum finalen Klagegesang in "Smile Out A Style", dem Song, der am besten zum Front Picture passt. Mittendrin geht es um Krieg, "War".

Als diese Platte entsteht, herrscht Wahlkampf in der jungen Demokratie Jamaika, und dieser eskaliert zum Bürgerkrieg, einem "War Ina Babylon". Statt zusammen gegen Babylon, schlagen sich die Leute innerhalb der Babylon-Koordinaten die Köpfe ein, so scheint es dem Sänger.

Max Romeo, zu jener Zeit 31, singt auf den Beats einer damals neuen Musikrichtung für den elf Jahre älteren Lee 'Scratch' Perry. Schreibt man dem Genre Dub (wie auch dem Hip Hop) das Jahr 1973 in seine Geburtsurkunde, so lautet der Geburtsort: Cardiff Crescent, Hausnummer 5, im Stadtteil Washington Gardens in Kingston. Black
Ark, die schwarze Arche. In den so bezeichneten Studios entsteht schwarzes Vinyl mit einer düsteren Musik, gespielt von Menschen dunkler Hautfarbe. 24 Schieberegler, 98 Drehknöpfe zum Nachjustieren, Tonbandspulen, hunderte Fotos an den Wänden - so sah das Herzstück eines Studios in der schwarzen Arche aus, analoger Standard und doch für zehn Jahre Brutstätte eines nie zuvor existenten Sounds.

Es war die Ära, in der gänzlich neue Pop-Strömungen das direkte Sprachrohr politischer Meinungen wurden. Max Romeo hätte ja auch über die Mango-Ernte in seinem Heimatort singen können, wie es dort alle immer taten. Aber er wusste genau, dass er diese Phase für konkretere Botschaften nutzen konnte. Und dass er gehört wurde.

Etwa von Michael Manley, Sozialreformer, linker Spitzenkandidat, Regierungschef in Jamaika von 1972 bis 1980. Romeos Song "Let The Power Fall" hatte ihm 1972 ins Amt verholfen. "Michael Manley hatte ihn gehört und dachte, es würde ein guter Slogan für seine Partei sein. Ich meinte, 'Ja, mach! Nimm ihn'. Er war ein guter Mann. Es gab viel Leid in Jamaika, und er begriff das." Manley enttäuscht während seiner ersten Legislaturperiode viele, auch den Sänger. Der Politiker stellt sich 1976 zur Wiederwahl. "One Step Forward" bezieht sich tagesaktuell auf ihn, kritisiert die Halbherzigkeit seines Kurses.

Während die Texte vor Inhalt fast platzen, schreibt die Musik Geschichte. Zwei Alben hatten im Vorjahr den Grundstein für Dub auf Albumlänge gelegt, verquast, experimentell, technoid, sehr basslastig. Beides wird kaum gepresst, verkauft sich wenig. Zur Massentauglichkeit fehlt etwas, und "War Ina Babylon" liefert es.

Dub: Drei Buchstaben, vier Tonspuren. Zwei für Drums und Bass, zwei für die Melodie. Nach diesem Strickmuster nimmt Lee Perry, hier selbst Toningenieur, Produzent und Backgroundsänger, immer auf. Doch mit Max Romeo hat er einen hoch politischen Künstler am Mikrofon. Getrieben vom Wunsch nach Veränderung. So entsteht das ausgeprägteste Vokalalbum der Dub-Geschichte, ein untypisches und doch eines der bekanntesten des Subgenres.

Einer der Tricks hier lautet Smoothifizierung: Wie bei Marley säuseln ein paar Damen den 'Background', wiederholen die wichtigsten Wörter. Statt sie wirklich in den Hintergrund zu mischen, sind sie aber fast genauso laut wie Max Romeo selbst. (Es echo-singt hier u.a. genau dieselbe Frau wie bei Marley: Marcia Griffiths.) Reggae verzweigt sich ab jetzt auch in diverse Richtungen. Hier bei Max Romeo fußt die Instrumentierung auf Soul und Jazz.

"Chase The Devil" von Max Romeo entwickelt sich so soulful zu einer der Mitpfeif-Hymnen des Roots Reggae. Romeo begrüßt den Teufel, 'Lucifer', zieht sich eine schusssichere Weste an, "an iron shirt", vertreibt den "Satan" mit der Hilfe von "Jah Jah". Dass Jungle auf Reggae aufbaut, wussten auch The Prodigy: "Out Of Space" kopiert unmittelbar nach dem Intro eine Original-Passage aus der Romeo/Perry-Platte, 38 Sekunden und quasi die erste Strophe des Titels, und quasi pures Copy/Paste der ersten Strophe aus dem Reggae-Klassiker. Wobei der Track von The Prodigy formal und energetisch sogar um einiges revolutionärer wirkt als der Romeo-Titel. Den Eröffnungsruf "Lucifer Son of a mourning" benutzt auch Jay-Z in "The Black Album" 2003.

Während die A-Seite des "War Ina Babylon"-Vinyls äußerst bekannt ist, kann man das von der B-Seite nicht behaupten. Zu Unrecht natürlich! Lauter tolle Songs hat man drauf gepresst. "Norman" handelt von einem Freund Max Romeos aus der Teenager-Zeit, mit dem er sich beim Kartenspiel, beim Domino usw. die Zeit vertrieb. "Er ist der 'Hausmeister', und in seiner Rolle sammelt er eine Steuer ein. Jedes Mal, wenn jemand ein Spiel gewinnt, erhebt Norman eine Steuer und sammelt sie ein. Und es gibt eine Regel in dem Spiel: Wenn etwas schief geht und du einen Fehler gemacht hast, bekommst du eine zweite Chance, indem du den anderen Teilnehmern eine Kleinigkeit gibst - wir nannten das 'a less', ein Weniger. Dann kommst du zurück ins Spiel.

Norman war aber der Typ, der sich darauf nicht einließ, sondern: Wenn du ihm 'a less' angeboten hast, wollte er 'more'. Der Song basiert also auf einer leibhaftigen Erfahrung und ist keine Fantasie, sondern Wirklichkeit. Damals waren wir in jungen Jahren schon Arbeiter, und nach der Arbeit hatten wir auf diese Art Spaß. Das war so eine kleine Nische, da haben wir unseren eigenen Raum geschaffen und uns so gegenseitig entertaint. So entstand dieser Track." Mit "diamonds and pearls in the back" steht Norman ironisch im Kontrast zu einer Gesellschaft, in der sich alles um das kleine bisschen Mehr über dem Mindeststandard dreht und Mittellosigkeit für viele das Normale ist. Bildung hat hier keinen hohen Stellenwert.

"When your hand in the lion mouth / Me said me take time pull he out." - Das philosophische Lied "Tan And See" mit diesem zentralen Satz verwendet ausnahmsweise, anders als der Rest der Platte, den kompletten Text hindurch jamaikanisches 'Patois'. Provoziert man den (stolzen) Löwen, sprich: den Freiheitskämpfer und aufrechten Rastafari-Gläubigen, dann dauert es lange, bis man die Hand aus dem Maul des Löwen wieder heil herausbekommt.

Der Stachel gegen das 'böse' Babylon sitzt auf diesem Album beharrlich tief. Romeo zieht damals konsequent das Armutsthema durch seine gesamte Kriegschronik des "War Ina Babylon": "Cost of living is rising high while / Poverty flowing / The rain is falling / But no seeds are growing / So smile out of style."

Nur vordergründig geht es in "Uptown Babies Don't Cry" um Sozialneid. "They don't know what suffering is like." - "Sie wissen nicht, was Leid ist, haben Mama und Papa, viele Spielzeuge, eine Kinderfrau und eine Oma, viele Freunde, mit denen sie die Zeit verbringen".
Erzogen werden die Kleinen mit der religiösen Einstellung, Armut sei eine Sünde.

Die Kids der Reichen kommen so nicht auf die Idee, Ursachen für Elend und Bildungsmangel zu hinterfragen. Ihre gleichaltrigen schwächeren Mitschüler werden zu Sündern abgestempelt. Die Statements sind der eigentliche Kern der Platte, denn sie verstricken alles zu einem harten, dicken, roten Fadenknäuel: Es geht genau deshalb "One Step Forward, Two Steps Backwards", weil sich schon vom Baby-Alter an die Spaltung in Arm und Reich in die nächste Generation vererbt, fortschreibt und verhärtet ("Uptown Babies Don't Cry"). "Lucifer, son of the mourning" hat deshalb leichtes Spiel.

Den Teufel könnte der Prediger austreiben, der aber lieber sein "fancy car" spazieren fährt. Weil die Ungerechtigkeit nicht zu ertragen ist und jedes Lächeln abwürgt ("Smile Out A Style"), erfindet die Jugend Spiele um sich abzulenken ("Norman The Gambler"). Doch den "War Ina Babylon" spürt jeder, ob er will und ein Löwe ist ("Tan And See") oder sich in einen "Smokey Room" zum Inhalieren von Tabak und mehr zurückzieht. Selbst dort aber setzt sich sehr der "ital rhythm, vital rhythm" des Reggae durch, Glen Da Costa von Beres Hammonds Gruppe Zap Pow bringt besonders auf diesen Songs der Vinyl-B-Seite die soulvollen Saxophon-Töne ein und verleiht der Platte immer wieder Soul-Flair.

Lee Perry und Max Romeo, Sly & Robbie, Marcia Griffiths, Earl 'Chinna' Smith, Theophilus London (der Fats Domino Jamaikas), und viele andere schufen mit "War Ina Babylon" eine Bestandsaufnahme der Arm-Reich-Schere des Landes. Jene wird immer krasser.

In Musik und Gesellschaft findet die Platte bis heute viel Widerhall. Max Romeos Kinder schicken sich an, die Messages in die 2020er Jahre zu tragen, und auch Max Album "Words From The Brave" knüpft an den alten Meilenstein an. "Ghetto's Songs" nannte Jimmy Cliff diese Art Musik einst.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. One Step Forward
  2. 2. Uptown Babies Don't Cry
  3. 3. Chase The Devil
  4. 4. War Ina Babylon
  5. 5. Norman
  6. 6. Stealing In The Name Of Jah
  7. 7. Tan And See
  8. 8. Smokey Room
  9. 9. Smile Out A Style

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2 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Monat

    Klasse geschrieben und ein absolut würdiger und überfälliger Meilenstein!

  • Vor einem Monat

    Tolle Review, sehr guter Text! Musikalisch würde ich die Bewertung allerdings nicht teilen, neben ein paar wirklich sehr starken Liedern sind da doch auch einige dabei, die sich mir nicht einprägen. Aus der Black Ark würde ich Heart of the Congos (The Congos) und Party Time (The Heptones) vorziehen, und auch außerhalb von Perrys Arche sind in dieser Ära mit Marcus Garvey (Burning Spear), Trenchtown Mix Up (The Gladiators), Harvest Uptown, Famine Downtown (Soul Syndicate) und Weiteren eine ganze Reihe Alben entstanden, die qualitativ und teilweise auch in ihrer musikhistorischen Bedeutung über War Ina Babylon anzusiedeln wären.
    Meinem Eindruck nach ist der heutige Status des Albums vor allem darauf zurückzuführen, dass es mit "Chase the Devil" einen der wenigen Roots-Songs bietet, der einem Mainstream-Publikum bekannt ist, ohne von Bob Marley zu stammen. Dass man dabei leider kaum einmal eine Rezension des Albums oder Liedes liest, in der nicht auf The Prodigy verwiesen wird, finde ich dagegen geradezu erniedrigend. Als wäre von the Prodigy gecovert zu werden die größte Leistung oder Auszeichnung, die ein Reggae-Musiker erreichen könnte.

    So, genug der Kritik. Ganz so schlecht ist das Album nicht. Aber eben auch nicht sooo gut ;)

    • Vor einem Monat

      Danke für den profunden, ausführlichen und differenzierten Kommentar. Max Romeo selbst teilt die Auffassung auch nicht, dass das Album großen Stellenwert habe. Es gibt die Samples evtl deshalb, so erinnert er sich, weil die Rechteinhaber oft gewechselt haben und er keine Mitsprache hatte. Dasjenige bei The Prodigy ist eigtl. kein Sample im landläufigen Sinne, sondern die 1:1-Übernahme eines Liedabschnitts.

      The Prodigy sind nun mal Kult, für eine gewisse Altersgruppe, stehen beispielhaft für Stil-Clashes in den 90ern und Videos mit ungewohnten Blickwinkeln und Schnitten.

      "Meinem Eindruck nach ist der heutige Status des Albums vor allem darauf zurückzuführen, dass es mit "Chase the Devil" einen der wenigen Roots-Songs bietet, der einem Mainstream-Publikum bekannt ist, ohne von Bob Marley zu stammen."
      --> TRUE. Tracks 1+4 sind aber auch sehr bekannt, überproportional bekannt für Reggae.

      Burning Spears "Marcus Garvey" wird von Fans und Musikern aber viel öfter genannt. Für Max Romeo sprach, dass er gerade ein sehr schönes neues Album raus hat (wie auch Lee Perry), fast jedes Jahr in D tourt, bald runde 75 wird, für ein langes Interview zu dem alten Album zur Verfügung stand (wer gibt schon Interviews zu eigenen alten Platten...?!) und allgemein bekannter beim Nicht-Reggae-Publikum ist; bei Burning Spear fraglich, ob JEDER Musikliebhaber das gehört haben muss....

      The Heptones kommen mutmaßlich im Sommer 2019 nochmal nach D, evtl wirklich mal ein Fall für diese Rubrik. Wer weiß....

      The Congos lösen immer wieder nicht so positive Reaktionen aus, wenn ich sie im Radio einsetze oder waren zuletzt live 2016 gesehen nicht ganz so großartig wie erhofft.

      The Gladiators genießen in der französischen Musikwelt noch hohe Bedeutung, für den deutschen Markt - naja. Es gibt auch ein hübsches neues Album von Clinton Fearon namens "Time" (VÖ 13.09.)

      Soul Syndicate sind zwar ein Geheimtipp, von der musikalischen Qualität her wahrscheinlich höher einzuschätzen als alle anderen, aber eben lyrisch und geschichtlich wieder nicht sooo reizvoll wie die anderen.

      Ach, es gibt so viel gute Musik....

    • Vor einem Monat

      The Heptones: Sommer 20*20*, sorry!