laut.de-Kritik

Huldigt dem neuen König der Wüste!

Review von

Schüchtern ist Andrew Stockdale ganz sicher nicht – auch wenn es auf der Bühne manchmal so wirkt. Jedenfalls reizt er auf dem neuen Wolfmother-Album "New Crown" ganz ohne Scham die Stones- und Sabbath-Zitate bis zur Schmerzgrenze aus. Aber hey, wer kann, der kann. Die Wölfe können – und wie!

Der Weg bis zu "New Crown" war dabei alles andere als vorhersehbar. 2013 verkündete Bandleader Andrew Stockdale, dass Wolfmother fortan nicht mehr existieren und führt die Band als Soloprojekt unter seinem Namen fort. Wenig später erscheint dann tatsächlich das Debüt mit dem passenden Titel "Keep Moving". Doch plötzlich sind auch Wolfmother wieder da und teasern im Dezember ein neues Album an. Nach dreizehn Jahren mit nur zwei LPs folgen jetzt also zwei Studiowerke in nur einem Jahr aus dem Hause Stockdale.

Wolfmother präsentieren sich auf "New Crown" sogar noch dreckiger, erdiger und wüstenrockiger als auf den Vorgängeralben. Der Wuschelkopf ist in stimmlicher Höchstform, klingt noch mehr nach Ozzy als jemals zuvor und steuert des Öfteren auch die passenden Iommi-Riffs bei. So zu hören in "Enemy Is In Your Mind" und "Heavy Weight". Noch mehr Siebziger-Feeling vermittelt die Orgel im Titeltrack "New Crown", die dem Led Zeppelin-Gedenkriff die nötige Extrawürze verpasst. Vocals und Instrumente werden durch Rotary-Speaker gejagt und jammen sich durch den psychedelischen Mittelteil des Songs.

Die das gesamte Album dominierenden Tonexperimente schlagen sich auch im nachfolgenden "Tall Ships" nieder, das mit einem gewöhnungsbedürftigen, aber durchaus hörenswerten Gitarrensolo aufwartet. Wer etwas gegen Hall hat, sollte hier allerdings lieber die Skip-Taste drücken. Gitarrensoli finden sich im anschließenden "Feelings" keine. Stattdessen dröhnt rüder Garagenpunk aus den Lautsprechern. Jede dahergelaufene Schülerband bekommt heutzutage besser klingende Demos hin. Aber wenn solches Akkordgeschrubbe und derartiger Sound in das Gesamtkonzept eines Albums passen, dann bei "New Crown".

Mag sein, dass es den Aussies tatsächlich an Budget bzw. einem Label fehlte, um New Crown vernünftig einzuspielen, allerdings bleibt angesichts des Ergebnisses nur zu sagen: richtig so! So eine herrlich raue und dreckige, aber trotzdem gut klingende Produktion findet man leider viel zu selten in Zeiten von Pro-Tools und Co. Da muss man schon weiter zurückgehen.

Zum Beispiel ins Jahr 1965. Die erste Nummer 1-Single der Rolling Stones in den USA. Was war das doch gleich? Ach ja: "I can't get no…" Wie es weitergeht, weiß jeder. Natürlich auch Andrew Stockdale. Und das reibt er dem Hörer liebend gern unter die Nase. Wie der Track heißt? Hm, "I Ain't Got No" wäre doch naheliegend oder? Dachte sich wohl der Herr aus Sydney ebenfalls und pflanzte den Song kurzerhand mit diesem Namen aufs Album. So schamlos kupfern wahrscheinlich nicht einmal Coverbands bei Keith Richards und Mick Jagger ab. Die kriegen allerdings auch keine so geile Version hin wie Wolfmother. Denn die schaffen es, trotz oder vielleicht gerade wegen der unzähligen frechen Zitate eine eigene Identität zu bewahren.

Doch nicht nur die ollen Kamellen dreht Andy durch den Fleischwolf. Wüstenkönig Josh Homme schaut gleich zweimal vorbei. "She Got It" und "My Tangerine Dream" könnten beinahe eins zu eins auf einem Queens-Werk stehen. Sogar die Kuhglocke klopft munter an. Doch Josh kann sich gleich wieder abschminken, den Wischmopp für seinen nächsten Personalienwechsel einzuplanen. Der der schielt bereits mit seiner aktuellen Band in Richtung Arena-Shows. Mit dem Stadionrocker "Radio" hat er bereits das richtige Songmaterial am Start. Unterstützung vom Meister hat Andrew Stockdale ohnehin schon lange nicht mehr nötig.

Psychedelisch wird es im abschließenden "I Don't Know Why". Der Gesang verkrümelt sich in den Hintergrund, eine Wah-Wah-Gitarre wabert genüsslich vor sich hin, der Bass spielt vergnügt seine Lines, während die Drums mit locker-flockigen Fills und Mini-Solo einen stimmungsvollen Ausklang markieren.

Mit ihrem dritten Album melden sich Wolfmother mehr als angemessen zurück. Das gelungene Stockdale-Soloalbum übertrumpft "New Crown" locker. Und sogar das starke Debüt "Wolfmother" wie auch "Cosmic Egg" wirken neben diesem Monster wie (Wolfs-)Welpen. Der entscheidende Unterschied liegt dabei nicht im Songwriting, das sich seit den Anfangstagen auf konstant hohem Niveau bewegt, sondern im Sound. Live war das Rohe, das Ungeschliffene schon immer da – im Studio fehlte bislang immer noch ein Stück. Auf "New Crown" hat sich das nun geändert. Stellenweise übertreibt es die Band sogar mit aufgerissenen Verstärkern und Effektwirrwarr. Das mag nicht jedem gefallen, mir auf jeden Fall.

Wenn das dabei rauskommt, warte ich auch gerne erneut fünf Jahre auf den Nachfolger. Aber offenbar ist das gar nicht nötig. Wie es aussieht, bringt Andrew Stockdale sein bestes Material zustande, wenn er möglichst viel in möglichst kurzer Zeit auf den Markt wirft. "New Crown" ist ein Stoner Rock'n'Roll-Sandsturm, der alles Vergleichbare der letzten Jahre einfach wegfegt. Das Album versucht erst gar nicht, seine Inspirationen vor dem Zuhörer bemüht geheim zu halten, sondern knallt sie ihm mit voller Wucht und einer gehörigen Portion Ironie vors Gesicht. Das verdient in der Tat den Wüstenthron.

Trackliste

  1. 1. How Many Times
  2. 2. Enemy Is In Your Mind
  3. 3. Heavy Weight
  4. 4. New Crown
  5. 5. Tall Ships
  6. 6. Feelings
  7. 7. I Ain't Got No
  8. 8. She Got It
  9. 9. My Tangerine Dream
  10. 10. Radio
  11. 11. I Don't Know Why

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18 Kommentare mit 24 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Mir mag sowohl dieses Album als auch diese Review so gar nicht gefallen. Ich finde Wolfmother wirkt auf diesem Album eher uninspiriert und die meisten Songs klingen doch sehr ähnlich; sowohl untereinander als auch im Bezug auf schon längst bekannte sachen (von wolfmother und anderen bands). Das ganze führt dazu, dass das Album auf mich eher eintönig wirkt. Dennoch gibt es tatsächlich auch gute Songs auf dieser Platte. Leider beschränken sich diese jedoch auf die Lieder 1 bis 5. Hätte man nur diese rausgebracht und das ganze dann meinetwegen "Wolfmother EP" oder ähnlich genannt, wärs wohl besser gewesen. Oder aber man hätte es auch einfach ganz bleiben gelassen und sich mal ein Beispiel an den vom Autor erwähnten "Schülerbands" genommen und eine halbwegs vernünftige Produktion zusande gebracht. Wenn ich das Album auf meiner Hifi-Anlage höre, möchte ich am liebsten heulen. Auch das ist ein Grund, wieso ich das Album nur schwer hören kann. Wirklich schade eigentlich, da mir die anderen beiden Wolfmother Alben eigentlich gut gefallen haben. Statt dieser Platte greife ich dann doch lieber zu anderen Bands, die entweder wissen, wie man den Retro-Stil besser umsetzt, oder aber direkt zu Originalen aus der Zeit. Gerade im Vergleich mit anderen Platten (von anderen Bands) wirkt die neue Wolfmother eher schwach. Es gibt leider viel zu viele Alben, die ich lieber auflegen würde, als dieses.
    Fazit: Mir fehlt auf dieser Scheibe vor allem Kreativität, die Produktion ist grottig und leider geht dem ganzen nach etwa der Hälfte der Saft aus. Daher würde ich letztendlich auch nur 2 Sterne geben (die Hälfte von 4).

  • Vor 5 Jahren

    Kannte ich bis dato nicht und muss mir das erstmal anhören. Das Aussehen der Band/Sänger ist mir ebenso unbekannt, insofern juckt mich der Afro and the pigface minimal. :-P

  • Vor 5 Jahren

    Ihrem neuen Video nach kann man die Band wohl nicht mehr ernst nehmen *fremdschäm* http://www.youtube.com/watch?v=JBEmFDP3eN0