laut.de-Kritik

Geigen, Celli und Bläser statt Powerchords.

Review von

Weezer bleiben Weezer, so viel ist inzwischen klar. Selbst wenn als Inspirationen Harry Nilsson und die Beach Boys genannt werden, servieren die Amerikaner College-Pop, der diesmal dann halt statt auf E-Gitarren auf Pop-Streicher setzt. Weezer werden auch noch nach Weezer klingen, wenn im Mai das nächste, inzwischen überfällige Album "Van Weezer" erscheint, dann wohl im Soundgewand von 80er-Rock-Legenden wie Van Halen. Aber gelegentlich schreiben Weezer eben bessere Weezer-Songs, die auch außerhalb ihrer Fangemeinde Wellen schlagen. Zuletzt war das 2014 der Fall, als die Kapelle mit "Everything Will Be Alright In The End" überraschte, nun ist auch "OK Human" mal wieder so eine Platte.

Man merkt das schon daran, dass sich nicht der redaktionseigene Weezer-Fan dazu berufen fühlt, eine apologetische Rezension in Richtung "Wenn's euch nicht gefällt, müsst ihr's ja nicht hören" zu schreiben und ausführlich darlegt, warum die immer gleichen Riffs und Geschichten einfach etwas Heimeliges haben. "OK Human" liefert dagegen mal wieder richtig solide Pop-Songs, die eindeutig nach Weezer klingen, aber irgendwie doch ein bisschen frischer wirken als zuletzt. Rivers Cuomo hat diesmal viel am Klavier geschrieben und sich dann orchestrale Unterstützung geholt. Wo sonst die Powerchords regieren, sitzen jetzt also die Geigen, Cellos und Bläser.

Dass er es gerne slow und sad mag, lässt uns Cuomo direkt im Opener "All My Favorite Songs" wissen und man darf sich schon mal darauf einstellen, dass die schnelleren Stücke diesmal in der Minderheit sind. Was durchaus schade ist, denn verrocktere Tracks wie "Grapes Of Wrath" oder "Screens" machen vieles richtig und gehören zu den Highlights des Albums. In "Aloo Gobi" namedroppt Cuomo mit Serge Gainsbourg eine Chanson-Referenz und später gelingt ihm in "Dead Roses" tatsächlich sowas wie eine poppige Hommage an Gainsbourgs tragisch-französischen Charme. Häufiger aber und ganz besonders in "Mirror Image" weckt das Album Erinnerungen an den Briten Badly Drawn Boy.

Die Texte handeln von unserer Mediennutzung und sind von dieser weit verbreiteten Ambivalenz geprägt, einerseits die bösen Datenkraken zu kritisieren, andererseits aber eben auch dabei sein zu wollen und die verschiedenen Plattformen letztlich trotzdem zu benutzen. In "Numbers" klagt Cuomo darüber, wie sich Menschen immer mehr über ihre Likes definieren: "Look at him, look at her, they've got a million likes / You better figure out how to multiply, divide / Numbers are out to get you / They'll kill you if they get through". Das ist natürlich nicht wahnsinnig innovativ, gerät bei Cuomo aber wieder ziemlich charmant.

Spannender kommt da ein kurzer Part in "Here Comes The Rain" daher, den man leicht als Kritik an den Echokammern in den sozialen Medien interpretieren könnte: "Did you hear the news? / The universe will give you more / Of what you pay attention to". Gemeinsam mit "La Brea Tar Pits" schließt der Song das Album wunderbar ab, hier gelingt die Abweichung vom Weezer-Sound am besten. Besonders in den untypischen, opulenten Hooks schafft es Cuomo auch an die eingangs genannten Idole anzuknüpfen. "Playing My Piano" beschreibt das Musiker*Innenleben in der Pandemie: "My wife is upstairs, my kids are upstairs / And I haven't washed my hair in three weeks / I should get back to these Zoom interviews / But I get so absorbed and time flies". Das Stück klingt, als würde es aus einem Corona-Musical stammen - einem, das man sich sogar gerne ansehen würde.

Mit seiner eigenen Relevanz beschäftigt sich Cuomo im schweren, aber doch mitreißenden "Bird With A Broken Wing": "I'm just a bird with a broken wing / And this beautiful song to sing / Don't feel sad for me, I'm right where I wanna be". Bei einigen der letzten Alben hätte man wohl ob dieser Bekenntnis gedacht: Echt? Hier willst du sein? Aber "OK Human" lässt einen das einfach mal wieder schulterzuckend hinnehmen. Und ganz leise nähert sich die Befürchtung, dass "Van Weezer" das neu gewonnene Wohlwollen schon wieder verspielen könnte.

Trackliste

  1. 1. All My Favorite Songs
  2. 2. Aloo Gobi
  3. 3. Grapes Of Wrath
  4. 4. Numbers
  5. 5. Playing My Piano
  6. 6. Mirror Image
  7. 7. Screens
  8. 8. Bird With A Broken Wing
  9. 9. Dead Roses
  10. 10. Everything Happens For A Reason
  11. 11. Here Comes The Rain
  12. 12. La Brea Tar Pits

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4 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    Mal wieder zuckersüß, und ein gutes Beispiel dafür, warum so viele Musiker einen Finger dafür opfern würden, bei denen mitspielen zu dürfen!

  • Vor 7 Monaten

    Ihr bestes seit dem "Green Album".

    • Vor 7 Monaten

      Das Green Album ist wahrscheinlich die Platte die ich am wenigsten gehört habe. Keine Ahnung warum die so beliebt ist oder warum die ausgerechnet mit dem Album durchgestartet sind. Obwohl zugegeben 'Island in the Sun' ist der einzige brauchbare Song darauf.

    • Vor 7 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 7 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 7 Monaten

      Beim Green Album gefällt mir halt vor allem, dass die Platte in sich stimmig ist, aber einzelne Tracks trotzdem herausstechen. Hash Pipe geht für Weezer-Verhältnisse untypisch hart nach vorne, Island in the Sun überzeugt durch seine klasse Komposition. Nach dem Green Album haben sie es mMn nie mehr so gut hinbekommen, auch wenn ab und zu wirklich gute Alben dabei waren.
      Könnte dem Lockdown geschuldet sein, dass mich OK Human jetzt mit seinem Vibe derart gecatched hat. Für mich auf jeden Fall (im noch jungen Jahr) meine bisherige Lieblingsplatte.

  • Vor 7 Monaten

    Das Album scheint tatsächlich in eine Kerbe zu schlagen in der Weezer mal wieder frisch klingt. Ein Grund warum Weezer Fans immer wieder wie eine gebeutelte Hausfrau zu der Band zurückkehrt mit dem Gedanken 'sooo schlecht war das letzte Album ja nicht '.
    Nachdem ersten Durchlauf erstmal positiv überrascht. Und ich denke die Band sollte definitiv mehr mit neuen Instrumenten experimentieren anstatt den perfekten IndiePop Song zu destillieren. Diese Suche nach dem Heiligen Gral hat uns ja Ratitude beschert. Obwohl ich immer noch glaube dass in Ratitude sehr gute Songs drinstecken die sich in einer Synthie und Pop Größenwahn verirrt haben.

    Bin froh das die Jungs endlich mal wieder einen Volltreffer gelandet haben.
    Aber meine Erwartungen für's nächste Album werde ich dennoch schön flach halten.

    • Vor 7 Monaten

      Wie in der Rezension schon festgestellt, ist die Platte "Everything Will Be Alright..." vermutlich die beste Rockplatte der Band, und gerade das epische Finale eine der geilsten Rocknummern des letzten Jahrzehnts. Daß man nie weiß, ob sie was Saublödes oder was Geniales herausbringen, ist auch ein großer Reiz der Band.

    • Vor 7 Monaten

      Ich kann jedem Weezer-Album etwas abgewinnen, ich höre sie seit 25 Jahren. Unglaublich kreative Band, man weiß nie, was als nächstes kommt. Idr ja nie das, was die Masse erwartet.

    • Vor 7 Monaten

      @Ragism ja die "Everything Will Be Alright..." hat mich ziemlich umgehauen da ich das Album spontan gekauft habe habe ohne irgendwelche Rezensionen zu lesen. War auf jeden Fall ein tolles Erlebnis die Scheibe zum ersten Mal zu hören.

    • Vor 7 Monaten

      @soulseeker, sehe ich genauso. Nicht jeder dieser Ausflüge ist ein Volltreffer,
      aber ich habe einen immensen Respekt vor jeder Band die sich nicht scheut die Trampelpfad zu verlassen.