laut.de-Kritik

In einer anderen Liga als Maite Kelly.

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Wenn jemand das mediale Spiel noch besser beherrscht als Maite Kelly, dann sicherlich Vanessa Mai. Von der "Greatnightshow" geht es über "Das Duell um die Welt" zur "Silvestershow mit Jörg Pilawa". Stets bewegt sie sich zwischen den beiden Polen der sportlichen Schlag-den-Star-Kandidatin mit Hang zum Pferdestehlen und des aufreizenden Models, das TikTok und Instagram mit Bildmaterial flutet.

Nebenbei gilt es auch noch, dem Markt beharrlich neue Musik anzubieten. Ihr siebtes Album "Mai Tai" bietet nun wieder Pop, Dance und Schlager.

Ohne jede Ironie ergibt diese Mischung in der Praxis "ordentlich hörbare Musik", wie Perverz es nennt. Das liegt in erster Linie an der fachkundigen Produktion, die Kirmes-Beats konsequent meidet. "Mai Tai" entstand unter der musikalischen Aufsicht der Brüdern Christoph und Daniel Cronauer sowie von Matthias Zürkler, der als B-Case auf den Selfmade-Records-Alben "Chronik II" und "Zuhältertape Vol. 3" seine ersten Instrumentals platziert hatte. Eine gewisse Nähe zum Hip Hop pflegt Mai seit ihrem Duett mit Olexesh. Für "Mitternacht" holt sie sich nun Fourty in die Booth.

"Du hast, was keiner hat", schmachtet sie den Rapper an. In "Landebahn" macht sie Ardian Bujupi "high". Abgesehen von diesen Ausnahmen huldigt Mai stets der zweiten Person Singular, womit sie die ideale Projektionsfläche für ein gierendes Publikum bildet. "Ich weiß, was du heut' willst. Unsere Körper kommen sich näher. Aufzuhören wär'n Fehler", geht sie in "Morgenlicht" eine Spur direkter in die Vollen, als es der herkömmliche Schlager-Hörer gewohnt sein dürfte. Das Spiel wiederholt sich in "Mai Tai": "Visionen von dir, wie deine Hand sich auf mein' Körper legt. Bin hypnotisiert."

Immer wieder steigert sich die Sängerin in die Abhängigkeit hinein. Wenn sie keinen Ausweg sieht, weist ihr "Der Eine" den richtigen Weg: "Du bist mein Lebenselixier." Eine Trennung bietet sich da nicht an, wie sie auch in "Leichter" feststellt: "Ich komm' nie wieder los von dir." Vollends den Tiefstatus erreicht Vanessa Mai in "Ruf Nicht Mehr An". Als autonome Persönlichkeit präsentiert sie sich einzig im Song "Auf Anderen Wegen", der sich dann auch noch als Coverversion des gleichnamigen Stücks von Andreas Bourani herausstellt: "Du schlägst Wurzeln, ich muss fliegen."

Mit "Fort Von Hier" endet "Mai Tai" zumindest mit einer stabilen Musical-Einlage. "Fort von hier, könnte ich doch fliegen, ganz weit fort von hier. Ich will zu dem Ort da draußen, wo der Traum meiner Kindheit wohnt", weckt Vanessa Mai mit sehnsuchtsvoller Singstimme Assoziationen mit Disney-Klassikern vom Schlage "Aladdin". Tatsächlich handelt es sich beim eingängig orchestrierten Stück um die deutsche Adaption von "Rocket To The Moon", den die Sängerin Cathy Ang für den Netflix-Animationsfilm "Die Bunte Seite Des Monds" eingesungen hat.

"Der Sommerwind zieht auf. Merkst du, alles wird leichter? Und aus den Boxen läuft 'Mai Tai' um Mitternacht", erklärt sie als selbstreferentielle Gebrauchsanweisung für kommende Beach-Partys. Doch auch wenn diese an neuen Virusvarianten scheitern, wird das Album sein Publikum finden. Songs wie "Der Eine" oder "Safe Du" lassen sich ohne Gesichtsverlust im Radio spielen, und verglichen mit Kellys "Hello!" spielt Vanessa Mai tatsächlich in einer anderen Liga. Dennoch bleibt "Mai Tai" zu seicht und vor allem zu durchkalkuliert, um in die Nähe von spannender Kunst zu geraten.

Trackliste

  1. 1. Sommerwind
  2. 2. Leichter
  3. 3. Morgenlicht
  4. 4. Mitternacht (mit Fourty)
  5. 5. Augenblick
  6. 6. Der Eine
  7. 7. Mai Tai
  8. 8. Ruf Nicht Mehr An
  9. 9. Eine Sekunde
  10. 10. Gib Nie Auf
  11. 11. Landebahn (mit Ardian Bujupi)
  12. 12. Safe Du
  13. 13. Auf Anderen Wegen
  14. 14. Fort Von Hier

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