laut.de-Kritik

Ein Monolith in Prog: Fett, konzise und dunkel schimmernd.

Review von

"Wer soll das denn sein?!", schrieb mir mein Lehrer Ende der Neunziger mit Rotstift an den Rand der verkackten Klausur, in der ich die revolutionären Ideen des "Ökonom und Philosophen Maynard James Keenan" erläuterte. So weit war es also schon gekommen, dass ich den Frontman einer Progrock-Truppe, dessen Album "Aenima" ich seinerzeit rauf und runter hörte, in eine Arbeit über Politik einfädelte. Die Antwort auf die in rot gestellte Frage blieb uns der Sänger - nein, eigentlich die ganze Band Tool - bis heute zum Glück beharrlich schuldig.

Genau darin liegt die Faszination des dritten Tool-Albums: "Aenima" ist ein dunkel schimmernder Stein, undurchdringbar, schwer und schön. Hört man die Platte, scheint man gleichzeitig fest verankert im Hier und Jetzt zu sein und doch ganz weit draußen zu schweben. Es ist die unbeschreibliche Atmosphäre, die sofort hypnotisiert. Die Songs ändern Richtung, Tempo und Dynamik, und doch wirken sie nicht sperrig - sie fließen und reißen mit. Sie sind zusammengesetzt aus tausenden einprägsamen Momenten, mal sachte, mal fokussiert hart und immer ausgesprochen fein arrangiert.

Aenima, eine Eigenschöpfung zwischen Worten, die "Seele" und "Einlauf" bedeuten, fasst das Album schon ganz treffend zusammen. Weniger roh und klöppelnder als seine Vorgänger ist "Aenima" dafür so intensiv und zeitlos, dass es der Band zu etwas absolut Außergewöhnlichem verholfen hat: Einem unantastbaren Kultstatus, ganz ohne Tragödie, Drogentod oder Split der Gruppe. Allerdings: Wenn ein Bassist mitten im Schreibprozess eines Albums geht, ist das immer beängstigend. Wenn es ein so guter ist wie Gründungsmitglied D'amour, erst recht.

Doch für "Aenima" ging die Rechnung auf und am Ende stand sogar ein Plus - Justin Chancellor erwies sich als das fehlende Puzzlestück, das genau verstand, wohin der Sound gehe könnte, der Tool durch seine eigenständige Kreativität bereicherte und letztlich damit zum Durchbruch verhalf.

Ebenso wie es bei Tool-Interviews keinen festen Ansprechpartner gibt, hat auch die Stimme eines Einzelnen in der Musik nicht mehr oder weniger Gewicht gegenüber den anderen. Das hört man auch in der Weise, wie die Songs austariert sind: Es gibt wenig Soli, niemand spielt sich in den Vordergrund. Schon gar nicht Maynard James Keenans oft überraschend weiche Stimme, die sich in die schweren Riffs einwebt. Sie wird oft gedoppelt, scheint geisterhaft von allen Seiten hereinzuschweben. Auf tighteren Vierminütern liegt kaum Betonung - zugunsten von tollen, episch langen Trips.

Dave Botrill, der die Tool-Lieblingsband King Crimson ebenfalls produzierte, half hier mit, Prog-Rock und Alternative Metal-Hörer gleichermaßen in Ohnmacht fallen zu lassen - und tausende Fans aus anderen Genres hinzuzugewinnen. Nicht, weil es für jeden gefällig ist, sondern weil es zu gut ist.

Fett, konzise und stimmig wirkt das, insbesondere in Momenten schwelgerischer Schönheit wie dem geradezu himmlischen Endteil von "Pushit". Die Instrumente spielen brillant mit der Dynamik auf "Eulogy", irrlichtern durch die übersteuerten Gitarrenlinien auf "H." und halten die Balance zwischen latent beunruhigender Stille und Ausbrüchen. Eine einzige Gitarrenfigur bildet den Dreh- und Angelpunkt von "Forty Six & 2", in dem sich die Takte butterweich wie geölte Zahnräder verschieben.

Dann aber wird es auch direkter, wenn der Finger des Fans, der "Sellout" schreit, zurück an den Absender geht: "I sold my soul to make a record, dip shit / And you? Bought one". Letztlich zeigt der Titeltrack überdimensionierte Mittelfinger in Richtung der eigenen Heimat Los Angeles - der einzige Ausweg ist, den ganzen Quatsch einfach ins Meer zu spülen. "Das gesamte Album geht um Wandel, Evolution, Bewegung", befand Keenan, der sich sonst eher ungern zu Interpretationen äußert. Und, geht es denn voran? "Natürlich geht es voran. Jedes Stück antike Architektur, jedes Gemälde sind doch kleine, niedliche Hinweise darauf, netterweise für uns dagelassen von den Menschen, die cleverer waren als wir. Früher oder später schlagen wir uns an die Stirn und verstehen, was sie damit gemeint haben."

Wie schon die Vorgängeralben sind die Texte auf "Aenima" gespickt mit oberflächlich betrachtet homoerotischen Anspielungen, was MTV selbstredend sofort wuschig machte und die Band zwang, den Opener "Stinkfist" in "Track 1" umzubenennen. Ob die plakative Textebene ein cleverer Weg war, sich stockkonservative Medien und Metalheads vom Hals zu halten? "Manche nehmen alles wörtlich", so Keenan. "Die wollen einfach nicht denken. Du wirfst ihnen etwas vor die Füße und sie schauen sich höchstens kurz die Oberfläche an. Und wenn sie es nicht verstehen, stempeln sie es als Böse ab." Die verbal und visuell rätselhafte bis verstörende Bildsprache sind ein Grundpfeiler dessen, was Tool spätestens seit diesem Album auszeichnet und definiert. Aber sie sind nie nur platter Selbstzweck der Hausmarke Manson.

Denn der klassische Rockstar-Gestus ist Tool ebenso zuwider wie sonst vielleicht nur Radiohead. Ausgespuckt von einem viel zu sonnigen L.A. blinzeln sie ins gleißende Licht: Vier grandios zerknautschte Typen mit eigentlich ganz anderen Jobs und Absichten. Gitarrist Jones fabrizierte früher hauptberuflich Special Effects für Hollywood-Blockbuster, Keenan war über drei Jahre in der Army und verdingte sich als Teilzeit-Comedian.

Denn Anspruch und Intellekt hin oder her: Anstatt in die Falle ähnlich gelagerter Progbands zu tappen und sich unter einem Berg unverständlicher Konzepte zu begraben, nehmen sich Tool einfach nicht besonders ernst. Und bleiben dem Rest der Welt ein Rätsel. Das ganze Album ist dem Comedian Bill Hicks gewidmet, eine seiner Einlagen findet sich zu Beginn des versöhnlichen Übertracks "Third Eye" als Opener. "Eine Menge Bands bekommen einen Riesenhaufen Geld, wenn sie einen Vertrag unterschreiben", so Gitarrist Jones. "Wir haben gesagt, warum behaltet ihr nicht einfach euer Geld und wir die ganze Kontrolle? Und es hat sich wirklich für uns ausgezahlt."

Das Gesamtpaket kommt allerdings nicht ohne einige Gratis-Albernheiten aus, darunter wüste Verwünschungen auf einem Anrufbeantworter und ein im Nazi-Gestus vorgetragenes Haschplätzchenrezept zu Industrialklängen ("Die Eier Von Satan"). Wer genau hinhört, merkt allerdings, dass für die Aufnahme dann leider doch kein Muttersprachler zur Hand war ("Auf eine gefeddeds Beckblesch laygen ...") - macht aber nichts, denn das eigentliche Rezept dieses Interludes ist: Nimm den harmlosesten Text der Welt, lies ihn dramatisch auf Deutsch vor und mische das Ganze mit einer agitiert johlenden Menge und alles, wirklich alles, hört sich nach Reichsparteitag an.

Kurt Cobain hat mal gewohnt pessimistisch vorausgesagt, dass irgendwann vom Grunge nur noch Hair Metal übrigbleiben würde. Tools Verdienst auf "Aenima" ist der zu Ende gedachte Arschtritt des Grunge, der gleichzeitig Angst und Wut transportiert, dabei aber auch das Verspult-Transzendentale des Progrock aufgreift: Da sind Tribal-Drumpatterns, da wird von dritten Augen und von Folgen ins Licht erzählt. Zu unreif oder zu hippiesk - ohne genügend Power oder Ahnung von der spirituellen Materie hätte das in vielerlei Hinsicht schief gehen können.

Aber Tool verstehen ihr konzeptuelles Handwerk meisterhaft, und so braut sich musikalisch eine erhabene, elegante Düsternis zusammen, die ergänzt von kryptischen Stopmotion-Videos aus der Feder des Gitarristen, enigmatischen Liveshows und doppelbödigen Texten intellektuell und ästhetisch ihresgleichen sucht und damit Maßstäbe gesetzt hat. Man fühlt sich nicht nur durchgeschüttelt, sondern auch fast schon ein bisschen erleuchtet, wenn man am Ende der 80 Minuten angekommen ist und sich fragt, wo eigentlich die Zeit geblieben ist.

Ach ja, der Typ mit der Ökonomie heißt übrigens John Maynard Keynes. Soll ja keiner behaupten, Musikjournalismus bilde nicht.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Stinkfist
  2. 2. Eulogy
  3. 3. H.
  4. 4. Useful Idiot
  5. 5. Forty Six & 2
  6. 6. Message To Harry Manback
  7. 7. Hooker With A Penis
  8. 8. Intermission
  9. 9. Jimmy
  10. 10. Die Eier Von Satan
  11. 11. Pushit
  12. 12. Cesaro Summability
  13. 13. Aenima
  14. 14. (-) Ions
  15. 15. Third Eye

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53 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    Sehr gute Review - 100% Zustimmung! Unendlich geile Platte. Die neue muss kommen!

  • Vor 5 Jahren

    Liebe Fr. Locker,
    ich habe Ihnen in den letzten Jahren immer wieder Komplimente bzgl. Ihres vortrefflichen Musikgeschmacks und der lebendigen Art, diesen anhand Ihrer unterhaltsamen Rezensionen zu umreißen, gemacht.
    Jetzt haben Sie DAS prägende Album meiner Teenagertage und der kompletten Mittneunziger rezensiert - und sich glücklicherweise nicht der allseits lockenden Venusfalle einer tiefgehenden Lyrikinterpretation hingegeben.
    Nein, ich bin vielmehr so zufrieden, dass laut.de jetzt auch gerne von seinem Haus- und Hoftroll zerfetzt werden kann, vorher durfte ich noch eine exquisite Rezension Fr. Locker zu einem meiner wirklich absoluten Lieblingsalben genießen... Welch eine Henkersmahlzeit ;)