5. November 2018

"Mit 30 musst du Sex nicht mehr erklären"

Interview geführt von

Von Seacore zu Sauriermetal: Nachdem The Ocean auf dem Vorgänger "Pelagial" in die Tiefe der Weltmeere vordrangen, widmen sie auf ihrem neuen Projekt "Phanerozoic" dem jüngsten Äon der Erdgeschichte und seinen drei Zeitaltern: Paläozoikum, Mesozoikum und Känozoikum. Einige der besungenen Themen waren vor 250 Millionen Jahren genauso aktuell wie heute...

Mit Dinos beschäftigen sich The Ocean streng genommen zwar erst auf dem für 2020 angekündigten zweiten Teil ihres "Phanerozoic"-Albumprojekts. Trotzdem eröffnen Chefdenker Robin Staps und Drummer Paul Seidel unser Gespräch – angestoßen von einem Fan-Q&A auf Reddit am Abend zuvor – mit der Überlegung, sie seien Pioniere des Sauriermetal und man könnte doch mal im stillgelegten Spreewaldpark ein Fotoshooting mit den dortigen Dino-Plastiken veranstalten. In den folgenden fünf Minuten erzählt Robin erst einmal, wie diese überhaupt dorthin kamen, was ein Schmuggelversuch von über 100 Kilo Kokain und der Schausteller Norbert Witte damit zu tun hat. Neugierigen sei der Dokumentarfilm "Achterbahn" empfohlen. Paul überlegt derweil, ob nicht doch T-Rex-Core schöner klänge, wir drücken auf "REC" und stürzen uns in ein knapp einstündiges Interview über Klimawandel, Apokalypse, die Komposition und Recording des neuen Albums "Phanerozoic I: Palaeozoic", Fossilien in Vinylpaketen, warum Spotify-Abos mit Museumsbesuchen vergleichbar sind und einiges mehr...

Das Rahmenthema eures neuen Albums ist das Erdzeitalter Paläozoikum. Trotzdem sind die Texte teils aus der ich-Perspektive heraus verfasst. Aus welcher Sicht schreibst du denn? Damals liefen ja nicht einmal Dinosaurier über die Erde, geschweige denn Menschen.

Robin: Ich mache mir diese Perspektive einfach gern zu eigen. Anders geht es gar nicht, man muss personalisieren, um einen Bezug zu menschlichen Gefühlen herzustellen. Im Fall von "Permian: The Great Dying" ist der Text im Ansatz eine Art Romanze im Angesicht der bevorstehenden Apokalypse. Es geht um zwei Personen, die im Angesicht des nahenden Untergangs durch die Welt schreiten. Das Phanerozoikum ist der Rahmen, aber jeder einzelne Song hat natürlich menschlichen Bezug. Sonst müsste man ja über Steine und Dinosaurier schreiben...

Paul: Das wäre eine sehr trockene Thematik...

Robin: Bei "Pelagial" war es genauso. Das Konzept war eine Reise von der Meeresoberfläche in die Tiefe, es ging aber nicht um Wale, Tintenfische und Tiefseekreaturen, sondern analog um eine Reise in die Tiefe der menschlichen Psyche mit vielen Anleihen an Freud und den Film "Stalker" von Andrei Tarkowski. Auf das Konzept wurde in den Texten zwar immer wieder Bezug genommen, aber wir haben es nicht wörtlich übertragen, sondern uns gewisse Freiheiten gelassen.

Gab es auch diesmal wieder ein Vorbild, wie zum Beispiel einen Film?

Robin: Nee, dieses Album ist bewusst etwas loser gehalten. Ich glaube, als Künstler ist es ganz normal, dass man sich zwischen Extremen hin und her bewegt. "Pelagial" war ein extremes Konzeptalbum, sehr 'cerebral', verkopft. Davon wollte ich diesmal bewusst weg, um die Freiheit zu haben, andere Songs zu spielen, statt immer dieselben Songs in derselben Reihenfolge. Bei "Pelagial" ging uns das irgendwann ziemlich auf die Eier, aber es war eben nötig, da es im Grunde ein einziger langer Song ist, den wir bei etwa 300 Shows auch von A bis Z durchgezogen hat. Beim neuen Album möchte ich nicht schon wieder in eine solche Situation kommen, sondern die neuen Songs auch mit älterem Material kombinieren. Wir verzichten auch bewusst auf die Videoproduktion – ebenfalls ein Schritt weg von zu viel Konzept. All das ist eine Reaktion auf die Erfahrungen, die wir mit "Pelagial" gemacht haben.

War das Prinzip des Loslassen auch der Grund dafür, dass ihr euch entschieden habt, einen Song an Jonas Renkse von Katatonia abzugeben? Er singt in "Devonian: Nascent" nicht nur, er hat auch die Lyrics zum Song verfasst.

Robin: Das wollten wir einfach gerne mal machen. Die Idee ist tatsächlich schon recht alt. Wir standen schon 2007 mit ihm in Kontakt. Das hatte ich total vergessen, bis wir letztes Jahr in Rumänien zusammen mit Katatonia aufgetreten sind. Auf "Pelagial" hätten wir ihm ganz genau sagen müssen, was er tun soll. Wahrscheinlich hätte in diesem Fall ich den Text geschrieben. Jetzt konnten wir ihm das überlassen und es hat super funktioniert. Aber, um auf die Frage zurückzukommen, das war natürlich nur möglich, weil wir alles etwas freier gestaltet haben.

Paul: Er wusste auch gar nicht, welche Thematik das Album haben wird oder?

Robin: Doch das wusste er, das habe ich ihm mal erzählt. Aber hat trotzdem seine eigenen Texte geschrieben.

Paul: Auch über etwas anderes als Steine und Pflanzen. (lacht)

Hat er euch verraten, worum es geht?

Robin: Ich stelle dahingehend eigentlich ungern Fragen. Ich habe meine eigene Interpretation des Textes, die für mich Sinn ergibt, und finde gut, was er geschrieben hat. In einem Text geht es ja auch nicht immer um etwas. Manchmal ist es auch oft ...

... eine Stimmung?

Robin: Ja, oder der Versuch, an eine Erfahrung oder Erinnerung in verkürzter literarischer Form heranzutreten. Songtexte sind etwas ganz Merkwürdiges. Man kann nicht erklären, man kann keine Argumentation damit aufbauen. Denn dafür sind sie viel zu kurz. Deshalb müssen Lyrics eine Vereinfachung sein und das funktioniert oft über Metaphern, Bilder und – ja – Stimmungen, die man durch Worte erzeugt.

Paul: Texte sind auch nie zu 100 Prozent selbstbefreit. Eigentlich immer haben sie auch eine gewisse therapeutische Wirkung. Du schreibst Gedanken nieder, die du mit dir herum trägst. Manche identifizieren sich damit, weil sie ähnliche Gedanken haben, andere nicht. Komplett subjektive, tief rationale Texte zu schreiben, finde ich persönlich ziemlich schwierig.

Robin: Das war schon immer die Krumm bei politischen Punk/Hardcore-Bands. Will man politische Inhalte kommunizieren, ist man auf Logik angewiesen – das genaue Gegenteil von Gefühl. Bei Musik geht es aber meistens um Gefühl, nicht um Logik, denn sonst empfindet man die Musik als langweilig. Damit ist das eigentlich ein grundsätzlicher Widerspruch, was ich sehr spannend finde, denn aus dieser Szene komme ich ursprünglich. Ein paar Bands kriegen das hin, politische Texte zu schreiben, die nicht peinlich und nicht verkürzt, sondern einfach auf den Punkt waren – wo jeder Satz sitzt. His Hero Is Gone und Tragedy schafften das zum Beispiel – auch mit Metaphern und Bildern, aber mit sehr sachlicher Komponente dahinter. Davor habe ich einen Heidenrespekt, denn das hinzukriegen, ist wirklich schwierig.

Zurück zu den Erdzeitaltern: Das Äon Phanerozoikum dauert bis heute an. Soll das Album in seiner urzeitlichen Herangehensweise auch als Analogie zur modernen Gesellschaft funktionieren – vielleicht auch im Hinblick darauf, dass ihr in Teil 2 möglicherweise sogar bis in die Gegenwart vordringt?

Paul: Naja, die wissenschaftlichen Meinungen spalten sich in diesem Punkt. Die Diskussion, ob wir uns nicht schon im Anthropozän – dem menschengesteuerten Zeitalter – befinden, läuft. Die Menschen haben die Erde inzwischen soweit verändert, dass es auch in Jahrtausenden noch sichtbar sein wird.

Robin: Irgendwann muss mal jemand kommen, das definieren und sagen: "So, jetzt ist aber mal Schluss mit Phanerozoikum!" Das hat halt noch keiner gemacht, deshalb leben wir momentan noch im Phanerozoikum, das vor 500 Millionen Jahren begonnen hat.

Paul: Alter, das ist ein guter Gedanke für das übernächste Album. Wir denken uns einfach das nächste Zeitalter aus, sagen: "So, hier ist der Bruch!" und definieren das. Wir können gleich schonmal unsere Professur beantragen.

Robin: Alles klar, dann kommt das "Anthropozoic"-Album.

"Phanerozoic I: Palaeozoic" endet mit "Permian: The Great Dying", einem Song zum größten Massenaussterben der Erdgeschichte, das sich am Ende des Paläozoikums ereignete. Als eine der Hauptursachen gelten Vulkanausbrüche, die durch starken CO2-Ausstoß das Klima radikal verändert haben. Ein Thema, das heute natürlich auch wieder sehr aktuell ist. Hat euch die heutige Klimawandel-Situation explizit zum Song beeinflusst oder steht er unabhängig davon?

Robin: Der Song ist das einzige Beispiel für einen wirklich politischen Song auf dem Album. Klar hat der einen Bezug zu dem, was gerade passiert. Meine Gedanken zu diesem Thema kreisen auch um Leute, die genau das immer noch leugnen. Die Ursachen, die den Treibhauseffekt im Perm ausgelöst haben, mögen vielleicht ganz andere gewesen sein wie heute, aber die Konsequenzen sieht man doch ganz deutlich. Über einen Zeitraum von 10.000 bis 50.000 Jahren sind 95 Prozent des marinen und über 85 Prozent des terrestrischen Lebens verschwunden – aufgrund eines Temperaturanstiegs von etwa 5 Grad. Über diese Größenordnung wird auch heute offen diskutiert.

Und wir sitzen hier Mitte Oktober bei 25 Grad im Café.

Robin: Genau. Vor zehn, fünfzehn Jahren galt 2 Grad Temperaturanstieg als Horrorszenario – heute wird es als kaum noch erreichbares Ziel gehandelt. Es scheint ziemlich flexibel zu sein, wie darüber gedacht und entsprechend gehandelt wird. Insofern ist das durchaus vergleichbar. Man braucht gar nicht spekulieren, was passieren könnte, sondern sieht doch, was am Ende des Perms passiert ist. Damals wurde der Temperaturanstieg durch Vulkanausbrüche ausgelöst, die übrigens den Sibirischen Trapp gebildet haben. Diese führten – über einen Zeitraum von 150.000 Jahren wohlgemerkt – zu einem Temperaturanstieg von 5 Grad. Heute reden wir für Ähnliches von ein paar hundert Jahren. Es gibt überhaupt keinen rationalen Grund, anzunehmen, dass eine weniger krasse Katastrophe eintreten wird. Natürlich kann man sagen: "Ist mir egal, passiert nach Ende meiner Lebenszeit." Das finde ich ziemlich traurig als Mensch. Wozu haben wir denn Vernunft bekommen, wenn nicht dafür?

Paul: Das größte Problem ist glaube ich, dass es für die meisten Menschen eine angreifbare Vorstellung bleibt. Selbst hundert Jahre kann man sich nicht vorstellen. Ich kann mir nicht mal vorstellen, was in zehn Jahren sein wird. Vor zehn Jahren war für mich alles total anders und wenn jetzt jemand ankommt und erzählt, in hundert Jahren werden wir die 2- oder 3-Grad-Grenze durchbrechen, kann man damit nichts anfangen. Ein weiteres Problem ist, dass man bisher nicht wirklich einen Effekt verspürt hat. In den letzten Jahren hat sich das langsam geändert.

Robin: Stichworte Oktober und 25 Grad…

Paul: Die Wärmeperioden werden länger und verschieben sich. Die Wissenschaftler wissen nicht hundertprozentig, was genau passieren wird, wie sich das Meer verschieben wird und all das ...

Robin: Oft kommt ja erstmal die Reaktion: "Ey, ist doch geil! Sommer!" Wir können uns in unseren Breitengraden erstmal nicht beklagen. In anderen Regionen der Erde wird das dagegen recht schnell problematisch.

Paul: Natürlich hat das alles dadurch irgendwie auch politischen Bezug und wir haben als Band auch eine gewisse Verantwortung, aber wir können auch nicht mit dem Finger auf alle zeigen und sagen, dass eh alles zugrunde gehen wird, wenn ihr nichts macht.

Robin: Wir bewegen uns als Metalband ja gerne in apokalyptischem oder postapokalyptischem Terrain. Insofern könnten wir das alles eigentlich auch begrüßen. Ohne den Klimawandel und den definitiv anstehende, dadurch verursachte Apokalypse hätten wir gar nichts zum Musikmachen. (lacht)

Naja, solange ihr eh nur über die Urzeit schreibt...

Robin: Haha, das stimmt. Also: Wir brauchen die Apokalypse.

Paul: Sonst gibts unsere Musik nicht.

Robin: Danke Trump.

Paul: Danke Klimawandel, vielen Dank Massenaussterben.

"Ich hätte gern Instrumentals aller Mastodon-Alben"

Wie seid ihr aus musikalischer Sicht an die Vertonung dieses zig Millionen Jahren umfassenden Zeitabschnitts Phanerozoikum bzw. Paläozoikum herangegangen? Kompositorisch unterscheidet sich "Phanerozoic I: Palaeozoic" doch deutlich vom Vorgänger "Pelagial", das sehr viel verspielter ausfiel. Dagegen brechen jetzt die Strukturen und Riffs reduzierter, roher herein. Nur in "Silurian: Age Of Sea Scorpions" erklingen ähnlich filigran-verzahnte Parts.

Robin: Die Songs sind entstanden seit 2014. 2014, 2015 und 2016 arbeitete ich immer im Sommer ein paar Wochen daran. Es gab keinen Masterplan wie bei "Pelagial", wo ich wirklich mit dem Gedanken, was das Album einmal werden soll, im Kopf angefangen habe. Die Songs sind diesmal einzeln entstanden, hatten aber trotzdem einen ähnlichen Vibe. "The Quiet Observer" (von der 2015 erschienenen Split-EP mit Mono; Anm. d. Red.) gehört hier übrigens auch dazu. Dieser Song entstand in denselben Sessions wie die Stücke des neuen Albums. Es ist weniger verspielt, da stimme ich dir zu. Auch das war wahrscheinlich eine Reaktion auf "Pelagial". Dort habe ich mich richtig ausgetobt, das ist ein von A bis Z durchkomponiertes, typisches Studioalbum, das wir erst aufgenommen und dann geprobt haben. Jetzt habe ich zwar die Songs auch erstmal alleine geschrieben, aber dann gemeinsam mit der Band im Proberaum erarbeitet. Im Januar haben wir einen Monat lang jeden Tag geprobt und als es ans Recording ging, war zu 98 Prozent klar, was passieren wird. In dieser Hinsicht entscheidet sich das Album recht deutlich von "Pelagial". Paul und Mattias, unser Bassist, waren zwar nicht ins eigentliche Songwriting involviert, haben sich aber zumindest auf ihren Instrumenten entscheidend eingebracht, während ich bei "Pelagial" auch hier schon sehr viel vorgearbeitet hatte. Diesmal habe ich zum Beispiel gar keine Basslinien vorbereitet, die stammen alle von Mattias. Auch musikalisch, nicht nur konzeptionell, lief also alles etwas freier. In der Vorproduktion erinnerte mich das entstandene Material sehr an "Precambrian" und mir fiel auf, dass dieses Album nun schon zehn Jahre her ist und es ja eigentlich eine zeitliche Lücke im Konzept gibt. Da könnte man doch weitermachen, dachte ich mir.

Den Plan, ein Bindeglied zwischen "Precambrian" und "Heliocentric"/"Anthropocentric" zu schaffen, gabs also nicht schon länger, sondern entstand relativ frisch?

Robin: Nee, der ist tatsächlich erst im vergangenen Jahr entstanden. Paul erinnert sich noch an den Tag, als mir das kam...

Paul: Ich wurde plötzlich mit zehn fünfminütigen WhatsApp-Sprachnachrichten bombardiert. "Ich habs, ich habs! Das ist ’ne geile Idee!" Wahrscheinlich saß er gerade auf dem Klo und hat mir von dort in einer Art Essay vermittelt, was er sich dabei denkt. (lacht)

Robin: Die Musik existierte zu dem Zeitpunkt bereits, muss man dazu sagen.

Paul: Ja, wir wussten, in welche musikalische Richtung es ungefähr gehen würde und es passte. Der Wunsch war, mal ein schweres Album zu machen. Ohne den Fokus darauf zu legen, sich musikalisch zu "verwirklichen" oder groß zu demonstrieren, "was man kann"...

Wobei du, schon einiges zu tun hast, am Schlagzeug...

Paul: Klar, ich hab auch gern viel zu tun. Ich habe aber auch kein Problem damit, mal weniger zu machen. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen "Zeig ich jetzt allen, was ich in den letzten 20 Jahren gelernt habe?" und "Oder spiele ich jetzt einfach, um den Song wirken zu lassen". Damit muss man sich als Musiker immer beschäftigen. Über die Jahre haben wir gelernt, dass auch Verzicht interessant ist. Mit der Entscheidung, etwas wegzulassen, lässt sich ebenfalls ein Effekt erzielen, der oft mehr Impact hat, als alles vollzupacken. Dabei half die Probesession im Januar. Wenn Robin zuhause an einem Song schraubt, packt er erstmal alles rein, was in seinem Kopf passiert, und hat am Ende wahrscheinlich um die 40 Spuren. Und am Ende sortiert der Typ, der den Mix macht aus und schmeißt Überflüssiges raus. Jetzt wussten wir vorher schon, was wir alles nicht brauchen.

Robin: Bei diesem Album passierte sehr viel Ausdünnung. Das begann auch schon beim Songwriting. Die Grundstrukturen waren schon viel reduzierter als das meiste "Pelagial"-Zeug. Es gab viel weniger Layers, weniger Noten pro Part, es herrschte mehr Ruhe. Sowohl bei den Proben als auch im Studio haben wir anschließend radikal noch weiter ausgedünnt. "Silurian" ist ein gutes Beispiel. In der instrumentalen Mittelpassage hatten wir sauviele Instrumente: Klavier, Cello, Synthies, Gitarren, Bass und Gesang. Jede Stimme einzeln hat zwar super funktioniert, alle zusammen war aber einfach too much, also schmissen wir einiges wieder raus. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, uns zu entscheiden. Du kannst den Schwerpunkt auf Gitarre legen oder auf Klavier oder aufs Cello – aber drei Schwerpunkte gleichzeitig hätten den Part beliebig gemacht. Also muss man eine Entscheidung treffen. Diesem Prinzip sind wir ziemlich konsequent gefolgt.

Es wird wieder eine Instrumental-Version des Albums geben. War "Phanerozoic I: Palaeozoic" ebenso wie "Pelagial" ursprünglich als Instrumental-Album konzipiert?

Robin: Nein, diesmal waren Vocals wieder von Anfang an fest eingeplant. Aber ich finde eine Instrumentalversion dazu dennoch spannend, ich wünschte jede Band würde das machen. Wir haben ja schon mit "Heliocentric" damit angefangen und wollen das auch weiterhin tun. Auch wenn du den Sänger total geil findest, ist es doch trotzdem cool, eine Instrumentalversion beiliegen zu haben, weil du als Hörer dabei auf ganz andere Dinge achtest – gerade als Hörer, nicht als Musiker. Wenn man den Gesang wegnimmt, wissen viele gar nicht, wo sie hinhören sollen und nehmen Sachen wahr, die sie anders gar nicht bemerken würden.

Oder sie schalten ab.

Robin: Können sie ja. Wenn man einfach keinen Zugang findet, gibts ja die Vocal-Version. Es stand nie zur Debatte, das Album nur als Instrumental-Version zu veröffentlichen. Aber sie auch als Instrumental-Version zu veröffentlichen, bedarf nur eines weiteren Mixing- und Mastering-Durchlaufs bei einem Album, das eh weitgehend fertig ist. Das ist relativ geringer Aufwand für zumindest meiner Meinung nach ziemlichen Mehrgewinn. Ich hätte zum Beispiel gerne Instrumental-Versionen aller Mastodon-Alben. Nicht weil ich den Gesang nicht mag, sondern einfach, weil das total geil wäre!

Paul: Eine Stimme nimmt mit ihrem Frequenzspektrum im Mix auch einfach Fläche ein, die andere Instrumente dann einfach nicht mehr ausfüllen können. Ohne Loïcs Stimme hat zum Beispiel die Snare-Drum viel mehr Raum, weil sie plötzlich Platz im oberen Frequenzspektrum hat. Bei den Gitarren dasselbe.

Robin: Bei "Devonian: Nascent" haben wir Dalais Cello in der Fassung mit Gesang zum Beispiel weitestgehend rausgeschmissen. Nicht, weil es sich harmonisch gebissen hat, sondern weil es damit zu überladen wirkte und der Stimme den Raum genommen hat. In der Instrumental-Version haben wir es wieder reingenommen – du hörst dort Cello-Parts, die in der Vocal-Version einfach nicht vorhanden sind.

Paul: Das ist so ähnlich, als würden wir jetzt hier den Tisch wegnehmen. Dann hätten wir plötzlich Platz für vier weitere Stühle. (lacht)

Robin: Oder einen kleinen Eifelturm. (lacht)

An welcher Version habt ihr euch beim Aufnehmen denn mehr orientiert – die mit Vocals oder die ohne? Eingriffe in den Raum eines Songs wirken sich wie eben beschrieben ja darauf aus, wie Instrumente im Mix wirken, was letztlich auch Bedeutung für Dynamik und Artikulation, vor allem beim Schlagzeug, in der Spielweise hat – also eigentlich auch eine Rolle vor dem Mixing und Mastering spielt.

Paul: Naja, wenn ich alleine aufnehme, habe ich ohnehin nur Schlagzeug.

Aber du hast doch trotzdem etwas im Kopf, zu dem du spielst.

Paul: Schon, aber der Gesang stand zu diesem Zeitpunkt ohnehin noch nicht fest. Der ist immer das letzte Bindeglied, das alles zusammenklebt.

Robin: Genau, Gesang ist bei uns immer das letzte Glied in der Kette. "Pelagial" wurde komplett ohne Gesang komponiert und aufgenommen. Da ist der Gesang wirklich nur drübergelegt. Das ist natürlich nicht ganz ideal, gebe ich zu. Im Idealfall schreibt man alle Songs vorher fertig und stimmt das Schlagzeug nochmal auf die Vocals ab.

Paul: Bei einigen Parts haben wir das diesmal nachträglich auch so gemacht.

Robin: Das geht natürlich nur, wenn man verschiedene Takes aufnimmt. Dadurch, dass die Gesangsspur erst später kommt, will man an manchen Stellen vielleicht plötzlich andere Akzente setzen. Das geht natürlich nicht, wenn alles schon fertig aufgenommen ist. Aber einige Kompromisse muss man eben eingehen, um irgendwo anfangen zu können. Für uns hat es eigentlich immer gut funktioniert, den Gesang zum Schluss in Angriff zu nehmen. Kleinere nötige Anpassungen muss man dann eben noch vornehmen – bei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Am meisten übrigens beim Bass, weil der oft der Gesangslinie folgt.

Paul: Das passierte letztlich alles innerhalb von nur ein, zwei Wochen. Mattias hat hier in Berlin seine Bassspuren eingespielt, während Robin mit Loïc Vocals aufgenommen hat. Das ging immer hin und her, da konnte man auch im Moment gut dran arbeiten und reagieren.

Bei dir ging das leider nicht, da du deine Parts schon vorher in Island aufgenommen hattest, nicht wahr?

Paul: Das stimmt.

Robin: Dafür hatten wir für jeden Song fünf, sechs verschiedene Drumtakes. Und der Typ hier spielt nie zweimal das gleiche. Das ist in diesem Fall ein Vorteil. Du kannst dich durch die Playlist hören und entdeckst vielleicht Stellen, die plötzlich super passen.

Paul: Das heißt aber nicht, dass ich nicht zweimal das gleiche spielen könnte! Das sollte man vielleicht erwähnen. (lacht)

Robin: Jaja, Alzheimer-Brain. Du kannst dich einfach nicht dran erinnern, was du vorher gespielt hast. Das ist so ein Schlagzeuger-Ding – bei Luc (Hess, Anm. d. Red.) war das genauso. Schlagzeuger sind andere Menschen, die denken irgendwie anders. Gitarristen spielen immer irgendwie dasselbe Riff, ändern vielleicht mal eine Kleinigkeit. Aber Drummer spielen nie das gleiche. Deswegen nehme ich Schlagzeug auch immer mit mehreren Takes auf. Bei guten Schlagzeugern ist in jedem Take was Geiles drin, aber durchplanen funktioniert einfach nicht, weil die anders denken. (lacht)

Wie kamt ihr eigentlich dazu, das Schlagzeugrecording nach Island zu verlegen, statt alles an einem Ort aufzunehmen?

Paul: Wir arbeiten ja beide Pelagic Records. Da haben wir eine wunderbare Band namens Wang Wen, die gerade auch ein neues Album veröffentlicht haben. Kurz nach Aufnahmen dazu, kamen sie auf Tour in Berlin vorbei. Wir waren damals auf der Suche nach einem guten Schlagzeugraum, der keine 3000 Euro am Tag kostet. Eigentlich wollten wir bei Robins Eltern aufnehmen. Die haben ein altes Fachwerkhaus mit toller hoher Decke. Da gabs aber Probleme mit den Nachbarn, Lautstärkeschutz und so weiter. Wang Wen haben uns das Studio in Island empfohlen. Dort war kurzfristig tatsächlich noch was frei und wir dachten uns: "Cool, machen wir."

Robin: Wir nehmen außerdem gerne an ungewöhnlichen Orten auf. "Pelagial" haben wir zum Beispiel in einer Schweizer Venue aufgenommen, nicht in einem richtigen Studio. Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Ich habe immer das Gefühl, der anfängliche Aufenthaltsort prägt den Vibe des ganzen Albums. Island ist eine wahnsinnig inspirierende Gegend. Das Album ist kalt und brachial, Island fühlte sich wie der richtige Ort dafür an. Und natürlich spielte auch eine Rolle, dass wir die Möglichkeit hatten, in ein geiles Studio zu gehen, statt im Fachwerkhaus improvisieren zu müssen. Der Raum dort hätte auch wahnsinnig geil geklungen, da bin ich mir sicher. Ich war dort mal mit unserem Soundmann und er meinte sofort: "Hier müssen wir unbedingt mal Drums aufnehmen!" Aber es ist eben kein Tonstudio.

Sammeln bis zum letzten Schlumpf...

The Ocean bilden ein Kollektiv, ihr habt zahlreiche Lineup-Wechsel vollzogen. In den letzten Jahren hat sich aber eine festere Besetzung herauskristallisiert...

Robin: Naja, der Kollektivgedanke entstand anfangs eher aus der Not heraus. Wir brauchten gute Musiker, um unsere Musik zu spielen, doch die waren in der Regel schon für andere Bands aktiv, die tourten und einfach mehr anzubieten hatten als unsere kleine Band. Inzwischen stehen wir als Band ganz anders da. Wir haben Musikern was Interessantes zu bieten, was es leichter macht, gute Leute an uns zu binden. Trotzdem ändern sich natürlich manchmal Prioritäten im Leben, solche Allianzen sind immer Allianzen auf Zeit. Irgendwann bricht das eben auseinander. Aber Loïc ist inzwischen seit 2009 dabei – fast zehn Jahre –, Paul seit Anfang 2014. Das sind für mich sehr lange Zeiträume. Mattias kam erst 2015 dazu, aber auch da fühlt es sich an als würde das noch lange gut gehen. Das Lineup scheint stabil, wir haben alle Bock drauf und wir sind auch alt genug, um einschätzen zu können, dass das wirklich so ist. Für mich fühlt sich das momentan echt gut an. Gemeinsam zu reisen, zu touren, geile Konzerte zu spielen ist etwas, das du dir nicht einfach im Laden kaufen kannst – es ist ein Privileg und das Ergebnis von 17 Jahren Bandaufbau. Deshalb ist es inzwischen leichter als vor zehn, fünfzehn Jahren, ein festes Lineup zu bilden. Wenn man sich jemand neu in die Band holt, weiß man natürlich auch nicht sofort, worauf man sich genau einlässt. Du brauchst jemanden, der musikalisch liefert. Das kriegt man relativ schnell raus. Aber ob du sechs Monate mit jemandem auf Tour gehen kannst, merkst du eigentlich erst, wenn du es tust und es also eigentlich schon zu spät ist. Da sind wir sehr vorsichtig geworden. Wir haben gerade eine Gitarrenposition neu besetzt. Dafür haben wir uns sehr viel Zeit gelassen und mit dem Neuen zunächst als Hired Gun einige Konzerte gespielt.

Paul: Jeder Musiker durchlebt im Lauf der Jahre eine Veränderung im Zuge der Tätigkeit. Anfangs möchte man sich unbedingt selbst verwirklichen und total viel machen, hat aber überhaupt gar keine Ahnung von allem. Man will nur dabei sein, auf die Bühne und touren. Die Band steht jetzt an einem Punkt, an dem jeder, der dabei ist, bescheid weiß. Ich war vorher acht Jahre lang mit War From A Harlots Mouth auf Tour und wusste, was mich erwartet. Ich muss mich keiner Band anschließen, um groß rauszukommen, ich will einfach gerne Musik machen, Spaß haben und wenn ich dann noch touren kann – auch geil.

Robin: Es ist das gleiche wie in Beziehungen. Wenn man als Mensch in seine sexuelle Reifephase eintritt, muss man erstmal alles ausprobieren. Das ist ganz wichtig. Macht man das nicht, wirds später problematisch. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man weiß, was alles so geht und sucht andere Dinge in einer Partnerschaft. Man hat alles erlebt und wünscht sich eine coole Person, mit der man unterwegs sein kann.

Paul: Man erkennt auch früher, ob das alles so Sinn ergibt oder eben nicht.

Robin: Und man muss nicht immer alles erklären. Wer jahrelang auf Tour war, dem muss ich nicht erklären, was Touren bedeutet. Mit 30 muss ich meinem Partner nicht mehr erklären, wie Sex geht. Das ist irgendwie klar und man verlässt sich drauf, dass es funktioniert und geil ist – oder halt nicht. Dann geht man weg. (lacht)

Paul: Wobei es natürlich auch andere Dinge in einer Beziehung gibt, die Wert haben – abgesehen von Sex. (lacht)

Robin: Hahaha. Jaja, das betrifft das gesamte Zusammenleben.

Paul: Man ist eben keine 17 mehr.

Robin: Es betrifft alles, was eben eine Beziehung ausmacht: Miteinander abhängen, morgens gemeinsam frühstücken, auf Tour gehen, Konzerte spielen – Konzerte spielen ist der Sex –, die Wohnung muss klargehen, man muss miteinander auskommen und wenn es mal Streit gibt, setzt man sich hin und löst das Problem. Mit Mitte 30 funktioniert das besser als mit Anfang 20, ganz klar. Paul und Mattias muss ich nichts mehr erklären. Wir haben alle unser Leben gelebt, stehen in vielerlei Hinsicht an ähnlichen Punkten und verstehen uns deshalb stillschweigend.

Paul: Und wenn man etwas erklären muss, passiert das auf einem Level.

Robin: Übrigens: Nach dem Konzert muss man die Backline auch wieder abbauen, in Kisten packen und in den Van schaffen. (lacht)

Paul: Mich überrascht immer wieder, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, dass man nach einer Show seine Sachen wieder abbauen muss.

Robin: Nein, du hast keinen virtuellen Gitarrentechniker, der sich unter einer Sitzbank versteckt und auf seinen Einsatz wartet. Genauso muss man sich eben ab und zu mal selbst am Merch-Stand blicken lassen. Manchmal fehlt im Van eben der Platz, um einen Extra-Mercher mitzubringen, dann muss man das selbst mit den sechs Leuten innerhalb der Band regeln. Solche Dinge muss man bestenfalls eben nicht mehr erklären.

Bei The Ocean und ganz allgemein Pelagic Records, dem Label das du, Robin, einst für die Band gegründet hast, und bei dem ihr beide arbeitet, legt ihr viel Wert auf besondere physische Produkte. Der Deluxe-Box von "Phanerozoic I: Palaeozoic" liegen zum Beispiel hundert Millionen Jahre alte Fossilien bei. Lohnt sich sowas im zunehmend digitalen Markt überhaupt noch?

Robin: Ja. Klar, Musik digital zu beziehen, ist sehr bequem, ich nutze das auch selbst und bin davon abgerückt, böse auf Spotify zu sein, weil sie Musiker beschissen auszahlen. Es ist ein ungeheuer bequemes Medium, um Musik zu entdecken und zu hören. Man sollte sich dem Zeitgeist nicht verleugnen, sondern ihn akzeptieren und versuchen, im Rahmen des Möglichen darauf Einfluss zu nehmen, wie sich das künftig gestaltet. Trotzdem gibt es noch Leute, die ihre Musik als physisches Produkt bevorzugen oder parallel zum Digitalen haben möchten. Gerade in den musikalischen Nischen, wo auch wir uns bewegen, gibt es diese Leute. Die sind auch bereit, dafür Geld auszugeben. Damit sie das tun, muss man ihnen einen Anreiz geben. Wenn ich mir beim Packaging keine Mühe gebe, sondern einfach nur ein normales Sleeve rausballere, dann erreiche ich damit weniger Leute oder zumindest nicht die, die eigentlich den Kern derjenigen stellen, die physische Produkte haben möchten. Um die zu erreichen, muss ich etwas Besonders bieten. Hier kommen die Fossilien ins Spiel. (lacht) Beziehungsweise die Boxsets. Das funktioniert sehr gut. Ich war Anfang skeptisch, ob das klappt und ob zum Beispiel Leute bereit sind, 75 Euro für die "Pelagial"-Box und einen Haufen Acryl auszugeben. Ich hab' mir in die Hose geschissen, als ich das in China bestellt habe. Das war schon ziemlich viel Geld. Wir wissen aber mittlerweile, dass unsere Fans sowas mit der Band verbinden und richtig Bock darauf haben. Wir geben uns dabei viel Mühe und es macht einfach verdammt viel Spaß, sowas zu designen und zusammenzustellen. Ich finde Kunst spannend, die sich nicht auf ein Medium beschränkt. Musik war das für mich immer schon, hier gibt es eine Tradition, sie grafisch zu unterfüttern und in Packages zu vertreiben. Das ist ja heute noch so, auch wenn die Cover mittlerweile nur noch digital angeboten werden. Es gibt immer Künstler, die Cover-Artworks zur Musik produzieren, teils kommt dann auch noch der 3D-Effekt des Packagings dazu – das gab es ja auch schon in den Sechzigern. Ich mag Künstler, die alles, was sie machen, durchdenken: Live-Show, Lichtdesign, Videoclips, Merchandise, Album-Packaging und so weiter. So stelle ich auch den Anspruch an mich, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und Grenzen auszuloten. Das wurde in den vergangenen zehn Jahren bei Pelagic Records und The Ocean immer wichtiger. Seit "Fluxion" arbeiten wir bei The Ocean mit Martin Kvamme fürs Artwork zusammen und mit ihm ist es das gleiche wie mit Loïc und Paul: Wenn ich dem eine Idee rüberschicke, dann kommen Ideen zurück, man kann zusammen etwas entwickeln und am Ende entsteht etwas Geiles. Wenn man in die Extreme geht, gehört Scheitern aber auch dazu und das erleben wir gerade mit den neuen Boxen. Es gibt ein Problem im Druckverfahren der Vinyl-Cover, deswegen werden sich die Packages leider verspäten. Dabei spielen eben teils technische Dinge eine Rolle, an die man beim Entwerfen nicht immer unbedingt sofort denkt. Dann müssen eben Workarounds her.

Paul: Da verschwimmen die Grenzen zwischen Künstler, Produkthersteller und Verkäufer.

Robin: Wir sind bei Pelagic genauso Produktdesigner wie Künstler.

Paul: Die Möglichkeit, das sein zu können, ist aber geil. In anderen Genres ist das Cover zum Beispiel eher Beiwerk, man legt weniger Wert drauf. Anfang des 20. Jahrhunderts hat es auch keine Sau interessiert, ob du nun ein geiles Cover hattest oder nicht. Aber eben auch damit lässt sich Kunst machen. So gibts einerseits in unserem Bereich die Nische, wo Leute gerne diese Produkte kaufen, das damit unterstützen und uns in gewisser Hinsicht auch Danke dafür sagen. Andererseits boomt Streaming, wo die Leute kein physisches Produkt mehr brauchen. Ich freue mich genauso drüber, wenn wir in einer coolen Playlist landen. Das hat für mich auch hohen Stellenwert.

Robin: Wir sind in einer spannenden Zeit. Den Leuten wird gerade abgewöhnt, dass sie Musik besitzen müssen, um sie zu hören. Dieses Phänomen ist relativ neu. Der Grund, warum du Musik bisher gekauft hast, was einfach, dass du sonst keine Möglichkeit hattest, an sie ranzukommen. Heute ist das anders.

Paul: Was geil ist.

Robin: Was geil ist, aber gleichzeitig führt das dazu, dass Musik teilweise verramscht wird. Zwar kommt inzwischen langsam das Bewusstsein auf, trotzdem für Musik zu bezahlen, da es sonst bald keine Musiker mehr gibt, die Musik machen können. Doch das passiert auf einer eher amorphen Ebene, man unterstützt ja nicht mehr den Künstler direkt, sondern einen großen Konzern, der das irgendwie für den Künstler verwaltet. Die Konsequenz davon ist aber nicht, dass die Leute deswegen plötzlich keine Musik mehr besitzen wollen. Sie wollen trotzdem Musik besitzen und ein physisches Produkt kaufen, obwohl sie es eigentlich nicht mehr müssen. Natürlich könnte man sich jetzt über den Klang von Vinyl streiten, aber ich behaupte mal, die meisten, die sich heutzutage Vinyl kaufen, tun das, weil sie Bock auf ein sperriges physisches Produkt und den bewussten Umgang damit haben und nicht wegen des Sounds. Die Konsequenz des digitalen Zeitalters ist nicht, dass Musikbesitz obsolet wird – ganz im Gegenteil.

Paul: Ich vergleiche das immer gern mit Gemälden. Ein Künstler steckt Stunden in den Malprozess und stellt das anschließend im Museum aus. Die Leute gehen ins Museum, zahlen Eintritt, besitzen das Bild dann nicht, gucken sich es aber trotzdem gerne dort an. Und wenn es ihnen gefällt kaufen sie sich vielleicht noch einen Kunstdruck davon und hängen das zuhause in ihre Wohnung. Niemand kommt mit der Mentalität ins Museum, nach dem Eintrittzahlen Besitzanspruch auf einen Teil des Bildes zu fordern, weil er gerade den Künstler unterstützt hat.

Der Museumsbesuch entspricht quasi einem Konzertbesuch in der Musik.

Robin: Genau. Wenn den Leuten das Konzert gefallen hat, kaufen sie sich noch ein T-Shirt, eine CD ...

Paul: ... oder einen Kunstdruck. (lacht)

Robin: Ja. Klar könnte man nach dem Museumsbesuch auch das Bild nochmal im Internet suchen. Aber wenn man es gut fand, kauft man sich eben manchmal auch den Ausstellungskatalog. Habe ich auch schon gemacht. Die Dinger sind ziemlich teuer. Diese Sammlermentalität ist in unserer Branche sehr ausgeprägt und entsprechend wichtig für unsere Labelarbeit. Leider weiß ich noch zu wenig drüber, was genau psychologisch dahintersteckt, möchte da demnächst aber mal tiefer einsteigen. Ich finde das superspannend. Ob du nun Briefmarken oder Fossilien oder Platten sammelst – dahinter steckt das gleiche Phänomen. Echt viele in unserem Bereich haben eben diese Sammlerleidenschaft. Als Kind habe ich zum Beispiel Überraschungseier gesammelt. Da kauft man dann eben solange Überraschungseier bis man den letzten Schlumpf gefunden hat. Limitierung spielt bei diesem Bedürfnis auch eine große Rolle. Wenn wir eine Clear-Pressung mit 250 Exemplaren machen und außerdem eine richtig kunstvolle, aufwendige Colour-in-Colour-Pressung, von der es aber 1000 Stück gibt, stürzen sich die Leute auf die Clear. Gerade in Zeiten der Massenproduktion und der Verramschen von Musik spielt eben auch das Gefühl eine Rolle, etwas besonderes, abseits der Massenproduktion zu besitzen.

Paul: Trotzdem muss man beide Zweige wertschätzen. Die Hörgewohnheiten ändern sich, Leute nehmen Musik anders wahr und das muss man akzeptieren. Bevor es die Streaming-Dienste mit ihren monatlichen Beiträgen gab, haben die Leute ja nicht mehr Geld für Musik ausgegeben. Stattdessen hat man es gegoogelt und einfach so runtergeladen – kostenlos. Mittlerweile stehen wir an einem Punkt, an dem auch digital wieder Geld für Musik ausgegeben wird. Die Plattformen dafür mussten sich auch erst entwickeln, weil die alteingessenen Labels es eben anfangs verpennt haben, dass hier ein Bedarf besteht.

Robin: Man muss auch folgendes bedenken: Digitale Streaming-Plattformen ersetzen vor allem das Radio. Haben Leute fürs Radio bezahlt? Nein. Klar, Rundfunkgebühr an die öffentlich-rechtlichen Sender, aber prinzipiell war Radio immer kostenlos. Und ca. 80, 90 Prozent der Menschen haben darüber hauptsächlich ihre Musik konsumiert. Wenn Spotify und Co. jetzt das Radio ersetzen und ich auch nur einen kleinen Bruchteil der Radiohörer dazu bringe, freiwillig einen monatlichen Beitrag zu zahlen, schaffe ich unglaubliche Revenues, die es vorher schlicht nicht gab. Das ist doch total krass, selbst wenn davon nur ein Bruchteil ausgezahlt wird. Dieses Geld war vorher einfach nicht da. Ein Prozess der Umgewöhnung dazu, dass Musik Geld kostet findet gerade statt!

Paul: Physische Tonträger existieren derweil weiter.

Und der Vinylmarkt wächst sogar wieder.

Robin: Wenn sich das so weiterentwickelt, sehe ich gute Zeiten für Musiker und Bands kommen.

Paul: Und Spotify zahlt auch weitaus mehr als zum Beispiel iTunes oder YouTube.

Robin: Ja, YouTube zahlt fast gar nichts, SoundCloud zahlt gar nichts...

SoundCloud führt jetzt ein neues Zahlungsmodell ein. Bisher gab es wohl nur eins für ausgewählte Seiten, nach und nach soll es jetzt für alle aufgemacht werden.

Robin: Ah, cool. Und YouTube führt ja ebenfalls ein neues Membership-Portal ein. Payouts gibts nur von den Members, Spotify hat dafür den Standard gesetzt und jetzt ziehen alle mit, weil es irgendwie auch Sinn ergibt. Und es werden ja immer mehr: Bei jeder Plattform steigt jeden Monat die Zahl der Abonnenten.

Paul: Auch dabei gibts natürlich wieder genrespezifische Hörgewohnheiten. Pop-Hörer konzentrieren sich wohl eher auf wenige Einzelsongs und treiben so die Plays in enorme Höhen, wohingegen der Metal- oder Post Rock-Hörer im Monat 50 verschiedene Alben durchhört und so seine Plays auf verschiedene Acts verteilt. Das wird geil. Man muss nur dranbleiben.

Zum Abschluss hätte ich noch gern einen Ausblick auf "Phanerozoic II". Die Musik ist bereits geschrieben und du sagtest, Robin, mit einem der kommenden Tracks hast du so viel Zeit verbracht wie mit noch keinem anderen zuvor. Was passiert darin?

Robin: Ach ja ... "Jurassic".

Paul: Ah, der Dinosaurier-Song.

Womit wir wieder beim Anfang wären...

Robin: Ja, wir können es ja schonmal vorweg nehmen: Die nächste Platte wird ein Doppelalbum – "Mesozoic & Cenozoic" – und ergibt zusammen mit dem jetzt erscheinenden "Palaeozoic" das dreiteilige Phanerozoic-Konzept. Der "Mesozoic"-Teil besteht aus den drei Songs "Triassic", "Jurassic" und "Cretaceous". Die Dinosaurier kommen. "Jurassic" und "Cretaceous" begreifen wir eigentlich als einen Song, weil Teile des einen im anderen Song wieder auftauchen und sie auch zusammen komponiert werden. Das ist ein Monster – vierzehneinhalb Minuten und ziemlich komplex, sowohl strukturell als auch die einzelnen Parts.

Paul: Da hab' ich auch viel zu tun.

Robin: Das ist richtig. Sehr viel sogar. Das ist ein richtiges Geballer. Damit habe ich verdammt viel Zeit verbracht. Manche Songs wirft man so dahin und sie sind perfekt so. Bei anderen doktert man weg dran rum. "Jurassic" war ein experimentelles Ding, ich hab viel ausprobiert und auch hier wieder viel rausgeschmissen. Anfangs war er über siebzehn Minuten lang und das war letztlich nicht so geil. Mit der jetzigen Struktur bin ich sehr happy. Aber bis ihr den zu hören bekommt, dauert es noch bis 2020.

Aufgenommen ist er schon?

Robin: Drums, Gitarren und Bläser sind aufgenommen, Bass und Gesang noch nicht.

Ich bin gespannt.

Paul: Ich auch. (lacht)

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