laut.de-Kritik

Matt Berninger teilt das Mikro mit fünf Sängerinnen.

Review von

The National sind zum verlässlichen Dienstleister des Schönen und Guten geworden, der uns immer und überall dieses eigenartige Wohnzimmergefühl liefert. Und das, ohne eigens Satelliten dafür ins All schießen oder Drohnen durch Innenstädte fliegen zu lassen. An der absoluten emotionalen Durchdringung arbeiten die Amerikaner auf andere Art: Das mittlerweile achte Studioalbum entstand zusammen mit einem gleichnamigen Kurzfilm. Dessen Regisseur Mike Mills (u. a. "Jahrhundertfrauen") war nebenbei eng involviert in den Produktionsprozess des Albums.

Das setzte offenbar neue Impulse für das Schaffen der Band, die sich Ende der 1990er in New York formierte. Im Gegensatz zum eher krachenden und vor allen Dingen weniger kauzig geratenen Vorgänger bietet sich auf "I Am Easy To Find" wieder etwas mehr Raum für das Unerwartete und im Rock eigentlich Unsagbare.

Stilistisch am auffälligsten: Sänger Matt Berninger übernimmt nicht mehr alleine den Gesang. Fünf Musikerinnen, alle aus dem engeren Bekanntenkreis der Band, verdrängen Berninger abwechselnd vom Mikrofon: Gail Ann Dorsey, Mina Tindle, Lisa Hannigan, Sharon Van Etten und Kate Stables. Dazu gesellt sich ein kräftiges Vokalensemble, der Brooklyn Youth Chorus.

Grundsätzlich gestaltet sich die Arbeitsteilung bei The National nach wie vor klar strukturiert, was um so notwendiger ist, seit die Musiker zwischen Los Angeles und Paris verstreut leben. Bryce und Aaron Dessner, die Band-Zwillinge, kümmern sich um das Schreiben der Musik, während Berninger gemeinsam mit seiner Frau Carin Besser die Texte und Gesangsmelodien verfasst. Mills schaltete sich dazwischen, wirkte an den Texten mit und besuchte regelmäßig Aaron Dessner in dessen Studio im New Yorker Hinterland.

Musikalisch bietet "I Am Easy To Find" eine unendliche Dichte und Bandbreite an Sounds, wozu ganz massiv die Streicher beitragen. Subtile Gitarren und technoide Laptop-Klänge tragen, neben dem ganz eigenen, auf Motorik-Beats aufbauenden Schlagzeugspiel Bryan Devendorfs, zu diesem äußerst satten Bild bei. Strukturell wird dieser Reichtum dann aber weniger unterstrichen: Das Schema Strophe-Refrain plätschert in vielen der insgesamt 16 Songs eher vor sich hin.

Einfache Kniffe, die dem Zweck der musikalischen Dramaturgie dienen, findet man selten. Dabei macht doch bereits der Opener "You Had Your Soul With You" vor, wie banal Musik manchmal funktionieren kann, wenn Gail Ann Dorsey mit ihrer dunklen Stimme im Break den Song übernimmt. Gerade die Tatsache, dass der The National-Sound über die Jahre so eigen, so einprägsam geworden ist, führt hier zu vielen Wiederholungen und langweilt dann über die Spielzeit von 64 Minuten etwas zu oft.

Die Bewegung innerhalb der Songs entsteht meist durch die Aufteilung der Gesangsparts zwischen Berninger und den fünf Kollaborateurinnen. Beginnt "Where Is Her Head" noch warm und vereinnahmend, passiert dann eigentlich nicht mehr viel und Spannung entsteht einzig durch das grazile, stufenlose Ineinanderlaufen von Gesangsstimmen und deren Klangfarben. Auffallend, wie gut das Wechselspiel der Lead-Vocals insgesamt arrangiert ist: Mal lässt sich Berninger ganz in den Hintergrund drängen, wie von Mina Tindle bei "Oblivions", oder er schreibt einen bereits seit 2015 bestehenden Song wie "The Pull Of You" um, lässt Lisa Hannigan darin als Reflektor-Figur auftreten und schafft damit eine Stimmung, der man emotional völlig schutzlos ausgeliefert ist.

Für den Indie-Rock-Kontext besitzt das Album eine schamlos unangemessene Menge an Text. Das ist eine gute Voraussetzung, denn immer, wenn es etwas krude wird, sind The National am besten. Von diesen textlich ergreifenden Momenten gibt es einige auf "I Am Easy To Find"; Vorzeigevers: "I know I can get attached and then unattached to my own version of others." Dass sich daran eine grazile Dichte an Referenzen – von Guided By Voices bis R.E.M. anschließt, ist ja wohl klar.

Nur laufen die Texte und die Musik auf dem Album nicht immer gut zusammen. Oft verschwinden die Gesangsmelodien irgendwo in der Vergessenheit, an anderer Stelle will Berningers grandiose Lyrik berechtigterweise einfach nur Lyrik sein und wirkt im Song-Kontext gänzlich deplatziert ("Not In Kansas"). Das Streben der Dessner-Brüder nach perfekt arrangierter, orchestraler Musik und Berningers Texte stehen sich dann relativ verschämt und anonym gegenüber. Die radikale Öffnung ihres Schaffensprozesses verhindert, dass die Songs an diesen Stellen auseinander brechen. Und sorgt dafür, dass sich punktuell noch immer jenes beruhigende Wohnzimmergefühl einstellt.

Trackliste

  1. 1. You Had Your Soul With You
  2. 2. Quiet Light
  3. 3. Roman Holiday
  4. 4. Oblivions
  5. 5. The Pull Of You
  6. 6. Hey Rosey
  7. 7. I Am Easy To Find
  8. 8. Her Father In The Pool
  9. 9. Where Is Her Head
  10. 10. Not In Kansas
  11. 11. So Far So Fast
  12. 12. Dust Swirls In Strange Light
  13. 13. Hairpin Turn
  14. 14. Rylan
  15. 15. Underwater
  16. 16. Light Years

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6 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Wahrscheinlich ihr bestes seit High Violet

    • Vor 6 Monaten

      Hast du mal Anspieltipps? Ich hatte beim dritten Song nicht mehr wirklich die Motivation, noch auf was Spanndendes zu warten.

    • Vor 6 Monaten

      Ich mag bisher "Oblivions", "The Pull of You" und "Where Is Her Head" sehr gerne. Das Album funktioniert für mich gut im Gesamtkontext und ich sehe keine stark herausstechenden Song. Das ist für mich persönlich ein positives Kriterium =)
      Weiß noch nicht ob's ne überragende Platte ist und sie an Alligator, Boxer und High Violet rankommt, aber gut ist sie allemal

    • Vor 6 Monaten

      Danke, werds nochmal probieren. Als ich sie zuletzt angespielt hab, war ich aber auch nicht unbedingt in der Stimmung für ein National-Album. ^^

    • Vor 6 Monaten

      Dabei magst du doch genrefremden Mist sonst sehr gern...

  • Vor 6 Monaten

    Ich liebe The National, aber dieses Mal finden sie kein Gefallen bei mir. Mich stören die vielen Gaststimmen, ich hätte sie nicht gebraucht. Ein, zwei Songs, meinetwegen auch drei, das hätte dicke gelangt. Für mich schade um die schönen Songs.

  • Vor 6 Monaten

    Mir persönlich zu schmusig. Definitiv ne große Platte aber ich vermisse ein, zwei rockige Nummern. Die Elektrobeats stehen der Band finde ich nicht.

  • Vor 6 Monaten

    Mich haut das Album komplett um! Hatte die band nach high violet bereits aufgegeben und sleep well beast schon gar nicht mehr gehört, aber IAETF ist für mich unglaublich groß! Die letzte Platte, die mich so umgeblasen hat war David comes to Life von Fucked up und die ist ja nu auch schon eine Weile her!

  • Vor 6 Monaten

    Gutes Album, empfinde die Gastsängerinnen als Gewinn. 4/5

    • Vor 6 Monaten

      Das sehe ich genauso. Deshalb 5/5. Sonst wären es nur 4. Gut das sie neues wagen und nicht beim alt gewohnten bleiben. Sonst wäre high violet in der tat die letzte gute gewesen. Bin gespannt was sie jetzt noch drauflegen können.

  • Vor 6 Monaten

    Ein gutes Album, das ich als Ganzes schwer bekömmlich finde. Sie werden sich etwas dabei gedacht haben, den experimentelleren Mittelteil mit recht typischen The National Songs wie Hairpin Turns oder Roman Holidays flankiert zu haben. Mir persönlich ist genau dieser Mittelteil zu lang geraten. Warum muss ein Song wie So Far So Fast 6 Minuten lang sein?

    Trotzdem macht die Band auch weiterhin tolle Musik und Matt Berningers Stimme sorgt für mehr Gänsehaut als sämtliche ASMR-Videos.