laut.de-Kritik

Konzeptfrei, konsumfreundlich und ohne Wagemut.

Review von

Kaum mehr als ein Jahr nach "Bedlam In Goliath", das sich auf das handwerkliche Geschick seiner Protagonisten verließ, gestehen Mars Volta selbst indirekt ein, zuletzt den Faden verloren zu haben. Sämtliche negativen Progrock-Klischees - Muckertum, prätentiöse Technikprahlerei, Überladenheit – schienen seinerzeit verwirklicht.

Für den Nachfolger unterwarf sich Produzent und Mastermind Omar deshalb der Herausforderung, "sich zusammenzureißen. Ich legte mir selbst Fesseln an, indem ich mir sagte: 'Nein, da kommen keine weiteren 97 Teile in diesen Song.'" Ziel gesetzt, Ziel erreicht: Mit "Octahedron" legen die Voltaner ihre mit Abstand straighteste Veröffentlichung vor.

Die endlosen Overdubs, vielen Stimmmodulatoren und unzähligen Gitarreneffekte hat Omar, der die Studioarbeit erneut in Eigenregie dirigierte, auf jenes Mindestmaß reduziert, das die hauseigenen Trademarks unbeschadet lässt. Bixler-Zavalas Organ bleibt auch ohne Dutzendwaren Verfremder charakteristisch für den Mars Volta-Sound, Rodriguez-Lopez' Saitenspiel ohne Fingerfertigkeits-Wettbewerbe unverkennbar identitätsgebend.

Nicht nur deswegen manifestiert sich hier eine neue Übersichtlichkeit. Bei lediglich 50 Minuten Spieldauer werden erstmals gar Mehrfach-Rotationen möglich. Nur ein einziges Mal reißt die Achtminuten-Mauer, während bei allen Songs Strophe-Refrain-Muster erkennbar sind. Auch bildet die Akustikgitarre, die bislang nur als Exot unter dem elektrisch verstärkten Soundgewand hervorblitzte, neuerdings einen festen Leitpfosten.

"Since We've Been Wrong", "With Twilight As My Guide" und "Copernicus" kehren den Amps den Rücken und den "Televators"-Sound nach vorne. Es wirkt fast, als sei mit der fünften Platte die Zeit gekommen, den gewachsenen Haufen gemäßigter bis ruhiger Singles kompakt auf einer CD zu verstauen. Weil auch die Hardrock-Ausbrüche zwischen den Halbballaden nicht aus dem Ruder laufen, gelingt so etwas wie eine Mars Volta-Blaupause für Neuhörer: alle Standards enthalten und konsumfreundlich aufbereitet.

Dass die Subtraktion der Überladenheit des Vorgängers allein für den Anschluss an alte Glanztaten nicht genügt ("De-Loused" und "Frances" bleiben überdauernde Großtaten), zeigt sich jedoch ebenso schnell wie die Zugänge offenliegen. Denn leider vergessen Omar, Cedric und Begleitband, dass besagtes "Televators" zum einen aufgrund sehr atmosphärischer Texturen, zum anderen dank seiner Funktion als Ruheinsel nach kakophonischer Sintflut so hervorragend funktionierte.

Dagegen verbucht das konzept- wie experimentfreie "Octahedron" sowohl Atmosphäre als auch Kontext auf der Sollseite. Die Abfolge von kontemplativeren und aufrührerischeren Tracks wirkt schlicht beliebig. Im ersten Moment vermag der Wegfall weitschweifiger, exzentrischer Gesten noch zu gefallen, wächst sich jedoch über die Gesamtlänge zum öden Kropf der Platte aus.

Viel zu früh ist jeder Winkel ausgelotet. Ohne den Wagemut, der Mars Volta bis dato den Stempel der Progressivität verlieh - selbst wenn er wie auf "Bedlam" ein Scheitern erst erlaubte -, geht ihrer Musik das Spannungsmoment ab. Kurz: Nie waren die Amerikaner eingängiger und langweiliger zugleich.

Über die Gründe für diesen uninspirierten Weg kann man nur spekulieren. Wollte Omar Rodriguez nun endlich all jenen Lästerern das Maul stopfen, die seit Jahren betonen, dass Mars Volta am besten waren, als sie mit Rick Rubin noch einen Produzenten im Rücken hatten?

Solch persönliche Eitelkeit mag immerhin dazu beigetragen haben, darauf lassen schon die Zitate schließen. "Octahedron" sei, betont Omar weiter, das erste Album, "das man mit Genuss hören kann". Hätte er statt "Genuss" "beim Bügeln im Hintergrund" gesagt ... grundlegend widersprechen müsste ihm wohl niemand.

Trackliste

  1. 1. Since We've Been Wrong
  2. 2. Teflon
  3. 3. Halo Of Nembutals
  4. 4. With Twilight As My Guide
  5. 5. Cotopaxi
  6. 6. Desperate Graves
  7. 7. Copernicus
  8. 8. Luciforms

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42 Kommentare

  • Vor 12 Jahren

    auch auf die gefahr hin die linie abreißen zu lassen: für mich das beste mars volta album nach dem debüt. die alben nach de-loused in the comatorium haben mich vor allem gelangweilt, weil ich einfach keinen zugang gefunden habe. de-loused war auch kein radiofreundliches pop album und trotzdem eingängiger als die darauffolgenden album.

  • Vor 12 Jahren

    Ich bin auch dagegen Mars Volta unter zu bewerten, allein schon, weil man einfach nicht abstreiten kann, dass sie eine der einflussreichsten bands der neuzeit sind. Wer ein bisschen Ahnung von der Progressive Rock Geschichte hat, wird mir zustimmen, dass Mars Volta dass für den Nu-Prog sind, was King Crimson für den Progressive Rock, Marillion für den Neoprog, Spock's Beard für den Retroprog und Dream Theater für den Progmetal sind. Sie sind die Wegbereiter und Begründer eines neuen Genres. Ob sie die beste Band in diesem Genre sind, lässt sich gar nicht unbedingt sagen, aber eben die Einflussreichste und bekannteste.

    Nun will ich zwei Sachen äußern. Zu einem redet Ragism mist, wenn er sagt, dass nur Yes ähnlich drauf sind, da musst du einfach noch eine ganze Menge kennen lernen, gerade im amerikanischen und japanischen Underground gibt es so abgefahren krasses Zeug, dagegen sind Mars Volta glatt noch Pop ;).

    Wesentlich wichtiger aber mein zweites Anliegen: Hier regen sich ja alle so über die 2 Punkte für die Mars Volta Scheibe auf und fangen an zu knatschen weil der keine Ochsenknecht mehr Punkte absahnt. Aber das darf man einfach gar nicht miteinander vergleichen. 2 Mars Volta Punkte sind 2 Mars Volta Punkte und 3 Ochsenknecht Punkte sind eben 3 Ochsenknecht Punkte.

    Wenn ich mir n Handy zulege und sage, dass Handy bekommt 3 von 5 Punkten weiß jeder was gemeint ist. Wenn ich jetzt einen Master-Mega-Super-High-Tech-Computer habe und sage, der bekommt 2 von 5 Punkten, ist dann das Handy besser als der Computer? Hoffe ihr versteht was ich meine ;).

    Ich find die Scheibe übrigens mit jedem Durchgang besser, scheint ein grower zu sein.

  • Vor 12 Jahren

    Ich war zunächst auch ziemlich geschockt, ob der 2 Punkte Bewertung, aber ich muss auch sagen ähnlich Donkeyboy, wenn ein Album nicht mehr dem Anspruch seiner Vorgänger genügt (und dieser Eindruck ergibt sich leider auch mir), kann man einfach nicht trotz der unbestrittenen musikalischen Fertigkeiten der Band eine volle Punktzahl vergeben, auch wenn man als Fan evtl nicht nur die Band sondern auch sich angegriffen fühlen mag.

    Wo bleibt denn der Vergleich zu den Vorgängern, wenn jedes Album die volle Punktzahl erhält? Nichts ist perfekt, so auch nicht The Mars Volta. Wenn sich eine Band "Fehler" erlauben darf dann wohl diese.

    Wie schon gesagt, man kann nicht pauschal sagen, dass Tokio Hotel jetzt besser ist als TMV, das ist einfach lächerlich :D. Der Autor der Rezension, scheint sich sehr wohl mit TMV beschäftigt zu haben und diese eben auch zu schätzen. Umso enttäuschter ist er natürlich über ein nicht befriedigendes Album. Das bedeutet keineswegs, dass der Autor, jede beliebige Teenie-Mainstream-Band besser findet.

    Aus Fansicht kann ich sagen, dass die Bewertung nur fair ist, dass das Album immer noch besser als diejenigen der meisten anderen Bands ist, das steht wohl außer Frage. Aber das beste Mars Volta Album gibt es dieses Mal leider nicht.

    Hättet ihr etwa wirklich lieber einen Pop-Schund-Autor als Rezensenten für eine TMV Platte als jemanden, der sich offensichtlich damit auskennt?

    Einen objektiven Album Benchmark wie es für Rechner gibt, gibt es in der Musikwelt (zum Glück!) nicht, auch wenn damit TMV hier besser weggekommen wären.