laut.de-Kritik

Mit der Haarlänge wuchs die Experimentierfreude.

Review von

Im Herbst 2021 schien mit drei Backsteinpaketen alles zu Ende erzählt: die Geschichte der Beatles mit "Let It Be" und Peter Jacksons Dokumentation "Get Back" einerseits sowie die Paul McCartneys mit "Lyrics" andererseits. Doch was tun, wenn in den Archiven noch weitere Schätze schlummern? Disney, Netflix und Co. haben es vorgemacht: Ist der Haupterzählung abgeschlossen, setzt man ein Prequel auf.

Zurück also ins Jahr 1966, als die Beatles bereits die größte Band der Welt waren, ihr Image als Lieblingsschwiegersöhne aber satt hatten, ebenso wie das Touren vor kreischenden Mengen, bei denen die Musik völlig unterging. Nachdem ein Filmprojekt geplatzt war, nahmen sie sich in den ersten Monaten des Jahres eine Auszeit und hatten dann von April bis Juni Zeit, um ihr neues Album aufzunehmen - ihr siebtes in vier Jahren.

Drei Monate - vergleichsweise eine Ewigkeit. Sie wussten sie zu nutzen. Bereits auf dem Vorgänger "Rubber Soul" hatten die Beatles mit den Möglichkeiten experimentiert, die neue Technologien und immer ausgefeiltere Geräte boten. Mit der Haarlänge wuchs bei John Lennon, McCartney und George Harrison die Kreativität.

In London waren die Swinging Sixties in vollem Gange, in der Stadt gab es überall Konzerte und Ausstellungen von Künstlern aus aller Welt. Statt sich in ihren Erfolgskokon zurückzuziehen, stürzten sich die Beatles ins Leben und verarbeiteten die Eindrücke im Studio: Harrison schleppte eine Sitar an, Lennon versuchte sich an Stream-of-Consciousness-Texten, selbst McCartney steuerte Lieder bei, die mal nicht von der Liebe handelten. Der geniale Produzent George Martin nahm die Herausforderung dankend an und organisierte, schnippelte und orchestrierte, dass es eine Freude war.

Das Ergebnis war in mehrerer Hinsicht ungewöhnlich, ja revolutionär. Angefangen beim Cover, das die Band zum ersten Mal nicht auf einem Foto zeigte, sondern in einer aufwändigen Zeichnung und Collage, die ihr Freund aus Hamburger Tagen, Klaus Voormann, erschuf. Der Opener stammte zum ersten Mal aus der Feder Harrisons. Behandeln die meisten seiner Stücke existentielle Themen, ging es hier um etwas ganz Konkretes, nämlich um den Steuersatz in Großbritannien, der für Gutverdienende wie die Beatles sehr hoch war. Zu einer hart angeschlagenen Gitarre versetzte sich Harrison in einen gierigen Finanzbeamten, der einsackt, was nur geht ("it's one for you nineteen for me"). Eine Prise britischer Humor steckte sicherlich auch dahinter, doch war es eine Abkehr von den traditionellen Themen ihrer Lieder.

Noch überraschender war McCartneys erster Beitrag auf dem Album. "Look at all the lonely people", so der Anfang der Geschichte, in dem es um zwei einsame Menschen geht, der titelgebende Eleanor Rigby und einem Pater McKenzie. Ohne happy End. Als er die Trauerrede bei ihrer Beerdigung hält, zu der niemand kommt, stellt er fest, dass er auch diese Seele nicht retten konnte. Harter Tobak, bei dem zum ersten Mal kein Beatle die musikalische Begleitung bestritt, sondern ein Streichorchester. McCartney wünschte sich, dass es nach Vivaldi klinge, Produzent Martin, der die Partitur schrieb und dirigierte, fügte noch ein bisschen "Psycho"-Soundtrack hinzu. Ein Klassiker, nicht nur wegen der Instrumente.

Das Songwriterteam Lennon/McCartney bestand zu diesem Zeitpunkt noch. Während McCartney in London wohnte, hatte sich Lennon auf ein Anwesen im Umland verkrümelt. Oft lag er noch im Bett, wenn McCartney gegen Mittag auftauchte. Super Thema für ein Lied, dachten sie sich, und so entstand Stück Nummer drei, "I'm Only Sleeping". An sich eine simple Nummer, die durch Experimentierfreude aber deutlich aufgewertet wurde. Ein Toningenieur hatte auf Bitten Lennons einen Prozess entwickelt, um den Gesang gleichzeitig auf zwei Bändern aufzunehmen. Durch Verzögerung und Beschleunigung der einzelnen Bänder ließen sich dann interessante Effekte erzielen. In diesem Fall klingt Lennon, als befinde er sich in einem Dämmerzustand, verstärkt durch Harrisons Solo, das rückwärts abgespielt eingefügt wurde.

Ja, Harrison. Auf der Vorgängerplatte hatte er die Sitar in "Norwegian Wood" zum neuen In-Instrument gemacht. Während der Aufnahmen zu "Revolver" erschien etwa "Paint It Black" der Rolling Stones, in dem sich Brian Jones an dem indischen Instrument versuchte. Für Harrison war es jedoch viel mehr nur als ein Gimmick. Er vertiefte sich in das indische Instrument und die indische Kultur, was in "Love Me To" zu einem beeindruckenden Ergebnis führte. Es begann eine spirituelle Reise, die Harrison bis zu seinem Lebensende begleitete.

Während der Aufnahmen war Bruce Johnston von den Beach Boys in London und spielte in seinem Hotel Lennon und McCartney das noch nicht veröffentlichte neue Album der Band vor, "Pet Sounds". Das Beatles-Duo war begeistert. Als McCartney Tage später mal wieder an Lennons Pool saß und auf ihn wartete, begann er, ein Stück im Stil von "God Only Knows" zu schreiben. "Here, There And Everywhere" ist Pop vom allerfeinsten, mit den vielleicht schönsten Harmonien, die die Beatles je eingesungen haben. Selbst Lennon sei begeistert gewesen, so McCartney, der es noch vor "Yesterday" als sein Lieblingslied aus eigener Feder einordnet.

Wie gewohnt sollte auch Ringo Starr ein Stück einsingen. McCartney hatte die Idee zu einem Kinderlied über das fantasievolle Leben in einem gelben U-Boot, das perfekt für den begrenzten Stimmumfang des Schlagzeugers war. Simpel war es jedoch nicht, denn Band und Produzent durchforsteten die Abbey Road Studios nach Gegenständen und Räumlichkeiten, um Geräusche zu erzeugen. Offenbar hatten sie einen Riesenspaß dabei, ebenso die Gäste im Pseudo-Marine-Chor, zu denen Brian Jones und Marianne Faithfull zählten. 1968 erschien ein psychedelischer Zeichentrickfilm, der das Lied zum Klassiker machte.

Die fröhliche Stimmung schlägt in "She Said She Said" unvermittelt um. 1965 verbrachten die Beatles während einer Tourpause einige Tage in Los Angeles. Dort erhielten sie Besuch von den Byrds und dem noch kaum bekannten Schauspieler Peter Fonda ("Easy Rider" erschien erst 1969), der LSD mitbrachte. Es war kein guter Trip. Das Lied schrieben Lennon und Harrison um den Satzfetzen "Ich weiß, wie es ist, zu sterben", der von Fonda stammte. Ein Stück, das sie aus mehreren Schnipseln zusammensetzten und dem ein Rhythmuswechsel zusätzliche Verunsicherung verleiht.

Zeit, die Platte umzudrehen. In Großbritannien war der Sommer 1966 außergewöhnlich. Nicht nur, weil England die WM gewonnen hatte, zudem noch gegen Deutschland, die Sonne schien auch ungewöhnlich oft. Am Klavier kam McCartney die Idee zu diesem gutgelaunten Lied, das er im Studio fast im Alleingang umsetzte.

Zwar waren drei Monate eine ungewöhnlich lange Zeit, um eine Platte aufzunehmen, doch mussten zum Schluss 16 Lieder im Kasten sein - 14 für das Album, zwei für eine Vorab-Single, die "Paperback Writer" und "Rain" enthielt. "And Your Bird Can Sing" war ein Schnellschuss, den Lennon und McCartney unter Zeitdruck zimmerten. Lennon, der den Hauptbeitrag leistete, blieb die Rock-Nummer bis zu seinem Tod ein Dorn im Auge, doch ist sie durchaus brauchbar, vor allem dank der E-Gitarren von McCartney und Harrison, die gleichzeitig spielen.

Sehr behutsam geht es dagegen in "For No One" zu, in dem McCartney das nahende Ende seiner Beziehung zur Schauspielerin Jane Asher verarbeitete. "Und in ihren Augen siehst du nichts, kein Zeichen von Liebe hinter den Tränen, die sie für niemanden weint" gehören zu den besten Zeilen, die er geschrieben hat. Außer dem Schlagzeug nahm er die Instrumente selbst auf, inklusive einer Einlage an einem Klavichord, das Produzent Martin angeschleppt hatte. Die wunderbare Horn-Begleitung, die dem Stück das gewisse Etwas verleiht, stammt von einem Meister seines Fachs, Alan Civil.

Mit "Doctor Robert", in dem Lennon von einem Arzt erzählt, der gerne Drogen verschreibt, und "I Want To Tell You", in dem Harrison von seinen Schwierigkeiten berichtet, seine Gedanken in Worte zu fassen, scheint das Album zu seinem Ende hin zu plätschern. "Got To Get You Into My Life" lässt dagegen wieder aufhorchen. Mit Bläsern gepimpt ist diese Rock-Nummer das einzige Überbleibsel des Plans, das Album in Memphis bei Stax aufzunehmen. Die Vorstellung war schließlich an den überzogenen Forderungen des legendären Rhythm and Blues-Teams gescheitert, die Liebe zu ihrer Musik und zu Motown ist hier aber deutlich zu hören. Um Liebe geht es auch im Text McCartneys. Allerdings nicht zu einem Partner, sondern zu Marihuana, das er (und die anderen Beatles) zwei Jahre zuvor zum ersten Mal mit Bob Dylan geraucht hatten.

Das Stück, das dieses Album prägt, kommt ganz zum Schluss. Interessanterweise entstand es gleich zu Beginn der Sessions. Die Beatles hatten festgestellt, dass klassische indische Musik oft nur mit einem Akkord auskam. Lennon nahm ein C und sang monoton Zeilen aus dem Buch eines Psychologie-Dozenten aus den USA, das er gelesen hatte, "The Psychedelic Experience: A Manual Based on The Tibetan Book of the Dead". LSD war in aller Munde und noch nicht verboten, der Autor Timothy Leary galt als Guru, sein Buch war eine Anleitung zu und Führung durch einen Trip.

"Turn off your mind / Relax and float down stream", so der Anfang des Liedes. Damit sich das Stück selbst wie ein Trip anhörte, besteht die Begleitung im Wesentlichen aus verfremdeten Loops und rückwärts gespielte Aufnahmen. Was zu Beginn wie kreischende Möwen klingt, ist in Wirklichkeit McCartney, der "Ah ah ah" sagt - im Anschluss wurde das Band dann viel schneller abgespielt. "Tomorrow Never Knows" ist auch eine Hommage an die Komponisten Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen, deren Werke McCartney und Lennon mit Interesse verfolgt hatten.

Der Titel kommt in Stück übrigens nicht vor. Er stammt aus einer Pressekonferenz zwei Jahre zuvor, in der Starr dieses umgrammatikalische Statement abgegeben hatte. Ein weiteres ist in "Yellow Submarine" enthalten: "Everyone of us has all we need".

"Tomorrow Never Knows" und "Revolver" waren der Einstieg in den zweiten Teil der Karriere der Beatles, deren natürliche Fortsetzung ein Jahr später "Sgt. Pepper's" war. Die Reaktionen darauf waren erwartungsgemäß stark. In der Heimat und unter Kollegen war die Bewunderung groß, in den USA stießen die Beatles dagegen auf Unverständnis, teilweise Hass.

Dabei war die Musik zweitrangig. Ihr US-Label Capitol brachte, wie schon zuvor, nicht das gesamte Album heraus, sondern eine Auswahl, diesmal gekoppelt mit dem längst veröffentlichten Superhit "Yesterday". Das Cover von "Yesterday And Today" zeigt die strahlenden Beatles in Metzgeroutfit mit kleingehackten Puppen und blutigen Fleischstücken. Sie wollten damit eine neue Schaffensphase und ihre Ablehnung der kürzlich begonnenen Vietnamkriegs symbolisieren. Die Reaktionen von Radiosendern, Plattenläden und Käufern war jedoch so entsetzt, das Capitol die bereits ausgelieferten Exemplare einzog und das Cover durch ein Foto ersetzte, in dem die Beatles traditionell gekleidet waren.

Als jemand dann noch einen Satz ausgrub, den John Lennon beiläufig in einem Interview in Großbritannien gesagt hatte (die Beatles seien derzeit berühmter als Jesus Christus), war die Kacke am Dampfen. Die Stadien waren bei ihrer US-Tour voller den je, die Pressekonferenzen dagegen oft feindselig. Am 29. August spielten die Beatles in San Francisco ihr letztes Konzert und konzentrierten sich in den Folgejahren auf die Studioarbeit.

Wie gewohnt hat George Martins Sohn Giles hervorragende Arbeit geleistet, um den Sound aufzupolieren. Auch diesmal keine einfache Aufgabe: Trotz aller Schnipsel, Instrumente und Harmonien standen 1966 nur vier Spuren auf einem Band zur Verfügung. Wollte man mehr, musste man mehrere Spuren auf eine reduzieren, was die nachträgliche Bearbeitung erschwert hat. Dabei kam ein Verfahren zu Hilfe, das Peter Jackson bei "Get Back" angewendet hat, um mithilfe von KI Instrumente und Stimme sauber voneinander zu trennen. Der neue, behutsam sphärische Klang bekommt den Stücken jedenfalls gut.

Die Super Deluxe-Ausgabe enthält wie gewohnt üppiges Bonus-Material, angefangen beim dicken, reich bebilderten Begleitbuch. McCartney fasst sich wie gewohnt kurz ("All in all, not a bad album"). Questlove darf zu viel Selbstvermarktung betreiben, dafür gelingt ihm der eine oder andere gute Satz ("When I hear ’Taxman’, I envision them still as in those leather jackets from Hamburg. Then all of a sudden these motherfuckers are wearing tuxedos", etwa). Schön auch die Graphic Novel Klaus Voormanns, in der er schildert, wie es zu dem Cover kam.

Bei soviel Experimentierfreude sind viele alternative Versionen der Stücke sinnvoll. Am Interessantesten fallen sie bei "Tomorrow Never Knows" aus, das sich in seiner Entwicklung gut nachverfolgen lässt. Dazu gibt es das Album noch in Mono und Stereo sowie die Single "Paperbackwriter/Rain". So passt auch dieser Backstein schön zu den anderen vier Beatles-Alben, die in diesem Format bereits erschienen sind. Bleibt nur noch die Frage, welches als nächstes Prequel erscheint. Wie wäre es mit "Rubber Soul (2023 Mix)"?

Trackliste

  1. 1. Taxman
  2. 2. Eleanor Rigby
  3. 3. I'm Only Sleeping
  4. 4. Love You To
  5. 5. Here, There And Everywhere
  6. 6. Yellow Submarine
  7. 7. She Said She Said
  8. 8. Good Day Sunshine
  9. 9. And Your Bird Can Sing
  10. 10. For No One
  11. 11. Doctor Robert
  12. 12. I Want To Tell You
  13. 13. Got To Get You Into My Life
  14. 14. Tomorrow Never Knows

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1 Kommentar

  • Vor 13 Tagen

    Bin kein MacCartney-Fan, aber hier war er an der Spitze seines Schaffens, und kam danach nur noch gelegentlich da ran. Irgendwie eigenartig, daß nach "Get Back" Lennon immer noch oft als der Schluri gesehen wird, der beiläufig Beiträge heraushaute. In Wirklichkeit wirs er sich mindestens so sehr den Hintern aufgerissen haben wie alle anderen.

    Wurscht. Rezeption ist halt so ne Sache. Über-Album, selbst die "plätschernden" Songs gegen Ende.