laut.de-Kritik

Gruselig, wenn der eierschaukelnde Prolet Pause hat.

Review von

Geplantes Kalkül? Nimmt Summer Cem auf seinem neuen Album bewusst die selbe Pose ein wie auf "Sucuk & Champagner"? Eine verborgene Botschaft, die die Nichtigkeiten des Lebens einfängt? Einst gefeierter Drogenbaron mit liebreizenden Ladys an der Schulter, nun im Begriff sich vor der Justiz zu erklären? Der tiefe Fall des Cem Toraman, von der Skyline zum Bordstein zurück, das Sequel? Wenn dies nicht der Fall sein sollte, gibts trotzdem den ersten positiven Vermerk fürs Cover. Sein erstes, das keinen Würgereflex auslöst.

Die nächste spannende Frage wirft der Titel des Albums auf. Steht "Cemesis" für den Anfang von etwas? Eine Neuausrichtung, wie der Künstler wohl implizieren will? Erwartet uns eine Geschichte biblischen Ausmaßes? Oder 'nur' eine Hommage an die Altrocker von Genesis? Letzteres wage ich auszuschließen, die restlichen Fragen werden zum Ende der Rezension hoffentlich beantwortet sein.

Alles beim Alten bleibt es mit dem Eröffnungs-Track "Reicht Nicht". Schon die ersten Zeilen machen Lust auf mehr: "Macht Platz, wenn der Dicke kommt/ Heute Nacht will ich ficken und/ Acht sind das Minimum ("Was?")". Der Mann hat scheinbar einen gewaltigen Samenstau zu bewältigen, also zügig weiter im Text.

"Gary Pedro Crock" überzeugt mit klassischen East Coast-BoomBap-Beat und Farid Bang liefert einen erfrischend aggressiven Feature-Part ab. "Bald hab ich's geschafft in 'ner Villa zu wohnen/ Ohne zu wissen wie schreibt man "Integration"/ Ich bin noch ledig und fahr eine Yacht/ Ohne, dass ich je gearbeitet hab". Die einzigartige Aufsteiger-Story zweier junger Immigranten, die ihr Glück auf der Straße suchten und es nie mehr los ließen, als sie es endlich in ihren Händen hielten. Bald auch in Ihren Kinos.

Erstmals ins Stutzen versetzt der nächste Track. Gerade noch auf dicke Hose mit Kollege Bang gemacht, kehrt der gebürtige Türke in "Nimm Mich Mit" seine verletzliche Seite heraus. Der Typ, der just vor zwei Minuten erklärte, wie sehr er alles fickt, was sich ihm in den Weg stellt, säuselt nun etwas von den Talsohlen des Lebens? "Auch wenn die Sonne heut' am hellsten scheint/ Ertränkst du dich gleich im Selbstmitleid/ Da ist nichts, was am Ende dir bleibt/ Probleme sind groß, doch die Welt ist zu klein." Na na na, Kopf hoch Cem. Lebbe geht weiter und nicht vergessen: " Auch wenn du ein Fisch bist – Helene ist Fischer". Da ist was Wahres dran.

Das Bild eines einsamen, vom Wahnsinn beherrschten Diktators schießt mir bei der grausigen Autotune-Hook von "Dreckige Finger" in den Kopf: "Ich hab Handgranaten und Uzis/ Champagner und Blut fließt". Eine bessere Figur gibt das Banger-Mitglied in "Sintflut" ab, wo sein Flow und seine öfters durchschimmernde Wortgewandtheit auf Trap-Pfaden voll zur Geltung kommen.

"Das ist nicht mehr Gangster, das ist Rambo-Rap", verkündet Summer Cem in "Tam Korrekt". Locka flocka flowt der Banger auf dem orientalischen Beat und erklärt der Welt mit einem Augenzwinkern, wie geil sein Leben doch sei: "Kleine Frage: Wie hat dir mein Schwanz geschmeckt?/ Ich bin nicht ein bisschen, ich bin tam korrekt." Mit Selbstironie weiß der Rheydter stets am Besten zu unterhalten.

Noch besseres Entertainment bietet nur "Wolke 7". Der scheinbare Feel-Good-Track entpuppt sich bei näherem Hinhören als Luftschloss. Gute Laune bringt er trotzdem:"Ich weiß, du hast dich bös verliebt/ Und du hast wunderschöne Zähne/ Doch dein Atem riecht nach Dönerspieß". Autschi! Mit der Hook hat der Lausbub mich dann endgültig eingefangen: "Es gibt keinen, der mit Cem jetzt fickt/ Und wenn doch, macht es bamm-bamm-klick". Ich werfe meine Arme in die Luft und vergesse die Welt um mich herum: " Die AK macht:/ Ra-ta-ta-tam-tam, ra-ta-ta-tam-tam..."

Ein schönes Finale denke ich mir, doch ehe ich die Kopfhörer zur Seite lege, ertönt der letzte Track, "Wenn Das Alles Ist". Nein, nein, nein. Warum hat er es nicht dabei belassen? Zwar platziert er auch hier wieder einige gute Lines, doch die grausige Hook lässt mich schütteln. Die wonnig gute Laune verfliegt abrupt.

Überhaupt ist das auch ein Phänomen, das sich durch das gesamte Album zieht. Im Vergleich zu den handwerklich guten und dreckig-staubigen Rap-Parts wirken die eingesungenen Hooks der Feature-Gäste ausnahmslos seltsam glatt und aus der Zeit gefallen.

Die Geburt von etwas Neuem ist "Cemesis" sicher nicht. Souverän spielt er seine Stärken aus, die aus selbstironischen Punch-Lines und stimmigen Flows bestehen. Zwar bewegt sich Summer Cem des Öfteren aus seiner Komfortzone, doch das äußert sich vor allem darin, dass der eierschaukelnde Prolet kurz Sendepause hat und an seiner Stelle sein am Daumen nuckelndes Alter Ego tritt, das in Selbstmitleid zu ersaufen droht. Auch wenn es nicht das zu Anfang erhoffte Epos geworden ist, bietet der Langspieler über weite Strecken doch immerhin gute Unterhaltung.

Trackliste

  1. 1. Reicht Nicht
  2. 2. Gary Pedro Crock
  3. 3. Nimm Mich Mit
  4. 4. Seid Ihr Mit Mir
  5. 5. Dreckige Finger
  6. 6. Sintflut
  7. 7. Pilot
  8. 8. Tam Korrekt
  9. 9. Es War Cem
  10. 10. Nicht Komplett
  11. 11. Pink Floyd
  12. 12. Preach
  13. 13. Bitte Spitte Cocaina
  14. 14. Wolke 7
  15. 15. Wenn Das Alles Ist

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