laut.de-Kritik

Der Progger von der edlen Gestalt setzt auf Kooperation.

Review von

Steve Hackett, Genesis-Mitglied der progressiven Phase in den Siebzigern und Erfinder der Tapping-Technik, pflegt seit vielen Jahren auf seinen Solo-Alben einen vielfältigen Ansatz. Der 71-jährige Verwalter des elaborierten Progrock pflügt durch viele Genres und legt sowohl in der Gästeauswahl als auch der musikalischen Schwerpunktsetzung einen großen Wert auf Weltmusik. Mal klassisch orchestriert und mal rockig strukturiert ist "Surrender Of Silence" ein weiterer kreativer Lichtblick.

Der Romantiker unter den Prog-Rockern kehrt nach dem akustisch-orchestralen Intermezzo "Under A Mediterranean Sky" mit einer neuen Variante seiner Universalpoesie zurück, die stark an die Vorgänger "At The Edge Of Light" und mehr noch an das ungezügelte "The Night Siren" anknüpft. Dass Hackett über ein weitverzweigtes Netzwerk verfügt, beweist die Auswahl der Schlagzeuger. Neben Craig Blundell (Steven Wilson) geben sich Phil Ehart (Kansas) und Nick D'Virgilio (Spock's Beard, Big Big Train) die Sticks in die Hand.

Die Herzensergießungen sind ansprechend und anmaßend. Hier gilt's der Kunst, lautet Hacketts Losung. Verglichen mit seinen Ex-Kollegen Tony Banks, Peter Gabriel und Phil Collins ist Hackett der unangefochtene Träger des schwarzen Prog-Gürtels. Ein Schelm, wer beim Titel "Fox's Tango" nicht an "Foxtrot", der ehemaligen Stammformation von Hackett, denkt. "Day Of The Dead" vollführt einen weiteren Schlenker zu einer Siebziger-Großtat, nämlich "Kashmir" von Led Zeppelin.

Rock und Klassik bilden wie oben angerissen die Klammern. Dazwischen wirds reichlich weltmusikalisch. Die experimentellsten Exponate heißen "Natalia", "Wingbeats" und "Shanghai To Samarkand". "Natalia" faltet im neoklassischen Duktus gehalten das Bild einer Winterlandschaft auf, Kosakenchöre inklusive. Mit "Wingbeats" erklingt ein naiver Blick auf afrikanische Musik, mehr Kitsch und Klischee, denn Kunst.

Im längsten Track, "Shanghai To Samarkand", nimmt der Multiinstrumentalist gemeinsam mit Arrangeuer und Orchestrator Roger King den Hörer mit auf eine akustische Odyssee, die asiatische wie arabische Gefilde umfasst. Das magisch-musikalische Zeugnis aus der Zwischenwelt endet mit einem furiosen Finale auf der akustischen Gitarre. Der Gestaltung eines Soundtracks nicht unähnlich verbinden die beiden Kollaborateure King und Hackett die Durchschlagskraft von Hans Zimmer mit der minutiösen Feinfühligkeit eines Morricone.

Hackett ist ein Progger von der edlen Gestalt, der auf Kooperation statt auf Konfrontation setzt. Entsprechend liest man keine bissige Sozialkritik wie bei den Agit-Proggern von The Tangent, sondern weichgezeichnete Visionen einer besseren Welt. In einer Welt, in der die Devise lautet "Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg", ist die Entscheidung zwischen warmen Worten und rüpeliger Revolution nicht leicht zu treffen.

In der Summe ergeben sich szenisch-cineastische Klangkonstrukte mit betont in sich geschlossenen und zugänglichen Einzelparts. Eine interessante Verbindung gehen Titel und Musik in "Relaxing Music For Sharks" ein. Der Name ist Programm: auf einen sanften, sphärischen Beginn mit Wasserblubbern folgt ein zupackender Instrumentalteil mit wilden Riffs und Soli.

Eine Orgel-Orgie nebst fiebrigen Saxophon-Einwürfen stimmt auf "The Devil's Cathedral" ein, eine Zusammenarbeit mit Vampirate Nad Sylvan. Sylvan, der perfekt die Stimmen Peter Gabriels und Phil Collins vereint und "Genesis Revisited" seine Stimme leiht, liefert mit seinem charismatischen und poetischen Vortrag leider seinen einzigen Beitrag. Der Rest der Vocals sind Chefsache. Hacketts Stimme ist von der emotionalen Bandbreite einem Mr. Spock nicht unähnlich. Der neutrale Terminus "Storytelling" trifft es gut. Immerhin führt der 71-jährige lyrisch durch die Songs.

Bemerkenswert gelingt Hackett das geschmeidige wie elegante Gitarrenspiel, das durch seinen voluminösen Ton und die geschmackvolle Notenauswahl überzeugt. Man muss den Weg nicht gut finden, geschweige denn mitgehen, den der Grand Seigneur der anspruchsvollen Klangkunst vorgibt. Lässt man sich hingegen ein auf den Diversity-Ansatz, belohnt man seine Ohren mit reichlich frischen und unerhörten Tönen.

Trackliste

  1. 1. The Obliterati
  2. 2. Natalia
  3. 3. Relaxation Music For Sharks (Featuring Feeding Frenzy)
  4. 4. Wingbeats
  5. 5. The Devil's Cathedral
  6. 6. Held In The Shadows
  7. 7. Shanghai To Samarkand
  8. 8. Fox's Tango
  9. 9. Day Of The Dead
  10. 10. Scorched Earth
  11. 11. Esperanza

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