4. April 2024

"Wacken war geil!"

Interview geführt von

Die Fangemeinde erwartet ihr zweites Album schon sehnlichst. Die wohl vielversprechendste deutsche Künstlerin seit langem veröffentlicht am 5. April "Chasing Dreams".

Als 2020 mit "Freier Geist" das Debütalbum von Sofia Portanet erschien, ging ein Rauschen durchs Feuilleton. Sogar bis nach Großbritannien klang die Kunde von dieser deutschen Newcomerin, die das Zeug dazu hat, die nächste Künstlerin von internationalem Format zu werden. Und in der Tat: Was die Wahl-Berlinerin quasi aus dem Nichts aus dem Hut zauberte, klang so eigenständig und unverschämt eingängig, dass nachhaltiges Kritikerlob folgte.

Der große Mainstream-Durchbruch gelang ihr mit dem Album zwar nicht, aber das lag sicher auch an der Zwangspause, die mit der Covid-19-Pandemie einher ging. Jetzt steht das zweite Album namens "Chasing Dreams" in den Startlöchern, einige Singles sind bereits veröffentlicht. Da kann man sich doch mal auf einen Plausch treffen. Im Vorprogramm von Betterov zog Sofia vor Weihnachten durch hiesige Breiten, wir trafen sie in Tübingen.

Dein neues Album "Chasing Dreams" ist im Kasten. Seit geraumer Zeit wahrscheinlich schon ...

Du meinst, dass es schon länger fertig ist? Lass mal überlegen. Der letzte Song, den wir aufgenommen haben, war "Ballon" und das war im September. Eigentlich gar nicht so lange her. Wir haben ja immer wieder Singles rausgebracht.

Das passt ja auch dazu, dass viele Künstler schon relativ früh damit anfangen, Album-Tracks als Single zu releasen.

Das Debüt kam im Sommer 2020 raus. Ich habe im Frühjahr 2021 gleich weitergearbeitet und seitdem auch immer wieder Singles rausgebracht. Für mich gab es gefühlt keine richtige Pause (Stand Mitte Januar sind die Singles "Real Face", "Mi Amor", "Unstoppable", "My Time" und "Paralysed" erschienen).

Auf dem Cover bist du gestylt mit Pfeil und Bogen bewaffnet abgebildet. Das Album heißt "Chasing Dreams". Schießt du deine Träume ab?

Ich schieß die nicht ab. Das ist ein Sinnbild. Einer Vision hinterher rennen. Oder einen Traum verfolgen. Ich habe auch einen Song, in dem diese eine Zeile vorkommt. Ich fand das einfach passend zu der Thematik der einzelnen Songs, die auf der Platte sind. Auf der Suche nach etwas sein, etwas schaffen wollen und auch daran scheitern. Deshalb fand ich das Bild mit Pfeil und Bogen ganz passend.

Aber kein weiblicher Amor, der der Liebe hinterher rennt?

Hab ich auch gedacht. Die Interpretation darf offen bleiben. Ja, passt auch irgendwie. Man hat ja dieses Bild im Kopf von Amor und ich habe ja auch einen Song, der heißt "Mi Amor". Ich hatte zwischenzeitlich überlegt, ob das ein Titel sein könnte, aber "Chasing Dreams" ist viel mehr auf den Punkt, wenn man sich alle Texte durchliest. Es geht oft um Enttäuschungen oder um Dinge, die nicht geklappt haben auf der Jagd. Das ist eine schöne Analogie.

Wenn du die Texte ansprichst. Auf "Freier Geist" hast du viel mit Gedichten gearbeitet und diese dann in deine Texte integriert. Ich bin nicht der große Lyrik-Fan und wollte mal nachhaken, wo das auf dem neuen Album der Fall ist.

Tatsächlich nur bei einem Song, bei allen anderen ist das nicht mehr der Fall. Auf der ersten Platte habe ich Rilke und Heine zitiert, deren Texte und Gedichte auseinandergenommen und mit eigenen Gedanken gemischt. Das habe ich diesmal nur auf einem ganz besonderen Song gemacht ...

Auf "Coplas", der Coverversion deines Vaters?

Jaaaa! Ich wusste gar nicht, dass es schon irgendwo steht, dass das von meinem Vater ist.

Ne, das steht auch nirgends. Ich habe mal im Youtube-Kanal deines Vaters gestöbert um zu sehen, was er so macht. Da bin ich über einen Song gestolpert und dachte, hoppla, das ist "Coplas".

Ja, das ist ein Song von seiner zweiten Platte aus den Achtzigern. Er hat viele Jahre gar keine Musik mehr gemacht. 2019 hat er dann ein neues Album eingespielt, auf dem er alte Titel neu arrangiert hat. Damals war mir gar nicht klar, dass ich eigentlich das gleiche mache wie er. Er hat Gedichte von Garcia Lorca vertont. "Coplas" ist ein Song, den ich halt schon sehr lange kenne. Das war schon immer eines meiner Lieblingslieder von ihm. Ich hatte immer Lust, das auf meine Art und Weise neu zu interpretieren. Ich bin in vielen verschiedenen Kulturen aufgewachsen, und wollte das innerlich alles vereinen. Diesen Song auf die Platte zu bringen, war für mich deshalb auch etwas sehr Besonderes. Der Text stammt von einem spanischen Dichter und mein Vater mischt das mit spanischer Folklore. Das ist der einzige Text auf dem Album, der so richtig in der Poesie verankert ist.

Gefällt er deinem Vater?

Ja. Ich wollte auch unbedingt, dass es ihm gefällt. Ich hab ihn den nicht hören lassen, bis er fertig aufgenommen war. Obwohl er auch die Gitarre eingespielt hat, allerdings ohne das Arrangement zu hören. Er hat nur zum Klick gespielt und Backing-Vocals eingesungen, im Chor ist er auch zu hören. Als er den fertigen Song gehört hat, war er sehr bewegt.

Da ist ja süß.

Ja, sehr.

Gab es ein paar Umarmungen?

Ja! (lacht)

"Ich denke nicht, dass es Schlager ist"

Die neuen Texte klingen viel direkter. Man weiß zwar nicht, worauf du dich beziehst, aber es klingt nicht so abstrakt wie die Sachen von deinem ersten Album.

Ja, dem ist auch so. Jede Platte stellt ja einen bestimmten Lebensabschnitt dar. Als die erste entstand, war ich in einer ganz anderen Lebensphase. Da war ich sehr viel für mich und sehr alleine. Das habe ich versucht, in der Poesie wiederzufinden. Das war ein Mittel, um mich nicht mit den eigentlichen Dingen auseinanderzusetzen, sondern ich habe versucht, mich in der Poesie abzuholen. Bei "Chasing Dreams" hatte ich einfach Lust, die Dinge mehr zu benennen, eine Geschichte zu erzählen, die klar verständlich ist. Ich hatte das Bedürfnis, mich 'normal' auszudrücken, ohne, dass es immer poetisch sein muss. Auch, weil es mir wichtig ist, dass die Leute wissen, worum es geht, dass die Hörer sich mehr abgeholt fühlen und ich mich auch nicht immer hinter Bildern verstecke.

Wer singt eigentlich bei "Lust"?

Das ist Tobias Bamborschke von Isolation Berlin.

Bei Titel und Text dachte ich mir, das ist nicht der Wolf im Schafspelz, sondern das Schaf im Wolfspelz. Du nennst den Titel "Lust" und im Song gehts eben nicht wirklich um Sex. Du singst "Zieh' dich aus" und dann "Ich zieh' dich aus dem Nebel". Spielst du bewusst mit solchen Doppeldeutigkeiten?

Ich überlege gerade. Der Text war tatsächlich der erste nach dem letzten Album und ist auch der einzige, den ich ganz alleine geschrieben habe. Ich finde schon, dass es in dem Song auch um Sex geht, aber weniger um das Körperliche, sondern um die Verbindung zwischen zwei Menschen, die Leidenschaft. Das ist etwas, was man über das Physische hinaus beschreiben darf. Das ist ja auch erotisch, ohne dass es zu offensichtlich ist. Das wollte ich schon so reinbringen.

Als ich "Ballon" zum ersten Mal gehört habe, war mein erster Gedanke: Jetzt macht sie Hyperpop. Der steht für mich aber auch ein bisschen sinnbildlich für die Stimmung des Albums: Heller als das Debüt. Auf "Freier Geist" herrschte so etwas wie eine neonkalte NDW-Stimmung vor. Jetzt klingt das alles etwas optimistischer. War das beabsichtigt?

Ich hatte nicht bewusst vor, einen optimistischen Song zu schreiben. Der Text ist autobiografisch. Es hat was Schönes, auch in dieser gewissen Traurigkeit, die es beschreibt. So, wie wir das instrumentiert haben, kommt eben alles zusammen. Es besitzt etwas melancholisches, klingt aber trotzdem positiv. Ich habe auch keine Angst, cheesy zu sein und Emotionen auszudrücken. Ich finde, das hat genau die richtige Balance zwischen dem, was ich mit dem Text ausdrücken wollte und wie es klingen soll. Manche fanden auch, das klinge wie Schlager. Finde ich zwar nicht, aber die Menschen haben das unterschiedlich aufgefasst.

Vielleicht aufs Intro bezogen.

Ja, genau.

Ja, aber wenn der Song dann richtig losgeht, wohl nicht mehr.

Ja, ich denke auch nicht, dass es Schlager ist. (lacht)

Du hattest auf dem letzten Album sechs Stücke auf Deutsch und drei in anderen Sprachen. Jetzt ist das Verhältnis fast umgekehrt. War das eine bewusste Entscheidung? Wolltest du vielleicht mehr darauf achten, was international gehen könnte?

Moment, lass mich mal überlegen. Das Intro ist auf Deutsch.

Das zählt nicht!

Ja, wärs ein bisschen länger gewesen, wäre es ein eigener Song.

Da habe ich mich ohnehin gefragt, warum du das nicht weiter ausformuliert hast. Hätte sich für mich irgendwie angeboten.

Eigentlich sollte nach dem Intro gleich "Ballon" kommen. Beides basiert auch auf den gleichen Akkorden. Dann habe ich aber bemerkt, dass das gar nicht das Beste ist und habe das Intro stehen lassen. Nach meiner ersten Platte habe ich mit Musikern der deutschen Oper kollaboriert. Ich hatte ein Stipendium bekommen und sollte mir von Richard Wagners Ring des Nibelungen eine Thematik ausdenken. Da habe ich an Heimat und Sehnsucht angedockt. Das, was nun das Intro wurde, hatte ich damals dafür geschrieben. Also fast schon ein kleines Theaterstück. Es dauerte über eine Stunde, ein wunderbarer Abend. Steffen Kahles hat dafür die Arrangements geschrieben. Der Abend wurde mit diesem Intro eröffnet und ich dachte mir, das isses, und das darf auch nicht länger sein. Das ist einfach wie so ein Dach für die Platte und stellt so etwas wie den Übergang von der ersten zur zweiten Platte dar. Ach ja, dann ist das Intro doch auch ein Gedicht.

Was das Englische angeht: Ich war in London und habe dort mit einem Produzenten und Songwriter gearbeitet. Das Debüt ist damals mit Steffen Kahles, aber ohne Produzent entstanden. Für "Chasing Dreams" wollte ich aber einen und in Deutschland kannte ich keinen. Da war ich wie in einer Höhle. In London habe ich John Fortis (Art Brut, Razorlight, Ellie Goulding, Anm. d. Red.) kennengelernt und zusammen einfach viel geschrieben und deshalb ist vieles auf Englisch.

Also gar keine bewusste Entscheidung?

Ne, überhaupt nicht.

"Wacken war geil!"

Ist es denn so, dass unterschiedliche Sprachen in ihrer Charakteristik auch auf den Song an sich abfärben?

Ja, auf jeden Fall. Mit "Entre Nos Lèvres" ist ein französisches Stück auf der Platte, das wir genauso produziert haben, dass es französisch klingt. Es ist sehr synth-lastig und der einzige Song, auf dem keine Gitarre zu hören ist. Auf der Stimme ist viel Hall, es ist sehr melodisch. Das klingt auf jeden Fall anders.

In "Ballon" singst du was über 'keine Spice Girls'. Was hat es denn damit auf sich?

Das ist ein bisschen wie ein Sinnbild für die Kindheit, der Abschied einer Epoche. Die Mädels meiner Generation sind halt mit den Spice Girls aufgewachsen. Aber da war auch diese andere Ebene bei denen, dieses Popstar-Ding, das sie dir eingeimpft haben. Das war für mich auch so: Ja, ich will unbedingt Musik machen und auch meine Erfolge feiern. Ob das so wie bei den Spice Girls wird, ist eine andere Frage.

Du hast ja mit Kreator zusammen "Midnight Sun" gemacht und bist mit ihnen auch in Wacken aufgetreten. Wie war das denn?

Wacken?

Ja, auch.

Wacken war geil! Ich glaube, ich war noch nie so aufgeregt wie vor dieser Show. Du kommst an und siehst nur eine Menschenmasse. Du kannst gar nicht weit genug schauen, es ist alles ist voller Menschen. Es ist halt nur alles so schnell vorbei. Die haben ein super Team. Ich war auch im Februar für sechs Dates mit ihnen unterwegs. Da dachte ich mir, vielleicht muss ich auch mal eine Metal-Band machen, ha ha ha!

Warum auch nicht?

Ja, warum nicht, ha ha, I don't know!

Wie waren die Reaktionen der Kreator-Fans auf die Nummer mit dir?

Super positiv. Ich dachte erst, dass das auch gehasst werden wird. Es gab auch Leute, die es nicht gut fanden, aber mittlerweile bekomme ich sogar auf YouTube Kommentare von vielen Kreator-Fans in der Art: "I don't really listen to pop music but this is actually really good". Voll cute.

Deine Tour zum Album steht ja auch schon. Kommt da noch was nach, oder war es das mit den Dates ab April?

Wir machen jetzt erst einmal diese Termine und im Sommer dann die Festivals. Im nächsten Jahr wird es wohl noch mehr geben.

Derzeit bist du als Support für Betterov unterwegs.

Ja, das macht Spaß. Ich habe Manuel in derselben Woche kennengelernt, in der ich "Lust" geschrieben habe. Wir sind zusammen spazieren gegangen, haben uns supergut unterhalten und sind in Kontakt geblieben. Das ist ja die erste Support-Tour, die ich mache.

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