laut.de-Kritik

Neueste deutsche Welle in dreisprachig.

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Der Feuilleton frohlockt: Mit Sofia Portanet betritt eine spannende Künstlerin die hiesige Pop-Arena, über die sich die Artikel fast von alleine schreiben. Gerade 30 geworden, veröffentlicht die Berlinerin ihr Debüt-Album "Freier Geist" und der Titel könnte kaum besser gewählt sein. Wer sonst käme auf die Idee, dreisprachige NDW-Songs mit Talking-Heads-artigen Art-Pop-Einschlägen auf die Welt 2020 loszulassen? Dass Portanet Fan von Nina Hagen und Bands wie DAF ist, entnimmt man nicht nur ihren Aussagen, man hört es der Musik ganz stark an.

Portanet ist am 9. November 1989 geboren, am Tag des Mauerfalls also. Groß geworden ist die Tochter eines Deutschen und einer Spanierin in Paris, sang schon im Kinderchor der Nationaloper und zog mit 20 Jahren nach Berlin, wo sie in den letzten zehn Jahre ihren eigenen Sound entwickelte. Wer sich die knappe halbe Stunde von "Freier Geist" anhört, wird bei allem Hang zur Theatralik und des gelegentlichen Kokettierens mit dem Albernen zugeben müssen: Dieser Sound ist heutzutage wirklich ziemlich einzigartig.

Nehmen wir "Planet Mars" als Beispiel: Es ist gar nicht so abwegig, dass ihre Musik so oder ähnlich klingen würde, sollte es tatsächlich Wesen auf dem roten Planeten geben. Im Refrain gibt sich Portanet immer wieder einer Mischung aus Jodeln und Jaulen hin, die Instrumentals bauen auf New-Wave-Synthies, einen grummelnden Bass und repetitiven Drum-Beats auf. Im Gesamtpaket ergibt das wider Erwarten einen sehr stimmigen Pop-Song. Im düsteren "Wanderratte" packen einen die treibenden Drums und ziehen einen in einen Strudel aus Synthie-Spielereien und Aufbruchsträumen als Heinrich-Heine-Hommage: "Ich gehe auf die Reise / Hinaus in die weite Welt / Denn hier hab' ich wirklich gar nichts / Was mich tatsächlich festhält". Das Wort "tatsächlich" fügt sich nicht richtig in den Gesangsfluss ein, aber genau dadurch wirkt es wieder rund.

Stellenweise geht es in Richtung Schlager, letztlich gelingt es Portanet aber immer, der Banalität und der Kalkulierbarkeit des ungeliebten Genres mit ihrer aus der Zeit fallenden, von Goethe und Rilke inspirierten Lyrik einen Haken zu schlagen. Über stupiden Drums und anschwellenden Synthie-Akkorden singt Portanet in "Menschen Und Mächte" beispielsweise: "Die Dunkelheit aus der ich stamme / Ich liebe sie mehr als die Flamme in dir". Hier wechselt der Gesang zwischen melodisch-poppig und stockend, irritierend. Gerollte Rs und abrupte Oktav-Sprünge fallen in der Vielzahl von Eigensinnigkeiten kaum noch auf.

Was für eine versierte Sängerin sie tatsächlich ist, macht Portanet immer wieder klar, vor allem im französischen "Racines", aber auch schon im Opener "Free Ghost". Der Song nimmt einen dank der knalligen Drums sofort mit, bietet einen eingängigen Refrain und zieht ebenso wie "Art Deco" oder das sehr launige "Waage" auf die Tanzfläche. Letzterer beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, macht aber vor allem einfach sehr viel Spaß. Die große Leistung Portanets ist es, zwischen allem, was erst wirr, eventuell sogar befremdlich wirkt, immer wieder tolle Hooks und starke Melodien zu liefern.

Es ist anzunehmen, dass Portanet mit ihrer Musik zwar Kritiker-Liebling bleiben wird, die große Masse aber eher nicht erreicht, selbst wenn die BBC sie als "Germany's next international pop star" handelt. Alles auf "Freier Geist" deutet aber auch darauf hin, dass ihr die große Masse ziemlich egal ist. Die Berlinern schafft sich mit dem Debüt eine schöne, kleine Nische.

Trackliste

  1. 1. Free Ghost
  2. 2. Menschen und Mächte
  3. 3. Wanderratte
  4. 4. Das Kind
  5. 5. Planet Mars
  6. 6. Waage
  7. 7. Art Deco
  8. 8. Ringe
  9. 9. Racines

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5 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 28 Tagen

    "Stellenweise geht es in Richtung Schlager, letztlich gelingt es Portanet aber immer, der Banalität und der Kalkulierbarkeit des ungeliebten Genres mit ihrer aus der Zeit fallenden, von Goethe und Rilke inspirierten Lyrik einen Haken zu schlagen."

    Ja. Strukturell schon fast frühe Rosenstolz, nur ohne Streicher. Vom Feeling her aber was anderes. So zwischen X-Mal Deutschland und den Cocteau Twins Mitte der 80er. "Racines" ist übrigens eine Coverversion eines Catherine Ribeiro-Songs, die mit den Alpes Anfang bis Mitte der 70er ein paar wirklich emotional sehr bewegende und poetische Alben zwischen Psychedelik Rock und düsterem Folk aufgenommen hat. Auf jeden Fall eine schön Platte und eine schöne Rezi.

  • Vor 28 Tagen

    Ich habe bisher noch nie von Sofia Portanet gehört, aber vorhin mal in das Album reingehört. Jetzt läuft "Freier Geist" schon zum zweiten Mal durch und ich kann mich nur für den Tipp bedanken. Das ist genau mein Ding. "Menschen und Mächte" ist ja mal toll! Tonis Vergleich mit den frühen Rosenstolz teile ich absolut, wenn es auch nie ganz so schrill wird wie bei dem Duo.

  • Vor 27 Tagen

    Großartiges Album! Danke für den Tip.