laut.de-Kritik

Das Problemkind wird erwachsen.

Review von

Vom Kritiker-Liebling zu Englands Problemkind in nicht mal einem Jahr. Im Schnelldurchlauf durfte Tyron Kaymone Frampton aka Slowthai miterleben, wie einen die Öffentlichkeit erst euphorisch zum Hero Of The Year erklärt und dann wieder erbarmungslos vom Thron stößt. Auslöser war der drogenvernebelte Auftritt bei den Brit Awards, in dem er eine beliebte Moderatorin vor einem empörten Publikum beleidigte. Quasi über Nacht geriet der eben noch umjubelte Newcomer ins Fadenkreuz der woken Twitter-Community, die ihn vorher noch als Erneuerer im britischen Rap-Business und seiner galligen Abrechnung mit Goverment und Royals abfeierte. Kein Wunder, dass der geschmähte Jung-Star erst einmal den Rückzug erst ins Private und kurze Zeit später nach Amerika antrat.

Der Einfluss der temporären Wahlheimat auf der anderen Seite des Atlantiks wird in "I Tried" deutlich hörbar. Das ist warmer Soul-Rap, der viel mehr nach dem frühen 00er-Sample-Sound von Kanye West zu Zeiten von College Dropout klingt und fast ein bisschen an seine letzten Gospel-Experimente anschließt. Eine sinnvernebelte Bi-Polar-Preisung des Allmächtigen bleibt zum Glück außen vor. Die Ereignisse des letzten Jahres, auch die mit falschen Freunden, beschäftigen den Verstoßenen aus dem Paradies immer noch. "Hug the world with open arms/And they treat me like a pest.

Auch "Feel Away", eine verspult klingende Kooperation mit James Blake und Mount Kimbie thematisiert äußerst private Dinge. Wo nun der dreckige Punk-Schmutz und der Underdog-Spirit geblieben sei, nörgelten bereits dort missmutige Kommentatoren und vermuteten eine Anbiederung an den Mainstream. Was wohl unter dem vorschnellen Gemaule gänzlich unterging: Es ist der bittere Abschied von Tyrons Bruder, der mit sieben Jahren an einer seltenen Krankheit starb. Die Art dieser sanft klingenden Trauerbewältigung muss er nun wirklich nicht vor der unsensiblen Öffentlichkeit rechtfertigen. Überhaupt lag schon eine gewisse Ahnung von Verwundbarkeit auf dem Vorgänger "Nothing Great About Britain", die er mit heftigen Bangern wie Doormann" lauthals überschrie.

Diese dunkle Seite kommt gerade in der ersten Hälfte von "Tyron" zur Geltung. Hier ist er dann doch wieder der Kaputte, der um sich schlägt und mit aufgerissenen Augen den Mittelfinger zeigt. Der einer hysterischen Cancel Culture seinen nackten Arsch entgegen streckt, wie er zusammen mit Grime-Legende Skepta in "Cancelled" klar macht. Abermals steigt er zum wunderlichen Jungspund hinunter und zeigt ihm mit all seiner Routine wie man dem aufmüpfigem Fußvolk und Trollen eine eindrucksvolle Lektion erteilt. Das fiese Bass-Monster stopft brachial das laute Schandmaul der Internet-Trolle und Neider.

Er bleibt eben doch ein "Mazza", ein britisches Slang-Wort für komplettes Freidrehen. Das schwarze Teufelskostüm auf dem Plattencover ist nicht bloß Staffage. In dem geläuterten Paulus stecken eben immer noch genug Dämonen, die das Höllenfeuer des Debüts weiter tragen. "Feeling Like These Drugs Made Me Better Than I Was" beschreibt, wie die Drogen aus einem doch netten Jungen den Kotzbrocken machten, der er nicht mehr sein möchte. Die Zusammenarbeit mit A$ap Rocky zeigt noch einmal auf, wie lässig er das Punk-Prinzip von "Nothing Great About Britain" hätte weiter führen könnte. Noch fettere Produktion, noch fiesere Sounds und noch mehr Dunkelheit.

Doch "Tyron" bleibt auch das Werk eines Künstlers, der es sich selber nicht zu einfach macht und den unbequemen Antworten auf sein Fehlverhalten einfach davon läuft. Der größte Gegner, das weiß auch er, befindet sich in diesem verdammten Gehirn. Dass dort mehr als rohe Wut zu finden ist, wissen wir nun dank der anderen Seite, die das verunsicherte Problem-Kind hinter dem Wahnsinn auf seinem zweiten Album zeigt. Auf einem massentauglichen Pop-Album schließt so eine Story meist mit einem Happy End ab, aber hier geht es nicht um Erlebnisse im Unicorn-Land, sondern um den realen Kampf mit mentalen Problemen.

Im letzten Song "ADHD" offenbart Slowthai Selbstmordgedanken und die Möglichkeit, dass er auch weiterhin Leute aufgrund seiner mentalen Störung verletzen wird. Und doch kann man auch in all dieser Bitterkeit ein schelmisches Lächeln erkennen, wenn er "Fail To Exit Like I Ain't Got A Visa" als letzten Satz verwendet. Die eh depperte Auszeichnung als Held des letzten Jahres ist er nach Rückgabe des Awards nicht mehr. Seine Meisterleistung, mit all dem Druck um und in ihm fertig zu werden, und mit dem zweiten Album Fans und Kritiker glücklich zu machen, bleibt aber für lange Zeit bestehen.

Trackliste

  1. 1. 45 Smoke
  2. 2. Cancelled (Feat. Skepta)
  3. 3. Mazza (Feat. A$AP Rocky
  4. 4. Vex
  5. 5. Wot
  6. 6. Dead
  7. 7. Play With Fire
  8. 8. I Tried
  9. 9. Focus
  10. 10. Terms (Feat. Dominic Fike & Denzel Curry)
  11. 11. Push (Feat. Deb Never)
  12. 12. NHS
  13. 13. Feel Away (Feat. James Blake & Mount Kimbie)
  14. 14. ADHD

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