14. Mai 2024

"Ich habe mich selbst verleugnet"

Interview geführt von

Silla hat sich gefangen. "Lern' aus der Vergangenheit, kontrollier' die Gegenwart, blicke in die Zukunft und ich werde stärker jeden Tag", heißt es auf seinem aktuellen Album "Silla Instinkt 3", "Guck, all die Stolpersteine werden jetzt beiseite geräumt. Ich bin krisenfest."

Seit nunmehr 20 Jahren erlebt Silla die Höhen und Tiefen einer Berliner Rap-Karriere. Stets geprägt von seiner persönlichen Diskrepanz zwischen "unsicher und übermächtig" ließ er sein Publikum sowohl an seinen mentalen Krisen als auch seiner körperlichen Stählung teilhaben. Seine Offenheit bewahrt er sich im telefonischen Interview, das sich um seine Probleme mit toxischer Männlichkeit, seinem mangelnden Selbstwertgefühl und dem heraufziehenden "Homo digitalis" dreht. Und auch mit diesem meinungsstarken Medium hat der Rapper ein Hühnchen zu rupfen.

Du hast mir geschrieben, dass dich die Review amüsiert habe. Das hat mich natürlich gefreut, aber zugleich dachte ich auch, dass ich mit deiner Figur eine ganze Menge verbinde, aber keinen Humor. Worüber lacht Silla eigentlich?

Alles Bescheuerte, ich bin 1984 geboren und in den Neunzigern aufgewachsen. Da haben wir noch TV geschaut. Und dann gab's immer diese Filme aus den 50ern und 60ern mit Jerry Lewis. Auch über Dieter Hallervorden oder die Berliner Schnauze von Harald Juhnke kann ich lachen. Ich denke aber auch, dass ich es in meiner Karriere zum Beispiel mit "Arnold" oder "Vom Alk Zum Hulk" so auf die Spitze getrieben habe, dass man schon gemerkt hat, dass ich mich nicht so wirklich ernst nehme. Damals hatte ich das erste Mal das Gefühl, meine eigene harte Figur werde mir zum Verhängnis. Also habe ich angefangen, das durch Humor aufzubrechen.

Wie schwer fällt es dir, mit Kritik umzugehen?

Mittlerweile kann ich das besser, aber früher gar nicht. Als ich noch sehr unsicher war, habe ich jeden Satz gegen meine Musik oder Karriere auf Matthias Schulze projiziert. Da war noch überhaupt kein Schutzpanzer da. Die Diskrepanz zwischen Matthias Schulze und dem Hulk, zwischen unsicher und übermächtig, ist riesig und generell etwas, was sich durch meine ganze Karriere zieht. Ich bin quasi im Rampenlicht groß geworden und zeige den Weg des Erwachsenwerdens auf. Das ist die menschliche Seite von Rap generell. Menschlicher und echter geht es praktisch nicht. Und da komme ich zu einer elementaren Frage: Ist den Leuten bei laut.de bewusst, dass ein Mensch hinter der Musik steckt? Oder wird bewusst versucht, die Künstlerfigur herabzustufen? Klar, wir haben im Battle-Rap damit selbst nicht gespart, aber sagt ihr euch: 'Guck mal, es kann doch nicht sein, dass dieser Abschaum der Gesellschaft hunderttausende Euro verdient. Wir müssen als laut.de eine Gegenbewegung starten, um sie wieder auf den Boden zu holen.'

Nein, eine "Gegenbewegung" ist das überhaupt nicht. Du solltest immer davon ausgehen, wenn Kollegen oder auch ich selbst über dich schreiben, dass wir grundsätzlich Rap-Fans oder zumindest sehr interessiert sind. Sonst täten wir das gar nicht. Ich kann schon verstehen, dass es manchmal auch beleidigend sein kann, wobei ich versuche, mich mit Polemik zurückzuhalten. Und was du auf gar keinen Fall machen darfst, ist, die Reviews persönlich zu nehmen.

Das habe ich über die Jahre schon versucht, abzustellen. Aber es ist eine ernstgemeinte Frage, weil es kaum positive Töne gibt. Es gibt zwar immer auch versöhnliche Sätze, aber man merkt, dass zwischen den Zeilen versucht wird, es madig zu reden. Man spricht ja eigentlich immer davon, die Perlen rauszufischen - nur ist es hier umgedreht.

Ja, das kommt vor. Wenn ich gewisse Muster erkenne, arbeite ich die heraus. Dann kann es passieren, dass ich mich auf negativere Aspekte konzentriere.

Wahrscheinlich gehört es zum Journalismus dazu. Beim Rap ist es ja genauso. Wenn ich einen Rundumschlag starte, mache ich auch vor nichts und niemandem halt.

War es dir deswegen auch wichtig, vor einiger Zeit den Song "Stunts" gegen Musikmedien und mediale Kampagnen zu veröffentlichen?

Ehrlich gesagt, das war ein bisschen Kalkül. Ich hatte zuvor den Song "Mainstream" veröffentlicht, der sich gegen alles richtete, was gerade abging. Darauf habe ich ein schönes Echo bekommen und dachte tatsächlich, vielleicht sei ich jetzt der rasende Reporter der Szene. Ich habe dann aber selbst gemerkt, dass mir das zu zeigefingermäßig wurde. Dann habe ich mich selbst zehn Jahre älter gefühlt. Das ist bei mir ein stetiges Abwägen, wie ich mich auf meinem künstlerischen Weg wohlfühle. Ich bin da sehr sensibel.

"Alles wird immer nur noch schlimmer und schlimmer. Ich finde das erschreckend und will kein Teil davon sein."

Die angegriffenen Medien haben für dich immer auch eine Funktion erfüllt. Dank diesen hast du deine Musik auch an den Mann bringen können.

Natürlich, ich habe das alles bedient und bediene es nach wie vor. Auch Medien wie TikTok und Instagram finde ich gut, um Leute zu erreichen. Allerdings betreiben da 98 % der Leute Kosmetik. Und als ich mich selbst dabei erwischt habe, was diese Vergleiche mit mir machen, habe ich versucht, dagegen zu steuern. Man ist immer gehetzt. Dann ist der Beitrag nicht so abgegangen, wie du dachtest, und du musst nachhelfen. Ich neige durch meinen Alkoholismus sowieso schon stark zum Kontrollverlust. Deshalb habe ich mich selbst ermahnt und gesagt, ich gehe lieber raus.

Du hast aber über die sozialen Medien eigentlich eine recht hohe Kontrolle, zumindest eine höhere Kontrolle als bei den klassischen Medien.

Ja klar, ich kann mich selbst kontrollieren. Die Leute würden sich totlachen, wenn sie sähen, wie mein Alltag eigentlich aussieht. Bei Instagram präsentiere ich nur einen minimalen prozentualen Anteil meines Lebens. Die Leute denken es vielleicht, aber mein Leben findet da überhaupt nicht statt. Ich hatte mal eine Phase, in der ich mich mit meiner Ehefrau als Mr. und Mrs. Silla gezeigt habe. Das war alles so sinnlos damals. Aus jedem Haferbrei wird ein Grill Royal gemacht - mit Rabattcode. Nervenaufreibend ist das. Die Welt wird immer digitaler, aus dem Homo sapiens wird der Homo digitalis. Umso schöner ist es, jetzt nochmal inne zu halten und sich aus dem Schwachsinn rauszuziehen.

Hast du eine gewisse Harmoniesucht oder -bedürftigkeit?

Auf jeden Fall, irgendwas hat mich geprägt, dass ich mit Auseinandersetzungen ein ganz großes Problem habe. Manchmal wäre ich gerne abgestumpft. Aber ich lasse ganz viel an mich heran. Und deswegen ist es besser, mich zum Selbstschutz abzuschotten.

Ich bin ja schon froh, dass ich mich weitgehend aus Twitter zurückgezogen habe, nachdem Elon Musk es zerstört hat.

Da bin ich auch schon seit sieben Jahren raus. Das war mir damals schon alles zu trollig. Viele Leute reden davon, wie schlimm das Internet sei, aber wer geht denn wirklich mal einen Schritt zurück? Ich weiß um zwei, drei Werkzeuge, die mir wichtig sind, um meine Musik zu promoten, aber der ganze Rest ist mir einfach zuwider. Ich weiß noch, der große Skandal vor einigen Jahren, als sich Kasia Lenhardt umgebracht hat. Da hat es geheißen, Cybermobbing sei so schrecklich. Wir müssen jetzt alle innehalten und unser Verhalten überdenken. Aber alles wird immer nur noch schlimmer und schlimmer. Ich finde das erschreckend und will kein Teil davon sein.

Du bist immer sehr offen mit deinen persönlichen Krisen umgegangen. Wie blickst du auf die Maskulin-Zeit zurück?

Unabhängig von den einzelnen beteiligten Personen waren meine Zwanziger einfach eine total unangenehme Lebensphase. Es war die vollkommene Abkehr von dem, wer ich eigentlich bin. Die Zeit war geprägt von Unsicherheit. Nach außen habe ich in aller Härte diese toxische Männlichkeit gezeigt, obwohl es genau andersherum war.

Wie würdest du deine Jugend beschreiben?

Es ist ein Paradoxon: Ich habe mich nicht mal getraut, mich an die Tafel zu stellen, um eine Matheaufgabe zu lösen, weil ich dick war, Pickel und überhaupt keinen Selbstwert hatte. Derselbe Junge steht später vor tausend Leuten und macht "Vom Alk Zum Hulk". Als ich vierzehn Jahre alt war, habe ich ganz viel Basketball geguckt. Ende der 90er, als Michael Jordan, Dennis Rodman und Scottie Pippen bei den Chicago Bulls gespielt haben. Nachts bin ich für die NBA-Spiele aufgestanden, habe Basketballkarten gesammelt. Dann fing es mit "Yo! MTV Raps" und Weed an. Ich war der totale Chiller. Von meinem Vater habe ich nie viel Aufmerksamkeit bekommen. Leider Gottes habe ich alle Hobbys ad acta gelegt, weil ich das Gefühl hatte, jetzt im Berliner Großstadtdschungel erwachsen werden zu müssen. Dann kamen "I Luv Money Records", "Aggro Berlin", "ersguterjunge" - und ich bin immer auf Züge aufgesprungen, weil ich unsicher war. Ich habe mich selbst komplett verleugnet. Der 14-jährige Matthias ist 25 Jahre auf der Strecke geblieben.

Wie hast du dich wiedergefunden?

Ich war dabei, als mein Vater letztes Jahr am 21. April gestorben ist. Es war ein schöner Moment, loszulassen, da er schon sehr krank gewesen ist und es mir die Angst vor dem Tod genommen hat. Als er dann tot war, habe ich mich ganz automatisch als den vierzehnjährigen Matthias in meinem Zimmer gesehen, bevor die Reise losging. Da dachte ich: 'Du hast jetzt 20 Jahre Erwachsensein durchgemacht, was hast du eigentlich verleugnet? Den Jungen hast du da zurückgelassen für deinen ganzen Scheiß. Jetzt nimm den mal wieder schön an die Hand.' Ich habe sogar wieder mit den Basketballkarten angefangen.

"Stell dir mal dieses Bild vor - ein richtiger Blockbuster!"

Du bist nicht nur sportinteressiert, sondern hast die Bedeutung von Sport auch für dich selbst oft betont.

Ich habe es immer sehr genossen, wenn Leute mich für meine sportlichen Erfolge gefeiert haben. Es ist schon heftig. Der ganze Ruhm, die Öffentlichkeit, die Charterfolge haben meine Seele schon hart gestreichelt. Früher bei "Vom Alk Zum Hulk" dachte ich, mit Sport die Lösung für all meine Traumata gefunden zu haben und unbesiegbar zu sein. Aber es war nur ein kleiner Baustein von vielen Mosaikteilchen, die das Leben ausmachen. Was nützt es mir, wenn das größte Teilchen der größte Brustmuskel der Szene ist? Lieber auf ganz viele kleine Teilchen achten. Ich brauche das Glück mittlerweile nicht mehr zu suchen, sondern nehme mir alles aus der Fülle des Lebens. Die entscheidende Frage ist jetzt: Bleibt es so oder kommt der große Rückfall?

Beschäftigt dich die Angst vor einem solchen Rückfall sehr?

Ich habe in den letzten Jahren schon diverse Rückfälle unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehabt. Auch in diesem Jahr ist schon ein Rückfall vorgefallen. Ich muss jedes Mal darauf schauen, wie es dazu gekommen ist und wie ich mich beim nächsten Mal besser schützen kann. Das ist auch eine spannende Aufgabe. Ich merke dann immer, was die Wochen davor schief gelaufen ist. Mein Leben ist mittlerweile hart getaktet.

Ich habe gehört, dass du den Sport aus gesundheitlichen Gründen einschränken musstest.

Was heißt "musstest"? Ich habe den bewusst zurückgeschraubt, nachdem mein Vater gestorben war. Er hatte aufgrund von Verkalkungen Schlaganfälle. Obst und Gemüse waren für ihn Fremdwörter. Er hat nie auf seine Ernährung geachtet und sich selten bewegt. Und ich habe dann auch letztes Jahr gemerkt, wenn ich die Treppen in den vierten Stock zu meiner Dachgeschosswohnung hochlaufe, dass mir die Schienbeine wehtun. Also habe ich mich mit einem Arzt abgesprochen und mit veränderter Ernährung 25 Kilogramm abgenommen. Manchmal vermisse ich die Optik in den Musikvideos, aber ich fühle mich jetzt einfach viel fresher.

Du plädierst in "Vom Schrank Zum Junk" dafür, "Menschen nicht nach Marken oder Kilogramm" zu bewerten. Gleichzeitig setzt du im Video deine Muskeln oberkörperfrei in Szene.

Das liegt im Auge des Betrachters. Viele sagen, guck mal, wie verlaucht der jetzt aussieht im Vergleich zu seiner Topform. Der ganz Unsportliche denkt sich natürlich: 'Der sieht ja immer noch krass aus. Was hat er denn?'

Ja, das bin ich. [lacht]

Das war eigentlich die Form, bei der ich sagen würde, es ist mir peinlich. Ich habe einfach fünf Wochen nicht trainiert, habe meine Haare nicht gekämmt. Mein Ziel war es, mich in meiner Nacktheit, meiner puren Verletzlichkeit zu zeigen. Ich habe das Gefühl, dass es rübergekommen ist - jetzt nicht bei allen anscheinend. Es ist ein Schritt zurück. Ich muss nicht mehr so hart wie früher Flexen.

Waren denn die Reaktionen tatsächlich so, wie du sie im Song schilderst? Beschweren sich Leute bei dir über mangelnde Muskelmasse?

Ja, viele schreiben: 'Was ist denn mit deinen Muskeln passiert? Du siehst voll ungesund aus.' Aber darüber kann ich nur müde lächeln, da ich mich selbst Tag für Tag mehr mag. Es piekst zwar immer noch. Das tut es immer, wenn einer was Fieses schreibt. Ist ja auch der Sinn dahinter. Manche machen sich auch gar keine Gedanken, ob sie damit jemanden verletzen. Die sehen mich ohnehin nur als Kunstfigur und denken sich: 'Du bist ja gar nicht mehr so krass.' Die sollen mich alle in Ruhe lassen.

Du blickst immer wieder auf deinen eigenen Tod, etwa indem du betonst "ein großes Gesamtwerk" hinterlassen zu wollen. Wann fing es an, dass du das Bedürfnis verspürt hast, der Nachwelt erhalten zu bleiben?

Das fing 2017 an, als ich immer wieder das Gefühl hatte, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich habe so oft versucht, in die erste Liga aufzusteigen. Es gab so viele Chancen, aber letztlich habe ich mich immer in der Underdog-Rolle gefühlt. Wenn es eine A- oder B-Liga gibt, habe ich mich immer in der C-Liga gesehen. Wenn ich morgen auf einmal sterbe, werden viele sagen, krass, einer der Besten ist gegangen. 150.000 Leute, die sieben Jahre gar nichts gepostet haben, würden auf einmal alles raushauen: 'Er hat mich geprägt, mein Leben verändert.'

Zugleich betonst du in Interviews aber auch, "ein ganz einfach gestrickter Typ" zu sein. Wenn dem so wäre, würde ja das bürgerliche Leben mit Grillen am Wochenende völlig ausreichen. Woher kommt die Kühnheit, ein Werk vorlegen und hinterlassen zu wollen?

Das liegt daran, dass ich mich als Gesamtkunstwerk sehe. Ich bin so fragil gebaut und doktere seit meinem vierzehnten Lebensjahr an mir herum. Noch immer bin ich dieser kleine Junge, der loslief, einfach gesehen werden wollte und aus all seinen Abstürzen etwas erbaut. Meine Karriere ist ein ganz bunter Mix. Wenn man sie als Statue vor sich sähe, würde da ein kleiner Junge stehen, der zuguckt, wie sich Godzilla aus der Berliner Asche erhebt und gegen Hulk kämpft. Dazwischen käme noch das Sägeblatt hereingeflogen. Stell dir mal dieses Bild vor - ein richtiger Blockbuster! Am Ende werde ich meine Unterschrift unter das Bild setzen und dann war's das. Dann sage ich, 'ciao und danke schön'. Ich hoffe, dass ihr es euch in 1.000 Jahren noch anschauen könnt, sofern es nicht schon von der Weltkugel verschwunden sein wird.

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