30. November 2018

"Rap ist nicht gesellschaftsfähig"

Interview geführt von

Ein knappes Jahr nach Veröffentlichung ihres Werks "Royal Bunker" bestritten Sido und Savas Anfang September ihre vorerst letzten gemeinsamen Konzerte.

Im Westfalenpark Dortmund herrscht Festivalatmosphäre. Die über 7.000 Besucher des für Genreverhältnisse erstaunlich heterogenen Publikums zeigen, welchen Stellenwert die beiden Rapper in der deutschen Öffentlichkeit inne haben. Wie positiv sie sich gegenseitig beeinflussen, offenbaren die Berliner, als sie gegen 22 Uhr ihre Zugaben spielen. Während Sido im exzentrisch königlichen Outfit "King Of Rap" präsentiert, wirft sich Kool Savas die goldene Totenkopfmaske seines Kollabo-Partners über, um den "Arschficksong" zum Besten zu geben. Doch dem vergnüglichen Teil lassen sie dann noch eine ernste Note folgen. Mit "Jedes Wort Ist Gold Wert" setzen sie dem Abend einen pathetischen Schlusspunkt.

Fünf Stunden zuvor sitzen die beiden im geräumigen Backstagebereich, der eher einem Großraumbüro gleicht. Sido strahlt beste Laune aus: "Du hast Glück, Savas ist heute richtig gut drauf!" Im Vorgespräch richtet er seine augenzwinkernden Spitzen auch gegen das über ihn berichtende Medium. Ein Telefoninterview mit laut.de käme für ihn etwa nie in Frage, "weil ihr dann frech werdet am Telefon, wenn ich nicht vor euch sitze." Offen und sympathisch sprechen Savas und Sido über den Zusammenhalt in der Hip-Hop-Szene, alte und neue Kollegen, die Kollaboration von Marteria und Casper, Vanessa Mai und Olexesh, die herausragende Bedeutung von Texten sowie ihre anstehenden Projekte.

Ihr habt euch privat bereits vor 20 Jahren kennengelernt, aber erst vor einem Jahr mit "Royal Bunker" an einem größeren Projekt zusammengearbeitet. Wie kam diese berufliche Annäherung eigentlich zustande?

Savas: Ein gemeinsamer Kollege hat sowohl den Siggi als auch mich angerufen. Er habe davon geträumt, dass wir zusammen ein Album machen und meinte, ob das nicht eine krasse Idee wäre. Wir haben uns dann beide unabhängig voneinander darüber ein bisschen Gedanken gemacht und waren der Meinung, das könnte geil sein. Dann haben wir telefoniert und direkt gemerkt, welchen Vibe wir uns dafür vorstellen und was wir aus Fan-Sicht geil fänden. Wir wollten eben nicht etwas Ultramodernes machen, sondern ein geiles, klassisches Rap-Album, das auf die Kacke haut.

Sido: Und bei dem man sich auf einem gemeinsamen Nenner trifft. Ich muss dir ganz ehrlich sagen: Herzlichen Glückwunsch zu Platz 1 für das "1982"-Album, aber ich hätte mir gewünscht, sie hätten die Mucke als gemeinsamen Nenner genommen. Die ist nämlich sehr ähnlich bei beiden, nur die Stimme ist ein bisschen anders. Das Album, "Chardonnay" und die Single "Willkommen In Der Vorstadt" sind jetzt aber sehr trappig. Und ich finde, natürlich unabhängig vom Erfolg, das ist ein komischer gemeinsamer Nenner.

Vor allem ist es inhaltlich so nostalgisch.

Sido: Ja, es soll wegen des Datums nostalgisch sein. Aber die Mucke ist nicht nostalgisch.

Savas: Aber ich finde es cool, dass sie das gemacht haben. Ich höre ja ohnehin gar keine Mucke, darum habe ich mir das auch noch nicht angehört, aber das werde ich noch. So etwas sollte schon häufiger passieren. Nicht immer nur aus dem Gedanken, jetzt aufräumen und jeden ficken zu müssen, sondern einfach aus diesem Schönen heraus: Ist doch geil, lass uns zusammen einen neuen Kuchen backen und den teilen wir uns.

Sido: Oder aus dem Fan-Gedanken heraus, was mich auch geritten hat. Für mich aus Rap-Fan-Sicht war ein ganzes Album von Savas und Sido einfach ein krasses Projekt. Die Idee alleine war so geil, dass ich dachte, dieses Album muss es geben.

Was natürlich echt schwierig ist, weil es ja auch einen Mehrwert für die Musik und die Fans haben sollte. Im besten Fall müsste so eine Kollabo stärker sein als die Soloprojekte.

Savas: Wie wertet man solche Sachen? Ich glaube wirklich, dass es Savas-Fans gibt, die Siggi erst durch dieses Album hören, und dass es vielen Siggi-Fans umgekehrt genau so geht. Für manche Leute ist es anders ausgefallen, als sie ursprünglich erwartet hatten. Das ist auch etwas Schönes. Natürlich gab es auch diejenigen, die sagen: "Boah, die Opas sollen uns hier nicht auf den Sack gehen." Wir waren jetzt so viel miteinander live unterwegs, als ich letztens erstmals wieder alleine aufgetreten bin, musste ich mich voll umgewöhnen. Das ist schon schön und macht echt großen Spaß. Der Grundgedanke von Hip-Hop ist immer, etwas zusammen zu bringen. Zwar verändert sich Hip-Hop auch, aber so hat es angefangen. Leute haben sich zusammen gefunden und eine Party gemacht. So wie sich Leute jetzt auch zusammen finden können, um eine Platte zu machen.

Sido: Ja, der Spirit ist ein ganz anderer. Das muss man schon sagen. Aber ich möchte auf keinen Fall wie Eminem klingen.

War es für auch deswegen leichter, eine gemeinsame Basis zu finden, weil ihr im Kontext des Musikbusiness ganz ähnliche Erfahrungen gemacht habt?

Sido: Ja, wir haben aber auch erst im Laufe der Produktionsphase gemerkt, dass wir doch ziemlich ähnliche Ansichten haben. Deswegen sind wir auch richtig gute Freunde geworden. Vorher wollten wir nur das Album zustande bringen. Aber daraus ist eine richtige Freundschaft gewachsen.

Savas: Hätte auch nach hinten losgehen können, ne? Wir sind ja erstmal direkt zusammen verreist.

Sido: Wir wussten nicht, ob wir vielleicht im Studio sitzen und uns gar nicht riechen können. Deswegen haben wir es gar nicht angekündigt und keinen großen Hehl daraus gemacht, bevor wir nicht wussten, dass es ein Album wird, zu dem wir stehen können.

Du hast vorhin den Community-Gedanken erwähnt. Repräsentierte der ursprüngliche Royal Bunker eigentlich auch ein wenig die Solidarität in der Szene?

Savas: Naja, vielleicht repräsentierte er das nicht, aber damals war er für viele von uns schon ein Auffangort.

Sido: Ich glaube, wäre jemand außerhalb von Berlin gekommen, dem hätten wir es da nicht leicht gemacht. Jeder, der erfolgreich war, hat es immer abgekriegt.

Savas: Natürlich, wir waren ja auch anti-westdeutsch, weil wir als Berliner immer das Gefühl hatten, bei den anderen läuft es. Der Tobi und Bo sahnen ab, Fettes Brot machen die Kohle, obwohl die noch wacker sind als wir. So war unser Gedanke. Wir haben uns eigentlich über alles aufgeregt, was von außen kam. Auf unseren alten Releases hörst du auch, dass von Torch bis Fettes Brot die ganze Zeit gestachelt wird. Der Royal Bunker war für uns alle ziemlich wichtig und auch cool. Es hat uns ein Selbstwertgefühl gegeben.

"Legende genannt zu werden nervt, weil das so klingt als wäre es vorbei"

DJ Illegal von den Snowgoons erzählte mir vor einiger Zeit: "Man merkt in der deutschen Hip-Hop-Szene gibt es leider Gottes einfach keinen Zusammenhalt. Jeder hatet jeden." Wie nehmt ihr das wahr?

Sido: Das ist schon besser geworden, da redet der Herr Snowgoons über eine Zeit, die lange her ist. Was den Zusammenhalt angeht, ist es viel, viel besser geworden. Natürlich gibt es Camps, aber mittlerweile verstehen sich diese Camps auch mit anderen Camps. Man sieht das auch ganz gut an diesen Straßenbanden-Leuten, die sich alle gegenseitig ihre neuen Releases posten und sich dazu gratulieren. So etwas hätte es früher wahrscheinlich nicht gegeben.

Savas: Du hast ja auch viel mehr Acts als früher, wodurch natürlich die Anzahl der Arschlöcher größer wird, aber auch die Anzahl der coolen Leute. Ich glaube, du findest niemanden, der über Olexesh ein schlechtes Wort verliert, weil der wirklich ein herzlicher, guter Mensch ist. Er kriegt einen Platz 1 und jeder gönnt es ihm. Bei Massiv ist es genauso, der ist so ein beliebter, nicer Typ. Es gibt wirklich viele korrekte, liebe Jungs wie auch MC Bogy. Wir sind zu Bogy nach Hause und haben da das Interview gemacht. Nicht weil wir uns viele Klicks davon versprechen, sondern weil wir den einfach als Typ lieben. Das ist alles, Alter. Du wirst immer Menschen kennen lernen, mit denen du cool bist, aber gerade im Rap ist es natürlich so, dass die Welle machen und sagen: 'Ich bin 17 oder 18 Jahre alt, was wollen die mir sagen? Ich komme jetzt an die Spitze und ficke die alle.' Das muss man denen auch gönnen.

Sido: Das ist ja auch OK. Haben wir ja auch gemacht. Also ich habe gar nichts dagegen, wenn die ihre Eier zeigen. Natürlich denke ich mir dann immer: "Warum aber ich? Warum muss ich das jetzt abkriegen? Was habe ich getan?" Aber ich sehe es dann eben auch ein. Da vollzieht sich gerade ein extremer Generationswechsel.

Sido, bei dir habe ich aber auch den Eindruck, dass du zu einem recht frühen Zeitpunkt Künstler abfängst und förderst, wie im Falle von Genetikk, Olexesh oder zuletzt Shadow030. Wie wichtig ist es dir, die Rolle des Mentors einzunehmen?

Sido: Ich mag es, wenn Leute das mitkriegen. Das finde ich gut, weil ich es tatsächlich aus dieser Intention heraus mache. Ich finde die zu einem frühen Zeitpunkt schon gut und gebe denen gerne einen Teil meiner Aufmerksamkeit beim Publikum ab. Ich habe ja nichts davon. Das finde ich gut, wenn Leute das machen. Oft höre ich ja auch, dass ich das mache, weil ich mich an den neuen Leuten hochziehen möchte, aber das ist natürlich ein großer Unsinn.

Savas, du hattest auch immer deine Leute, die du supportet hast, aber von außen entstand häufig der Eindruck, du seist ein Rap-Purist, der von sich selbst so viel abverlangt wie von den Feature-Partnern.

Savas: Ja, auf jeden Fall, aber es gibt zum Beispiel auch Leute wie Bogy. Ohne ansatzweise böse klingen zu wollen: Der ist jetzt nicht der krasse Hardcore-Raptechniker oder Flow-King, aber der ist so authentisch, echt und gerade, dass es für mich gar nicht zur Debatte steht, wenn er mich fragt. Wenn ich Zeit habe, mache ich das sofort. Wir haben letztens zum Beispiel ein Video zusammen gedreht. Wenn aber jemand unter seinen Möglichkeiten bleibt, finde ich das nicht so geil. Ich wünsche mir schon, dass die Leute Gas geben, denn ich gebe ja auch Gas.

Würdest du denn sagen, dass du dich über die Jahre geöffnet hast? Auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Rea Garvey?

Savas: Das ist doch eine ganze andere Mucke!

Sido: 100 pro, du bist auf jeden Fall lockerer geworden. Früher warst du was Features angeht nicht so. Vor vielen Jahren hast du mir auch schon ein Feature abgesagt – einen Tag vor dem Studiotermin.

Savas: Vielleicht habe ich das enger gesehen damals. (lachen)

Werden eigentlich die Lobpreisungen von Newcomern euch gegenüber weniger, weil ein immer größerer Teil des Publikums nur noch Trap kennt?

Sido: Wir werden schon gelobt, oft in Verbindung mit dem Wort 'Legende'. Das nervt mich ein bisschen, weil das so klingt als wäre es vorbei. Und da sehe ich mich noch lange nicht.

Savas: Ja, aber das sind auch alles zwei Paar Schuhe. Es ist nochmal eine ganz andere Nummer, wenn du die Leute persönlich triffst. Wir laufen nicht herum und sagen: "Ey, gestern hat mir der und der die Überprops gegeben." Aber ehrlich gesagt stehen bei fast jeder Show ein, zwei lokale Rap-Größen im Publikum, die sich das angucken. Wenn sie dann backstage kommen dürfen, geben sie dir auch die Hand und sagen: "Krass, Bruder, ich bin damit aufgewachsen, was habt ihr da abgezogen?"

Sido: Jeder sieht aber auch das Level, auf dem wir performen. Unsere Show ist ganz anders als das, was man von diesen neuen Rappern kennt, die das seit zwei, drei Jahren machen. Bei unserer Show spürt man einfach die Energie und das Wissen aus 20 Jahren Bühnenerfahrung. Wir gönnen den Leuten zwei Stunden lang richtig was. Uns ist es richtig schwer gefallen, Songs rauszuschmeißen. Die ganzen neuen Rapper sehen auch das Repertoire aus 20 Jahren. Natürlich kriegen wir unseren Respekt von denen, das ist keine Frage.

In "Jedes Wort Ist Gold Wert" hebt ihr die Bedeutung der Texte hervor: "Meine Texte sind wertvoll, nicht umsonst nennt man es Wortschatz." Wie wichtig ist es euch, dass Rap als lyrische Disziplin mehr Anerkennung erfährt?

Sido: Rap soll überhaupt als die Musikrichtung wahrgenommen, in der es am meisten um das Wort geht. Beim Punk war es vielleicht ähnlich, aber da ging es noch mehr um die Attitude, den Typen und darum wie dreckig das ist. Aber wir Rapper haben es perfektioniert, mit dem Wort umzugehen. Heutzutage schreiben die Rapper auch die besten Pop-Songs. Weil die Reime immer advanceder werden, schreibt bei den Pop-Songs in den Charts meistens ein Rapper zumindest mit. Das darf einfach nicht auf der Strecke bleiben. Das ist mir ganz wichtig, was Hip-Hop angeht. Aber es bleibt gerade ein bisschen auf der Strecke, auch wenn es besonders in Amerika immer noch Pioniere gibt.

Du meinst abgesehen von Kendrick Lamar bleibt bei den neuen Rappern die Bedeutung der Texte auf der Strecke.

Sido: Genau, das gilt auch für den Wortwitz. Eher kürzere Texte, die aus nicht so vielen Wörtern bestehen, aber auch die können kurz und prägnant sein. Darin könnte auch mal eine Metapher oder ein Wortwitz sein, aber da geht's ja wirklich nur noch um Ignoranz.

Was überwiegt denn im Rap? Ist Rap eher eine musikalische oder sogar eine literarische Disziplin?

Sido: 50:50, natürlich darfst du den Aspekt nicht vergessen, dass es eben auch Musik ist, die unterhalten muss. Am Ende des Tages hörst du dir eine CD an, weil du ein gewisses Gefühl von der Musik erwartest. Es soll dich, in welcher Hinsicht auch immer, unterhalten. Aber es ist schon wichtig, dass Rap auch lyrisch gut ist.

Savas: Das Gleichgewicht ist schon ein bisschen anders als früher. Also der Gesangsteil ist sehr, sehr stark vertreten. Der Beat-Teil und der Rhythmus sind stellenweise schon jetzt für viele fast wichtiger.

Sido: Aber du brauchst heute keine Metaphern, sondern musst nur einen Markennamen benutzen. Den musst du auf jeden Fall im Song haben. Der Markenname ist die Metapher von 2018. Und du musst erzählen, dass du von irgendwo her Koks holst und irgendwo hinbringst. Am besten noch eine Stadt in den Niederlanden mit reinbringen. Jetzt habe ich die Geheimnisse von Trap verraten. (lacht)

Savas: Jede Generation hat ja auch ihre eigenen Klischees. Umso älter man wird, desto mehr denkt man darüber nach, sich stellenweise zu viel Kopf zu machen. Aber das ist auch Blödsinn.

Sido: Das haben wir doch früher auch gemacht. Provokation war uns früher wichtig, aber es musste immer irgendwie ein geiler Satz oder ein geiles Wortspiel enthalten sein.

Savas: Aber ich schätze, dass die Leute, die damals über uns geredet haben, vielleicht auch gesagt haben: "Da wird ja immer nur gefickt und Pisse, Kacke, Nutte, Hure und so gesagt." Jeder hat so sein Ding am Laufen.

Sido: Deswegen ist es ja auch voll OK. Ich hate das null. Ich glaube, ich könnte auch ein gutes Trap-Album machen.

"Ich habe jeden Endboss schon drei Mal besiegt"

Savas, in der laut.de-Reihe "Die Frau in der Musik" meintest du letztes Jahr: "Was man da textlich macht und das, was die Leute an Informationen aus den Texten ziehen, das sind zwei Welten. Ich hab' das alles immer viel abstrakter gesehen, selbst bei Tracks wie 'LMS'." Wenn man die Kritik der CDU und der Bild an den Auftritten von K.I.Z. und Feine Sahne Fischfilet beim Wir-sind-mehr-Konzert in Chemnitz liest, wieso fällt es Teilen der deutschen Öffentlichkeit so schwer deine Sichtweise zu teilen?

Savas: Das kann ich dir nicht beantworten, weil ich wahrscheinlich nicht so wie weite Teile der Öffentlichkeit denke. Das kann ich dir wirklich nicht sagen.

Sido, du hast ähnliche Erfahrungen gemacht, das alles wortwörtlich genommen wird und du dafür öffentlich aufs Maul bekommst.

Sido: Wenn ich öffentlich aufs Maul bekommen habe, war es immer verdient! Auch für die Worte, die ich da gesagt habe. Aber natürlich legt man Worte oft auf die Goldwaage und sieht sie eben nicht in einem Rap-Kontext wie zum Beispiel die Ausschwitz-Line. Ich kann das in einem Rap-Kontext sehen. Andere Leute können das eben nicht. Bei unseren Texten passiert es auch, dass Leute das zu ernst nehmen und nicht das Rap-Ding mit einberechnen, das mit Worten und manchmal auch mit Provokationen spielt.

Savas: Ja, man misst oft mit zweierlei Maß. Zum Beispiel darf sich ein Comedian ganz andere Sachen leisten und ganz andere Witze bringen.

Sido: Unter dem Deckmantel von Comedy wird das mit einberechnet. Bei Rap nicht, weil es eben keiner kennt. Rap ist nicht gesellschaftsfähig, nicht jeder versteht es. Es ist immer noch sehr elitär.

Savas: Und es wird prinzipiell davon ausgegangen, dass man bierernst ist: "Die machen doch so einen Harten. Die meinen das alles ernst. Der ist ein Terrorist, weil er ein Bandana im Video trägt." Das wird auch extra auf die Spitze getrieben.

"Du redest hier mit zwei hungrigen Haien", heißt es im Song "Haie". Zu den größten Problemen erfolgsverwöhnter Künstler gehört mit Sicherheit der fehlende Hunger. Wie bewahrt ihr euch den?

Sido: Ja, wir geben alles Geld gleich wieder aus. (lacht) Nein, ich höre einfach sehr gerne Musik. Sie bestimmt einen sehr, sehr großen Teil meines Lebens. Ich höre viele Platten und manchmal fühle ich mich dabei herausgefordert, wieder was zu machen. Im Gegensatz zu Savas höre ich sehr viel deutschen Rap und bekomme meine Konkurrenz mit. Ich meine, ich fühle mich nicht mehr, als wäre ich mit irgendeinem Rapper in Deutschland in irgendeiner Competition. Ich habe das Spiel komplett durchgespielt, jeden Preis gewonnen, den man gewinnen kann, und jeden Endboss vielleicht schon drei Mal besiegt. Für mich geht es jetzt darum: Kannst du noch dieses Radio-Ding zum Ende reiten.

Dann musst du mit Vanessa Mai auftreten.

Sido: Ne, ohne mich anzubiedern. Ich glaube, bei diesem Feature mit Olexesh haben alle vergessen, einen Aspekt mit einzuberechnen: Der findet die einfach geil. Und er hat gehofft, er treffe die jetzt im Studio und könne mal kurz die Angel reinhalten. Ich schwöre dir. Vielleicht ist es auch passiert, gönnt man ihm. Und dann hat er eben mit einem gemeinsamen Song auf ihrem Album dafür bezahlt, dass er mal reinhalten durfte. Ich glaube, den Aspekt vergessen alle. (lacht)

Hängt der Hunger auch damit zusammen, dass ihr euch noch immer nicht angekommen fühlt? In "Meine Pflicht" sagt Savas: "Hoff', ich finde meinen Platz hier zwischen Raum und Zeit." Seid ihr noch auf der Suche?

Sido: Ich wusste immer, wo ich hin und was ich für mein Leben haben will. Und das habe ich. Der Hunger hat gar nichts mehr damit zu tun, irgendwem die Leviten lesen zu müssen oder besonders draufgängerisch zu sein.

Savas: Ich bin vollkommen lost und immer noch nicht angekommen. Bei mir hört das nie auf. Darum habe ich auch mein Studio so richtig schön ranzig in einem Bauernhaus mit einer alten Couch eingerichtet. Ich brauche immer dieses Abgefuckte. Er ist gerade in einem sehr schönen Studio. Meine Frau hat gesagt: "Kannst du das nicht auch mal machen?" Ne, ich kann nicht in einem schönen Studio arbeiten.

Sido, du sagst in "Normale Leute": "Wenn ich geh', soll jeder wissen, dass ich da war". Wie wichtig ist dir das künstlerische Vermächtnis?

Sido: Sehr, sehr wichtig. Deswegen finde ich es auch wichtig, wenn Leute anerkennen, was ich tue. Ich sage nicht offensiv, dass ich dafür Anerkennung haben will, sondern hoffe einfach sehr, sie zu kriegen. Wie du gerade gesagt hast, ich hole oft junge, unbekannte Künstler auf meine Alben, um sie zu fördern. So eine Anerkennung mag ich.

Savas: Ich glaube, mir ist das auch wichtig, aber dieser aktive Moment ist mir noch wichtiger. Ich habe oft dieses Ding, dass Musiker zu mir kommen und sagen: "Boah, ich war früher voll der Fan von dir." Ehrlich gesagt finde ich, dass das eher ein vergiftetes Kompliment ist: "Jetzt finde ich dich kacke, aber früher fand ich dich voll geil." Spar dir das, Alter!

Sido: Das höre ich auch ganz oft: "Früher fand ich dich voll geil." Er will ja was Nettes sagen, aber irgendwie ist das ein komischer Satz. Also früher war er noch geil, aber heute scheiße.

Zum Schluss vielleicht noch ein kleiner Zukunftsausblick. Wie geht es bei euch weiter?

Sido: Ich spiele dieses Jahr eine Weihnachtsshow in Berlin mit vielen Freunden aus dem Schauspiel, dem Theater und der Musik. Das ist mein nächster Plan. Jetzt fange ich gerade im Studio an, ein Album zu machen, aber das ist Zukunftsmusik für nächstes Jahr. Bei X Factor müssen wir auch noch gucken, wer gewinnt. Und ein Best-of kommt noch am 7. Dezember.

Schon wieder?

Ich hatte meine größten Hits erst nach meinem letzten Best-of. Crazy, ne? Mit "Bilder Im Kopf" fing es ja eigentlich erst an. Danach kam dann "Liebe", "Einer Dieser Steine" und "Astronaut". Das ist ein Best-Of mit einem Fotobuch von Murat Aslan, der mich über die Jahre begleitet hat. Das sind nicht Bilder von einem Konzert, sondern aus vielen Jahren. Und mit einer CD, auf der alle Features zusammengesammelt werden, die ich sonst noch woanders gemacht habe. Dazu kommt noch ein guter Radiosong, der auch nerven wird, wovon ich ausgehe.

Savas, dein neues Album kommt im Januar.

Savas: Inshallah, so Gott will. Ich habe bereits einiges vorbereitet. Der Anfang ist diesmal anders gelaufen. Ich habe mich mit vielen anderen Leuten getroffen und ein bisschen Zeug gesammelt. Mehr kann ich noch nicht sagen.

Und ist eine Fortsetzung für "Royal Bunker" denkbar?

Savas: Das ist noch nicht geplant. Wir haben aber auch parallel Songs mit Xavier gemacht. "Gespaltene Persönlichkeit 2" kommt vielleicht irgendwann Ende 2019. Also jetzt machen wir erst einmal wieder alle ein bisschen Mucke.

Sido: Wir sind ja eigentlich die ersten aus unserer Generation, die so lange Musik machen und wahrscheinlich auch noch länger Musik machen werden. Es gibt nicht viele Rapper, die mit 50 noch rappen, aber wir werden höchstwahrscheinlich die ersten sein.

Ja, vielleicht gilt es noch für Samy Deluxe.

Sido: Ja, Samy ist ja schon 50, ne? (lachen)

Vielen Dank!

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