laut.de-Kritik

Kunst siegt über Funktionalität.

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Die Bahn rollt heran. Rumpelnd und scheppernd dreht dieser metallische Albtraum für jeden sinnlichen Menschen seine Runden unter der Stadt. Ein warmes jazziges Instrumental setzt ein, um die repetitive Zumutung behutsam abzulösen. Noch bevor Shacke One seine Stimme erhebt, hat er bereits seine erste zentrale Botschaft unter die Hörerschaft gebracht. "S1" feiert den Sieg der Kunst über die großstädtische Funktionalität. "Mach' den Notausgang auf, ich muss raus hier. Die Luft ist zu verseucht, ich muss atmen, glaub' mir."

"Wart' seit Jahren auf den Frühling, die Stadt bringt mich in Rage", moniert er im abgründigen "Unter Strom", das seine Verse ebenso wie im Posse-Track "Endstation" in einen "Gullydeckel-Sound" hüllt. "Ich will hoch hinaus, doch tief unterm Niveau bleiben", behauptet er zwar mit Berliner Schnauze, doch längst liegen die Tage hinter ihm, in denen er den Fick-deine-Mutter-Kanon um ausgefallene Variationen bereicherte. Augenfällig stellt sich seine Entwicklung dar, ob er nun in "Fame" die Verführungskraft des Erfolgs reflektiert oder aus der "Vogelperspektive" auf die urbanen Abgründe blickt.

Seine Großstadtlyrik weckt immer wieder Assoziationen zu Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", der die Eisenbahn zur Zeit der heraufziehenden Industrialisierung als bedrohliches Ungetüm skizzierte. Nun bahnt sich die "S1" ihren Weg, während Shacke Ones "Seele eins mit der Stadt" wird. Wie Thiel beschreibt sich der Rapper als Produkt seines Milieus. Auch die Triebhaftigkeit sowie der Kontrast zwischen rabiatem Auftreten und sensiblem Innenleben, das hier vor allem in den Instrumentals seinen Ausdruck findet, überschneidet sich mit der Figur aus Hauptmanns Erzählung.

Mit Achim Funk hat der Nordachse-Rapper den idealen Flügelmann für seinen Ansatz gefunden. Stets wirkt sein Anteil eigenständig und gleichberechtigt, statt wie die bekannten Hit-Fabrikanten nur die Rolle des Dienstleisters auszufüllen. Während Shacke One mit seinem im Battle-Rap geschulten Vortrag zu fast jeder Zeit selbstbewusst klingt, gibt Funk den Songs mit seinen wunderschönen, samplelastigen Instrumentals eine zusätzliche Ebene. "Fame" flötet etwa leicht wie ein softerotischer Agentenstreifen, um dann wiederum hochfrequent und konzentriert die Karriere mit voranzutreiben.

"Nordberliner" überzeugt als Partysong mit klassischem Funk, "Papi Chulo" setzt auf südamerikanische Rhythmen und "Prahlen Und Vorangehen" behält mit seinem Hinterhof-Sound immer ein Bein im Schatten. Von dort aus spottet Shacke One über die üblichen Themen und Probleme seiner Genre-Kollegen. "Die Krux an der Sache ist, ihr seid alle peinlich. Rapper reden von ihren Beefs, aber sind Ende 30", bringt er die infantile Geisteshaltung auf den Punkt und fragt in Anbetracht der herrschenden "künstlerischen Dummheit": "Warum Scheiße, wenn es auch mit Stil geht?"

"Interlude 1" bietet eine instrumentale Pause zum Durchatmen, bis es wieder "Back 2 The Streets" geht. Bei allen Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, verlaufen die großen Bahnen dort immer identisch: "Alles ändert sich und alles bleibt gleich, denn die Zeit, sie geht nicht vorbei, nein, sie dreht sich nur im Kreis." Aus diesem gibt es einen endgültigen Ausbruch, den Shacke One gedanklich von sich fern hält ("Langweilt mich zu wissen, wie es ausgeht"), und einen vorübergehenden mithilfe eines radikalen Ortswechsels: "Ich will einmal um die Welt und danach wieder nach Hause."

Darin liegt der zweite Widerspruch in der Figur. Hinter dem stets mit losem Mundwerk zur Schau getragenen Lokalpatriotismus verbirgt sich eine für das Genre ungewöhnliche Weltläufigkeit. Songs wie "Papi Chulo" fliehen bereits mit ihren lateinamerikanischen Instrumentierung aus der unkultivierten Heimat. Aber auch textlich strebt er nach einem weltgewandten Ideal, wenn er in "Da Seh Ich Mich" betont: "Ich seh' mich schwer belesen auf 'ner Finca, aber triff' mich an der Ecke, alle drehen krumme Dinger." Als "Diskohengst" sucht er an den entlegenste Orten des Globus nach ausgefallener Musik.

"Erst die Klassiker, dann die Raritäten, dann wird der Sound obskurer. Hör' mal weiter Top 100 wie die anderen Loser", durchstöbert er die Vinyl-Platten im stilecht auf 16-mm-Film gedrehten Video. Anstelle des Digitalen schreibt er der Stofflichkeit eine hohe Bedeutung zu: "Sie erzählen ihm was von Netflix, erzählen ihm was von Rap-Hits, erzählen ihm irgendwas von Insta, doch interessiert ihn nicht letztendlich." Shacke One wehrt sich gegen die leichte Verfügbarkeit von Kunst, die sie doch nur entwertet, und setzt erneut das künstlerische Schaffen über die reine Funktionalität.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Unter Strom
  3. 3. Prahlen Und Vorangehen
  4. 4. Fame
  5. 5. Vogelperspektive
  6. 6. Motiviert
  7. 7. Interlude 1
  8. 8. Back 2 The Streets
  9. 9. Nordberliner
  10. 10. Diskohengst
  11. 11. Papi Chulo
  12. 12. Elefantenrunde (mit Morlockk Dilemma)
  13. 13. Interlude 2
  14. 14. Endstation
  15. 15. Da Seh Ich Mich
  16. 16. Mein Streifen
  17. 17. Neuer Morgen

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LAUT.DE-PORTRÄT Shacke One

"Nordberlin! Betret' den Kosmos und begreife, unser Leben spielt sich ab zwischen Zugdepot und Kneipe. Ich bin hungrig und verteil' Platzverweise an Dullis.

8 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    Shacke ist ein ganz Großer, Beats top, Vortrag top und dann auch noch Spaß dabei. Sehr ahnbare Melange.

  • Vor 11 Tagen

    na siehste, geht auch mit Vielfalt und vorallem mit Passion! gutes Album, auch wenn keine 5/5.
    Shacke ist einfach einer der größten im Untergrund, und soll es auch bleiben.

  • Vor 10 Tagen

    Die Nodachse Cashgroup verdient ohnehin die 5/5. Was die Jungs immer wieder auf die Beine stellen ist schon beachtenswert, mit Shacke und Heiko auch zwei absolute Sympathieträger an Bord. Ausm Kiez fürn Kiez halt. Allein musikalisch für das Beatpicking ist die 5/5 hier hochverdient. In den Podcasts spricht er auch öfters darüber, kann ich empfehlen mal reinzuhören. Ist auch im allgemeinen immer sehr unterhaltsam. Shacke ist zudem einer, der den Namen MC noch absolut verdient. Keine Kopfhörer drin beim Gig, kaum Back-Ups benötigt und jederzeit top verständlich und in Form. Die beiden Konzerte im Astra waren absolute Highlights, kann die Tour jedem nur ans Herz legen (und das nicht nur wegen des Freibiers).