laut.de-Kritik

Was in den Achtzigern gut war, ist es auch 2020 noch.

Review von

Sepultura machen es ihren Fans nicht immer leicht. Etwa mit "Machine Messiah", dem letzten Album: Was stilistische Vielfalt angeht, haben die brasilianischen Thrash-Veteranen die Tür damit weit aufgestoßen. Und auch jetzt, auf Album Nummer 15, wollen sie sich nicht einengen lassen. Denn das Bestreben bleibt dasselbe: Einen Sprint durch alle Phasen der Bandkarriere soll "Quadra" bieten, so lautet das ehrgeizige Versprechen.

36 Jahre in zwölf Songs packen? Auf einem Konzeptalbum, das sich um die Zahl Vier dreht? Und erst noch eine runde Sache daraus machen? Nicht nur der Titel weckt da Assoziationen zur berühmten Quadratur des Kreises.

Doch bevor sich altmodische Headbangers nun die schütteren Haare raufen, schon mal eine Entwarnung: Es gibt einige positive Unterschiede zum Vorgänger. "Machine Messiah" war zwar keineswegs zu verachten, wirkte in der Langzeitwirkung aber zumindest auf mich etwas unfokussiert und vor lauter Experimentierfreude mitunter wie ein Gemischtwarenladen. Dem begegnen Sepultura nun mit einer klareren Struktur. "Quadra" ist in vier Teile unterteilt, von denen jeder den Sound eines bestimmten Karriereabschnitts einfangen soll. Weniger Vor und Zurück also.

Zum Einstieg werden Nostalgiker abgefertigt, altbewährter Thrash Metal steht an. "Isolation" fährt nach einem symphonischen Intro, das auch live zum Einsatz kommen dürfte, wie ein Rammbock in die Gehörgänge ein. Aufgepeitscht, rasend schnell und gradlinig in die Fresse: Was in den Achtzigern gut war, ist es auch 2020 noch. So hat Thrash zu klingen.

Die folgenden beiden Songs halten mit dieser Wucht nicht ganz mit, sind aber ebenfalls nicht von schlechten Eltern. In "Means To An End" wirbelt Schlagzeug-Derwisch Eloy Casagrande immer wieder shufflemässig über die Felle, was an einen mit den Hufen scharrenden Stier denken lässt. Der Kerl will kloppen, muss sich wegen der Stop-and-Go-Struktur der Nummer aber auch mal zurückhalten.

"Last Time" leitet Gitarrist Andreas Kisser mit einer Runde Tapping ein, ehe die Riffgewalt überhand nimmt. Bisschen punkiger diesmal, doch wenn hinten raus der Breakteil einsetzt, hat man das Muster schon verinnerlicht: Casagrande reduziert die Schlagzahl, Kisser stimmt sein Solo an. War bei den vorangehenden Songs genau gleich. Aber solange das Ergebnis stimmt.

Allein schon dieser Auftakt illustriert, was für "Quadra" als Ganzes gilt. Erstens: Der Knüppelanteil fällt wieder höher aus. Wobei die Thrash-Parts nicht mehr wie eine Pflichtübung wirken, sondern nach echter Freude am Brettern. Und zweitens: Kisser und Casagrande sind klar die Zugpferde, die einen wahlweise mit ihrer technischen Versiertheit oder mit schierer Gewalt schwindlig spielen. Frontmann Derrick Green röhrt gut und recht, bringt aber nur selten Variation ein. Und Basser Paulo Jr. geht – wie so viele Viersaiter im Metal – einfach unter.

Den zweiten Teil der Platte widmen Sepultura dem Groove, und um das unmissverständlich klarzustellen, führt "Capital Enslavement" mit Tribal-Drumming zurück zu den 'rooooots, bloody rooooots'. Darüber schwirren schrille Streicher, die mir schon "Phantom Self" vom Vorgängeralbum vermiest haben. Die tauchen zwar später nochmals auf, doch das Geholze überwiegt zum Glück.

"Ali" dient primär Casagrande dazu, vertrackte Rhythmen unterzubringen. Gleiches gilt für "Raging Void", was mit seiner düsteren Grundstimmung immerhin eine neue Facette einbringt. Zudem bliebt hier auch einmal Raum für den Bass. Beide Songs zählen aber nicht zu den Highlights der Platte.

Neuen Schwung bringt wieder "Guardians Of Earth", das den experimentellen Teil des Albums einleitet. Inhaltlich geht es hier um indigene Völker, was natürlich nach einem passenden Intro schreit. Eine gezupfte Akustikgitarre und Percussions sind am Start, bald gesellt sich ein Chor dazu. Der Übergang zum Metal gelingt angenehm flott, und auch ein melodisches Gitarrensolo fügt sich später bestens ein. Zum Schluss bekommt die Symbiose gar etwas von einem Filmscore. Sep are back on track.

Mit dem Instrumental "The Pentagram" behalten sie ihr Momentum und kehren ihre technisch-progressive Seite vollends heraus. Eine komplexe Sache, aber gelungen. Auf "Autem" darf auch Green wieder mitmischen, wobei er im Refrain sogar verhältnismäßig melodiös growlt. Das obligate Gitarrensolo bringt dann orientalisches Flair in den Mix ein.

Der vierte und letzte Teil der Platte nimmt schließlich den Faden des Vorgängeralbums wieder auf. Wobei man erst einmal den vermeintlichen Titeltrack abhaken muss, bei dem es sich nur um ein ebenso kurzes wie unspektakuläres Gitarren-Gezupfe handelt – das nicht einmal besonders gelungen zu "Agony Of Defeat" überleitet. Dieser Song hat es dafür in sich, erinnert mit seinem behutsamen Aufbau und dem reduzierten Tempo stark an "Machine Messiah". Green packt sogar seinen Klargesang wieder aus. Von mir aus öfters!

Ein völlig neues Element ins Spiel zu bringen, das heben sich die Brasilianer schließlich für "Fear, Pain, Chaos, Suffering" auf. Mit Emily Barreto von Far From Alaska darf erstmals eine weibliche Gastsängerin ran. Ihr Duett (!) mit Green beschließt das Werk durchaus würdig, die Atmosphäre thront hier über allem. Der Reigen endet somit völlig anders, als er begonnen hat – aber wieder genauso stark.

Vom Ur-Thrash bis zum stimmigen Abschluss - Sepultura legen tatsächlich einen Abriss ihrer Karriere vor. Und auch wenn es keine hundertprozentig runde Sache geworden ist: Bis sich die Brasilianer entschieden haben, welcher ihrer vielen Facetten sie künftig den Vorrang geben wollen, kann "Quadra" gerne noch ein paar Runden drehen.

Trackliste

  1. 1. Isolation
  2. 2. Means To An End
  3. 3. Last Time
  4. 4. Capital Enslavement
  5. 5. Ali
  6. 6. Raging Void
  7. 7. Guardians Of Earth
  8. 8. The Pentagram
  9. 9. Autem
  10. 10. Quadra
  11. 11. Agony Of Defeat
  12. 12. Fear, Pain, Chaos, Suffering

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7 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 10 Tagen

    Geiles Album. Allerdings muss ich Puschel recht geben. NB Produktionen klingen alles irgendwie gleich tot. Ändert aber nichts an der starken Arbeit von Sepultura. Einziger Ausfall ist mMn nur Raging Void.

  • Vor 7 Tagen

    Geniales Album! Gefällt mir genau so gut wie der Vorgänger. Musikalisch gesehen waren Sepultura noch nie so gut. Da kommen auch die Klassiker nicht ran.

    • Vor 7 Tagen

      Ui, eine Hausfliegi. Summ, summ, summ. ♥ ♥

    • Vor 7 Tagen

      Ja ne, Roots ist nicht umsonst ein Meilenstein, da beisst die Maus keinen Faden ab. Sowas hat die Ära Kisser/Green bisher nicht aus dem Hut zaubern können, aber Sepultura ist dennoch eine Konstante, die zu jedem A-Klasse-Billing gehören darf.

  • Vor 6 Tagen

    Naja ich fand die Alben von Against bis einschließlich Kairos nicht sonderlich gut. Roots war auch noch nie so mein Fall. Aber seit dem Mediator von 2013 gefällt mir das nun experimentellere Songwriting sehr gut. Das könnte an Eloy Casagrande liegen. Andreas Kisser tobt sich endlich aus und zeigt was für ein guter Gitarrist er ist. Und der Clean Gesang von Derrick Green, der seit Machine Messiah Einzug hält, ist erfrischend und passt wirklich gut.