laut.de-Kritik

Fahrt nicht Trittbrett bei den Trittbrettfahrern!

Review von

Junge deutsche Rapper streiten gerne darum, wer jetzt zuerst den letzten Hit von Drake oder Travis Scott gebitet hat. Das ist inzwischen so normal, dass sie mit großem Selbstbewusstsein andern vorwerfen, auf ihre Welle zu springen. Die anderen fahren also quasi Trittbrett beim Trittbrettfahrer. Ganz schön meta. Reezy zum Beispiel kann sich glaubhaft auf die Fahnen schreiben, eine der ersten glaubhafteren Übersetzungen von amerikanischem Fuckboy-Rap ins Deutsche zu sein. Dazu hat er Geschmack, kennt ein paar Artists mehr und besitzt ein solides handwerkliches Talent. Trotzdem möchte ich ein bisschen in Frage stellen: Macht ihn das jetzt zu einem Original oder eher zu einem Patient Null? "Loyalty Over Love" ist ein frustrierendes Album, weil es stellenweise wirklich gut ist. Das macht das Tape irgendwie beeindruckend, aber trotzdem nicht besonders unterhaltsam. Es fehlen nämlich weiterhin Argumente, nicht doch einfach eine Amirap-Playlist anzumachen.

Geben wir Reezy trotzdem erst einmal ein wenig Hak: Es gibt ein paar sicke Parts auf diesem Album, es gibt ein paar richtig schöne Beats. Sich wegentwickelnd von dem, was wir vor ein paar Jahren in Deutschland noch als Cloudrap verstanden haben, isoliert er hier die Einflüsse von Don Toliver auf "Astroworld", die älteren Travis-Rapsongs und die Features von Drake und 21 Savage zu einer geschmacklich bombensicheren Kuration aktueller Amirap-Sounds.

Der Titel fühlt sich schon sehr prägnant an 21s "Ball w/o you" angelehnt an. In einer ähnlicher Tradition bekommen wir effektlastigen Rap über psychedelische Trap-Produktion serviert, wie er bedenkenlos, aber etwas anonym auch im unteren Drittel der Rap Caviar-Playlist landen könnte. Die richtig guten Momente von Reezy kommen immer dann, wenn er sich möglich ungefiltert in seine toxische Seite fallen lässt: "Bitch Back" zum Beispiel ist so absurd toxisch, Future würde den Hut ziehen. An dessen "Draco" scheint der Songtitel ja auch angelehnt.

"I mean, you can have your bitch back, ich will sie nicht mehr / Wir beide sind nicht für'nander gemacht / Sie war nicht für den Tag, sie war nur für die Nacht / Aber selbst dabei hat sich Gott was gedacht" rappt er im Refrain auf diesem opulenten Beat, bevor er sich darüber ausheult, wie schwierig die Beziehung zu diesem Mädel ist, das er gerade dem lyrischen du ausgespannt hat. Fade-Out, dramatisch-cineastisches Outro. Klingt geil. Rappt er geil. Generell, wie brüskiert er immer darüber rappt, ein absolutes Arschloch zu sein und dann smug auf Gott verweist. Er ist wirklich spitzenklasse darin, diesen blasierten Voll-Eumel zu verkörpern.

Die Single "Manchester" fühlt sich wie der eindeutig beste Song an. Nicht nur, weil er die Flow-mäßig stärksten Parts neben dem hungrig-paranoiden "Vorsicht!" kickt. Sondern auch, weil er hier ein farbenfrohes Instrumental auffährt, auf dem eine eingängige Hook und eine einprägsame Melodie entsteht. Das war ja eh früher eigentlich eine der größeren Stärken seiner Musik – dass er ziemlich problemlos Charakter und Ästhetik in seine formelhaften Trap-Banger leiten konnte.

Produktion und Swagger sind die Stärken von "Loyalty Over Love". Aber gleichzeitig finden sich hier ein paar Fehlschüsse, die versuchen, Pop-Crossover in langweiligem Kitsch ertränken. Daft Punks "One More Time" wird zum Beispiel auf "Noch Einmal" von Miksu und Macloud für einen der unkreativsten Sample-Flips der modernen Rap-Geschichte übers Knie gebrochen. Der Titelsong "Loyalty Over Love" klingt nach der schlechteren Ecke von Travis Scott-Type-Beats auf YouTube. Auf "Dilemma" wird der Text einfach ein bisschen zu dämlich. Vielleicht überschätzt er da einfach ein bisschen, wie effektiv man gleichzeitig rumheulen und angeben kann.

Das Ding ist: "Loyalty Over Love" wird nie wirklich schlecht. Reezy ist offensichtlich ein talentierter Dude mit Geschmack. Aber dafür, dass er mit so viel Ideenreichtum und Experimentierlust in die Szene gestartet ist, fühlt es sich doch ernüchternd an, wie viele Kernideen auf diesem Album wirklich eins zu eins aus dem Amirap stammen – bis runter auf die verdammten Travis-Adlibs. Natürlich kann man das alles nicht so richtig hassen, aber ich fände es doch ganz schön, wenn Rapper sich mal mit eigenem Sound hervortun würden, statt sich darum zu streiten, wer die Sounds am besten klaut.

Trackliste

  1. 1. Kleiner Broski
  2. 2. Manchester
  3. 3. Dilemma
  4. 4. Noch Einmal (feat. Miksu & Macloud)
  5. 5. Loyalty Over Love
  6. 6. Sticks & Seeds (feat. Kalim)
  7. 7. Bitch Back
  8. 8. Vorsicht!
  9. 9. Lastschrift
  10. 10. Itachi Flow
  11. 11. Sorgen (feat. TRIM)
  12. 12. Life's Ne B****
  13. 13. Diamonds Aus Afrika

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