laut.de-Kritik

Eine eigene musikalische Welt, mit gesundem Größenwahn geschaffen.

Review von

"Pick Up The Phone" war noch gar nicht richtig verklungen, oder ich hatte es einfach zu spät mitbekommen, da kam "Butterfly Effect", die erste Single, Präambel und vermutlich Keimzelle von "Astroworld". Es trug einen durch den Sommer 2017 wie Travis der goldene Lamborghini durch das Video, in dem Regisseur BRTHR Trapästhetik einmal durch den psychedelischen Fleischwolf dreht, bis sie als Schmetterlinge aus Frauenmündern wieder herauskommt. Wie auch der Beat und Travis Scotts Sprechgesang darauf Trap auf die selbe entrückte Weise interpretieren, so dass er als Schmetterlingsschwarm durch die Synapsen rauscht.

Da würde das große, angekündigte Ding schon bald folgen, dachte und fühlte ich, wie man das eben im Sommer so denkt und fühlt. Wie der Sommer so ist, war er plötzlich vorbei. Nichts und niemand war gekommen wie gewünscht, es blieb bei der Single.

Dann hat sich Travis Scott letzte Woche plötzlich zurück in unsere Dimension getrippt und "Astroworld" für Freitag angekündigt. Rund anderthalb Jahre von erster Ankündigung des hinreichend mythisch betitelten Albums bis Release sind heutzutage "Chinese Democracy"-artige Verhältnisse. In dieser Zeit konnte man Sterne aufflackern und wieder verglühen sehen. Andererseits war der T-Minus-Fünf Tage-Counter bis Orbit "Astroworld" dann doch sehr zeitgemäß abrupt.

Houston ist gelandet. "Stargazing" öffnet die Pforten von Astroworld. Wir sehen Travis Scottmit geweiteten Pupillen den Nachthimmel betrachtend. Der Beat klingt, als hätte er "„Mask Off" fit für die Raumfahrt gemacht, bevor er in ein sanftes Fadeout übergeht. Dann bricht das Instrumental kurz vor einem versöhnlichen Ende ab, plötzlich brechen paranoide Triolen über einen herein. "Ain't no moshpit if it ain't no injuries", und ich kann mir in der Tat schwer vorstellen, dass live jetzt etwas anderes los wäre als absoluter Wahnsinn.

Dazu braucht es dabei gar keinen dick bratzenden Bass oder großes Geschepper. Die musikalische Wucht speist sich allein aus dem sehr clever gesetzten Wechsel der Stimmung und Energie, in eine unerwartete Richtung, auf ein anderes Level. Der Beatswitch, etwas anderes als das, was man unter einem Drop versteht, welcher im Gegensatz zum Switch meist nur auflöst, was er geradlinig aufbaut, war schon oft die heimliche Hauptattraktion in Scotts Musik.

"Sicko Mode" fängt versäuselt an und knallt dann ganz plötzlich auf den Dancefloor. Wieder entwickelt der Beat sich nicht übermäßig kompliziert oder musikalisch gewagt, aber Hölle, das bounct. Um dann nochmals zu wechseln, in ein genau so simples, aber unantastbares Instrumental, auf dem der olle Drake, bei aller Abneigung, einfach eine ziemlich gute Figur macht, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.

In "Astroworld" sieht man andererseits auch einfach gut aus, ohne dabei La Flame die Show zu stehlen, die Großen (der weinerliche Kanadier, Frank Ocean, The Weeknd, James Blake) wie die Unbekannteren. Alles Typen. Schön und gut, dass Travis Scott am Ende von "Sicko Mode" mit "Baby Momma Forbes / got these other bitches shook" einen ziemlich coolen Shoutout an seine Freundin daheim macht, eine präsente Frau auf zumindest einem unter 17 Tracks wäre noch schöner gewesen.

Wie er seinen Männersprechgesangsverein allerdings dirigiert, ist beachtlich. Kanye West-Schüler, der er ist, hat er das große Genie des Lehrers richtig darin erkannt, verschiedene Leute in einer bestimmten Konstellation in den selben Raum zu bringen, wie etwa The Weeknd und Tame Impala auf "Skeletons", seinen Teil beizusteuern und den Rest passieren zu lassen. Jedes Solo, egal ob in Drake'scher Breite oder die paar Zeilen, die NAV am Ende von "Yosemite" in Zimmerlautstärke vor sich hinsingt, prägt sich ein.

Eine Methode, die er mit "Stop Trying To Be God", bei dem er womöglich auch an seinen Förderer dachte, gemeistert hat: Diese Mundharmonika, völlig egal, ob sie jetzt Stevie Wonder oder der Gärtner gespielt hat, ist der Shit. Cudi summt wieder. Und ich habe wirklich versucht, einen deutlicheren Kanye-West-Bezug herauszuhören, um die Chose hier mit etwas Boulevard zu würzen, fand aber nichts außer einem Heilige-Maria-Halleluja von einem Beatswitch und James Blake, der sich im Talar vor den Kirchenchor stellt und den Blues rauslässt. Mächtig. Magisch. Magnifique.

Dass das natürlich alles keine improvisierte Vorstellung ist, belegt allein die lange Liste der Arbeiter hinter den Kulissen, eine Vielzahl von Producern, die alle genannt werden, ohne dass wir jetzt genau wissen können, von wem speziell zum Beispiel diese sirrende hochgepitchte Stimme stammt, die auf "Wake Up" urplötzlich den Beat bereichert. Schrieb Kollege Johannesberg über "Birds In The Trap Sing McKnigt" (ey, diese Namen) noch, es fühle sich im positiven Sinne an wie ein Open-Mic, ist Travis Scott auf "Astroworld" noch mehr Prisma und bündelt die Energien der Beteiligten zu einem kohärenten Ganzen.

Der ganz große Featurerapper war er hingegen nie. Travis Scott funktioniert am besten auf seinen eigenen Alben, und die funktionieren nur mit anderen. Was auch an seiner textlichen Limitiertheit liegt. Die Kunstfigur ist eine Art Mischung aus Juicy J, Johnny Depp als John Dillinger in "Public Enemies" und Kid Cudi, da hat jemand dann noch eine Wagenladung Drogen und Autotune reingekippt.

Es geht also ziemlich viel um Party und Sex (mit Kylie Jenner oder ohne oder beides), hat aber (obacht) mitunter auch Ambivalenz. Es stellt sich natürlich die Frage, ob man zwischen Zeilen wie "She said, 'where we goin'?' I said 'the moon' / We ain't even make it to the room / She thought it was the ocean, it's just the pool" zwingend etwas sehen muss. Aber die Worte, die da sind, schaffen genug Platz dafür. Genau so wie auch immer wieder Reflektion durch die Zeilen schimmert ("diamonds are the wife of life / all three rollies look alike / after two you get a hook-up price"), auch wenn die schnell vom nächsten Turn Up überstrahlt wird. Eine selbst gewählte Weltferne spürt man in seinem Vortrag, in den lauten wie in den leisen Momenten. Wir brauchen das Draußen nicht, in Astroworld fliegen wir alle.

Auf Genius findet sich in den Anmerkungen zu "Goosebumps" mit Kendrick Lamar folgende Selbsteinschätzung: "I'm not the most rappity-rap ass nigga", wobei er sich selbst mit Kendrick vergleicht. Während bei diesem die Brillanz seiner Worte bereits das Endprodukt darstellt, nimmt Travis Scott Lines und kleidet sie ein, fährt mit ihnen per Autotune und weiterem Effektarsenal nach Mailand und kauft den Balenciaga-Store leer, so dass sie viel mehr funkeln als auf Papier. Ein Travis Scott macht eben nicht in Conscious, sondern in Maximalpop.

Die musikalischen Einflüsse stammen aber oft von weitab der Charts aus dem tiefsten Sizzurp-Süden, am deutlichsten in "RIP Screw" mit einem entrückten Swae Lee, das zu verträumt-vernebeltem Beat dem Dirty-South-Papst DJ Screw huldigt. Über dem Sumpf geht die Sonne unter. Beats aus der Hitze des Südens, wo die BPM-Zahl etwas anders läuft als anderswo.

Man könnte lange mit der schieren Aufzählung dessen verbringen, was auf diesem Album alles passiert. Karussellfahren mit Frank Ocean. Das "NC-17"-Zelt mit Sadomasoecke, Feuerschluckern und 21 Savage inklusive. "Yosemite", halb "Drugs You Should Try", halb "By The Way". Der hymnische Pre-Chorus von "No Bystanders". Kylies Song, Teil 1-3 ("Skeletons", "Wake Up", "Coffee Bean"). Und. Und. Und. Ich latsche durch "Astroworld" wie ein Typ aus Stuttgart auf seiner ersten Berlin-Fahrt, drehe mich mit offenem Mund um meine eigene Achse, um das alles auch mitzubekommen, den Geschmack von Zuckerwatte und Autotune, das Geschrei, das Feuerwerk.

"Astroworld" ist weitläufig, aber nicht ausufernd, abwechslungsreich, ohne mit Ideen überfrachtet zu sein, abgeschlossen von der Außenwelt und ihren Hässlichkeiten, ohne dass man sie vermisst ("just built the Astroworld playground to play with my baby"). Es ist großer Eskapismus, die Messlatte in Sachen Sound und Songwriting dafür, wie ein Trapbeat klingen kann, mit einem Protagonisten im Zentrum, der mit gesundem Größenwahn seine eigene musikalische Welt geschafften hat. Sein rundestes, bestes Release bislang. "Astroworld" ist Travis Scotts Jupiter. Ich will nicht mehr zurück.

Trackliste

  1. 1. Stargazing
  2. 2. Carousel
  3. 3. Sicko Mode
  4. 4. R.I.P. Screw
  5. 5. Stop Trying To Be God
  6. 6. No Bystanders
  7. 7. Skeletons
  8. 8. Wake Up
  9. 9. 5% Tint
  10. 10. NC-17
  11. 11. Astrothunder
  12. 12. Yosemite
  13. 13. Can't Say
  14. 14. Who? What!
  15. 15. Butterfly Effect
  16. 16. Houstonfornication
  17. 17. Coffee Bean

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11 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Kann den Hype um das Album zu "0%" nachvollziehen. Die Scheibe dümpelt so vor sich hin. Wo sind die Highlights oder Banger hin? Rund klingt irgendwie nur der Opener für mich. Einen netten Akzent setzt die Mundharmonika von Stevie Wonder - wobei der Track insgesamt doch leider nur langweilig ist. Butterfly Effect als Vorab Single hatte mir noch sehr gut gefallen. Houstonfornication geht auch klar. Der Rest vom Album irgendwie Flicken-Teppich, beliebig, austauschbar. Album fühlt sich für mich zu lang an. Insgesamt irgendwie der 50 Cent Effekt: Erstes Album=Brett, 2tes-ok, beim 3tten kann der Stanni nicht mehr gehalten werden. Alle schreien Album des Jahres - für mich nicht, es schneit ja auch nicht in der Wüste.

  • Vor 4 Monaten

    Brauch mehr Durchläufe für Fazit. STARGAZING und STOP TRYING TO BE GOD sind jetzt schon Songs des Jahres.

  • Vor 4 Monaten

    Stargazing ist ein richtig brutales Brett, Yosemite gefällt mir auch gut.

  • Vor 3 Monaten

    Warum hat der Penner die erste Minute von Sicko Mode nicht einfach in der Schublade gelassen? Und nein, danach ballert es nicht umso heftiger.

  • Vor 3 Monaten

    viel flash, wenig substanz. beeindruckt nach dem ersten hörgang immens, hat aber für mich kaum replayvalue. ist mir zu clean für nen psychedelia album. travis adlibs zerstören zudem jeden kreierten vibe. mehr als ne 3/5 ist das album für mich nicht. es ist schon traurig, wenn er der nächste kanye sein sollte. kanye ist zwar ein idiot, hat aber ne zeit lang echt revolutioniert. travis hingegen kopiert kanye (auch privat) und cudder schamlos und fügt noch lediglich etwas millenial "coolness" dazu.

  • Vor 2 Monaten

    Neben "Kids See Ghosts" und "Dirty Computer" AOTY.

    Zweite Hälfte zwar etwas schwächer, aber von Track 1 bis 8 durchgehend perfekt.