laut.de-Kritik

Es ist einsam an der Spitze.

Review von

"Ich ecke nicht mehr an": Das möchte man kaum glauben. "Mir eilt ein Ruf voraus": Das wiederum stimmt spätestens seit seinem letzten Album, an dem sich die Geister gewiss nicht grundlos ganz entschieden schieden. "Kann ich auch weiter auf eure geteilte Meinung zählen?", fragt Prezident nun. Sorry, aber: nein.

Man könnte höchstens wieder fehlenden Variantenreichtum im Vortrag bemängeln. Die textliche Qualität bleibt über jeden Zweifel erhaben. Einem Wolkenkratzer gleich steht "Alles Ist Voll Von Göttern" in der deutschen Rap-Landschaft, die einem oft genug wie eine lyrische Einöde vorkommt. Im Penthouse residiert ein Mann, frisch geduscht und bewaffnet mit scharfem Auge, scharfem Verstand und noch schärferer Zunge, und lässt den "gottlosen Spottvogel raushängen".

Das könnte einem langsam bekannt vorkommen. "Meine Diskografie ist 21 geworden", sie bot also wahrlich Gelegenheiten genug, um sich von Prezidents Sprachgewandtheit zu überzeugen. Kein Wunder, dass es ihn selbst juckte, die bequeme Komfortzone in Trümmer zu schlagen. Auf seinem neuen Album spaziert er nun durch die Schneisen, die er mit "Du Hast Mich Schon Verstanden" geschlagen hat, und begutachtet sein Werk: "Ojemine, ohje, sie wollen mehr vom Alten", stellt er fest. "Grüßt das Murmeltier nicht täglich, werden sie ungehalten". Aber sowas von.

"Alles Ist Voll Von Göttern" birgt das Potenzial, die verärgerten "Fans von früher" zumindest teilweise zu versöhnen. Prezident hat sich (vorerst zumindest) offenbar ausgetriggert, scheint nicht mehr mit aller Gewalt danach zu trachten, seiner Hörerschaft wieder und wieder die Vorhersehbarkeit ihrer Reaktionen zu demonstrieren und fingerdick aufs Brot zu schmieren. Man könnte dieses Album leicht als ein Zurückrudern interpretieren, als Rückkehr in die zwar miesepetrige, aber doch irgendwie kuschelig vertraute Welt vor dem "Sündenfall".

Ja, so könnte man es deuten. Bloß glaube ich kein Stück, dass sich Prezident zu irgendeiner Umkehr herablassen würde. Ich glaube noch nicht einmal, dass er je darüber nachgedacht hat. Er hat immer getan, was er wollte, daran hat sich nichts geändert: Statt mit belasteten Worten und belastenden Bildern zu zündeln (das hat er ja anscheinend abgehakt), verlegt er sich jetzt nun wieder auf seine andere, deutlich weniger Reibungsfläche bietende Kernkompetenz.

Zwischenmenschliche Beziehungen, bevorzugt in Stadien kurz vor, während oder nach dem Zerfall, zu sezieren und zu analysieren, das beherrscht er eben einfach wirklich wie kein zweiter. Allein die todtraurige Studie "Jamais-vu" legt von diesem Talent in jeder einzelnen Zeile Zeugnis ab. Sie lässt aber auch tief blicken: "Ich kenne gar kein Glück ohne Stich ins Melancholische." Das glaube ich sofort, auch den "Antimidas" gibt er glaubwürig: "Was ich anfasse, wird kohlenschwarz."

Stellenweise wirkt der zur Schau gestellte Unwille, sich auf emotionale Nähe einzulassen, wie eine Trotzreaktion. Im Grunde ist aber egal, ob jemand nicht zulassen und aushalten mag, dass ihm jemand zu nahe kommt, oder ob er es nicht kann. Das Resultat bleibt das gleiche: Er ist am Ende allein. Diese Einsamkeit umwaberte Prezident schon immer. Auf "Alles Ist Voll Von Göttern" steht sie, zumindest in meiner Wahrnehmung, allerdings noch präsenter im Raum. Was dieses Album noch beklemmender und unfroher macht als Prezidents frühere. Es tut weh, beileibe nicht nur mitunter.

Die dafür verantwortliche sprachliche Virtuosität: schlicht zum Niederknien. Prezident zeichnet derart plastische Bilder von Erlebens- und Gefühlswelten, dass man sich, selbst wenn man gerade in einer ganz anderen Situation steckt, erst darin wiederfindet, dann verliert und verläuft.

Allein schon der Trip vom Zentrum der Zitadelle in ihre Peripherie fühlt sich an, als sitze man im Zug von der Hauptstadt von Panem in Richtung der äußeren Distrikte: bisschen Elendstourismus, ein bisschen Action und Drama gegen die Langeweile. Hiob kommt mit, und Sido immerhin in Sampleform. Den ersten Teil untermalen verwehtes Klimperklavier und schnarrende Drums, der zweite fährt bei aller düsteren Härte einen wattigen Schlinger-Rhythmus, als hätte man einen Achter im Rad.

Zusammen verströmen "Zitadelle, Zentrum" und "Zitadelle, Peripherie" den Vibe eines vielleicht schon etwas in die Jahre gekommenen, aber perfekt ausgefeilten und in Szene gesetzten Science-Fiction-Films. "Kannste dir nicht ausdenken? Doch, ich kann das, ohne dass ich mir einen ausrenke."

Den "Horror Vacui" erkundet Prezident zusammen mit Hinz & Kunzens Elsta, um Abhängigkeitsgefühle auszuloten, ist Mach One ein überaus versierter Weggefährte. Beide Instrumentals gehen auf das Konto der Kamikazes. Ich hätte Einiges gewettet, dass es sich bei "Bis Unters Kinn" genau so verhält, weil sich das so arg nach der "Krahter"-EP anfühlt. Zum Glück hab' ich es nicht getan: Den Beat hier hat Jay Baez zu verantworten.

Prezident selbst produziert ebenfalls. Wie etwa "Antimidas" oder "Tut Mitunter Weh" zeigen, muss er sich auch in dieser Disziplin nicht verstecken. Wenn er das noch ausbaut, braucht er am Ende wirklich keinen anderen Menschen mehr. Dann wird es aber richtig einsam.

Trackliste

  1. 1. Präludium Zu Gulliver
  2. 2. Gulliver Gulliver
  3. 3. Du Kommst Nicht Los feat. Mach One
  4. 4. Jamais-vu
  5. 5. Tut Mitunter Weh
  6. 6. Bis Unters Kinn
  7. 7. Bewaffnet, Frisch Geduscht
  8. 8. Ein Toast
  9. 9. Antimidas
  10. 10. Zitadelle, Zentrum
  11. 11. Zitadelle, Peripherie feat. Hiob
  12. 12. Windmühlen
  13. 13. Horror Vacui feat. Elsta (Hinz & Kunz)
  14. 14. Ich Soll Dich Schön Grüßen
  15. 15. Der Erste Mensch

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"Zeit für'n Paradigmenwechsel, Whiskeyrap frisst Gesetze / von versifften Blechen mit verdreckten Fixbestecken / Hitzewellen kriechen rücksichtslos …

9 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor einem Monat

    Da gehört kein Komma hin bei "Es ist einsam an der Spitze".

  • Vor einem Monat

    Hab dem ganzen mal ne Chance gegeben, weil der ja hier regelmäßig hochgejubelt wird. Kann die ihm entgegengebrachte Begeisterung nicht ganz nachvollziehen.
    Finde Prezi rappt extrem mittelmäßig und die Beats klingen auch ziemlich nach "amtlichen Reason Skills 2006".
    Textlich mag das noch in Ordnung sein, besonders für Studenten der politischen Theorie , aber alles andere verhindert, dass man sich damit überhaupt auseinandersetzen möchte.

    • Vor einem Monat

      bleib bei deinen fischen bruder

    • Vor einem Monat

      Ich gebe ununmwunden zu, dass ich mit der rosarotesten Fanhörnchenbrille unterwegs bin und klar, es ist jetzt nicht Freddie Gibbs auf Bandana (nebenbei auch das einzige Mal, wo der abwechslungsreich flowt), Aaaber hör dir mal "Bis unter Kinn" und "Bewaffnet, frisch geduscht" an und sag dann noch mal, ohne rot zu werden, dass das nicht gut gerappt ist. Wie der da End- und Binnenreime aneinander reiht, ohne dass es zur Technikdemo verkommt, hab ich auf deutsch schon lange nicht mehr gehört.

      Wer wäre denn deiner Meinung nach ein guter Rapper?

    • Vor einem Monat

      Hab mir jetzt noch mal "bis unters Kinn" gegeben und finde es immer noch recht durchschnittlich. Textlich ist das alles nicht schlecht, aber er ist schon etwas offbeat und sein Flow ist auch nicht so geil. Der zweite Part ist etwas stärker und das mit den End und Binnenreimen ist auch richtig, aber haut mich auch nicht vom Hocker.

      Ich will Prezident auch nicht schlechter machen als er ist, habe nur eine wesentliche höhere Erwartungshaltung aufgrund des Jubelperserns hier gehabt. Es ist für mich einfach nichts, was gut klingt.

      Auf deutsch kann ich kaum gute Rapper benennen, da ich zu wenig deutschrap höre. Rein vom Flow sind es Haft und Lakmann für mich. Vom kompletten Paket her würde ich wohl den alten Curse nennen.

      Hör dir von Gibbs einfach nur mal "Freddie" an, da hat er gefühlt jeden Song einen anderen Flow.

    • Vor einem Monat

      Bin da voll bei dir. Kann das extreme abwichsen nicht verstehen.

    • Vor einem Monat

      Craze, erzähl mal lieber ob du für diese stabilen Schleicher nachts vorm Mäcces gecampt hast:
      https://scontent-yyz1-1.cdninstagram.com/v…

    • Vor einem Monat

      #swag
      #sneakerpabst
      #wievielistdeinoutfitwert

    • Vor einem Monat

      Prezident ist definitiv kein schlechter Rapper und vereint solide Technik mit durchdachten Lyrics, aber ich höre ihn auch so gut wie nie. Liegt vor allem an seiner 08/15-Stimme und der für mich auf Dauer etwas monotonen Vortragsweise. Habe aber auch nur KiebG öfter gehört und sonst hier und da mal 'nen Track.

    • Vor einem Monat

      Mir ist das auch einfach vom Soundbild zu öde, gibt mir einfach Nix.
      Man muss aber natürlich trotzdem sagen, dass Prezident schon einer der wenigen Typen im Deutschrapgame ist, der deutlich aus dieser Jauchegrube rausragt und dabei trotzdem hörbar bleibt. Allein dafür hat er vmtl 4/5 als Basisbewertung verdient. :D

    • Vor einem Monat

      Schlecht ist er auch nicht, aber eben auch nicht besonders gut.
      Hatte einfach mehr erwartet, aufgrund des Hochjubelns hier.

    • Vor einem Monat

      Ja, irgendwie ist er halt hier der Liebling und deshalb muss immer ganz arg rumgepersert werden.

    • Vor einem Monat

      Naja, im Land der Blinden... ;)

    • Vor einem Monat

      Ja, aber selbst wenn ich den einäugigen König mit Normalbürgern anderer Nationen vergleiche hat er eben ein Auge zu wenig. ;)

    • Vor einem Monat

      Naja, so würde ich das auch nicht stehenlassen. Klar ist Amirap in der Breite besser aufgestellt, aber da laufen auch genug Flitzpiepen rum. Das letzte Album aus Übersee, das mir richtig die Schuhe ausgezogen hat, war Big Fish Theory und grade textlich ist schon länger nichts über den großen Teich geschwappt, was ich richtig beeindruckend fand. Da kann man noch so sehr von Currys Pengame faseln, weil er ein paar Punchlines aneinander reiht.

    • Vor einem Monat

      Ich würde sagen, dass Ami Rap auch in der Spitze definitiv breiter aufgestellt ist, als Deutschrap. Selbst der Großteil dieser "Flitzpiepen" kann wenigstens flowen, was leider dem Großteil hier abgeht, die Hörerschaft aber auch nicht wirklich zu interessieren scheint.

      Textlich ist natürlich Geschmackssache, der eine mags persönlich, der andere gesellschaftskritisch. Zu allen Facetten finden sich aber einige starke Alben.

      Zu Curry würde ich dir Taboo nochmal ans Herz legen, da kannst einige Texte eins zu eins so in 'nem Gedichtband abdrucken.

      Soll aber auch keine Grundsatzdebatte werden, ist halt je nach Gusto.

    • Vor einem Monat

      OK, vorweg: Fanboy-Meinung vom feinsten hier am Start. Aber jetzt mal Butter bei die Fische: selbst wenn Prezi nur 25% so gut rappen würde, wie er tut und der Sound noch dazu schlechter produziert wäre, als er zweifellos ist, komme ich einfach nicht umhin immer noch deutlich lieber einem durchschnittlichen Rapper (der Prezi für mich bei weitem nicht ist!!!), der ABER ETWAS ZU SAGEN HAT, WAS MEHR ALS NUR DIE VERBRAUCHTE FESTPLATTENKAPAZITÄT wert ist und Werte hat und vermitteln will (im Gegensatz zum größten Teil Deutschraps), zuhöre, als mir auf die tolle Technik von einem mental Querschnitts-Gelähmten assi mit Desinger-Klamotten einen runter zu holen.

      Und noch dazu: ALLE Prezi-Alben haben eins gemein. Sie reifen, sie werden nicht langweilig, sie werden immer besser, um so öfter und länger man sie hört.

      Zeig mir wer einen zweiten Rapper in D bei dem ich auch beim zehnten oder noch öfteren hören eines Tracks immer wieder mal irgendwas entdecke, was mir vorher nicht so bewusst war. Der verwendet halt in einem Track mehr Wörter als die meisten in ihrer gesamten Diskografie...

  • Vor einem Monat

    Album ist schon sehr, sehr geil geworden. Hätte vielleicht einen Ticken kürzer sein können, damit man es schöner am Stück durchhören kann. Der Hiob Part ist leider auch recht Standard. Sonst gibts wenig zu meckern. Da sind ein paar der besten Dinger aus seiner Diskografie drauf, er packt endlich mal wieder beeindruckende Reimketten aus und füllt sein Aphorismenheftchen ordentlich mit neuen Sprüchen auf. Finds auch cool, wie er es schafft, dass alle Alben ein recht unterschiedliches Soundbild haben.

  • Vor einem Monat

    Topalbum. Musste erst etwas reinkommen. Diese Nervige Gulliver Song hat mich etwas abgeschreckt. Dafür ist der Rest der Platte durchgehend sehr gut. Keine Hänger, Soundtechnisch klare Steigerung zum Vorgänger. Wünschte ihm etwas mehr Budget, damit die Videos und Mix, Mastering, Produktion auch mal das level von seinen Lyrics erreichen.

    Favoriten: Der erste Mensch, Ich soll dich schön Grüssen, Antimidas, Ein Toast

    4/5 locker.

    Album des Jahres.

  • Vor einem Monat

    Werde nicht so richtig warm mit dem Album. Irgendwie geht es seit dem Erfolg von "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" mit ihm bergab. Oder mit meinem Gefallen an seinen Sachen. Hab auf jeden Fall keine Lust mir das nochmal anzuhören. 3/5