Im ersten Halbfinale in Tel Aviv gab es viel monochrome Werbeoptik. Liebe setzt sich am Ende gleichermaßen durch wie Hass.

Tel Aviv (mofe) - Gastgeberin Lucy Ayoub fand zwar samt und sonders jeden Beitrag "amazing", aber nur zehn Kandidaten aus dem Halbfinale kamen am Dienstagabend tatsächlich weiter. Nachdem Vorjahressiegerin Netta den Abend eröffnet hatte, traten die siebzehn Kandidaten auf. Mindestens drei Länder dürfen sich nach dem Halbfinale Hoffnungen auf die vorderen Plätze im Finale am Samstag machen.

Wer kam weiter?

Wer an dem Abend mit Disneyoptik auftrat, hatte den Finaleinzug fast schon in der Tasche. So setzten die Griechen mit der Inszenierung ihrer Teilnehmerin Katerine Duska erfolgreich auf das Konzept Disneyprinzessin meets Beyonce. Wie eine Eiskönigin trat Kate Miller-Heidke auf. Dabei schwebte die Sängerin über einem Globus, während sie sich operettenhaft in schwindelerregende Höhen sang. Mit einer trashigen Weltraum-Szenerie im Hintergrund bediente die Australierin zudem einen weiteren Trend des Abends.

Ebenfalls des öfteren zu sehen war etwas, das ich als monochrome Werbeoptik bezeichnen möchte. Mit knalligen Farben und poppiger Ästhetik (gleichermaßen Bilderbuch und Handywerbung) mauserte sich die tschechische Band Lake Malawi zum Geheimfavoriten fürs Finale. Statt auf Blau und Gelb setzte San Marino lieber auf ein sattes Rosa im Hintergrund und den türkischen Sänger Serhat ganz in Weiß auf der Bühne. Der sang zugegebenermaßen alles andere als herausragend, hatte dafür aber zwei tanzende Boys an seiner Seite und eine Bühnenshow, die den geballten Trash seines Beitrags "Say Na Na Na" sogar noch verstärkte.

Wer so dermaßen über das Maß hinausschießt, darf sich meiner Sympathien sicher sein. Das gilt auch für den dritten Trend des Abends. Denn am Dienstag setzten sich Liebe und Kitsch ebenso durch wie gebündelter Hass. Im großen Pomp des ESC mutete Sloweniens Beitrag "Sebi" erstmal relativ ruhig an. Dafür boten Zala Kralj & Gašper Šantl auf der Bühne den gebündelten Kitsch. Wie sich die beiden da anschmachteten, geht einfach komplett über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus und gehört genau deshalb zu meinen Favoriten des Abends. Dazu wurden die Musiker schick ganz in Weiß im Vordergrund in Szene gesetzt, während hinten im Hintergrund eine trashige Weltraumoptik ablief.

Der absolute Gegenentwurf zur Kuschelstimmung der Slowenen kam aus dem hohen Norden. Mit SM- und Leder-Optik und einer wüsten Mischung aus Black Metal und Electropunk trat die isländische Band Hatari auf. Der allgegenwärtigen Liebe setzten Hatari ihren Song "Hatrið mun sigra / Hatred Will Prevail" entgegen. Für diese Party-Crasher Attitüde müssen einem die Isländer einfach sympathisch sein. Schön, dass wir sie noch einmal im Finale erleben dürfen!

Eher unter ferner liefen einzuordnen sind die Beiträge aus Weißrussland (trotz schöner Pop-Trash-Kostüme) und Serbien, für die der Finaleinzug definitiv das Höchste der Gefühle darstellt. Ein Platz in den Top 10 scheint für die Osteuropäer ebenso utopisch wie für Zypern. Deren Beitrag "Replay" wurde von uns im Vorabcheck zwar als einer der stärksten Songs eingeschätzt, allerdings traf die Sängerin Tamta beim Auftritt derart wenige Töne, dass sie sich über ein frühzeitiges Ausscheiden wirklich nicht hätte beklagen dürfen.

Zumindest bei den hohen Tönen gilt das auch für den estländischen Kandidaten Victor Crone. Der allzu simple und penetrante Song "Storm" gepaart mit dem reichlich unsympathischen Auftritt des Sängers stoßen bei mir auf wenig Gegenliebe. Um ehrlich zu sein, ist es der einzige Beitrag des Abends, bei dem ich ganz kurz einmal den Ton ausschalten musste.

Für wen war Schluss?

Die größte Sünde beim ESC ist es bekanntlich zu langweilen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass mit Belgien, Finnland und Portugal die drei vermutlich drögsten Auftritte des Abends abgewatscht wurden. Ebenfalls draußen ist der etwas creepy Beitrag aus Georgien und die montenegrinischen Band D-mol, deren Song "Heaven" von uns im Vorfeld schon zum vermutlich grauenhaftesten Song des diesjährigen Wettbewerbs gekürt wurde.

Etwas größer dürfte der Wermutstropfen beim Sympathieträger Tulia aus Polen und beim Ungarn Joci Pápais sein. Dem Ungarn hätte man dank frischer Friese und ordentlich Glitzer sowie entspannter Atmosphäre den Finaleinzug gegönnt. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass sich sein Song "Az én apám" leicht etwas weghörte.

Die vier Damen aus Polen hatten unser Herz im Vorfeld mit ihrer obskuren Mischung aus polnischer Folkmusik, Pop und Schreigesang erobert. Den Exotenbonus konnte das Quartett auf der Bühne allerdings nicht in Zählbares ummünzen. Die Kostüme waren zwar hübsch anzusehen, auf der Bühne fehlte den Polinnen aber schlicht die notwendige Action und der Punch. Wenn es diesen gebraucht hat, ist das Ausscheiden von Tulia ein weiterer Beweis dafür, dass man beim ESC schlicht keinen Blumentopf gewinnen kann, wenn die Show nicht stimmt.

Und jetzt?

Weiter geht's am Donnerstag um 21.00 mit dem zweiten Halbfinale. Dort treten mit den Niederlanden, Schweden und Russland drei der größten Favoriten des diesjährigen Wettbewerbs auf. Am Samstag, ebenfalls um neun, folgt dann das Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest. Auch wenn die großen Vorabfavoriten gestern noch nicht auf der Bühne standen, haben doch insbesondere Tschechien, Slowenien und Australien angemeldet, dass sie dann bei der Vergabe der vorderen Plätze durchaus ein Wörtchen mitsprechen möchten.

Diese Kandidaten nahmen am ersten Halbfinale teil:

  1. Tamta - "Replay" (Zypern)
  2. D mol - "Heaven" (Montenegro)
  3. Darude - "Look Away" (Finnland)
  4. Tulia - "Fire Of Love(Pali się)" (Polen)
  5. Zala Kralj & Gašper Šant - "Sebi" (Slowenien)
  6. Lake Malawi - "Friend Of A Friend" (Tschechische Republik)
  7. Joci Pápai - "Az én apám" (Ungarn)
  8. Zena - "Like It" (Weißrussland)
  9. Nevena Božovi - "Kruna" (Serbien)
  10. Eliot - "Wake Up" (Belgien)
  11. Oto Nemsadze - "Keep On Going" (Georgien)
  12. Kate Miller-Heidke - "Zero Gravity" (Australien)
  13. Hatari - "Hatrið mun sigra" (Island)
  14. Victor Crone - "Storm" (Estland)
  15. Conan Osíris - "Telemóveis" (Portugal)
  16. Katerine Duska - "Better Love" (Griechenland)
  17. Serhat - "Say Na Na Na" (San Marino)

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1 Kommentar

  • Vor 9 Tagen

    Find den deutschen Beitrag dieses Jahr richtig stark, man merkt einfach die enge Bindung zwischen den beiden „Schwestern“! Das ist nicht so die übliche inszenierte Pop-Kommerz-Spielerei, sondern einfach authentisch