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Juni: Storys

Yo Grandma Fromm: Vergewaltigungsvorwürfe gegen Samra brachten den Stein ins Rollen, daraus wurde, so schien es zunächst, eine Lawine. Ohne jeden Zweifel hieß das Thema, das den Juni beherrschte, #deutschrapmetoo. Rückblickend regierte es leider wirklich nur vergleichsweise kurz: Schon wenige Wochen nach Nika Irani ihre Anschuldigungen öffentlich gemacht hatte, interessierte sich schon wieder kaum jemand für das unerträgliche Treiben, dem sich Mädchen und Frauen seit Jahren und Jahrzehnten ausgesetzt sehen. Ich schreibe absichtlich "kaum jemand": Bezeichnenderweise sind es gerade Typen wie Dieter Nuhr oder der im Grunde bemitleidenswerte MC Bogy, die noch immer über die Bewegung sprechen - allerdings nur, um sie zu verunglimpfen oder lächerlich zu machen. Ich beobachte mit Staunen, wie fragil Männlichkeit sein kann, und finde es zu ungleichen Teilen ein bisschen amüsant und sehr, sehr traurig.

Meine Hoffnung, dass sich - wie so viele Kolleg*innen in engagierten Statements geschrieben haben - jetzt alles zum Besseren wendet und quasi eine neue Zeitrechnung anbricht, in der frau nicht überall und jederzeit mit irgendeinem Übergriff zu rechnen hat, hielt sich ja von Beginn an schon sehr in Grenzen. Wie schnell das öffentliche Interesse wieder abgeflaut ist, fand ich aber trotzdem stark ernüchternd. Wenn allerdings die Sache wenigstens ein paar Leuten die Augen geöffnet und vielleicht doch ein bisschen Bewusstsein für eine ja real existierende Problematik geschaffen hat, dann war der Juni für Deutschrap, bei aller Tragik der Geschichte (respektive der zahllosen Geschichten), ein guter Monat.

Dieser Yannik™: Das Ding ist halt, dass die rechtlichen Auseinandersetzungen mit so etwas eben doch sehr langsam vonstatten gehen und, soweit ich das im Kopf habe, außer Yin Kalle eigentlich keinem Rapper konkret weitere Vorwürfe gemacht worden sind. Es ist eben schwer, ein Thema weiter aktiv zu besprechen, dessen Sachlage sich erst einmal wenig ändert, egal, wie viele Statements jede Woche noch dazurollen mögen. Das wäre ja die Hoffnung gewesen, dass mit diesem Zugwind alle Opfer den Mut finden, ihre Geschichten zu teilen. Aber wahrscheinlich war die Wagenburg dann am Ende doch zu stark.

Gerade sieht es für mich echt fast eher so aus, als könne sich das ganze zu einem Gamergate-Moment entwickeln: Klar, in unseren Kreisen sind alle ein bisschen sensibler geworden, hoffentlich, und haben alle einmal ernste Betroffenheit bekundet. Aber gleichzeitig haben sich an anderen Punkten der Szene starke Backlash-Institutionen gebildet. Für uns mögen Nuhr und Bogy natürlich Witzfiguren sein, aber ihr kultureller Impact bleibt ja trotzdem bestehen. Und ich habe besorgniserregend oft unfundierte und sehr sichere Posts gelesen, dass ja alle Frauen Lügnerinnen seien und dass Rap jetzt doppelt so eifrig vor Feministen und Linken beschützt werden müsse. Ich bin immer noch dankbar für Nika Irani und ihre Bereitschaft, in die Bresche zu springen und ihre Vorwürfe öffentlich zu machen, und ich hoffe sehr, dass der Prozess Klarheit bringt, die nicht mehr untergraben werden kann. Aber, ja, von einem Alles-wird-besser sind wir sehr weit entfernt.

Freshman Mirco: Leider, ja. Ich habe mittlerweile auch nur noch schwindende Hoffnungen, dass der Fall ernsthafte Folgen für Samra haben könnte, oder außerhalb unserer Bubble einen Sinneswandel bewirkt. Wobei natürlich selbst Babyschritte in die richtige Richtung wichtig sind. Aber, hey, lassen wir das Thema für den Moment ruhen, ihr beiden habt dazu ja im Grunde auch schon alles gesagt.

Es sind darüber hinaus ja auch außerhalb Deutschlands noch andere Dinge geschehen, über die es sich zu reden lohnt. Bei den Amis kulminierte die diesjährige Freshman-Season in einer Klasse, die so schwach war wie schon lange nicht mehr. "Out Of This World" lautete der Slogan, mit dem XXL den Jahrgang betitelte. Er hätte genauso gut aber auch "Put Trap Out Of Its Misery" lauten können. Das war bis auf wenige Ausnahmen wirklich die Resterampe der Trittbrettfahrer der spannenden Picks aus den letzten Jahren. Rückblickend kann man sich auf Flo Milli, Pooh Shiesty, 42 Dugg und Morray einigen, an den Rest wird sich in ein paar Jahren wohl niemand mehr erinnern.

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2 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Der Witz ist hier, dass schon wieder impliziert wird, dass Samra es getan haben muss. Ihr wisst es genauso wenig wie alle anderen. Fertig. Die Wahrheit kennen nur die beiden.

    Die Skepsis gegenüber Nika rührt aber auch daher, dass vor knapp 5 Monaten ein Video geleakt wurde, wo sie während eines Interviews davon erzählte, wie ihre Freunde meinten, sie solle Samra mit Vergewaltigungsvorwürfen erpressen. Dazu schwirrte auch noch ein Screenshot rum, der das wohl verifiziert. Ihre einzige Antwort darauf stand inhaltlich der Reaktion von Samra in nichts nach:

    "Gestern habe ich gelernt, dass ich mich nicht mehr rechtfertigen brauche. Ich weiß die Wahrheit und wenn ich keinen Fehler begangen habe, brauche ich mich auch für nichts schämen."

    Wenn Samra so etwas sagt, um seine Unschuld darzulegen, was als Bürger einer demokratischen Gesellschaft sein Recht ist, vor allem, wenn die gegen ihn erbrachten Vorwürfe lediglich öffentlich stattfinden, dann ist das toxisch maskulin und fördert ein sexistisches System. Wenn Nika aber auf solche Vorwürfe ähnliche vage reagiert, dann wird sie von Watson als "kämpferisch" bezeichnet.

  • Vor 4 Monaten

    Dass man Sexismus und Übergriffe verurteilen, gleichzeitig aber die Initiative, ihre Protaginisten und Methoden ablehnen kann, scheint in dieser Schwarz/Weiß Betrachtung nicht möglich zu sein.