laut.de-Kritik

Schön, mystisch und absolut tödlich.

Review von

Seit nun etwa drei Jahren mischt Amalie Bruun auf Atmosphäre bedachte Extreme Metal-Kreise auf. Es sticht eben heraus, wenn zum Kreischgesang auf der Bühne eine Dame steht, statt vier bis fünf schwarz-weiß geschminkte Grimmbolde. Geradezu euphorisch feiern einige die Dänin und ihre Musik, so dass sie mittlerweile im Vorprogramm von Behemoth oder Opeth spielt.

Keine Frage: Myrkur fasziniert. Bedingungslos huldigen kann ich ihrem zweiten Album "Mareridt" allerdings nicht. Das liegt zum Teil daran, dass Bruun die Stilmittel, mit der sie kalte Albtraum-Stimmung erzeugen möchte, bisweilen jenseits der Schmerzgrenze umsetzt. Manchmal klingt Myrkur einfach zu bedeutungsschwanger.

Der point of no return ist erreicht, als im abschließenden "Børnehjem" zu dramatisch hallendem a-capella-Chor eine hochgepitchte Kinderstimme droht: "But I could not do what they told me to because I wanted to kill them." Die gesamte Spoken-Word-Passage birgt zwar weit weniger abgedroschene Substanz, als aus dem Kontext gerissene Zeilen nahelegen. Um ernst genommen zu werden, sind grausam künstlich klingende Pitch-Vocals aber einfach die falsche Wahl. Zumal Myrkur sonst sehr auf Wurzelbehandlung steht.

Traditionelle Folk-Sounds machen einen wesentlichen Bestandteil des Sounds aus. In "Måneblôt" zum Beispiel erklingt, wunderbar in Szene gesetzt und begleitet von Waldschrat-Percussion, eine Nyckelharpa. Um sie herum flirren Black Metal-Gitarren und Blastbeats. Kontrapunkte beherrscht Bruun, und zwar nicht nur, was nebeneinander stehende ruhige und aggressive Parts angeht. Viel lieber als das genretypische Keifen legt sie über die Metalparts Sopranharmonien. Dabei greift sie ebenfalls auf Folk-Melodik zurück und schafft eine interessante Dynamik zwischen rücksichtslosem Ballern und beseelter Verletzlichkeit.

An den starken Frauen der nordischen Mythologie fasziniere sie die Ambivalenz zwischen Schönheit, Mystik und absoluter Tödlichkeit, sagt Bruun. Ebendies spiegelt sich in ihrer Musik wider. Dazu passt die Produktion: Sie wird rohen Black Metal-Standards gerecht, bringt dank großzügigem Hall-Einsatz allerdings auch Ätheriker zum Schwelgen. Wenn sich Bruun in "Crown" mit französischen Lyric-Einsprengseln zu schweren Klavierklängen wegträumt, bleibt dem Hörer gar nichts anderes übrig, als es ihr gleichzutun.

Während die Hypnose in "Crown" gelingt, schlägt sie in anderen Stücken aber leider fehl. Das mit Chelsea Wolfe an Mikro und Gitarre verstärkte "Funeral" kommt mit seinem behäbigen Doom-Vibe zum Beispiel gar nicht in die Gänge. Ein paar pathetische Schläge auf Schlagzeug und tiefgestimmte Gitarre machen trotz Feen-Backing eben noch lange keinen Song. Erzwungene Ideenreduktion schon gar nicht.

Am stärksten ist Myrkur nämlich wie gesagt, wenn sie verschiedenste Elemente zusammenrauft. In Vollendung demonstriert das "Ulvinde". Ein unwiderstehliches Midtempo-Pattern bildet den Hauptpfad durch den Song, darüber liegt Bruuns beruhigend warme Stimme. Immer wieder biegt die Chefin aber vom Weg ab, entlädt sich in wahnsinnigem Kreischen oder stimmt Ritualgesänge an. Das macht Blackgaze-Jünger glücklich, aufgeschlossene Black'n'Roller ebenso, und ist gleichzeitig ein Plädoyer dafür, wie großartig und frisch Folk Metal klingen kann. Wie abgestanden aber auch, reicht sie im nachfolgenden "Gladiatrix" nach.

Dass sich zwischen vielen großartigen Momenten auch verdammt viel Füllmaterial findet (wie etwa das überflüssige Instrumental-Gefidel "Kaeterren"), ist letztlich Myrkurs größtes Problem. Sollte Bruun das künftig in den Griff bekommen, könnte sie bald aber tatsächlich zu einer der wichtigsten Figuren des modernen Black Metal aufsteigen.

Trackliste

  1. 1. Mareridt
  2. 2. Måneblôt
  3. 3. The Serpent
  4. 4. Crown
  5. 5. Elleskudt
  6. 6. De Tre Piker
  7. 7. Funeral
  8. 8. Ulvinde
  9. 9. Gladiatrix
  10. 10. Kaetteren
  11. 11. Børnehjem

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3 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Gefällt mir sehr gut! Bei mir eher eine 5/5.
    Vor allem die 5 Bonus-Songs auf dem Vinyl steigern die Qualität noch mal deutlich und rücken es auch im Gesamteindruck noch mehr weg vom Black Metal. Denn das ist es eigentlich gar nicht.

  • Vor 2 Jahren

    Wer nur reinen Black Metal hört, wird damit wohl nichts anfangen können. Muss er auch nicht. Für mich ist das Album perfekt. Die Songs bilden eine Einheit ohne zu langweilen und fügen dem Genre eine neue Richtung hinzu. Wer hier von Hipster Black Metal spricht, hat nichts kapiert. 5/5

  • Vor 2 Jahren

    Von mir eine 4/5. Die „grausam künstlich klingende Pitch-Vocals„ erinnern mich stark an Bowies „Outside“. Da waren sie aber auch schon überflüssig und blöd.