laut.de-Kritik

Leidenschaft, Dramen, Versöhnung und Schmerz in der Sci-Fi-New-Wave-Disco.

Review von

Manchmal fühlt sich eine Platte an wie eine Liebesbeziehung. Wild, voller Leidenschaft, voller Dramen, voller Versöhnungen, voller Schmerz, voller Freude. Und sie durchläuft auch alle Stadien einer Liebschaft: Dieses vollkommen hypnotische "Liebe auf den ersten Blick"-Gefühl beim ersten Durchhören. Diese Euphorie, etwas Besonderes entdeckt zu haben. Danach wird es erst recht intensiv. Man möchte so viel Zeit wie möglich mit der Liebsten verbringen. Der Play-Knopf an der Anlage wird dabei zum viel gedrückten Freund.

Dann möchte man der Welt mitteilen, welch fast vollkommenes Geschöpf es hier zu bestaunen gibt und tut dies auch - natürlich fernab von irgendwelcher Rationalität. Gemäßigt euphorische Reaktionen auf die Platte nimmt man dabei ungläubig zur Kenntnis. Ja, man möchte sie hinfort schicken, diese Unwissenden. Das Gute dabei ist ja, dass einem die Meinung der anderen in diesem Fall ja auch irgendwie scheißegal ist. Zumindest solange diese "Wir gegen den Rest der Welt"-Stimmung anhält.

"Vice" vermittelt genau diese. Noch immer. Auch nach tagelangen Hörobsessionen ist die Liebe zu dieser Platte noch nicht abgeflacht. Im Gegensatz zu "Insects" gerät die Nachfolge-EP ruhiger und düsterer. Der Synthie dominiert nun die ganze Platte. Wir tapsen in einer Sci-Fi-New-Wave-Disco, in der uns Ian Curtis auf der Tanzfläche immer wieder anrempelt. Sind hin- und hergerissen zwischen romantischen Wave-Parts und Mitsing-Refrains.

Bereits "Blood In The Water" offenbart eine kindliche Verspieltheit, die sich durchs ganze Album hindurch zieht, und glänzt mit purer Schönheit. Piraten, so erzählt die Geschichte, versuchen den Kapitän loszuwerden und bitten dabei die Sirenen um Hilfe. Das Xylophon klingbimt zum monoton durchgezogen Gitarren-Riff. Die Stimme des Sängers Elmiger verhallt immer wieder im Sirenen-Synthie-Schwall.

"Vice" pocht mehr in Richtung tanzbarer Disco. Einen romantischeren Sommer-Song als "Streetkids" hat es schon lange nicht mehr gegeben. Man fühlt sich direkt ins Cover hinein gebeamt, will am Strand liegen und dem eineinhalb Minuten anhaltenden Dialog zwischen Gitarre, Xylophon und Elektronischem zuhören. Erst dann setzt Elmiger ein.

Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, der wird es spätestens beim melodramatischen Weltraumsong "M45" sein. Noch einmal bilden düstere Sirenen-Vocals den Hintergrund. Die Band spielt sich geradezu in einen Rausch und taucht in hymnische Tiefen ab, in denen sich ansonsten Kollegen wie Interpol oder die Editors aufhalten.

Aufgenommen wurde "Vice" in Eigenregie in einem selbst eingerichteten Studio. Betrachtet man das Ergebnis, ahnt man, wie viele Stunden daran wohl wie wahnsinnig gebastelt wurde. Zum Mastern gings dann aber zu Greg Calbi nach New York. Dieser war schon für Größen wie Talking Heads, David Bowie oder Interpol tätig.

Etwas Besseres hat die Schweizer Indie-Szene derzeit nicht zu bieten. Wären die Jungs aus Bern Engländer, hätte der NME sie schon lange euphorisch abgefeiert. Statt dessen schrauben Must Have Been Tokyo bescheiden fernab jeglichen Hypes an ihrem ganz persönlichen Sound. Und der ist, um es mit den Worten eines Verliebten zu sagen, einfach atemberaubend schön.

Trackliste

  1. 1. Blood In The Water
  2. 2. Vice
  3. 3. Streetkids
  4. 4. Feline
  5. 5. M45

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Must Have Been Tokyo

"Tanzmusik für Leute, die eigentlich nicht tanzen können." So beschreiben die Jungs von Must Have Been Tokyo ihren Sound. Gelangweilt vom 90er-Jahre-Geschrammel …

1 Kommentar