laut.de-Kritik

Für eine Handvoll Echtheit

Review von

Vorsicht, diese Geschichte ist tragisch. Mit 19 Jahren wurde Melody Gardot auf ihrem Fahrrad von einem Jeep erfasst. Sie erlitt Kopf- und Wirbelsäulen-Verletzungen und einen mehrfachen Beckenbruch. Mit Hilfe des Jazzgesangs als Teil einer Musiktherapie fand sie aber ins Leben zurück und hin zur Musik. Schmerzen hat sie bis heute immer noch, vor allem auch auf der Bühne.

Die gute Frau Gardot hätte also allen Grund, ein bisschen angefressen auf das Leben zu sein und depressive und lebensverachtende Musik für unverbesserliche Nachtschattengewächse zu produzieren. Mit dunkler Stimme könnte sie von Tod und Schmerz singen. Nur: Sie tut es nicht. Dann doch lieber die Liebe und das Leben feiern und daneben auch noch ein paar Songs zum Besten geben, die einen deutlich politischen Unterton haben.

Letzteres macht sie vor allem auf ihrem aktuellen Album. Gar über den Wert des Menschen an sich wird hier verhandelt, selbstverständlich auch auf Unruhen und Rassismus hingewiesen. Das hat natürlich Konsequenzen für die wunderbare Leichtigkeit des musikalischen Seins, die man bei ihren früheren Alben immer wieder hören konnte.

Der delikate und tendenziell subtile Sound von früher musste weichen. Inhalt und Form müssen schließlich in perfektem Gleichgewicht sein. Wer über solch gewichtige und wichtige Themen singt, muss auch mit der Soundästhetik ein Statement setzen. Erdig geht es zu, direkt, ehrlich. Eine Ehrensache, dass mit analogem Equipment gearbeitet wurde.

Bläserarrangements und Chöre gibt es außerdem hier, dass es den Ohren an mancher Stelle schon fast zu bunt wird. Vielleicht ist es aber einfach die Gewöhnung an den glatten Sound vergleichbarer Produktionen und Melody Gardot geht hier den absolut richtigen Weg. Zweifellos: Die Songs sind immer noch gut.

Aber Melody Gardot tappt in die Authentizitäts-Falle. Alles muss authentisch klingen, echt, unverfälscht, irgendwie leicht dreckig und vor allem ganz und gar organisch. Eine Gitarre ist eine Gitarre ist eine Gitarre und ein Klavier nun einmal einfach ein Klavier. Da braucht es nicht viel Schnickschnack, zumal wenn die beteiligten MusikerInnen gut sind.

So ist diese Platte einer der raren Fälle, bei denen eigentlich alles funktioniert und stimmig ist. Die Entscheidung für diesen Sound ist eine perfekte Spiegelung der textlichen und narrativen Ebene. Dennoch vermisse ich die 'alte' Melody Gardot, die hier nur mehr hin und wieder zum Vorschein kommt.

Wo sind die federleichten Jazz-Pop-Soul-Songs, die sie dem Schmerz ihrer eigenen Geschichte abgetrotzt hat? Melody Gardot hat sich von der musikalischen Beschreibung ihrer eigenen Befindlichkeit und ihres eigenen Innenlebens mehr als nur ein paar Schritte entfernt. Sie ist in der gesellschaftspolitischen Realität im Heute angekommen und hat eine Platte veröffentlicht, die ein Statement sein soll. Das ist ihr gelungen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie man das findet, ist wohl eine Frage der Perspektive. Bei mir überwiegt das Bedauern.

Trackliste

  1. 1. Don't Misunderstand
  2. 2. Don't Talk
  3. 3. It Gonna Come
  4. 4. Bad News
  5. 5. She Don't Know
  6. 6. Palmas Da Rua (Interlude)
  7. 7. Same To You
  8. 8. No Man's Prize (Bonus Track)
  9. 9. March For Mingus (Interlude)
  10. 10. Preacherman
  11. 11. Morning Sun
  12. 12. If Ever I Recall Your Face
  13. 13. Once I Was Loved
  14. 14. After the Rain (Bonus Track)
  15. 15. Burying My Troubles (Bonus Track)

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2 Kommentare

  • Vor 3 Jahren

    Ich stimme der Rezension zu. Schön, aber irgendwie ... nicht so richtig fesselnd. Schade. Die Stimme ist wunderbar.

  • Vor 3 Jahren

    ..................ein suptiles vielschichtiges Werk einer Frau die einem durch ihre Anwesenheid den Atem raubt. Für mich das bessere ,dritte Album'. Danke Melly. Wie bei, If Ever I Recall Your Face, die Stimme eingefangen wurde, jeder Atemzug Teil der Darbietung ist. Das hat schon was.............oder Bad News, das in Reinform die musikalische Sexualität ,der bösen schwarzen Katze' in Töne kleidet. Wow. Mir gefällt es. Auch die direkte Form der Aufnahme. Das alles lässt mich wieder hoffen das Musik mehr ist als ein paar Taller auf dem Konto.