laut.de-Kritik

"Gibt es einen Platz für mich hier / im Paragraf 23?"

Review von

Drei Jahre hat es gedauert, bis der Nachfolger zu "Endlich Unendlich" in die Plattenläden kommt. Drei lange Jahre, in denen der Moabiter Megaloh zu einem der umtriebigsten Hip Hop Künstler Deutschlands mutierte. Zahlreiche Festivalauftritte, große und kleine Tourneen, Feature-Parts für alles und jeden. Nur eben das eigene Album dauerte, der Perfektionist Megaloh ließ Fans und mediale Öffentlichkeit lange warten.

"Am liebsten hätte ich jedes Jahr eine Platte rausgebracht" gestand der 35-Jährige kürzlich in einem Interview. Doch im Hause Nesola lässt man sich Zeit. Das Label arbeitet mindestens so perfektionistisch wie Megaloh selbst. Doch hält "Regenmacher" auch das, was uns Künstler und Label glauben machen wollen? Nämlich dass es einen "ähnlichen thematischen Faden [habe] wie das erste Album, nur mit besseren Reimen?"

Majestätisch erhebt sich zu Beginn die titelgebende Single "Regenmacher" als erster Song der LP aus den Lautsprechern. Vollmundig klingende Bläser eröffnen Megalohs zweites Major-Album, begleitet von Orgeln, boom-bappigen Snare-Drums und waberndem Bässen. Ein schneller Skip zum nächsten Track "Zug" bestätigt die erste Annahme: Zumindest am Anfang von "Regenmacher" hat sich an Megalohs Sound nicht viel geändert. Die souligen Einflüsse von Haus- und Hofproduzent Ghanaian Stallion sind unverkennbar und stilprägend für das Klangbild der Platte.

Auf textlicher Ebene ist Megaloh wie immer einen Schritt voraus. Als hätte er es geahnt, nimmt er seinen Fans die wohl drängendste Frage nach drei Jahren Erfolg mit "Endlich Unendlich" aus dem Mund: "Sie fragen mich: Kann ich inzwischen von der Mukke leben?" Um sie postwendend auch gleich zu beantworten: "Könnt mir noch immer um vier Uhr morgens im Bus begegnen."

Er ist auf dem Boden geblieben, aus der anfänglichen Gier (Megaloh würde es wohl selbst als Hunger bezeichnen) wurde eine neue, für ihn zunächst doch ungewohnte Bescheidenheit. Ist das zu viel Selbstsicherheit? Gar versteckte Arroganz? Wohl kaum. Megalohs Liebeserklärung an die Musik im Song "Zug" zeigt seine ungebrochene Begeisterung für Hip Hop und dessen Szene. Trotz etwas gewöhnungsbedürftiger Hook ("Es macht tuut tuut / wir überrollen alles / tuut tuut / bist du mit dabei oder schaust du nur zu?") ist der Auftakt der neuen LP durchaus gelungen.

Mit "Zapp Brannigan" folgt der erste richtige Brecher des Albums. Der Klangteppich verdichtet sich, Mr. Reimkette schwingt sich zu Höchstleitungen auf. Zack! Bumm! Bäng! Mehr bleibt dazu eigentlich nicht zu sagen. Obwohl die Futurama- und Star Wars-Bezüge, etwas größenwahnsinnige Vergleiche, ein Sample von Companero Afrob und die derben Punshlines dann doch erwähnt werden sollten: "Manneken, scher dich weg Zapp Brannigan / Zapp / Nenn mich Meg' oder Black-Anakin."

Wenn der Next-Eminem aka El Jeffe im Ring in den folgenden Zeilen weiter zur Flow-Backpfeife ausholt, klingt das in etwa so: "Treffsicher / fress dich / hab Recht / ich machs hässlicher / weg / ich verletz dich / hab Pest mit Asbest mit als Text dicker / check mich / verwechselt ma' Meg nicht / mach Chef-Shit / perfekte Parkett-Swinger Technik." Puh. Überstyle. Floworgasmus. Oder um es mit Megalohs eigenen Worten zu sagen: "Kennst mich / Name steht für Qualität / egal welcher Reimstyle / mein Style, alles geht!"

Und das bunte Treiben geht mit "Wer Hat Die Hitze" direkt weiter. Nur wird hier das erneute Punchline-Gewitter von der Leipziger Reggae-Instanz Trettmann begleitet. Der sächsische Don Dada beschloss unlängst eine musikalische Neuausrichtung seiner selbst vorzunehmen und von Offbeat-Musik hin zu cloudigem Trap zu wandern. Nach dem erfolgreichen Feature von Megaloh auf Trettmanns Single "Was Solls" auf Tekas "Straight Out Of The Fridge"-Riddim folgt mit "Wer Hat Die Hitze" nun die Revanche. Und die von Trettmann vorgetragene Hook komplettiert die Stimmung dieses Power-Songs derart, wie es wohl kein anderer deutscher Sänger vermocht hätte. Wenn Megaloh nun propagiert: "Alle voll Kendrick, alle voll emsig, is' alles voll Trend / aber wer hat die Hitze?", versteht sich die Antwort folglich von selbst.

Das Feature mit MoTrip und Sänger Maxim, "Ernte Dank", leitet dann einen musikalischen Bruch ein. Die Stimmung wird ruhiger, entspannter. Die Themen jedoch bleiben: Megaloh und die Musik. In dieses Schema fügen sich auch "Was Ihr Seht", "Alles Anders" gemeinsam mit Mentor Max Herre auf Autotune und das sehr poppige "Himmel Berühren". Letztgenannter Song könnte Megalohs "Wir Können Alles Machen!" werden. Radiotauglich eben. Aber für ein Album wirklich notwendig? Daran scheiden sich wohl die Geister.

"Regenmacher" scheint im weiteren Verlauf klanglich doch variantenreicher zu sein, als anfangs angenommen. Die nigerianischen Wurzeln von Uchenna van Capelleveen, wie Megaloh mit bürgerlichem Namen heißt, kämpfen sich in "Er Ist / Voodoo Interlude" oder im sehr politischen "Wohin" energisch durch den eigentlich doch fest zusammengepressten Sound des Berliners. Auch wenn er die zurzeit gesellschaftlich wohl entwaffnenste Frage aller Fragen stellt: "Ich wusste nicht, wo ich hin kann / mein Zuhause, sie nahmen es an sich / bin auf der Flucht schon so lang / ich hatte Angst, ich erreiche dieses Land nicht / jetzt bin ich endlich da / hab es geschafft, doch sie sagen mir was anderes / sag mir gibt es einen Platz für mich hier / im Paragraf 23?"

Megaloh bezieht mit "Regenmacher" somit Stellung, er gibt ungewöhnlich viel von sich preis. Politisch, persönlich und musikalisch. Dem sonst so souligen Klanggewand werden weitere Facetten angenäht. Seien es Funk und Jazz ("Schlechter Schlaf" mit Joy Denalane) oder eben Megalohs Passion Trap ("Graulila" mit Tua, "Oyoyo" mit Patrice und Musa - Anspieltipp!), von der er unlängst sogar Max Herre überzeugen konnte (zumindest was dessen Reimtechnik auf Chefkets "Rap & Soul"-Remix angeht). Abgeschlossen wird die LP gemeinsam mit Jan Delay auf "Geradeaus": Offbeat trifft auf Flow, der Refrain trifft auf Eißfelds schnöselige Stimme - und ein wirklich gutes Album trifft auf einen wirklich guten letzten Song. Basta!

Man hat das Gefühl, Megaloh steht mit "Regenmacher" an einem Scheideweg: Entweder gelingt ihm damit der große Durchbruch, der Aufstieg in die 1. Liga des deutschen Hip Hop. Oder er tritt damit eben weiter auf der Stelle. Denn in einer Zeit, in der das Verlangen der Szene gefühlt etwas mehr in Richtung 'ruffe Lines auf ballernde Beats' geht, wäre ein komplettes Album in "Zapp Brannigan"-Manier sicher ein größerer Kassenschlager. Aber gut, dass "Regenmacher" nicht so einseitig gerät und sowohl mit musikalischer Vielfalt als auch textlicher Raffinesse besticht, auch wenn gelegentlich ein kleines bisschen zu viel Pathos über dem Album schwebt.

Der große kommerzielle Erfolg ist Megaloh wirklich zu wünschen. Doch sollte sich dieser – und das ist zu befürchten – auch mit "Regenmacher" nicht einstellen, bleibt der Szene immerhin ein großartiger Künstler erhalten, der sich nicht blind jedem Zeitgeist beugt, sondern ihn portionsgerecht adaptiert und mit gesundem Maß einsetzt.

Trackliste

  1. 1. Regenmacher
  2. 2. Zug
  3. 3. Zapp Brannigan
  4. 4. Wer Hat Die Hitze
  5. 5. Ernte Dank
  6. 6. Was Ihr Seht
  7. 7. Er Ist / Voodoo Interlude
  8. 8. Wohin
  9. 9. Himmel Berühren
  10. 10. Schlechter Schlaf
  11. 11. Oyoyo
  12. 12. Alles Anders
  13. 13. Graulila
  14. 14. Geradeaus

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13 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Ronny Trettmann, MoTrip, Maxim, Musa, Joy Denalane, Patrice, Max Herre, Tua, Jan Delay, ASD, Gentleman.

    Also wenn diese Featureliste nicht zum ungehörten 1/5 verführt, weiß ich auch nicht mehr. Aber sei's drum, ein paar Durchläufe werden mich schon nicht umbringen.

    Dann kommt die Hook von Zug und mir bliebe vor Ungemach das Herz stehen, würde das heftige Zucken meines Zeigefingers in Richtung Bewertungsbalken nicht als Herzdruckmassage wirken.

    Ich habe es trotzdem mehrfach gehört und könnte jetzt natürlich viel schreiben, halte das aber für unnötig. Das ist musikalisch genau das, was die die Features vermuten lassen, ergänzt um etwas Django77-kompatiblen "Trap". Also nichts für mich. Klare 1/5.

  • Vor 2 Jahren

    Finde es erstaunlicherweise gut. Haufenweise Top-Beats, eine großartige Raptechnick inklusive ellenlange Reimpatterns und Punchlines die er nicht jedem ins Gesicht reiben muss. Die Trapelemente angnehm dezent, neben dem organischen Sound.
    Klar hat das Ding offensichtliche Schwächen: Von den Features gehen lediglich Tua, Maxim und Trettman klar. Der Samy Part ist unterirdisch. Ein paar Beats sind (nahe am) Pop.
    Insgesamt aber ein super angenehmes Album!