4. Oktober 2018

"Ich habe das Ehrenvolle in den Rap gebracht"

Interview geführt von

Top-20-Charteinstieg für sein neues Album: Massiv bleibt dennoch bescheiden. Wir sprachen mit ihm über Weiterentwicklung und Heuchelei im Hip-Hop.

Mit dem erklärten Ziel, als Rapper Karriere zu machen, zog es Massiv vor mittlerweile zwölf Jahren aus der pfälzischen Provinz ins Hip-Hop-Herz der Republik. Seitdem hält er mit regelmäßigen Veröffentlichungen ein unvermindert hohes Tempo. Für sein vierzehntes Soloalbum "M10 II" öffnete sich der Rapper verstärkt dem dominierenden Trap-Sound.

Ein solider Platz 16 in den Charts zeugt davon, dass die Hörerschaft diesen Ansatz goutiert. Doch auch mit kritischen Stimmen geht Massiv souverän um. Im Telefoninterview hält er konstant die Balance zwischen Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. Durchaus reflektiert gewährt er Einblicke in die Entstehung von "M10 II", die Bedeutung von Kollegialität, Komik und Körperkult sowie die allgemeine Entwicklung der Musikindustrie.

Du hast in der Ankündigung zu "M10 II" unter anderem geschrieben: "Das Hip Hop-Zeitalter in Deutschland entwickelt sich ständig weiter." Wie groß ist der Druck, sich dieser Entwicklung zu stellen und gegebenenfalls anzupassen?

Druck passt eigentlich nicht zur Musik. Das Wichtigste ist einfach zu versuchen, das aufs Papier zu bringen, was momentan modern ist. Es gehört ja auch dazu, sich weiterzuentwickeln. Musik und gerade German Rap besteht aus Battle. Was die Leute da gerade machen, versuche ich in meinem Stil umzusetzen. Es ist nicht so, dass ich meinen Charakter oder mein Image verändere, sondern ich versuche einfach mit der Zeit zu gehen. Man muss sich auch selbst treu bleiben. Ich kann ja nicht 30 Jahre lang wie 2006 rappen.

Welche Elemente der Musik sind denn original Massiv und welche hast du an den Zeitgeist angepasst?

Gerade habe ich Sachen aufgenommen, die in eine noch bessere Richtung gehen, so dass ich mich noch besser finde. Das Brachiale und Druckvolle, bleibt auf jeden Fall immer original Massiv. Und das versuche ich jetzt zu perfektionieren. Was die Raps angeht werde ich bei meinen nächsten Sachen noch druckvoller sein und nur in den Bridges und der Hook ein wenig vom alten Massiv loskommen.

Nach "Raubtier" und "BGB X" ist es das dritte Album, das du mit J.S. Kuster aufgenommen hast. Wie verläuft die Studio-Arbeit mit ihm und was gefällt dir daran?

Er ist mein Lieblingsproduzent, weil er aus wenig sehr viel macht. Manchmal nimmt er mir auch Arbeit ab, indem er sagt: Du musst diese Stelle nicht mehr doppeln, weil ich einen Effekt darauf mache. Er erkennt sehr schnell on point, wo was hin muss und wo er mich dicker klingen lässt. Daher liebe ich diesen Menschen.

Wie hat sich deine Herangehensweise an die Musik verändert, wenn du "M10 II" einmal "Blut gegen Blut" gegenüberstellen würdest?

Es ist komplett anders. Bei "Blut gegen Blut" ist alles brachial, dunkel und düster. Es geht darum, mit dem Panzer durch Wedding zu fahren. Schon beim ersten Teil "M10" war es ja so, dass ich mich sehr erfolgreich komplett trapmäßig ausprobiert habe. Da konnte ich alles machen: Autotune, Trap, auf meine Art und Weise auf die Kacke hauen.

Hältst du eigentlich Autotune für den passenden Effekt für deine Musik? Immerhin zerstört er ja eigentlich diesen brachialen Ansatz.

Genau, es ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Im Nachhinein hast du da recht und ich muss mich selbst am Kragen packen und sagen: 'OK, da hätte ich es lassen können.' Aber mein Gefühl und der Vibe im Studio lautete: Machen und raus damit. Ich halte nichts von übertriebener Perfektion, weil da ein gewisser Stillstand herrscht. Leute, die einfach machen, sind immer da. Die Zeiten haben sich so verändert. Du muss jeden Monat bei Spotify präsent sein und mindestens ein Video herausbringen. Eigentlich muss man gar kein Album mehr promoten, sondern einfach nur jeden Monat eine Single. Das ist der Neuzeittrend.

Das erinnert mich ein wenig an die Haltung von Woody Allen, der meinte, er versuche über die Quantität zu kommen, in dem er möglichst viele Filme herausbringe, in der Hoffnung, dass ein Meisterwerk dabei sei.

(lacht) Ja, geil, das ist mathematisch auf jeden Fall nicht verkehrt.

Du bist vor etwa zwölf Jahren aus Pirmasens nach Berlin gekommen. Was hat die Pfalz denn der Hauptstadt voraus?

Dass man jeden kennt. Hier in Berlin ist es zwar auch so, aber du kennst noch nicht jedes zweite Gesicht von jedem. Was die Pfalz noch voraus hat, ist die Ruhe. Hier in Berlin hast du keine Ruhe. Du kannst in der Pfalz auf jeden Fall deine volle Konzentration auf eine Sache richten. Hier musst du 100 Sachen machen.

Hängt das mit dem Konkurrenzdruck zusammen?

Es ist einfach der Lifestyle hier, wenn du Teil der Szene sein willst. Ich bin keiner, der aufdreht und nachts in Discos und Shisha-Bars rumeiert. Was das angeht, bin ich sehr eigen. Ich gehe auch nur ins Studio, um zu arbeiten und nicht um zu chillen, zu hängen und zu drehen. Wenn du das alles sein lässt, merkst du, dass die anderen alle am worken und hustlen sind und letztendlich 100 Songs über Nacht aufnehmen. Ich lebe und schlafe nicht neben dem Mikrofon.

Der Berliner Hip-Hop hat sich früher stark vom Rest abgegrenzt. Dementsprechend kritisch wurdest du zu Beginn als Zugezogener beäugt. Mittlerweile ist der nach Berlin ziehende Künstler fast schon ein Klischee. Wie hat sich die Mentalität der Stadt in den Jahren verändert?

Hip-Hop hat sich verändert. Jetzt könnte ich auch von Pirmasens aus das "Ghettolied" machen. Es interessiert keinen mehr, welche Stadt du representest. Heute kann jeder mit jedem zusammenarbeiten. Es streut sich durch die vielen Streaming-Plattformen und Youtube ganz anders. Damals war es so: Sido bringt ein Video heraus, drei Wochen später bringt Massiv ein Video heraus, vier Wochen später bringt Bushido ein Video heraus. Das waren richtige Festtage!

Heutzutage klatschen am selben Tag 100 Rapper mit Trailern, Videos und Snippets alles zu. Dann ist es auch egal, woher jemand kommt. Das ist nur noch für deine eigene Fanbase interessant. Eigentlich musst du heute nicht mehr nach Berlin ziehen. Aber für mich ist es immer noch das Nonplusultra. Nirgendwo hast du so einen Flair. Alles, was du haben willst, bekommst du hier. Ich war ja wirklich in jeder Stadt in Deutschland. Es gibt keine andere Stadt, die auch nur ansatzweise so ist wie Berlin.

"Ich möchte für meine Leistungen auf jeden Fall einen Integrationspreis"

Du hast den Arbeitseifer bereits angesprochen. 2011 meintest du in einem Juice-Interview: "Ich habe alles geopfert, um damals 'Blut gegen Blut' und das 'Ghettolied' rausbringen zu können." Fehlt den meisten diese Opferbereitschaft?

Momentan werden vielen Künstlern die Türen geöffnet, ohne dass sie dafür bluten müssen. Manchmal muss man aber das Gefühl haben, dass man etwas liegen lässt, um etwas zu bekommen. Wenn das nicht gegeben ist, dann bist du niemals ein hungriger Künstler. Ich bemerke, dass es in der kompletten Szene sehr, sehr viele Charaktere gibt, die vieles geschenkt bekommen. Das müssen sie ganz schnell zu schätzen lernen, denn wenn nicht, fährt der Zug irgendwann an ihnen vorbei. Was ihre Einstellung angeht, werden die sehr schnell einknicken, wenn es wirklich hart zur Sache geht und das Leben zuschlägt.

Als du damals angefangen hast, warst du für deine verbindende Haltung bekannt. Du meintest vor einigen Jahren: "Wir sind alle gleich, ob Deutsche, Araber, Türken, Afrikaner – Herkunft und Religion ist egal, wir müssen hier zusammenleben." Warum fehlt dieser politische Ansatz auf "M10 II", obwohl er gerade heute so wichtig wäre?

Ich habe das wirklich sehr oft gemacht und von vielen Seiten Shitstorms bekommen. Dann denke ich mir so: 'Ach, lass mal diesen ganzen Kram beiseite.' Ich mag es einfach, Musik zu machen und verstanden zu werden. Seit vier Jahren versuche ich saubere Musik ohne Fäkalsprache zu machen, was schon Herausforderung genug ist. Es ist nicht gerade einfach, solche Musik zu machen, ohne Baccardi zu trinken, über Rum zu rappen oder sich ein Blättchen zu drehen. Etwas Politisches zu machen würde zwar meiner Auffassung entsprechen, aber nur vier von zehn Leuten gefallen. Dann sollen sie lieber meine Musik kritisieren, aber nicht meine Einstellung.

Damit wärst du heute aber weniger mutig als damals.

Ich bin eigentlich sehr, sehr mutig, aber mich interessiert Politik auch nicht mehr so. Alles, was ich sagen wollte, habe ich gesagt. Alles, was ich getan habe, müssen andere erstmal nachmachen. Ich habe wirklich diese ganze Jargon-Sprache wie 'Habibi', 'Mashalla', 'Hamdullah', 'Inshallah' und das Ehrenvolle in den Rap eingebracht! Dafür muss ich in den nächsten Jahren auf jeden Fall noch meinen Respekt einfahren, weil heutzutage alle darüber rappen, was vorher gar nicht denkbar war. Die Leute haben zu mir im Studio gesagt: "Wie kannst du sagen: 'Mahmud, geb' die Hälfte an dich ab'? Warum sagst du nicht: 'Günther, geb' die Hälfte an dich ab.'" Wir reden hier von 2006, als das noch ein komplettes No-Go und Bushido das Nonplusultra war, der auf saubere Art und Weise Kanakenrap gemacht und Schöneberg representet hat. Dann kam ich um die Ecke und habe die Tür dafür aufgemacht. Heutzutage ist das Normalität und wenn einer in dieser Sprache rappt, bei der du kein Wort verstehst, finden das die meisten Leute voll cool. Damit will ich sagen, dass ich diese Sprache etabliert habe. Also ich möchte dafür auf jeden Fall einen Integrationspreis bekommen.

Während du am Anfang eine sehr kontroverse Figur warst, genießt du heute eine hohe Akzeptanz. Kool Savas nannte dich mir gegenüber kürzlich als Paradebeispiel für einen besonders lieben Kollegen, dem jeder seinen Erfolg gönnt. Wie erklärst du dir diese Entwicklung?

Ich bin wirklich Deutschrap-Hörer und liebe es, die CDs zu kaufen und zu supporten, weil ich weiß, dass nichts selbstverständlich ist. Umso schöner ist es, wenn jemand dich supportet und den Leuten zeigt, dass der Kuchen groß genug ist. Ich liebe einfach dieses Gefühl, dazugehörig zu sein, aber dafür will ich auch nicht kämpfen. Und ich will, dass jeder sauber über den Anderen denkt. Es liegt mir wirklich am Herzen, dass ich sauber aus dieser Hip-Hop-Sache herausgehe und nicht irgendwem etwas schulde. Deswegen versuche ich, keinem etwas vorzuspielen. Gerade im Hip-Hop-Game ist diese Heuchelei, bei der einfach jeder auf seinen Profit aus ist, wirklich ekelig. Daran beteilige ich mich auf jeden Fall nicht.

Und das zahlt sich mit der Zeit irgendwann aus.

Natürlich, was Rap angeht, kann ich sagen, dass ich heutzutage wirklich mit jedem Künstler in Deutschland komplett auf einer Wellenlänge bin. Wir sind gut miteinander, was aber nicht heißt, dass man direkt Musik machen muss, sondern dass man sich einfach gegenseitig Respekt zollt. Ich finde das sehr, sehr wichtig. Wer nicht verstanden hat, dass der Kuchen groß genug ist, kann in seinem Studio ersticken. Es ist genug für jeden da und es ist Zeit zu gönnen.

Du hast neben Kool Savas auch die zur Zeit sehr erfolgreichen Rapper Olexesh, Capital Bra und Farid Bang als Gäste auf "M10 II". Welche Bedeutungen haben die Features für dein jüngstes Album?

Farid ist auch im Alltag einer meiner besten Freunde. Wir reden außerhalb von der Musik sehr viel miteinander. Mit Capital habe ich schon auf seinem ersten Album gerappt. Ich habe schon mit ihm zusammengearbeitet, als das noch keiner gemacht hat, weil ich früh erkannt habe, was er für eine Maschine ist. Es hat mir krass am Herzen gelegen, mit ihm eine Granate wie "Hubba Bubba" zu machen. Savas war schon immer ein Traum. Ich kenne keinen Deutschrap-Künstler, der seine Musik live so rüberbringt wie auf CD und der so viel Liebe in die Details steckt. Für mich persönlich ist das wirklich einer der Höhepunkte meiner Laufbahn. Ich finde, dass Savas einer der größten Künstler Deutschland ist und habe ihm das auch zu verstehen gegeben. Deswegen kommt der Respekt auch von beiden Seiten. Es ist für mich nichts Selbstverständliches, dass er mir einen 16er gegeben hat. Wir haben wirklich Musik zusammen gemacht. Das ist sehr viel Wert und das schätze ich für immer. Olexesh wollte ich gerne raptechnisch dabei haben. Ich habe sein Album so krass gefeiert, dass ich ihn direkt angefragt habe. Dann hat das auch noch zeitlich geklappt. So ergibt sich das alles.

Mit Farid Bang teilst du einen gewissen Hang zum Körperkult. Warum spielt das Thema Bodybuilding eine so große Rolle im deutschen Rap?

Bodybuilding ist der falsche Ausdruck. Ich finde Fitness passt perfekt zu Rap. Fit und cool zu sein macht einen Rapper aus. Das hat schon immer zusammengehört. Man versucht ja etwas auszustrahlen. Ich höre gerne Typen zu, die einen gewissen Lifestyle leben und darüber rappen. Das macht die Atmosphäre aus.

Wobei das ja nicht immer Bestandteil des Hip-Hop war. Fitness ist schon ein sehr modernes Thema.

Ja, das ist sehr modern, aber ich habe auch schon 2006 über Hantelschleppen und 160 kg Bankdrücken gerappt. Das hat einfach schon immer zu mir dazugehört.

"Ich fahre nicht wirklich mit dem Panzer durch Wedding."

Immer wieder erscheinen Zeilen bei dir völlig absurd, wie zum Beispiel "Selbst meine Katzen tragen Gucci und sind pressetauglich." Welche Bedeutung hat der Humor für die Figur Massiv?

Der gehört immer noch dazu. Wenn du mir privat begegnest, würdest du dich totlachen. Eigentlich müsste ich Comedy-Rap machen. In diese brachiale Musik Wortwitz zu streuen, ist halt immer viel lustiger, als wenn du nur hart nach vorne gehst. Es ist immer cooler, wenn du was Witziges mit einer harten Stimme sagst. Das kommt auch im Studio immer cool.

Letztes Jahr meintest du in einem Interview: "So lange ich mich gut fühle und mir nicht irgendwie lächerlich vorkomme, ist es in Ordnung." Wann wäre dieser Punkt denn erreicht? Woran würdest du ihn erkennen?

Das ist ein Lebensgefühl. Vor vier Jahren habe ich zum Beispiel gemerkt, dass ich mit ekeliger Sprache nicht mehr vor dem Spiegel stehen will. Ich will den Kindern etwas Sauberes und Motivierendes mit auf den Weg geben, wenn ich mit ihnen Bilder mache. Das habe ich jetzt vier Jahre hintereinander sauber geschafft. Der nächste Punkt kommt dann, wenn er kommen muss. Damals habe ich auch nicht gedacht, dass ich mit 30 Jahren noch rappe. Aber die Zeiten haben sich verändert und es kommt ja immer darauf an wie man es macht und wie man sich dabei fühlt.

Das heißt, in zehn Jahren kommt dann vielleicht doch der Comedy-Rap?

Ja, vielleicht. Vielleicht mache ich auch Theater. Bei Staffel 2 von "4 Blocks" übernehme ich die Straße. Das ist die beste deutsche Serie ever!

Gelingt es dir gut, als Privatperson distanziert auf die Kunstfigur blicken? Betrachtest du Massiv als Rolle?

Ne, es ist wirklich sehr viel von mir aus dem echten Leben enthalten. Aber wenn ich übertreibe, ist es Fiktion. Also ich fahre nicht wirklich mit dem Panzer durch Wedding. Es ist etwas, bei dem ich ausbrechen, aus mir rausgehen und meine Wut herauslassen kann. Das ist ja auch eine Art von Kunst, um die Leute zu unterhalten.

Stellt es auch ein wenig Therapie dar?

Für mich war es schon immer Therapie, wenn ich einen guten Song aufnehme, den auf der Fahrt nach Hause im Auto höre und mir dann sage: 'Heute war ein hammer Tag. Jetzt kann mir keiner die Butter vom Brot nehmen. Heute habe ich etwas geleistet. Der Tag ist mir!' Das ist so als würde ich einen Berg erklimmen.

Du meintest letztes Jahr auch: "Ich weiß, dass ich nicht mehr die größte Nummer im Game bin." Für einen Rapper ist das eine sehr realistische Selbsteinschätzung.

Diese Selbsteinschätzung ist keine Schwäche, sondern es ist eher eine Stärke zu sagen: 'OK, ich bin nicht der, der am meisten verkauft.' In Deutschland wird der größte Rapper im Game daran gemessen, wer am meisten verkauft. Aber auf der anderen Seite sehe ich mich als stärksten und größten Rapper in dem, was ich mache. Ich denke nicht, dass jemand noch druckvollere Mucke machen kann. Da bin ich auch sehr selbstbewusst. Wenn du einem Amerikaner ein Video von Massiv zeigst, wird der Amerikaner immer sagen: 'Oh, in Deutschland geht ja die Post ab!' Ich denke schon, dass man mich in der Vitrine schön nach vorne stellen kann.

Wie relevant ist für dich die Frage nach deiner Stellung in der Hip-Hop-Hierarchie eigentlich?

Für mich ist das Wichtigste, dass ich in den dreizehn Jahren mindestens eine Platte jährlich meiner Diskografie hinzufügen und davon leben konnte. Das ist für mich schon Erfolg. Ich habe viele Künstler kommen und gehen sehen. Das ist nicht einfach, viele werfen dir immer vor, dich charakterlich verändert und dein Image viermal gewechselt zu haben. Aber danach immer noch eine Platte aufzunehmen, die unter den Jugendlichen eine gewisse Relevanz hat, muss auf jeden Fall geschätzt werden. Das empfinde ich als größten Erfolg.

Gibt es jemanden, bei dem du bedauerst, dass er nicht mehr da ist?

Wer hat denn aufgehört außer Torch? (lacht) Ja, alle rappen noch. Es gibt aber viele talentierte Leute, die kommen und du siehst sie immer wieder, aber dann sind sie weg. Die können es einfach nicht auf die Beine stellen oder haben nicht das nötige Glück, einen gewissen Menschen kennen zu lernen, der sie die Treppe weiter hoch steigen oder sie relevanter nach außen hin aussehen lässt. Manche Künstler haben ja das gewisse Glück, Relevanz zu bekommen, weil sie die richtigen Leute kennen, aber nicht die besten Rapper sind. Das ist ja absoluter Fakt!

Könntest du dir vorstellen, dich an Farid Bang zu orientieren, der sich schrittweise aus der ersten Reihe zurückzieht, um andere Rapper zu fördern und sein Label nach vorne zu stellen?

Ne, das hätte ich ja schon längst gemacht. Ich kann keinem Künstler 100 % versprechen, wenn ich keine 100 % investieren kann. Ich müsste dasselbe tun, was ich für mich tue. Das kann ich keinem Künstler versprechen. Deswegen gehe ich das Risiko nicht ein, dass der Künstler irgendwann im Interview sitzt und sagt, er sei von mir abgefuckt worden. Deswegen war ich auch nie auf diesem Zug drauf, dass ich irgendwelche Leute gesignt habe. Im Hintergrund habe ich viele Leute bei Labels untergebracht, aber das muss ich nicht an die große Glocke hängen. Das wissen die Leute, die es wissen müssen. Ich habe den dahin vermittelt und den dahin gebracht, weil ich einfach denke, die Leute haben das gewisse Potenzial und müssen nach oben. Die müssen zu den richtigen Leuten.

Wieso könntest du für einem anderen Künstler keine 100% geben?

100% kannst du dir nur selbst versprechen. Die kann ich keinem anderen Künstler versprechen, weil ich dann zwar eventuell mit Liebe dabei bin, aber nicht mit den Emotionen meiner eigenen Mucke. Das muss man ganz ehrlich und gerade zu jedem Künstler sagen und darfst ihm nichts vorspielen. Deswegen musst du ihn einfach seinen Weg gehen lassen, anstatt ihn aufzuhalten, nur weil du in ihm das große Geld siehst.

Und wenn wir mal davon ausgehen, dass du vielleicht in 20 Jahren kein Interesse mehr daran hast, selbst zu rappen, aber in dem Geschäft weiter mitwirken willst?

Das ist natürlich eine andere Sache. Aber während ich noch selbst rappe, werde ich mir das nicht zu Herzen nehmen, einen anderen aufzuhalten, der eigentlich mehr verdient. Das ist einfach der absolute Fakt. Ich bin nicht nur auf Geld oder Macht aus. Das hätte ich schon längst haben können. Ich könnte auch bei anderen Labels signen und Action machen, aber das ist absolut nicht mein Ding.

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4 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    esagt. Alles, was ich getan habe, müssen andere erstmal nachmachen. Ich habe wirklich diese ganze Jargon-Sprache wie 'Habibi', 'Mashalla', 'Hamdullah', 'Inshallah' und das Ehrenvolle in den Rap eingebracht!

    das stimmt. ob das jetzt so ehrenvoll ist, in dem kontext, ist eine andere frage aber massiv war glaubs tatsächlich der erste, der dieses verbalgemusel im großen stil auf beats betrieben hat. gut, dirty burhan hat dies damals auch gemacht...aber den vergaß der sand der zeit

    • Vor 2 Monaten

      alta, dirty burhan :lol: mit dem knilch hatte ich mich vor gefühlten 15jahren irgendwo mal richtig in den haaren...im endeffekt war er seiner zeit einfach nur voraus. wäre er 10jahre später auf der bildfläche erschienen, dann hätte er durchaus noch n par alibimusels als supporter einsacken können :D

  • Vor 2 Monaten

    Keine Entschuldigung dafür seit Jahren so eine musikalische Weichkeksorgie zu veranstalten

  • Vor 2 Monaten

    Das einzig Nennenswerte in seiner Karriere war die Aktion, als ihn der Glaubensbruder von der Bühne geklatscht hat. Das war ziemlich amüsant.

  • Vor 2 Monaten

    Gutes Interview und reflektierter und smarter als man ihm so - auf den ersten Blick - zutrauen würde.
    Als Musiker und Rapper allerdings wie fast alle aus der Straßenrap-Schiene natürlich verzichtbar. Aber unter diesen Vögeln dann doch wenigstens einer mit vernünftigen Werten.