laut.de-Kritik

Der Pfälzer Pitbull dreht weiter an der Absurditätsspirale.

Review von

"Das Hip Hop-Zeitalter in Deutschland entwickelt sich ständig weiter", verlautbarte Massiv anlässlich der Ankündigung seines vierzehnten Soloalbums "M10 II". Um den Veränderungen des Genres Rechnung zu tragen, wagte sich der gebürtige Pfälzer bereits 2014 mit "M10" an erste Trap-Produktionen. Mit seinen eigenen Worten klingt das Ganze eine Spur beherzter: "Schon damals habe ich den Schwung des modernen Sounds aufgenommen und als einer der ersten im Deutschrap ein reines Trap-Album abgeliefert."

Dabei hält der vermeintliche Umschwung einem empirischen Nachweis unmöglich stand, sondern lässt sich vielmehr dem Reich der gefühlten Wahrheit überantworten: "Manche rappen, aber Rap hat sich verändert, Bro. 99 % sind fake, nur 1 % so real wie Bonez." Augenscheinlich liegt hier ein schwerwiegender Fall von Vergangenheitsverklärung vor. Immerhin verkleideten sich die Aggrostarz zu der Zeit, als Massiv gerade frisch in Berlin aufschlug, mit Astronautenanzügen für das nächste Bravo-Shooting.

Die nach "BGB X" wiedererwachte Freude am Trap schadet Massivs Inszenierung keineswegs. Vielmehr kommt das musikalische Gesamtbild, das tiefe Bässe mit flachem Inhalt kombiniert, dem ursprünglichen Rezept des früheren Pfälzer Pitbulls entgegen. Für das breite Soundbild zeichnet erneut J.S. Kuster verantwortlich, der mit wuchtigen Produktionen à la "Lativ" und "Flügeltüren" wieder beweist, neben den Hijackers zur Speerspitze des Subgenres zu gehören.

"Wenn der Richter fragt, warum ich Oberkörper frei erscheine, zünde ich ein' Stapel Hunnies an und hinterlasse Fragezeichen." Der stets over the top auftretende Massiv erlaubt sich angesichts des synthetischen Sounds, die Absurditätsspirale noch ein gutes Stück weiter zu drehen. Wenn das Schwergewicht durch Tschernobyl galoppierend behauptet, schon als Baby mit "Uran versetzte Milch" genossen zu haben, ist die Mutation zur hulkesken Comicfigur endgültig vollzogen.

Daraus folgt naturgemäß ein geringer Erkenntnisgewinn, aber durchaus Unterhaltungswert. Schrullige und gleichzeitig maximal aggressiv vorgetragene Zeilen entwaffnen den ernsthaftesten Kritiker: "Selbst meine Katzen tragen Gucci und sind pressetauglich." Passend dazu verzichtet Massiv darauf, sein Album zur Dauerwerbesendung eines Proteinpulver-Fabrikanten verkommen zu lassen. Auf "M10 II" stellt er stattdessen lieber seine Vorliebe für den wesentlich unverfänglicheren Kaugummi der Marke Hubba Bubba zur Schau.

"Keiner hört hier Kanye. Jeder pumpt Raf oder Bonez oder Capi." Die erwähnten Einflüsse spiegeln sich deutlich wider. Mit "Milieu" wagt sich Massiv sogar an Dancehall heran. Doch für dieses eine grundsätzliche Leichtigkeit voraussetzende Genre erscheint der Rapper ein gutes Stück zu grobschlächtig. Das gilt in gleicher Weise für den deplatzierten Autotune-Einsatz auf Songs wie "Finish Him" oder "First Class International", mit dem er ähnlich wie zuletzt Schwesta Ewa auf "Aywa" seine Stärken unterminiert. Verse wie "Brüder leben und sterben in meinem Milieu / Unsere Herzen bluten in meinem Milieu" passen eher zum musikalischen Umfeld von Mobb Deep. Mit einer synthetischen Mickey-Maus-Stimme konterkariert er die eigentliche Message.

"Ohne Ausdrücke feuer' ich mit Ignoranz." Auch im frei drehenden Modus bleibt sich Massiv lobenswerterweise seiner Verantwortung bewusst. Doch die integrative Rolle, die er in den "Ghettolied"-Zeiten ausfüllte, scheint unwiederbringlich verloren. Dabei zeigt etwa die positive Resonanz auf Eko Fresh' "Aber" wie sehr es an Vermittlern dieser Tage mangelt. Stattdessen verfestigt er mit der mittlerweile obligatorische Medien-Missbilligung die Gräben: "Journalisten sind permanent am Lästern. Alles wiederholt sich wie die Zeitungen von gestern." Manche Dinge ändern sich scheinbar nie.

Trackliste

  1. 1. C'est La Vie
  2. 2. Hubba Bubba (mit Capital Bra)
  3. 3. Pelé
  4. 4. Éric Cantona (mit Farid Bang)
  5. 5. Milieu
  6. 6. Flügeltüren
  7. 7. Wen Hast Du Erwartet (mit Olexesh)
  8. 8. Finish Him
  9. 9. Kriminell
  10. 10. Ohne Meine Crew Geht Nix (mit Kool Savas)
  11. 11. Pinocchio
  12. 12. Kobe Bryant
  13. 13. First Class International
  14. 14. Lativ

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LAUT.DE-PORTRÄT Massiv

"Ihr wollt 'n Ghettolied auf'n Ghettobeat? / Komm nach Wedding, dann wisst ihr, wo das Ghetto liegt / Das ist mein Bezirk, geh von hier nicht weg / Liebe …

2 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    So uninspiert wie der Albumname verläuft auch Massivs Karriere

    leider, da ist der Ofen einfach aus. Diese komische Besinnung auf ein schimpwortarmes Leben (im besten Falle noch mit peinlicher Selbstzensur), womit man gewaltähnliche Handlungen mit harmloseren Wortstruktur plump umschreibt, dazu platt kalkulierte Bodenständigkeit, wehleidige Phrasen.

    Das ist nicht der Massiv der zwischen 2006-2013 (mit Abstrichen) facettenreich unterhalten konnte. Erst dieses dolchstoßartige EMEW2 mit Schmalz statt Dampf und dann auch noch diese reine Verarscheaktion namens BGBX, die fast wie eine Persiflage auf den mächtigen dritten Teil wirkt

    M10 II..Ein langweiliges Abziehbild inmitten manch gelungener Produktion. Schade fast um die Beats, ein hungrigerer und vorallem ungezwungener MAS hätte da weitaus mehr draus machen können. So ists eine weitere belanglose Platte im Schongang, der das Feuer komplett fehlt mit dubiosen Experimenten, die nicht zu ihm passen

  • Vor 11 Tagen

    Die "2" im Albumtitel sagt eigentlich schon alles Wissenswerte über diese verabscheuenswerte Songansammlung aus: Durch und durch uninspirierte Deutschrapscheiße von einem Künstler, der diesen Titel noch weniger als den des Schauspielers verdient hat. Dummerweise hat Laut.de mit Herrn Lippe und insbesondere Herrn Rauer zwei Möchtegernjournalisten, die völlig ungefiltert jede noch so beliebig-unterirdische Grütze aus dem deutschsprachigen Raum Mitteleuropas abfeiern und damit genau zu dem Klientel gehören, die zur Mutation der Deutschrapblase hin zum Deutschrapkrebsgeschwür beigetragen haben. Glückwunsch, aber wahrscheinlich musste man diese Vollpfosten mitsamt ihren beschönigenden Wertungen engagieren, damit die rappenden Sozialversager milder gestimmt sind und damit auch der Hausbesuchcounter (ich zähle Hassmails einfach mal dazu, weil die meisten Schwachköpfe sowieso keine Eier haben) von Frau Fromm etwas reduziert werden kann.

    • Vor 9 Tagen

      schonmal drüber nachgedacht das es sich evtl auch um einen generationskonflikt handeln könnte? das es durchaus jungspunde gibt, denen dieser "neue" sound was taugt? klar, ich würde auch jedes olle album von kool g rap dem neuen deutschrapkram vorziehen...aber für die kids von heute is das vielleicht einfach nix mehr. möglicherweise sind wir mit der zeit rapsaurier geworden...und ich finde es gut das laut rezensenten gefunden hat, die nich alles rituell verreissen wie die von mir trotzdem hochgeschätzte d.fromm es gelegentlich tat ;)

    • Vor 9 Tagen

      wer wurde da zerbannt?

    • Vor 9 Tagen

      Dieser hmm:D

    • Vor 9 Tagen

      Sodhahn 100 agree :) Ist auch eine natürliche Abgrenzung meinerseits den alten stuff zu hören und froh zu sein das die new generation was anderes hört :) aber oft fehlt halt tiefe was die lyrics angeht ein Kendrick Lamar zum Beispiel kann für alle Generationen hörbar sein zumindest was die amerikanische Hörerschaft angeht

    • Vor 9 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 9 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 9 Tagen

      Uiuiui, die laut.de-Moderatoren regieren hier neuerdings aber mit eiserner Hand. Dabei war das alles nur ein großes Missverständnis! Bin mir sicher Hmm :D wollte eigentlich nur Voll(zeit)posten schreiben, ist dann aber auf der Tastatur ausgerutscht. :-(

    • Vor 7 Tagen

      Ich wurde nicht gebannt, habe lediglich einen neuen Account erstellt, weil mich der alte Accountname angewidert hat. War auch nicht so böse gemeint, wie es da steht. Ich konnte einfach nur nicht nachvollziehen, wie man diesem Testosteronklotz für diese beliebige Kacke ernsthaft 3 Punkte geben kann. Generationenkonflikt hin oder her - das, was Massiv hier veranstaltet, ist billigste abgekupferte Stangenware in einem Stilbereich, den andere Rapper schon weitaus besser bedient haben. Diesen Sound macht mittlerweile wirklich fast jeder und schön langsam nervt diese Masche einfach nur noch. Andererseits war Massiv schon immer ein Wetterfähnchen, das jeden Hype mitgegangen ist, um ein paar Scheiben zu verkaufen.

    • Vor 7 Tagen

      habe mich schon gewundert, warum nach dem posting scheinbar ein ban durchgeführt wurde.

      na dann, wb.